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Der Irsinn…

11. Februar 2010

Heute ist Donnerstag und ich arbeite, wie fast immer. Hab heute Nacht nicht wirklich viel geschlafen und hoffe auf eine ruhige Schicht. Ich weiß, dass ich zum arbeiten da bin, aber ich wünsche meinen Mitmenschen ja nichts Schlechtes 🙂 Dazu kommt noch – es ist arschkalt draußen, und ich friere doch so leicht 🙂

Herr Baltz liegt, während ich meinen Kaffee genieße, daheim neben seinem Bett und es wird noch ein bisschen dauern, bis ihn die Angehörigen finden. Wie jeden Tag folgt der obligatorische Check unseres Autos. Danach geht es erst einmal gemütlich auf die Couch. Die Zeit vergeht heute irgendwie sehr langsam.

Der Sohn von Herrn Baltz schaut wie jeden Tag nach seinem Vater und findet ihn neben dem Bett liegend. Man wählt vorbildlich die 112 und keine Minute später bimmelt unser Melder zu einem Notfall. Schon 8 Minuten später sind wir da und klingeln. Uns wird geöffnet und wir finden Herr Baltz, der stolze 90 Jahre alt ist, in seinem Bett vor. Das Gesicht sieht aus, als hätte der Mann eine kleine Kirmesschlägerei angefangen. Ist aber alles halb so schlimm, denn außer einer kleinen Schürfwunde und ein paar kleinen Hämatomen, können wir erst mal nichts feststellen. Außerdem antwortet er auf alle Fragen, die ich im stelle. Ein bisschen schlecht zu Fuß ist Herr Baltz, aber das darf man mit 90 Jahren auch. Wir tragen ihn deshalb zu unserem Rettungswagen. Und schon geht es in die nächste chirurgische Aufnahme.

Während der Fahrt unterhalte ich mich ein bisschen mit ihm, er ist total fit, so würde ich mich auch gerne in seinem Alter sehen. Wir übergeben ihn an die netten Chirurgen und verabschieden uns. Danach geht’s wieder auf die Wache, das Mittagessen wartet schon fast auf uns. Kaum sind wir wieder auf der Wache, werden wir wieder rausgeschmissen. Diesmal ein internistischer Notfall, weit weit draußen. Unsere Patientin leidet seit Tagen an Übelkeit, jetzt geht es zu Hause nicht mehr, sie läuft in unser Fahrzeug und wir können wieder in das gleiche Krankenhaus fahren, nur das diesmal der Internist dran ist.

Diesmal dauert die Übergabe ein bisschen, der Arzt ist noch unterwegs. Danach fahren wir wieder auf die Wache. Kaum sitzen wir wieder auf der Couch, bimmelt der Melder. Wir runzeln ein bisschen die Stirn, denn auf der Depesche steht wieder Herr Baltzs Adresse. Diesmal ist es ein internistisches Problem. Uns kommt das ein bisschen spanisch vor. Wieder öffnet uns der Sohn die Tür. Diesmal ist auch der Hausarzt da, der uns eine Einweisung wegen schlechtem Allgemeinzustand in die Hand drückt. Ein bisschen ausgetrocknet ist Herr Baltz. Die Angehörigen könnten sich nicht um ihn kümmern, außerdem ist er alleine daheim.

Mein Kollege und ich schütteln nur den Kopf. Es besteht eigentlich keine Indikation dafür, dass Herr Baltz ins Krankenhaus muss. Aber was der Doktor anordnet, dem müssen wir folgen. Der Mann versteht auch nicht, wieso er am heutigen Tag zum zweiten Mal ins Krankenhaus muss. Das Geld, was jetzt zum Fenster rausgeschmissen wird, dafür könnte ich mir locker einen schönen 2-wöchigen Urlaub leisten. Der aufnehmende Internist ist der gleichen Meinung, nur weil sich keiner um Herr Baltz kümmern kann, muss er wieder ins Krankenhaus.

So kann man auch die Gesundheitsausgaben steigern…der alltägliche Irrsinn im Gesundheitswesen.

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4 Kommentare leave one →
  1. 11. Februar 2010 19:10

    Und Herr Baltz (ich hoffe mal, du hattest den Name geändert) liegt jetzt mit anderen furzenden, schnarchenden und röchelnden Männern in einem sterilen, ihm fremden Zimmer. Und so verschwendet er die Zeit, die ihn unaufhaltsam dem Tag entgegenträgt, der einmal sein letzter sein wird. Sicher würde er diese so wertvolle Zeit gerne anders verbringen, und seine Wünsche sind sicher nicht einmal unverschämt… einfach zuhause im Lieblingssessel sitzen? …. Traurig.

  2. 12. Februar 2010 15:11

    Traurig. Ich hoffe, dass meine Angehörigen mich in dem Alter nicht einfach aus dem Weg haben wollen…

  3. 14. Februar 2010 18:40

    Das hoffe ich auch. Ist nicht schön so etwas mitzubekommen.

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