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Angst

14. Mai 2010

Diese eine Fahrt hat mich doch ein bisschen nachdenklich werden lassen. Auch sie ereignete sich in den letzten Tagen. Hilflose Personen oder Psychiatrische Notfälle gehören zum Rettungsdienst wie der Herzinfarkt. Eigentlich sind gerade die psychiatrischen Einsätze immer eine große Herausforderung. Denn egal wie gut ich medizinisch ausgebildet bin, hier kommt es auf soziale Kompetenz an, die man hat, oder auch nicht. Bekommt man einen Draht zu seinem Patienten oder läuft man vollkommen in die falsche Richtung. Bisher hatte ich von diesen Einsätzen einige, die ziemlich ruhig verlaufen sind. Falls ich nur den leisesten Verdacht habe, dass mein Patient nicht kooperiert, hole ich mir die Hilfe der Polizei. Bisher hat mein Gefahrenradar auch gut funktioniert. Bei diesem Einsatz hat es aber erst angeschlagen, als es schon fast zu spät war.

Wir werden am Abend alarmiert, dass eine hilflose Person an der geschlossenen Polizeistation sitzt und keine Lust mehr hat zu leben. Solche Einsätze rufen bei fast jedem keine Begeisterungsstürme aus. Wir rollten los und da ich auf der Beifahrerseite saß, war dies auch mein Patient. Meine Kollegin scherzte, dass ich ja gerne solche Einsätze fahre. Ich vermutete schon, dass wir auf einen alten Stammkunden treffen würden. Als wir unsere Einsatzstelle erreichten, sah es tatsächlich danach aus, als ob es unser Stammgast sei. Meine Kollegin dachte auch zunächst, dass es sich um Peter handele und sprach ihn deswegen mit diesem Namen an. Unser bis dato Unbekannter schrie uns an, dass er nicht Peter sei, sondern Mike hieße. Ok…so sollte die Eröffnung nicht laufen. Ich näherte mich Mike und fragte, was denn passiert sei. Er meinte, er wollte sich umbringen, hätte keine Lust mehr auf sein Leben, alles wäre scheiße etc. Außerdem blutete er oberflächlich aus einer kleinen Wunde am Unterarm. Ich holte mir eine größere Kompresse, um die Wunde zu verbinden. Dabei versuchte ich Mike zu unserem RTW zu lotsen, denn ewig lange wollte ich hier nicht rumstehen. Dann meinte Mike plötzlich, dass er jetzt doch keine Probleme mehr hätte und wir wieder fahren sollten. So etwas passiert häufiger, sie rufen nach Hilfe und wenn die dann da ist, überlegen sie es sich wieder anders *KopfTisch*

Zum Glück konnten wir ihn davon überzeugen, sich wenigstens in unseren RTW zu setzen und die Wunde versorgen zu lassen. Hätte ich mir Mike genauer angeschaut, dann hätte ich schon zu diesem Zeitpunkt wissen müssen, dass er ziemlich aggressiv ist und uns auch schon mal gerne als Nazidreckspack usw. beschimpft hat. Damals haben wir uns jedes Mal frühzeitig die Polizei geholt und waren ihn somit zum Glück los. Diesmal ist er in den ersten Minuten friedlich und meine Kollegin und ich sind der Meinung, dass es auch ohne Blau Silber geht. Mike sitzt und wir rollen nach telefonischer Absprache mit dem diensthabenden Psychiater in Richtung Psychiatrie. Wir sind kaum einen Kilometer gefahren, da reißt unser Fahrgast seinen Sicherheitsgurt raus und will plötzlich sofort aussteigen. Ich bemühe mich, ihn in ruhigem Ton darauf hinzuweisen, dass der Wagen fährt und er nicht aussteigen kann. Das interessiert Mike mal gar nicht. Erstens könne er machen, was er will und ich wäre eh nur ein kleiner beschissener Nazi. Da ich in diesem Beruf eigentlich schon fast alles genannt worden bin, stört mich das am wenigsten. Dann fummelt unser Patient auch noch an seinem Verband rum, so langsam schwillt mir der Hals.

