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Linie…

14. Mai 2012

Eine Linie kann viel bedeuten, einmal grenzt sie eine Fahrbahn ab, manchmal bedeutet sie auch, ein Leben ist zu Ende.

Jeder kennt diese Linie aus den uns bekannten Arztserien. Alle schauen gespannt auf den EKG-Monitor, die Reanimation dauert schon 3 Minuten und dann schaut der Arzt auf das EKG, sieht diese Linie und sagt die berühmten Sätze: „Todeszeitpunkt 21.12 Uhr“. Alle schauen ein bisschen betreten, der Monitor piepst seinen letzten Alarm und wird ausgeschaltet. Danach wird auf der Intensivstation wieder zum Tagesgeschäft übergegangen.

Wusstet ihr, dass es diese Linie eigentlich so gar nicht gibt? Sie ist in Wahrheit nämlich keine, sondern es sind kleine, ganz leichte Wellen zu erkennen, denn irgendwas ist da immer noch, aber zum Leben reicht es nicht mehr. Fachlich nennt der Rettungsdienstler das eine Asystolie. Wieso erzähle ich euch das alles?

Vor kurzem las ich auf einem anderen Blog von den Erlebnissen eines noch in der Ausbildung befindlichen Rettungsassistenten, der sein Praktikum auf einer Intensivstation machte. Da gab es wohl einen Patienten, der im Sterben lag, aber nicht schnell genug starb, denn dieser junge Kollege dachte sich so ungefähr: „Stirb schneller, ich habe gleich Feierabend“. Das ließ mich ziemlich geschockt zurück und erinnerte mich an eine Begebenheit aus meiner Ausbildung.

Joe und ich waren Anfang 20, beide noch ziemlich grün hinter den Ohren und waren im gleichen Kurs zum Rettungsassistenten gelandet. Wir verstanden uns auf Anhieb und so war für uns klar, dass wir unser Krankenhauspraktikum zusammen machen wollten, und landeten schließlich auf einer relativ großen Intensivstation. Mit den Ärzten und Pflegern verstanden wir uns gut und jeder hatte schnell einen Patienten für uns gefunden, den wir, soweit wir konnten, selbst versorgten. In der 2 Woche kam Frau G. zu uns.

Frau G. war Mitte 70 und wegen einer angeblichen Krebserkrankung in dieses Haus eingewiesen worden. Bei der OP, wo man diesen entfernen wollte, merkte man, dass es sich nur um ein Hämatom im Bauchraum handelte. Da man schon die Dame auf dem OP-Tisch hatte, wollte man dieses Hämatom entfernen. Dabei ritzte der Operateur tragischerweise den Darm mit an. Tragisch, weil jetzt so fast alles schief ging, was schief gehen konnte. Aus einer relativ normalen OP wurde nun ein Kampf auf Leben und Tod.

Sie lag nun beamtet und mit offenem Bauch auf unserer Station. Ihr Kreislauf war nur wegen der vielen Medikamente gut, die über 24 Stunden in ihren Körper gepumpt wurden. Ihr über 80-jähriger Ehemann kam jeden Tag und versuchte zu verstehen, was da mit seiner Frau passiert war. Er saß bestimmt jeden Tag 3 Stunden dort und hielt ihre Hand. Joe und mich rührte das sehr.

Jedem von uns war nach einer Woche klar, dass Frau G. hier nicht mehr auf eigenen Füßen heraus laufen würde. Unsere Ärzte diskutierten schon, ob man ihr mit diesem Leben noch einen Gefallen tue. Auch ihr Ehemann wollte nicht, dass seine Frau weiter so leide. Deswegen rief man alle Verwandten zusammen, dass sie sich von ihr verabschieden konnten und man danach die Medikamente abstellte.

Als alle sich von ihr verabschiedet hatten und gegangen waren, boten Joe und ich uns an, bei Frau G. eine Sterbebegleitung zu machen. Niemand war mehr bei ihr und wir wollten nicht, dass sie einsam starb, auch wenn das über unseren Feierabend gehen sollte. Man stellte die Medikamente ab und wir setzten uns neben ihr Bett und hielten ihre Hand. Auf dem EKG konnte man sehen, wie ihr Herz langsamer und langsamer wurde. Einerseits faszinierend, auf der anderen Seite unendlich traurig. Zwischen den einzelnen Herzschlägen sah man bald schon lange Pausen und nach 10 Minuten hörte ihr Herz auf zu schlagen, die Linie erschien und der Monitor wurde durch einen Arzt ausgeschaltet. Wir blieben noch sitzen, um das Erlebte zu verdauen und ein bisschen zu trauern.

