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letzter Wille…

15. April 2010

Den ganzen Tag sind wir heute schon am Arbeiten, die Zeit vergeht wie im Flug. Eigentlich sollten wir jetzt Richtung Wache fahren, denn unser Fahrzeug muss noch geputzt werden und Hunger haben wir auch. Die Leitstelle spricht uns an, sie hätten da noch einen Krankentransport, was Kurzes vom Pflegeheim ins nächste Krankenhaus.
Wir sind nur zwei Straßen vom Altenheim entfernt, so sind wir auch schnell dort. Da es nur ein Krankentransport ist, nehmen wir nichts mit. Die Pflegedienstleitung empfängt uns und geleitet uns zu unserem Patienten. Als wir das Zimmer betreten, stockt uns etwas der Atem, denn gerade in diesem Moment atmet unser Patient nicht. Scheiße denke ich mir, der Kollege flitzt schon zum Auto zurück, um unser Material zu holen. Zum Glück holt Herr Rudolf gerade in diesem Moment mit einem tiefen Atemzug Luft. Eigentlich müsste nun das volle Programm laufen, Sauerstoff, EKG, Puls, Blutdruck und einen venösen Zugang. Da ich aber noch kein Material habe, frage ich die Schwester, was denn genau vor unserem Eintreffen passiert ist. Der Hausarzt sei da gewesen und habe eine Einweisung für einen Schlaganfall dagelassen. Außerdem erzählt die Schwester, dass Herr Rudolf schon sehr lange bei ihnen liegen würde und dass er auch schon seit einiger Zeit nur noch im Bett liegt. Ich frage nach einer Patientenverfügung, die gibt es und unser Patient steht unter der Betreuung  seiner Tochter. Als mein Kollege wieder da ist, schließen wir unser EKG an, es zeigt Bradykardie*wikipedia* an. Normalerweise müssten wir jetzt unseren Notarzt dazu holen und ihn schnellstmöglich auf die nächste Intensivstation fahren. Wir entscheiden aber zu dritt, dass wir zunächst den Hausarzt anrufen, der uns leider keine große Hilfe ist. Danach rufen wir die Tochter an, ich schildere ihr ausführlich was passiert ist. Sie möchte gerne vorbei kommen, zum Glück wohnt sie im gleichen Ort und ist fünf Minuten später da. Ich sage ihr, dass wenn jetzt nichts weiter geschieht, ihr Vater vermutlich bald sterben wird, das wir aber durch eine Intubation und das Verbringen auf eine Intensivstation  seinen Zustand eventuell verbessern könnten. Die Tochter ist ziemlich ergriffen, ich biete an, das wir unseren Notarzt nachholen, der sie dann über alles weiter nochmals aufklären würde. Sie stimmt zu und ich telefoniere mit unserer Leitstelle.
Kurze Zeit später  trifft unsere Notärztin ein, ich bin froh, denn sie ist eine sehr gute Ärztin mit Einfühlungsvermögen. Sie erklärt der Tochter noch mal in allen Einzelheiten, was passiert, wenn wir ihren Vater jetzt mitnehmen würden, und was wenn wir ihn hier lassen.  Ihr Vater habe immer gesagt, dass er gerne in diesem Pflegeheim sei und auch hier sterben möchte.  Die Tochter entscheidet sich dafür, dass er dort bleibt und dort auch seine letzten Stunden verbringen kann, ohne an Schläuchen und diversen Geräten zu hängen.
Ein paar Tage später entdecke ich eine Sterbeanzeige in unserer Zeitung, dazu ein paar Dankesworte an uns gerichtet.

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11 Kommentare leave one →
  1. 15. April 2010 19:33

    So sollte das Leben zu Ende gehen, das habt ihr gut gemacht.

  2. HdS permalink
    15. April 2010 21:56

    Schöner Bericht, danke

  3. INTensivling permalink
    15. April 2010 23:37

    Mit Bradykardie auf Intensivstation, das kannst du aber nur in nem kleinen Kreiskrankenhaus bringen. Hier würde dir der OA was erzählen, wenn du so jemanden auf ITS anmelden willst 😉

    Hast du als nichtärztlicher Rettungsdienstler überhaupt die „Kompetenz“ zu entscheiden, dass du in so einem Fall nicht direkt nachforderst? Nicht falsch verstehen, aber darfst du das entscheiden? Und darfst du, wenn in der Pat.Verfügung zum Beispiel „nix machen“ drinsteht, auch nichts durchführen? Oder muss das ein NA entscheiden?

