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Dein Freund und Helfer…

25. April 2010

Ich sitze daheim und bereite mich auf meinen Nachtdienst vor. Heute ist Samstag und wir werden wahrscheinlich die Nacht zum Tage machen. Es ist der alltägliche Wahnsinn, wie eigentlich jedes Wochenende. Wirklich krank ist niemand, dafür ist der Alkoholpegel meistens jenseits von Gut und Böse.

Kaum bin ich umgezogen und habe den ersten Schluck meines Lieblingsgetränks getrunken, bimmelt schon der Melder. Ein Krankentransport eröffnet die heutige Schicht. Mein Zivi hat sich schon hinters Lenkrad gesetzt und wartet nur noch auf mich. Wir arbeiten schon länger zusammen, deshalb braucht es bei uns wenig Worte. Frau Oppermann möchte gerne wieder aus der Zentralen Notaufnahme nach Hause. Nachdem wir diesen Einsatz abgeschlossen haben, dürfen wir wieder auf unsere Wache. Dort wartet unser Essen auf uns, was wir umgehend verspeisen, denn man weiss ja nicht, wann man das nächste Mal sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Der nächste Einsatz lässt auch nicht lange auf sich warten, es geht internistisch in die Nachbarstadt. So geht es bis 23 Uhr, wo wir wieder eine kleine Pause auf der Wache machen dürfen. Wir warten auf die erste Discofahrt, und um kurz nach 12 ist es soweit. Die junge Frau ist voll wie ein Eimer, auch noch minderjährig, deshalb gehts auf die nächste Kinderstation. Es ist jetzt 3 Uhr und wir haben gerade unseren dritten betrunkenen Patienten in die Klinik gefahren. Unsere Laune sinkt gegen den Nullpunkt, aber es liegen noch drei Stunden Dienst vor uns. Bis jetzt waren sie alle schön friedlich und sind freiwillig mitgefahren.

Wir machen es uns auf der Couch gemütlich, meine Augen schließen sich von alleine und ich fahre auf Standbybetrieb. Kaum ist dieser Zustand erreicht, bimmelt es schon wieder aus dem Melder. „Hilflose Person“ steht auf der Depesche und mein Zivi und ich wissen, dass es unser vierter besoffener Patient für diese Nacht sein wird. Unsere Fahrt geht in eine Bauerndisko vier Orte weiter. Vitali sitzt in einiger Schräglage auf einer Bank und wir durch zwei Männer am Umfallen gehindert. Sein Gesicht und Hände sind mit Schrammen übersät und die Nase ist etwas krumm. Wie das passiert ist, kann uns natürlich keiner sagen. Die beiden netten Herren wollten eigentlich nach Hause, hatten aber ein Herz für Vitali und halfen ihm erst mal auf die Bank. Unser Patient sieht das ein wenig anders und versucht andauernd wieder aufzustehen. Weil das nicht klappt, sabbelt er irgendwelche unverständlichen Verwünschungen in unsere Richtung. In einem unbeachtetem Moment bekommt er eine Hand frei und die Faust landet im Gesicht des einen Mannes. Zum Glück ist Vitali so voll, das er keinen Schaden anrichtet. Uns reicht es, wir fordern die Polizei an. So nehm ich keinen in meinem Rettungswagen mit.

Die beiden Ordnungshüter betreten die Szene, man sieht ihnen an, dass sie auch die Nacht zum Tag gemacht haben. Eigentlich haben wir ein freundschaftliches Verhältnis zu unseren Beamten, heute Nacht jedoch werden wir eines Besseren belehrt. Die beiden bleiben erst einmal stehen und erkundigen sich, weshalb sie jetzt kommen sollten. Ich spule meinen Text herunter und warte, dass sich etwas tut. Es passiert aber nichts, denn die zwei haben mal gar keine Lust. „Der ist doch total friedlich, wieso sollen wir da mitfahren?“ „Weil der eben den einen Mann geschlagen hat, und ich den so nicht mitnehme. Außerdem ist er aggressiv und ich darf niemanden fesseln und meine Gesundheit ist mir wichtig.“ Das überzeugt die Herren nicht, sie wollen schon den Rückzug antreten, da versucht Vitali wieder nach uns zu schlagen.