Ich habe daraus viel mitgenommen. Nicht ich stehe im Mittelpunkt, sondern mein Patient, egal ob mein Feierabend nicht weit ist oder ich schon 5 Fahrten hatte. Jeder hat das Recht, in Würde zu sterben. 

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33 Kommentare leave one →
  1. 14. Mai 2012 08:19

    Wunderbarer Artikel, der genau das Wesentliche herausstellt. Nicht wir stehen im Mittelpunkt, sondern diejenigen, die unsere Hilfe brauchen. Danke.

  2. 14. Mai 2012 10:37

    Sehr schön geschrieben.
    Auch ich habe soetwas in meinem Praktikum auf Station schon gemacht..Nach meinem Feierabend. Und habe anschließend dabei geholfen, den Verstorbenen für die Angehörigen herzurichten. Ich finde, sowas schuldet man dem Verstorbenen einfach.

  3. 14. Mai 2012 11:51

    So ist es: Der Patient ist das wichtigste – da macht der Arzt halt eben später Feierabend – .

    Irgendwie makaber, dass das mit der Linie in den TV Serien falsch dargestellt wird. – Kann man das nicht richtig stellen ?

    VhG

    Andrea

    • 14. Mai 2012 12:02

      Hi Andrea,
      könnte man sicher, aber ganz ehrlich: wen, ausser uns, die es besser wissen, interessiert es, ob die Linie gerade ist, oder nicht?

      Oli

    • 14. Mai 2012 19:11

      Hallo Andrea

      Wie Oli schon schreibt, es macht für den Laien und uns keinen Unterschied, denn der Mensch lebt nicht mehr.

  4. 14. Mai 2012 14:04

    Ein toller Beitrag, so stell ich mir HILFE vor. Nicht nur die Patienten in Akutsituaionen brauchen unsere Hilfe sondern auch diese Patienten die am Ende ihres Lebens stehen.
    Kompliment!!! Vielen Dank!

  5. 14. Mai 2012 21:54

    Toller Artikel! Mir fehlen diesbezüglich die Worte, euer Engagement damals ist einfach nur rührend. Du bist echt ein toller RA, weil du den Patienten als Menschen siehst. Das musste jetzt mal gesagt werden. ;)

  6. 15. Mai 2012 04:46

    Das ist genau so, wie man es sich wünscht, allerdings… ist das so in der Realität überhaupt immer durchführbar?

    Wenn ich das richtig verstanden habe, war das deine erste Tote – ob du auch noch so engagiert bist, wenn es hundert oder tausend sind?
    Mir hat das Buch “House of God” ziemlich die Augen geöffnet. Aber die Folge 5 von Staffel 3 von Scrubs (kennst du sicher) beschäftigt sich auch recht differenziert mit der Thematik. Unbedingt zum Ansehen empfehlenswert.

    • 15. Mai 2012 08:13

      Hallo Robin

      willkommen auf meinem Blog :) Ich kann die Frage mit Jein beantworten. In dem Fall waren wir Praktikanten, die das ohne Probleme machen konnten. Im Rettungsdienst kommt es auf die Besatzung und andere Umstände an. Ich für mich, versuche möglichst immer mir Zeit für meine Patienten zu nehmen und mir ist diese menschliche Seite sehr wichtig.

  7. 15. Mai 2012 16:05

    Das erinnert mich an meine Zeit im Krankenhaus. Ich hatte damals in Kiel Medizin studieren wollen, musste aber zunächst noch als Pfleger arbeiten (das liebe Geld). Meist war ich auf der Onkologie. Was man da so alles erlebt hat ..das steckt man nicht so „eben mal „ weg. Selbst heute –fast 18 Jahre später- denke ich noch oft an einzelne Patienten, mit denen man ein Verhältnis hatte, das einfach „anders „war.
    Danke für deinen einfühlsamen Text.

