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Wenn Kollegen…

19. April 2010

Unfälle mit Rettungsdienstfahrzeugen passieren jeden Tag in Deutschland. Das Unfallrisiko mit einem Rettungswagen oder Notarzteinsatzfahrzeug während eines Einsatzes zu verunglücken liegt 8 mal höher als bei einem normalen PKW Fahrer. Gerade an ampelgesteuerten Kreuzungen kracht es sehr häufig. Auch an Einfahrten passieren solche Unfälle.

In meinem Rettungsdienstbereich hatten wir bis zu dem Zeitpunkt die letzten Jahre sehr viel Glück. Einige kleinere Unfälle, meist nur mit Blechschaden, waren in den letzten Jahren zu beklagen. An diesem Abend hatte ich Dienst auf einer kleinen Wache. Am Funk war nicht viel los, wir dösten ein bisschen auf der Couch. Plötzlich düdelte der Funk für das NEF, den RTW und eine First Responder Einheit zu einem Kindernotfall in einer 10 km entfernten Stadt. Ich danke unserem Leitstellengott, dass wir nicht dorthin müssen, ich mag keine Kindernotfälle. Dass es nachher fast noch schlimmer werden sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt keiner von uns. Wir wendeten uns wieder dem laufenden TV Programm zu. Genau 8 Minuten später erschütterten markerfüllende Schreie den Funk. Mir fiel das gerade in die Hand genommene Stück Schokolade herunter und wir schauten wie paralysiert auf unser Funkgerät. Unser NEF Fahrer, man erkannte ihn nur an seiner Stimme, schrie in den Funk, dass der vor ihm fahrende RTW gerade einen Eigenunfall hatte und sie dringend Hilfe benötigten. Wir starrten immer noch auf das Funkgerät, welches jetzt stumm vor uns stand. 30 Sekunden später gab es einen nicht endenden wollende Alarmierungswelle. Auch unser Melder bimmelte und so schnell waren wir noch nie an unserem Fahrzeug. In dieser Zeit kam die erste Lagemeldung, es gab insgesamt 6 Verletzte, und man reanimierte bereits einen Patienten. Ich dachte mir so, wir werden bestimmt die Ersten sein, die dort eintreffen werden.

Während wir durch die Nacht rasen, sprechen wir kurz ab, dass wir erst mal sichten müssen, bevor wir mit der eigentlichen Versorgung beginnen. Schon von Weitem sah man die Blaulichter auf der Landstraße. Wir stoppten im gebührenden Abend zu der Kreuzung und liefen zum Rettungswagen, dessen Fahrzeugfront ziemlich verformt war. Niemand war mehr im Fahrzeug, ich atmete ein bisschen durch, so schlecht konnte es den Kollegen nicht gehen, dachte ich. Jetzt sahen wir das andere Unfallfahrzeug vor uns. Die NEF Besatzung kniete am Boden und reanimierte eine weibliche Person. Ein paar Meter weiter lag eine weitere Person, um die sich schon die Kollegen von der First Responder Einheit kümmerten. Man kennt sich, da die meisten Kollegen dieser Einheit selber hauptberuflich Rettung fahren. Wir erkundigen uns kurz, welche Verletzung die Person hat. In diesem Moment trifft die Feuerwehr ein, auch unter ihnen befinden sich 2 Kollegen aus dem Rettungsdienst. Die Besatzung des verunglückten Rettungswagen hilft noch bei der Versorgen der Verletzen mit, wir müssen sie aber so schnell wie möglich herauslösen. Beide haben keine äußerlichen Verletzungen, stehen aber unter „Schock“. Wir sichten noch die restlichen 2 Verletzten und verteilen die Kollegen auf diese.

Nun können wir unserer Leitstelle eine genaue Lagemeldung machen, wir fordern 2 weitere Notärzte und einen weiteren Rettungswagen an. Mein Kollege kümmert sich um die 2 Kollegen und ich versorge mit den anderen weiterhin die Verletzten. Bis jetzt habe ich noch keine Zeit, mir irgendwelche Gedanken zu machen. Die anderen Rettungsmittel treffen ein und wir können alle Patienten auf die Fahrzeuge verteilen. Für die eine Frau kommt trotz unmittelbarer Versorgung jede Hilfe zu spät. Die anderen Verletzten werden in die umliegenden Kliniken transportiert. Unsere 2 Kollegen werden ebenfalls erst einmal ins Krankenhaus gebracht, dort wartet schon das KIT Team auf sie. Wir räumen auf und es ist seltsam still an der Einsatzstelle. Danach stehen meine Kollegen und ich im Kreis und schweigen. Unser Chef, der zwischenzeitlich eingetroffen ist, möchte, dass wir alle zusammen auf die Wache fahren, um uns die Möglichkeit zu geben, über das Geschehene zu sprechen, was wir auch annehmen.

