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14 Stufen…

3. Mai 2010

Auf meinem Blog hatte ich ja schon erwähnt, dass die letzten Tage ziemlich einsatzintensiv waren. Eigentlich hatten sich meine Kollegin und ich einen gemütlichen Nachtdienst gewünscht, wir wollten ein bisschen kochen und danach die letzten schönen Sonnenstrahlen genießen.

Da wir noch ein wenig einkaufen mussten, fuhren wir in den nächsten Supermarkt. Wir hatten gerade den Eingang passiert und freuten uns schon auf leckere Putensteaks, als unsere Melder bimmelten. Leise fluchend verließen wir den Markt. Unsere Leitstelle hatte für uns einen Notfall am anderen Ende der Stadt. Wir wussten nicht, dass wir dem Einkaufsmarkt heute nicht mehr sehen sollten. So fuhren wir in dem guten Glauben, dass wir heute noch etwas zu essen bekommen sollten, zu unserem Einsatzort.

Kurz vor unserem Einsatzort sprach uns die Leitstelle an und wir hofften schon, dass wir vielleicht abbestellt worden wären. Den Einsatz konnten wir auch stornieren, aber nicht weil der Einsatz entfallen wäre, nein wir durften drehen und mit Blaulicht und Martinshorn zu einer chirurgisch nicht ansprechbaren Person fahren. Unsere Steaks rückten dadurch noch in weitere Ferne. Nach kurzer Fahrt näherten wir uns einem ziemlich in die Jahre gekommenen Mehrfamilienhaus. Ein Mann stand schon winkend auf der Straße, sodass wir unsere Einsatzstelle gar nicht verfehlen konnten. Wir stiegen aus, es deutete noch nichts darauf hin, dass wir uns gleich eine Stunde schwitzend um unsere Patientin kümmern müssten. Alles war ziemlich ruhig, so packten wir unser Zeug und gingen die ersten Treppen hoch in das Gebäude. Als wir um die Ecke des ersten Stocks kamen, sahen wir die ältere Frau auf einem Treppenabsatz liegen. Zuerst dachte ich, sie wäre nur stark betrunken, und könnte deswegen nicht aufstehen. Wir gingen weiter auf sie zu und sahen den ziemlichen großen Blutfleck und dann ging alles sehr schnell.

Da wir ziemlich wenig Platz hatten und unsere Patientin fast den ganzen Raum ausfüllte, war eine Untersuchung ziemlich aufwendig und teilweise nicht möglich. Aus einem Ohr blutete es ziemlich stark und am Kopf wuchs ein großes Hämatom. Eingenässt hatte sie auch und erweckbar war sie auch nicht. „Mist, Mist, Mist“ schallte es durch meinen Kopf. Wir fixierten den Kopf mit einem Stifneck und gaben ihr Sauerstoff über eine Maske. Mehr konnten wir bei diesen Umständen nicht machen. Also lief ich schnell zum RTW und funkte die Leitstelle an, dass wir dringend einen RTH benötigen, schnappte mir unsere Schaufeltrage und stelle unsere Trage direkt vors Haus. Zum Glück konnten wir die Schaufeltrage so positionieren, dass wir die Frau darauf umlagern konnten. Zum Glück konnten wir noch einen jungen Mann motivieren, uns zu helfen, sodass wir die Frau zügig zur Trage und danach ins Auto transportieren konnten. Jetzt hatten wir genug Platz, um unsere Patientin richtig und ausführlich zu untersuchen, während ich versuchte einen venösen Zugang zu legen. Leider waren die Venen so klein und versteckt, das ich 3 Anläufe brauchte bis einer saß.