  8. dasholzi permalink
    16. Mai 2012 13:29

    Wie immer Top geschrieben.
    Und über die Linie, die eigentlich keine ist, hab ich auch gleich noch was gelernt.
    Ich denke, was du ansprichst ist ein sehr schwieriges Thema und auch sehr schwer in einem Blog zu behandeln.
    Mach weiter so! :)

    • 16. Mai 2012 17:09

      Hallo Holzi :)

      Willkommen auf meinem Blog und vielen Dank für die Blumen :) Ja ein wirklich schwieriges Thema, was man aber auch ansprechen muss.

  9. hajo permalink
    16. Mai 2012 18:24

    .. auch von mir einen großen Strauss Blumen!
    Du schreibst wirklich sehr einfühlsam, ich wünschte mir, dass ich – “im Falle des Falles” – von jemandem mit ähnlicher Einstellung versorgt würde (ich könnte aber auch gern – Du verzeihst mir – überhaupt “darauf” verzichten).
    Danke Dir – stellvertretend für alle in der Patientenversorgung (vom “Abholen” bis zum evtl. Ende) – für die Arbeit, die nach meiner Erkenntnis durchweg professionell und Engagement ausgeführt wird.
    Dass dabei auch Fehler geschehen, ist tragisch (eigene Erfahrungen), manchmal eine Katastrophe, aber wir alle sind Menschen und die können irren und halt auch Fehler machen (bestimmt nicht aus böser Absicht).
    Dass es aber auch noch Menschen gibt, die sich (ohne Zwang) z.B. zusätzlich mit einer Sterbebegleitung belasten (denn Du kannst mir nicht erzählen, dass das nicht belastet), ist mehr als erfreulich (mir fällt gerade kein anderes Wort ein).
    Danke!
    Herzliche Grüße
    Hajo

    • 16. Mai 2012 18:55

      Vielen lieben Dank, auch für das Lob. Für mich gehört es halt einfach zu meinem Job dazu, denn ich möchte ja auch so behandelt werden, falls es mal nötig werden sollte. Natürlich belastet sowas, aber zum Glück belastet nicht alles was ich erlebe. Man lernt mit den Jahren auch damit umzugehen.

  10. dianamama permalink
    18. Mai 2012 08:26

    Mein Schwiegervater ist heute vor einer Woche gestorben. Mitten aus dem Leben gerissen, er hatte seiner Frau, mit der er 57 Jahre (!) verheiratet war, wie jeden Morgen noch einen Kaffee ans Bett gebracht, damit ihr Kreislauf in Schwung kommt. 5 Minuten später war er tot. Kleiner Herzstillstand am Morgen. Die beiden hinzugerufenen Notärzte haben ihn verkabelt und da war – die berühmte Nulllinie. Das war ca. 8 min nach seinem letzten Atemzug. Meine Schwima bat die beiden, ihn doch bitte zurückzuholen, es wenigstens zu versuchen. Aber sie schauten sich an, dann legte einer von beiden ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: “Ich kann Sie verstehen, aber wir würden ihm keinen Gefallen tun, er hätte von nun an wirklich kein schönes Leben mehr. Es tut mir so leid.”

    Ich bin diesem Notarzt sehr dankbar. Für seine Entscheidung und für die einfühlsamen Worte, die er gefunden hat in dieser Situation.

    8.50Uhr steht auf dem Protokoll als Todeszeitpunkt — noch 25min, dann ist es schon eine ganze Woche her……

    • 18. Mai 2012 19:46

      Hallo Dianamama

      Willkommen auf meinem Blog. Das mit deinem Schwiegervater tut mir leid. Ich denke für ihn war es so am besten, wenn man das so sagen darf. Denn wer so lange ohne “Luft” ist, wird nicht wieder, egal wie gut wir sind. Und auch Hut ab vor den Notärzten, so Menschen brauchen wir mehr.