Die Tage danach fahren alle noch eine Spur vorsichtiger. Der Fahrer des Rettungswagens ist danach ein anderer geworden. Fahren möchte er eigentlich nicht mehr, er sucht gerade nach einer anderen Stelle.

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6 Kommentare leave one →
  1. 20. April 2010 13:50

    Oh Gott, das ist wirklich SCHRECKLICH! Ich hoffe, sowas niemals erleben zu müssen! Dass er sich einen neuen Job sucht, kann ich verstehen, ich glaube, ich könnte dann auch nicht mehr weitermachen… Ich bete auch oft im NEF, dass wir lebend ankommen, und so manches Mal schon musste ich den Fahrer etwas ausbremsen… ich denke, die zwei Minuten mehr überlebt der Patient jetzt auch noch.

    • 20. April 2010 16:08

      @Anna

      Ja so Kollegen, die Hirn aus Blaulicht an praktizieren kenne ich leider auch. Auch ich war am Anfang ein ziemlicher Heizer..aber ich bin gottlob ruhiger geworden, fahre zwar immer noch schnell, aber auf Sekunden kommt es mir auch nicht mehr an.

  2. 21. April 2010 16:18

    Ich habe im vergangenen halben Jahr 2 Kollegen bei Verkehrsunfällen verloren. Der eine war am Heimweg von der Arbeit und wurde unschuldig Opfer eines unachtsamen Autofahrers, der andere starb bei einer Einsatzfahrt. Beide waren erfahrene Lenker, waren sich der Risiken im Straßenverkehr bewußt und dennoch … manchmal hilft einfach nichts.

  3. 7. Mai 2010 21:34

    Sehr geehrter Blogger,

    ich hoffe die Anrede ist nicht zu geschwollen, aber ich kann mich grade nicht anders ausdrücken.
    Ich habe dieses Blog durch Zufall gefunden, ehrlich gesagt schon wieder vergessen wie…
    Mehrere Beiträge habe ich nun schon gelesen, aber ich muss sagen, DIESER Beitrag, hat mein Herz getroffen.

    Ich nahm Rettungsdienste schon Mehrfach in Anspruch, meist als „Unbeteiligter Augenzeuge“, einmal als Zivildienstleistender in einer Tagespflege.
    Das Problem dass ich nun bemerkt habe ist, dass viele Menschen die Rettungsdienste als „Selbstverständlich“ ansehen.
    Ich habe mich im nachhinein immer darüber aufgeregt, dass zwischen Notruf und Eintreffen, teilweise bis zu 30 Minuten vergingen.

    Mehrfach haben mich bereits Kondolenzvideos auf Youtube erreicht, jedoch dieser Beitrag hat eine Grenze überschritten, mit der meine Seele nichtmehr klar kommt.

    Mir ist nun richtig bewusst geworden, dass Rettungskräfte keine einfachen Arbeiter, sondern Helden sind.
    Sie Gefährden Ihr Leben tagtäglich, um das von anderen zu Retten.
    So blöd sich das für manche anhören mag, ich komme seitdem ich diesen Beitrag gelesen habe, nichtmehr aus dem heulen raus.
    Ich danke Ihnen für Ihre Beiträge und hoffe dass noch mehr Menschen, wie ich, Rettungskräfte nun anders sehen.

    In tiefer Ehrfurcht,
    Pascal

    • 8. Mai 2010 22:24

      Hallo Pascal

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich möchte ein bisschen auf deinen Kommentar eingehen. Das Wort Held ist für mich und meinen Beruf irgendwie der falsche Begriff. Natürlich ist unser Job ein bisschen ein anderer als der eines Autoverkäufers. Wir haben mit Menschen zu tun, die in einer Notlage sind. So erlebt fast keiner diese Menschen. Und wie sagte mal ein Ausbilder zu mir, sie retten keine Menschen, sie unterstützen sie nur mit ihrem Wissen und ihren Equitment. Das fast jeder Laie ein falsches Bild von uns hat, ist aber richtig und auch traurig. Leider wird für ein besseres Image nichts oder nur wenig getan. Selbst Ärzte und Schwestern wissen manchmal nur wenig über unseren Beruf.

      Viele Grüße

      Paul

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  1. Rettungsdienste…

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