Wir fahren auf die Autobahn, während Mike durch den Raum brüllt, dass er jetzt aussteigen will und wir sofort anzuhalten hätten. Ich teile ihm mit, dass er sich das mal früher hätte überlegen sollen, bevor er uns gerufen hat. Ich stehe kurz auf, damit ich meiner Kollegin mitteilen kann, dass ich gerne die Polizei zur Verstärkung hätte. Das hört natürlich auch Mike, was ihn nur noch wütender macht. So langsam bekomme ich Schiss, denn Mike ist etwa genauso so groß wie ich, aber Alkohol und diverse Drogen machen ihn unberechenbar. Ich könnte mich zwar wehren, aber ich habe keinen Bock drauf. Dafür werde ich nicht bezahlt. Die Stimmung kippt, Mike ballt die Fäuste und schreit herum. Ich versuche ihn mit einfachen Sätzen zu beruhigen, aber ich könnte mich auch mit einer Parkuhr unterhalten. Er möchte wissen, wieso ich die Polizei hole, vor denen hätte er Angst, und er würde jedem „Bullen“ auf die Fresse schlagen. Na super denke ich mir, wenn die einsteigen, gibts wirklich auf die 12. Von meiner Kollegin bekomme ich die Info, dass uns die Polizei erst an der übernächsten Ausfahrt empfangen kann. Danke denk ich mir…

Die Stimmung bleibt weiter sehr angespannt, ich versuche auf ihn einzugehen, aber alle Bemühungen prallen an ihm ab. Ich solle ihn nicht volllabern, er wäre nicht dumm, was ich auch gar nicht denke, aber wer selbst schon mit solchen Klienten zu tun hatte, weiß, dass man sich wenig bis gar nicht in die jeweilige Situation einfühlen kann und manchmal auch gar nicht will. Ich überlege, ob die Polizei wirklich zusteigen soll oder ob sie einfach hinter uns herfahren, um notfalls sofort zusteigen zu können. Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit, was mir aber trotzdem ziemliche Magenschmerzen bereitet. Bis zur Klinik fahren wir jetzt über alle rote Ampeln, denn ich möchte nicht, dass Mike aus dem Fahrzeug abhaut.

Vom Fahrersitz bekomme ich das Zeichen, dass die Polizei jetzt zum Glück hinter uns ist, was Mike leider auch mitbekommt. Zum Glück sind es nur noch zwei Minuten bis zur Klinik. Als wir dort ankommen, bin ich wirklich sehr erleichtert. Das Aggressionspotential war wirklich sehr hoch und ich habe während der Fahrt gedacht, gleich bekomme ich eins drüber gebraten.

Falls ich Mike nochmals fahren muss, werde ich mir, egal wie lieb er tut, immer die Polizei dazu holen.

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4 Kommentare leave one →
  1. Avialle permalink
    14. Mai 2010 10:00

    Das erinnert mich stark an mein Pflegepraktikum auf der Inneren, da waren auch oft Patienten mit Psychosen oder Drogenabhängige zum Entgiften. Man versucht zu reden und zu beruhigen, aber die alteingesessenen Pfleger wissen sofort mit wem es absolut nichts bringt und wo man einfach die Polizei braucht. Ich hoffe für dich, dass solche Einsätze auch in Zukunft nicht eskalieren, ist ja nochmal gut gegangen.
    Liebe Grüße

  2. 15. Mai 2010 07:54

    Weia. Da geht mir ja schon beim Lesen das Herz in die Hose…

  3. MaRv permalink
    14. Juli 2010 18:10

    hmmm… also da wo ich arbeite ist es quasi Standard das bei Selbstmordgefährdeten oder gewaltätigen Patienten die Polizei hinzugezogen wird.
    Auch wenn er noch so lieb tut kann es alles schnell umschlagen wie du ja selber gemerkt hast. 😉
    Bei besonders „aktiven“ Patienten kann es auch schonmal vorkommen das er halt die 45min Fahrt in die Psychiatrie auf dem Bauch mit der 8 auf dem Rücken überstehen muss.
    Tja… wer nicht hören will muss halt manchmal fühlen. Wie hat man damals schon beim Bund gesagt? Lernen durch Schmerz. 😉

    • 14. Juli 2010 18:39

      @Marv

      Willkommen auf meinem Blog. Bei uns ist es auch Standard bei solchen Patientengruppen die POL auch nach zu alarmieren. Nur da war es uns leider erst bewusst, als wir schon unterwegs waren. Wird mir aber so auch nicht mehr passieren 😉

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