Unser RTH hatte noch 10 Minuten Flugzeit, sodass wir uns, nachdem das komplette Monitoring angeschlossen war, auf den Weg zum Landeplatz machten. Wie immer standen bei so einem Ereignis bestimmt 50 Menschen um uns herum. Ich werde bei sowas leicht aggressiv, weil ich so Dummbatzen einfach nicht ertragen kann, die einen dann noch fragen, ob irgendwas passiert ist, und wieso jetzt der Hubschrauber landet. Am liebsten würde ich sagen..weil ich dir gleich auf die Fresse schlage, und du dann wirklich den Hubschrauber brauchst! Da ich meine Patientin vor neugierigen Augen schützen wollte, bestellte ich noch die Feuerwehr, damit diese mit Tüchern diesen Affen den Blick versperrten. Zum Glück musste ich wieder in den RTW, die Traube wurde noch größer, als die Feuerwehr mit zwei Fahrzeugen anrückte. Unser Hubschrauber landete und die Hubschrauberärztin gesellte sich mit ihrem Assistenten zu uns. Nach unserer Übergabe untersuchte die Notärztin die Frau nochmals und entschloss sich für den Flug, die Patientin in ein künstliches Koma zu versetzen. Eigentlich ist das eine Sache von 30 Sekunden, aber durch den nicht vorhandenen Hals und den Stifneck brauchte die Anästhesistin drei Versuche bis der Tubus saß.

Die Feuerwehr baute sich mit den Decken um unseren RTW auf, und nun konnten wir Richtung Hubschrauber starten. Nach kurzem Umladen war die Frau auch im RTH, wir konnten unser Material zusammenpacken und uns kurz mal etwas zu trinken organisieren. Dabei kamen wir an einer Gruppe Gaffer vorbei, die uns tatsächlich fragte, ob wir das mit den Decken wirklich machen mussten. Ich war zum Glück viel zu platt, um mich nochmals aufzuregen. Kurz danach startete die Maschine Richtung großer Uniklinik.

Die Nacht war aber damit noch nicht zu Ende…was dann folgt, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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14 Kommentare leave one →
  1. 3. Mai 2010 19:41

    Das mit den Gaffern ist echt total heftig! Dürft ihr immer die FW rufen, wenn ihr Leute zum abschirmen braucht??
    Lg

  2. Mr. Gaunt permalink
    3. Mai 2010 22:05

    Dass man bei einem landenden Hubschrauber schaut, kann ich nachvollziehen. Das ist doch irgendwo etwas Besonderes und sieht man nur sehr selten.
    Aber dass man das Rettungspersonal seine Arbeit machen lässt, nicht anspricht oder vielleicht noch im Weg rumsteht, sollte auch geistig einfach strukturierten Personen klar sein.

    • 3. Mai 2010 23:14

      @Mr.Gaunt

      Klar ist das was spannendes, aber man kann sich das ganze auch aus 300 Meter Entfernung anschaun..und nicht aus 20 Meter mit dem Kleinkind im Kinderwagen..

      • Peter permalink
        13. Juli 2011 10:04

        Wäre mir zu windig 😉

  3. 4. Mai 2010 18:55

    Bei einem landenden Hubschrauber bin ich auch schon mal stehen geblieben, aber du hast vollkommen recht – man muss nicht direkt daneben stehen bleiben, sondern kann sich auch weit genug zurückziehen und euch eure Arbeit machen lassen. Aber die Frage wegen der Decken, das lässt mich echt an die Decke gehen! Ich möchte echt mal wissen, was die Betreffenden wohl denken würden, wenn sie selbst die Verletzten wären… Fehlt bloß noch, dass sie die Handykamera rausholen.

  4. 6. Mai 2010 15:11

    Danke für den gut geschriebenen Bericht! Da passt im wahrsten Sinne die Überschrift: Alltag im Rettungsdienst. Die Sache mit den Decken gibt mir aber noch unter einem anderen Gesichtspunkt zu denken: Um die Persönlichkeitsrechte des Verletzten zu sichern, wäre doch die Polizei die bessere Wahl? Was wäre, wenn das ganze eskaliert und die Menge trotz der Abschirmung mit den Decken nicht zurückweichen will? Die Feuerwehr hat hier kaum rechtliche Möglichkeiten, zwangsweise die Masse zurückzudrängen. Als Feuerwehrmann kenne ich Situationen, bei denen man Gefahr läuft, in rechtliche Grauzonen zu geraten: in solchen Fällen ist aus meiner Sicht eher die Polizei gefragt, auch wenn die oft nicht begeistert sind (z.B. wenn es um verkehrsleitende Maßnahmen nach einem Unfall geht).

    • 6. Mai 2010 19:09

      @ffniz

      Das freut mich, dass dir mein Artikel gefällt.