  11. Gray permalink
    20. Mai 2012 09:50

    Ich habe damals auch den anderen Artikel oder Kommentar gelesen und Deine Reaktion in den Kommentaren darauf. Vorneweg – ich bin kein RDler oder irgendwie sonst medizinisch beschäftigt, und als Laie muss ich dazu sagen, dass ich beide Reaktionen verständlich finde.
    Wünschens- und auch bewundernswert ist die Fürsorge bis zum letzten Atemzug. Aus dieser Einstellung heraus auch Deine Empörung, ganz klar. Wäre schön, wenn es immer so wäre. Aber ich halte es auch für menschlich, in der Situation, auf die Du Dich beziehst, die Warterei, na, nervig zu finden. Einfach warten in der sicheren Gewißheit, dass a) nur ein Ende kommen wird und b) er bis dahin gar nichts tun können/zu tun haben wird außer dazusitzen… da wird die Hoffnung, dass es nicht so lange dauert, nachvollziehbar. Er hatte ja, soweit ich mich erinnern kann, nicht explizit geschrieben, was er davon hielt, so zu denken. Ich hatte persönlich den Eindruck, es wäre ihm selber peinlich gewesen und er hätte es trotzdem oder gerade deswegen geschrieben.

    • 20. Mai 2012 17:01

      Hallo Gray

      Willkommen auf meinem Blog :) Klar fühle ich auch nicht mit jedem Patient mit, besonders Betrunkene etc. da denke ich vielleicht auch mal, boah muss das sein, muss ich wegen dem die Nacht durch machen. Diesen Gedanken haben auch viele meiner Kollegen. Wenn es aber wie in dem Fall um einen Sterbenden geht, halte ich das für pietätlos. Ich glaube nicht, dass es ihm peinlich war, sondern er so gedacht hat, weil es ihn wirklich genervt hat.

  12. 21. Mai 2012 10:46

    Jeder hat das Recht, in Würde zu sterben.
    Der schönste Satz, den ich seit langem gelesen habe. Chapeau!

  13. 24. Mai 2012 09:43

    Danke Paul…mir tat es gut, dass grad zu lesen- auf dem Sprung zur 2. Beerdigung innerhalb weniger Wochen- und wenn diese beiden Herzens Menschen etwas durften, dann in Würde gehen.

    Ach ich heul schon wieder…

  14. 31. Mai 2012 19:15

    Hallo,
    man sieht es leider oft, dass im TV nicht alles so dagestellt wird, wie es in der Realität ist …
    die schlechteste TV-Rea, die mich mal gesehen habe, dauerte geschlagene 20 sek! Ohne EKG ohne alles, einfach 2 Schocks und … tot. Wohlgemerkt ohne Notarzt O_o

    Ich danke dir für diese Geschichte! Als ich fertig gelesen hatte, musste ich erstmal schlucken! Sehr schön geschrieben, kalt gelassen hat mich das nicht …

    Ich bin gerade bei der Entscheidung, ob ich beruflich u.a. in die gleiche Richtung wie du gehen soll… dein Blog habe ich dabei schon oft durchstöbert.

    Danke dafür! Ich freue mich schon auf weitere tolle Storys!

    Gruß Lukas

    • 31. Mai 2012 19:21

      Hallo Lukas

      Willkommen auf meinem Blog :) Danke auch für das Lob. Ja leider sieht man im TV viel Schrott und das noch schlimmere ist, die Menschen glauben das auch noch.

      Mein Beruf ist echt schön, nur sollte man sich wirklich fragen, ob man diesen Job in Deutschland momentan unter den Umständen wirklich machen möchte. Falls doch, wünsch ich dir viel Spaß.

      Gruß Paul

      • 31. Mai 2012 21:06

        Danke Paul!
        Dem Laien fällt es ja meist nicht auf, aber wenn man beruflich vorbelastet ist wie du, dann hat man schon eine andere Sicht auf die Dinge ;) Ich merke das ja auch wenn Feuerwehreinsätze im TV gezeigt werden … klare Sicht im Brandraum und auch sonst einsatztaktisch Bullshit O_o

        Habe wohl vor beruflich ein bischen was mit Feuerwehr und Rettungsdienst zu machen, also BF. Habe mal nen Dienst auf nem RTW in HH mitgefahren und mir ein kleines Bild davon machen können. Es ist bestimmt nicht alles so, wie es oft im TV dargestellt wird, aber daran hat man sich ja gewöhnt, dass das nicht stimmt … ;)

        Gruß Lukas

  15. rettungsphysio permalink
    30. Juni 2012 19:27

    Hallo mein lieber Paul,
    ich war zugegeben lange nicht mehr auf deiner Seite und fand diese Geschichte sehr bewegend.
    Wie immer schön geschrieben das ganze, aber das sind wir ja von dir gewohnt. ;-)
    Bis bald

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