    • 16. April 2010 08:00

      @Intensivling

      Natürlich wäre ich nicht ohne NA auf die Intensiv gefahren 🙂 Ja diese Kompetenz spreche ich mir in diesem Moment zu, natürlich war die Situation lebensbedrohlich und in jedem anderen Fall, hätte ich mir auch sofort den NA nachgeholt. Eigentlich zählt für uns RD Personal diese Verfügung erst mal nicht, denn wie du schon schreibst, darf dies eigentlich nur ein Arzt entscheiden. Auch eine Reanimation dürften wir eigentlich nur dann nicht beginnen, wenn der Kopf fehlt oder ich den Schlitschuhfahrer im Sommer am Baggersee finde.

      Aber in manch anderen Situation wie in diesem Fall, entspreche ich eher dem Wunsch des Patienten und dessen Familie, obwohl ich eigentlich anders handeln müsste.

  4. 16. April 2010 17:08

    Sehr schön finde ich, dass sich die familie dann bei Euch bedankt hat. Ich finde es schwierig, in solchen Situationen den Dingen ihren Lauf zu lassen, habe dann immer Angst, die Familie zerrt mich vors Gericht… schrecklich, wenn man seine eigenen Befürchtungen über das Wohl des Patienten stellt, unter diesem Licht fand ich Deinen Beitrag umso bemerkenswerter!

    • 16. April 2010 17:32

      @Anna

      Es waren mehrere Faktoren, die das ganze so haben ausgehen lassen. Der Kollege und ich waren uns einig, das wir den Patient nicht mitnehmen. Die anwesende Pflegedienstleitung, ohne die das auch nicht möglich gewesen wäre. Und natürlich die Angehörigen, denen wir alles bis ins Kleinste erklärt haben. Und natürlich unseren Notarzt, der soviel Arsch in der Hose hatte. Wäre z.B. ein anderer Notarzt hinzu gekommen, wäre der Patient mit 100 % Sicherheit intubiert und auf die nächste Intensiv gegangen.

  5. 16. April 2010 18:25

    Oh…. *ganz gerührt*
    Sowas zu lesen ist schön… Denn ja, heutzutage ist es oft immer schwerer, in Würde zu sterben. Das ist auch was, wovor ich mich ein wenig fürchte: als übrig gebliebener Körper um das Sterben zu kämpfen, wenn der Rest schon in den nächsten Weg gehen mag…

    Was mich aber daran erinnert – war die Bevollmächtigung denn vom neuesten Datum? Habe meines erst umändern müssen, denn seit Ende letzten Jahres gibt es ja diesen neuen Paragraphen (§ 1904 BGB), der irgendwie erwähnt sein muss, sonst kann es im Ernstfall wohl üble Probleme geben…

  6. 16. April 2010 22:32

    Wow, das ist echt schön, mit den Dankesworten an euch. Da weiß man dann wieder, weshalb einem den Job macht.

  7. Mr. Gaunt permalink
    16. April 2010 23:47

    Für solche Entscheidungen beneide ich niemand im Rettungsdienst oder Krankenhaus. In diesem Fall war es sicher richtig und besser, als das normale Programm abzufahren. Die Entscheidung für das normale Programm wäre sehr einfach und nicht wirklich falsch gewesen.
    Herr Rudolf hat das Glück gehabt, sich in seinem letzten Zuhause wohl zu fühlen, das ist häufig leider nicht der Fall. Schön, dass er dort gut betreut gehen konnte ohne einen Haufen Nadeln und Schläuchen im Körper.

  8. 17. April 2010 22:17

    Das sind Entscheidungen, die man nach Möglichkeit nicht treffen möchte. Da ist Herrn Rudolf einiges erspart geblieben, schön!

  9. 18. April 2010 09:24

    @all

    Danke für die Komentare. Solch Zustimmung ist schön, denn es zeigt, das viele genauso denken und vielleicht auch so handeln.

    @Katze

    Ich meine, dass die schon äletern Datums war. Wobei jede Verfügung leider für mich bedeutet, das wir anfangen müssen.

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