Mir platzt gleich der Kragen, ich habe auch eine scheiß Nacht bis jetzt hinter mir, aber meine Laune lass ich nicht an anderen aus. Ich muss trotzdem meine Arbeit machen. Da sie jetzt schon gesehen haben, dass unser Patient nicht friedlich ist, versuchen sie es auf eine andere Schiene. „Der hat doch gar nichts, warum wollt ihr jetzt den mitnehmen?“ Ich wusste gar nicht, das Polizisten eine medizinische Ausbildung mitbringen, aber ich erkläre im ruhigen Ton, dass der Mann vermutlich gefallen ist und ich ihn deswegen zur Untersuchung ins Krankenhaus fahren muss, um evtl. Verletzungen auszuschließen.

Die beiden nehmen jetzt Vitali in ihre Mitte und bringen ihn in unseren Rettungswagen. Ich bin froh und warte darauf, das einer bei uns einsteigt und wir endlich ins Krankenhaus fahren können. Doch falsch gedacht, denn plötzlich steht der Polizeiwagen hinter uns, man kurbelt die Scheibe hinunter und verkündet, wir fahren hinterher, wenn was ist, sollen wir anhalten. Jetzt werde ich richtig sauer, da brauchen sie auch gar nicht mitfahren. Wir fahren trotzdem los, unser Patient schnallt sich während der Fahrt dauernd ab, es ist ein ziemlicher Krampf mit ihm.

Das Theaterstück geht nun in die zweite Runde. Wir stellen unseren Patienten dem zuständigen Doc vor, die Polizei im Schlepptau. Aus heiterem Himmel meinen die beiden dann zum Doktor, dass wir sie gezwungen hätten, uns zu begleiten, und den Mann auch. Meine Gesichtsfarbe wechselt auf dunkelrot, ich muss erst mal die Aufnahme verlassen und frische Luft schnappen. Nach 5 Minuten kommt einer der Polizisten heraus und verlangt unsere Namen. Ich glaube, ich bin gerade im falschen Film. Bin wirklich gerade kurz davor meine Beherrschung zu verlieren. Natürlich lasse ich mir auch ihre Namen geben, eine Beschwerde ist den beiden sicher.

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7 Kommentare leave one →
  1. 25. April 2010 08:36

    Hm, klingt nach einer top Nacht 😉 Dann wünsche ich mal einen schönen und geruhsamen Feierabend.
    Ach ja, ich hatte auch Nachtdienst. Wir waren zu Schichtbeginn einmal tanken und haben dann den Rest der Nacht auf der Wache verbracht und geruht 🙂

    • 25. April 2010 10:01

      @Chris

      Ja das war wirklich eine wundervolle Nacht 😉 So Nächte hatte ich auch schon..den Menschen gehts gut und ich bekomme meinen Schlaf bezahlt 😉

  2. 25. April 2010 13:18

    Wtf?! Also, manchmal fühlt man sich doch wie im falschen Film…

    Aber jetzt weiß ich wieder, warum die Kumpels meines Bruders es so sehr betont haben, dass er keinen Tropfen Alkohol intus hatte, als er mal in der Disco zusammengeklappt ist (hatte er wirklich nicht – war, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ’ne Kombi aus niedrigem Blutdruck, stickiger Luft und ’ner vorhergegangenen stundenlangen Autofahrt bei 35° im Schatten). Irgendwie waren deine Kollegen da auch plötzlich viel freundlicher 😀

    • 25. April 2010 15:40

      @ozyan

      *gg* ja leider sind wir alle auch nur Menschen, und leider trifft es auf 99 % der Kundschaft zu, die wir aus einer Disco oder dergleichen holen. Und wenn ich schon den 5 die Nacht gefahren habe, dann werd auch ich manchmal etwas unfreundlich…

      • 25. April 2010 21:46

        Finde ich vollkommen verständlich, würde mir vermutlich ähnlich gehen.

  3. 14. Juni 2010 17:20

    Hey, nettes Blog hast du hier.
    Gibt es hierzu noch mal ein Update? Würde mich ja mal interessieren…

    Grüße
    Felix

    • 14. Juni 2010 19:38

      Hallo Felix. Danke für das Lob. Die Sache ist natürlich im Sande verlaufen..man will ja die gute Zusammenarbeit nicht belasten…

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