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Und ein bisschen stirbt man doch…..

11. März 2010

Einige Leser meines Blogs kennen schon die Bücher von Medizynicus und Monsterdoc. Heute möchte ich euch ein Buch aus dem Bereich Rettungsdienst vorstellen. Lester und Mowl sind beide Kollegen aus dem Rettungsdienst in Mannheim, die im Jahr 2005 den ersten Teil ihres Romans „Und ein bisschen stirbt man doch“ herausgebracht haben.

Leseprobe

Fast geschafft


Die Nadel liegt.
Es war gar nicht so schwer, mir selbst einen Zugang zu legen und jetzt sitze
ich hier, von Kopf bis Fuß in Selbstmitleid gebadet und schaue den Tropfen
zu, wie sie mit hypnotischer Regelmäßigkeit langsam in die Tropfkammer
fallen. Blub…….Blub….alle zehn Sekunden ein Tropfen. Blub…..nur nicht
hetzen, ich habe noch viel Zeit. Eine Entschuldigung? Ein Aufschub? Mal
sehen, was die nächsten Stunden noch zu bieten haben, aber so wie ich die
Sache sehe wird die Abendvorstellung von Drogen, Alkohol und rührseligen
Gedanken bestritten, nicht unbedingt etwas für Partyhengste, ich weiß, aber
ich bin zur Zeit auch nicht in Partystimmung.
Dafür ist die Aussicht genial. Ich bin zwei Tage lang durch diesen beschissenen
Berg gefahren, um diese Stelle zu fi nden, und erst jetzt wird mir klar,
dass es sich wirklich gelohnt hat. Unter mir die Lichter von Weinheim,
Schriesheim, Dossenheim und wie diese Käffer sonst noch alle heißen. Ich
ziehe genüsslich an meinem Joint und entspanne mich, während all die kleinen
Häuser, in denen rechtschaffene Bürger ungeachtet der kommenden
Energiekrisen, die unseren Erdball in absehbarer Zukunft bedrohen, das
Licht in verwaisten Zimmern brennen lassen. Es sieht aus, wie auf die Erde
gefallene Sterne, die Gott nicht mehr an seinem fantastischen Himmel haben
wollte. Bewusstseinsverändernde Substanzen und Rührseligkeit passen
einfach nicht zusammen. Was soll’s! Ich ziehe noch einmal den Rauch tief
ein und genieße die Stille. Kein Jammern, außer meinem Eigenen, kein Wehklagen,
keine uninteressanten Krankheitsgeschichten von uninteressanten
Patienten, kein Heucheln von Interesse, kein vorgetäuschtes Mitleid, nichts
von alle dem, nur Stille und das sanfte fallen meiner Tränen auf das Lenkrad.
Die Vorbereitungen waren nervtötend, das Warten, bis die Nachtschicht
zu einem Einsatz musste und die Wache einsam und verlassen vor mir lag,
bereit mir zu geben, was ich so verzweifelt brauchte. Den Schlauch gab’s
beim Bauhaus. Ich muss sagen, er passt fantastisch in den Auspuff und ich
danke dem Herrn, dass sich manche Dinge so perfekt ineinander fügen. Es
ist fast so, als hätte Gott diesen Schlauch und diesen Auspuff für einander
bestimmt. Nun windet er sich vom Endrohr durch das hintere Fenster bis
zum Boden wie eine fette Schlange, die in den Abfallbergen meines Fonds
nach fetten Ratten sucht, die dort ohne Zweifel leben müssen. Oder haben
sie schon einmal eine Müllkippe ohne Ratten gesehen?
Ich weiß auch nicht, aber meine Vehikel hatten schon immer die Tendenz,
sich in fahrende Abfalleimer zu verwandeln, einfach so. Es ist für mich ein