      Ja die Polizei wäre bei dem Szenario das du beschrieben hast, die bessere Alternative. Nur wo bekommt man soviele Streifenwagen her? Da wären mindestens 3 Streifen nötig gewesen, und die sind selbst in der Großstadt nicht immer griffbereit oder verfügbar. Natürlich darf die Feuerwehr keinen Zwang ausüben, aber zum Glück war das hier auch nicht nötig. Und die Feuerwehr ist meistens für mich schneller verfügbar, als die Polizei. Wenn die Masse nicht zurück gegangen wäre, hätten wir uns bestimmt aber auch die Polizei geholt.
      Was die verkehrsleitenden Maßnahmen angeht, so dürfen die Feuerwehren in manchen Bundesländern dies im Auftrag der Polizei machen.

    • Peter permalink
      13. Juli 2011 10:11

      @ffniz
      Die Polizei hat da ein Stärkeproblem, die sind so schnell nicht so viele – und haben nicht so viele Decken an Bord.

      Bei uns „in der Großstadt“ fährt sowieso zum Hubschrauber immer ein Löschzug (bei Mangel mindestens ein LF) mit, um den Landeplatz abzusperren, zu sichern und ggf. auszuleuchten. Je nach Location auch mal mehr als ein Zug, wenn der Landeplatz eine Kreuzung einer Bundesstraße ist etc. Der Vorteil ist, der Hubschrauber hat gesichert genug Platz, findet die Stelle viel schneller und man hat Manpower für solche zusätzlichen Aufgaben. Polizei sieht man da eher selten, da die meistens in solchen Situationen schon an der pimären Einsatzstelle (VU, Brand etc.) gebunden sind.

  5. 6. Mai 2010 22:14

    Rein aus Interesse: Ist Stiffneck/Schaufeltrage im ITLS bei einem bewußtlosen Patienten das Standard-Vorgehen? Ich hätte mir hier Sorge um die Atemswegssicherung gemacht.

    • 6. Mai 2010 23:03

      @Kollege S.

      Die Atmung war suffizent unter 12 l über Maske. Natürlich wäre ein Spineboard mit Kopffixirungsblock noch opitmaler, hatten wir aber nicht zur Verfügung. Da wir nur zu 2 in diesem Moment waren, mussten wir improvisieren. Schöner wäre es gewesen, wenn wir noch mehr Leute gehabt hätten, 1 der sich nur um die Atmung gekümmert hätte. Einen transport durchs enge Treppenhaus in stabiler Seitenlage wäre nicht möglich gewesen, egal ob mit Schaufeltrage/Spineboard. ITLS trainiert nur mit Spineboard und das auch mit mindestens 3 Teammitgliedern. So kann die Atmung/Atemwegssicherung immer gewährleistet werden. Man kann aber auch das gleiche mit der Schaufeltrage machen.

  6. 7. Mai 2010 17:59

    Ich bin sehr gespannt, wies weiterging!
    Wirklich ein toller Bericht, auch wenn das natürlich mal wieder traurig macht, dass Decken / die Feuerwehr nötig waren, um die Leute davon abzuhalten, euch in eurer Arbeit zu stören :/

  7. 7. Mai 2010 19:19

    Meine Favoriten als Antwort auf dumme Fragen und/oder Gaffen/Knipsen:

    – „Was ist denn passiert?/Wen holn se denn ab?“
    „Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?“
    „Ja“
    „Und ich erstmal!“

    -„Junger Mann, ja, sie mit der Basecap und der blauen Jacke! Ich kann gerne die Umfeldbeleuchtung vom Auto anmachen, dann brauchen Sie nicht mit Blitz fotografieren!“

    -„Hätten Sie nicht noch enger parken können?“
    „Doch, aber dann wären Sie nicht mehr durchgekommen“

    -„Müssen Sie die Tür vom Krankenwagen immer so schnell zumachen?“
    „Normal nicht, aber ich dachte mir, sie können das nächste Mal nochmal spannen, wenn uns der Patient jetzt nicht erfriert.“

    Ich hasse Spanner!

    • 7. Mai 2010 19:25

      @Rettungsherpa

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Die Sprüche sind echt gut, wobei ich nach vielen Jahren einfach nur noch agro werde. Zum Glück denk ich mir den meisten Teil nur dazu…

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