Mysterium, wie es manche Leute schaffen, dass ihr Auto immer aussieht, als
hätten sie es gerade vom Werk geholt, obwohl….Ich kannte da mal einen, der
hat ständig sein Auto gewaschen. Immer wenn ich ihn vor seiner Wache hab
stehen sehen, hat er sein Auto geputzt. Werterhaltung, würde mein Vater
jetzt sagen, aber was hat das für einen Zweck, wenn man einen Chirurgen
braucht, der einem den Schwamm aus der Hand operieren muss, wenn man
mal onanieren möchte. Egal…, wo war ich gerade stehen geblieben. Ach ja,
ich muss noch das Schlafmittel aufziehen. Seltsam, über was man so alles
nachdenkt, kurz bevor man…..
Ich möchte es richtig machen, nicht so wie all die kleinen Jammerlappen, die
Laut um Hilfe schreien und weil sie denken, dass ihr Geschrei niemanden
interessiert, was ab und zu auch tatsächlich der Fall ist, hissen sie die rote
„Ich mach jetzt ernst-Flagge“, was bedeutet, sie schlucken alle möglichen
Tabletten oder schnippeln irgendwie an sich rum. Und wer hat dann wieder
die Arbeit? Wir! Das Erbrochene, wenn ihnen auf die Tabletten schlecht
wird, sie nicht sich, sondern nur ihre Leber umgebracht haben und dann
eine neue brauchen, oder die ganze Sauerei mit dem Blut, vermischt mit
kläglichem Jammern und dem Wissen, dass sie so gerne etwas Zuwendung
hätten, es aber ums Verrecken nicht zulassen können, da man aufgrund der
gewaltigen Berge von Selbstmitleid nicht an sie heran kommt. Und so macht
man sich denn auf, um all die armen verlorenen Seelen zu ihrem Glück zu
zwingen, manchmal sogar mit Handschellen und Zwangseinweisung. Man
kettet sie sozusagen an das Leben. Lustig, nicht?
Ich bewundere Leute, die „ES“ richtig machen. Konsequenz, zielstrebig, nur
nicht über die Schulter schauen. Ich hoffe, diese Leute waren nicht auch im
Leben so gradlinig, denn sonst stehe ich noch in zwei Jahren hier und versuche,
„ES“ durchzuziehen.
Wahrscheinlich muss der Leidensdruck einfach nur groß genug sein, was
auch immer das heißen mag. Ich nehme an, man ist sich erst dann sicher,
wenn man von einem ICE mit Tempo zweihundert erfasst und als breiige
Masse in der Landschaft verteilt wird, aber für so einen radikalen Einschnitt
in meinem Leben bin ich einfach zu feige. Ich halte es da lieber mit Dornröschen.
Einfach sanft einschlafen und nie wieder aufwachen, natürlich alles
ganz schmerzlos. Verstehen sie mich nicht falsch, ich habe keine Angst vor
dem Tod, nur das Wie bereitet mir etwas Unbehagen. Mir die Schrotfl inte
in den Mund zu stecken und abzudrücken, so a la Curt Cobaine, käme für
mich nie in Frage. Nun ja, vielleicht wenn der Leidensdruck hoch genug
wäre…, Moment, wenn er‘s nicht ist, was mache ich dann hier? Abgesehen
davon, wo soll ich denn eine Schrotfl inte her kriegen? Außerdem möchte ich
niemandem zumuten, die ganze Sauerei weg machen zu müssen, denn so
ein pürierter Schädel samt Inhalt kann schon ziemlich viel Dreck machen.

Leseprobe

Mit Eleganz und Know How


Ich kam mir vor wie ein Schwachkopf.
Meine Hosen waren zu kurz und der Saum der Beine war gelinde gesagt
etwas zu großzügig geraten. Die Sicherheitsschuhe allerdings, gehalten in
einem lebensbejahenden, dezenten Grau, erwiesen sich als Augenweide. Sie
waren wohl das Produkt eines blinden Schuhdesigners, der sich nicht hatte
entscheiden können, ob er lieber Sicherheitsingenieur oder Clown werden
wollte. Sie saßen perfekt und waren zu alle dem auch noch atmungsaktiv,
was meine nach kurzer Zeit vor Schweiß triefenden Socken eindrucksvoll
bewiesen. Komplettiert wurde dieses formschöne Ensemble durch einen
Slip-Over, der wenigstens weit genug geschnitten war, um meinen kleinen
Bauch zu kaschieren. Alles in allem sah es furchtbar aus, wobei ich zugeben
muss, dass Stoffe aus leichten, anschmiegsamen Polyesterfasern einfach immer
noch unerreicht sind. Es war ein Armageddon für meine Eitelkeit, aber
nichts desto trotz fühlte ich mich an diesem schönen Apriltag wie ein Sechzehnjähriger
nach seinem ersten Kopulationsversuch. Mein erster Tag als
Teil einer Rettungswagenbesatzung. Action, Blaulicht, Dramatik pur, was
für ein Abenteuer.
Man hatte nachgedacht, abgewogen und dann die Verantwortung für diesen
absoluten Grünschnabel, also mich, in pädagogisch wertvolle Hände gelegt.
Diese Hände gehörten Domenico und Rolf, die mir, als ich sie das erste Mal
sah, einen ganz bestimmten Eindruck vermittelten. Während die beiden so
vor mir standen und mich auf eine nicht unfreundliche Art musterten, beschlich
mich der Gedanke, dass, würde ich die beiden nicht kennen und
hätte jemals einen Unfall, und die beiden kämen ohne ihre Uniform auf mich
zu, ich gewiss nicht annähernd genügend Gottvertrauen aufgebracht hätte,
um mir von ihnen helfen zu lassen.
Domenico war, wie der Name schon andeutet, Italiener. Was der Name nicht
verriet war, dass er auf eine schwer zu beschreibende Art etwas manisches,
durchgeknalltes an sich hatte. Er war recht groß für einen Vertreter seines
Volksstammes, schlank, und seine lockigen, pechschwarzen Haare hatten
etwas Medusenhaftes. Sein hervorstechendstes Merkmal jedoch bestand darin,
dass Gott und das Schicksal beschlossen hatten, ihn ohne seine eigenen
Vorderzähne durchs Leben ziehen zu lassen, die er wohl bei einem Zimmerhockeyturnier
verloren hatte, nachdem er einen Sturz gerade noch abfangen
konnte, indem er sich mit dem Mund an der Heizung festhielt. Seit dieser
Zeit zierte ein feines Stück deutscher zahntechnischer Handwerkskunst die
obere Front seines Gebisses. Er gehörte zu der großen Gemeinschaft der Pro15
thesen- und Gebissträger, also dem Kukident-Supporters-Club, dem auch
meine Großmutter mütterlicherseits angehörte und wie diese hatte er die
unangenehme Eigenschaft, sein Ersatzteil im Mund hin und her zu jonglieren.
Er gab dann immer diese klackenden Geräusche von sich, bei denen
sich mir immer der Magen umdreht. Wenn sie ebenfalls zahnärztlich getunte
Verwandtschaft ihr Eigen nennen, wissen sie, wovon ich spreche und der
Rest sollte froh sein, damit noch nicht in Berührung gekommen zu sein.
Wenigstens unterließ er es beim Essen, was ich von meiner Oma leider nicht
behaupten konnte. Sie quälte mich damit mit hingebungsvoller Regelmäßigkeit,
während ich versuchte, ihre vorzügliche Hausmannskost zu genießen.
Ansonsten stellte sich heraus, dass Domenico ein durchaus unterhaltsamer
Zeitgenosse war, etwas abgedreht und hyperaktiv, aber sehr nett.
Rolf erwies sich als das genaue Gegenteil. Er gehörte nach eigenen Angaben
irgendeiner abstrusen Motorradgang an und war cool, sehr, sehr cool. Alles
easy going!
Ich wurde nie richtig schlau aus ihm, das heißt, ich fand nie heraus, ob
er ein gefährlicher Rocker oder einer dieser „Ich kultiviere ein gefährliches
Image“ Typen war, die, einmal von einem zwölfjährigen zu hart angefasst,
wimmernd zusammenbrachen. Eigentlich konnte es mir auch egal sein,
denn mir gegenüber verhielt er sich freundlich und zuvorkommend. Er war
ein ganzes Stück kleiner als ich, hatte eine Stämmige Figur und seine Haare
entsprossen seinem Haupt in einer modischen VoKuHiLa Frisur. Denjenigen
unter ihnen, die diesen Begriff nicht in ihrem Vokabular fi nden, sei gesagt,
dass es sich hierbei nicht um eine mutierte Unterart tibetanischer Gebirgslamas
handelt, sondern nur um die Abkürzung für „vorne kurz, hinten lang“
ist. Man, oder genauer gesagt ich, denn ich möchte hier nicht für die Allgemeinheit
sprechen, verbinde mit diesem attraktiven Haarschnitt einen ganz
bestimmten Menschenschlag, vorrangig Nobelpreisträger, Akademiker und
hochrangige Vertreter der Politik. Dies sagt natürlich nichts über den Inhalt
dieser Personen, die viel gepriesenen Inneren Werte, aus, nur über deren
sozialen Status. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in jungen
Jahren ebenfalls eine solche Frisur voller Stolz durch die Gegend getragen
hatte, ein pubertierender Neandertaler auf dem Weg zum nächsten Lebensabschnitt.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nie Erfolg im Leben hatte. Es
wirkt immer befreiend auf das eigene Ego, für die eigenen Fehler jemanden
oder etwas zu fi nden, auf den oder das man anklagend den Finger richten
kann.

Quelle und Copyright http://www.faeries-inkpot.de/

Mein Fazit….

Ich habe die Bücher innerhalb weniger Tage nur so verschlungen. So ist der Alltag im Rettungsdienst. Witzig, sarkastisch, traurig und teilweise überfordert der Job die Kollegen oder sie stumpfen ab. Manchmal ist man der Held, aber auch oft der Verlierer. Ich kann euch dieses Buch wirklich sehr empfehlen.

Wenn von euch jemand diese Bücher lesen sollte, würde ich mich über ein Feedback sehr freuen.

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4 Kommentare leave one →
  1. Maia permalink
    11. März 2010 21:53

    Ich habe mich hier gerade halb schlapp gelacht, als ich deinen Artikel gelesen habe. Der erste Teil machte nämlich genau zu der Zeit bei uns im KH die Runde, als ich regelmäßig als Schriftgelehrter unterwegs war. Lang, lang ist es her 😉 Super, das Buch. Eignet sich gut für die kurze Pause zwischendurch. Kann ich nur empfehlen. Aber ich glaube, die gibt es gar nicht mehr zu kaufen, oder?
    Was ich zu der Zeit übrigens auch verschlungen habe war „Rette mich ein bisschen“ von Jörg Thadeusz.

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