Skip to content

Privatpatient…

25. Juni 2010

Folgendes trug sich vor einen paar Tagen zu. Ein alter Mann stürzte in seiner Wohnung. Der Sohn des Patienten fand ihn liegend in seiner Wohnung vor. Er war auf seinen Hintern gefallen, aber augenscheinlich nicht verletzt. Der Rettungsdienst wurde gerufen. Die Kollegen waren schnell vor Ort. Der Mann gab diffuse Schmerzen an, sogar im Thorax. Der Sohn erzählte, dass sein Vater in einer 30 km entfernten Klinik bestens bekannt ist und man auch dort den Chefarzt kenne. Der Mann wurde gründlich untersucht, sogar ein EKG geschrieben. Es gab keine Anzeichen dafür, dass Herr Z. verletzt oder ansonsten erkrankt war. Auch wollte der alte Mann nicht ins Krankenhaus. Deshalb verabschiedeten sich die Kollegen wieder und fuhren.

Zwei Stunden später wurden wir zu diesem Mann alarmiert. Über Funk erfuhren wir, dass die Kollegen schon mal vor Ort gewesen sind. Auch rief uns die Kollegin an, die vor Ort war, und berichtete uns, was sie dort gefunden hatten. So fuhren wir voller Erwartung zu unserem Einsatzort. Dort angekommen, erwartete uns der Sohn, der uns schon gleich darauf hinwies, dass sein Vater nur in die 30 km entfernte Klinik gebracht werden sollte. Mein Blutdruck schwoll bei diesen Worten schon leicht an. Wir begaben uns zu unserem Patient, der in seinem Pflegebett lag. Uns wurde die gleiche Geschichte wie den Kollegen vorher erzählt, nur dass jetzt der Bauch des Mannes schmerzen würde. Uns war der Zusammenhang zwar nicht ganz klar, aber wir untersuchten unseren Patienten gründlich. Mir war sehr schnell klar, dass Herr F. seinen Vater für diese Nacht loswerden wollte. Wir boten dem Sohn an, dass wir seinen Vater gerne in das nur 5 Minuten entfernte Krankenhaus fahren würden, um Gewissheit zu haben, dass tatsächlich keine Verletzung oder Erkrankung vorliegt.

Und jetzt begann das Drama. Der Sohn bestand aufgrund der Privatversicherung und der Verschwippschwagerung mit dem Chefarzt auf den Transport in das 30 km entfernte Krankenhaus. Im ruhigen Ton versuchten wir den Sohn davon zu überzeugen, dass keine Indikation für einen Transport in das 30 km entfernte Krankenhaus vorlagen. Auch dass wir angehalten sind, Patienten in das nächstgelegene Krankenhaus zu fahren. Herr F. willigte ein und wir holten die Trage, um den Patienten zum Fahrzeug zu bringen. Als wir wieder in die Wohnung kamen, hörten wir, dass der Sohn mit irgendwem telefonierte. Wir wunderten uns ein wenig, lagerten den Mann schon mal auf unsere Trage um. Nun kam Herr F. telefonierend ins Zimmer und meinte zu dem Unbekannten am Telefon, dass wir uns weigern würden, seinen Vater in das weit entfernte Krankenhaus zu bringen. Uns entgleisten die Gesichtszüge, mein Blutdruck stieg weiter. Im ruhigen Ton machte ich den Sohn darauf aufmerksam, dass wir so eine Aussage niemals getätigt hatten. Um die Sache nicht weiter eskalieren zu lassen, sagten wir Herrn F., dass wir seinen Vater natürlich gerne in das gewünschte Krankenhaus fahren würden.

Nun machten wir uns auf die halbstündige Fahrt. Innerlich kochten wir beide, denn es gab keinen Grund, den Vater dorthin zu fahren. Unser Patient fragte während der Fahrt mehrmals, wann wir endlich da wären! Im Krankenhaus angekommen, empfing uns ein junger, nichts ahnender Assistenzarzt. Das Schauspiel ging in die nächste Runde, denn unser Patient wurde nicht nur einmal, sondern gleich auch noch vom Oberarzt untersucht. Bevor mein Blutdruck und des meines Kollegen ins nicht mehr Messbare stieg, durften wir den alten Mann auf die Krankenhaustrage umlagern und uns aus dem Staub machen.

Advertisements
10 Kommentare leave one →
  1. 25. Juni 2010 10:40

    Mein Blutdruck ist beim Lesen auch schon ins Unermessliche geschossen! Dass Du da noch so ruhig bleiben kannst. Ich hätte wahrscheinlich dem Herrn das Telefon aus der Hand gerissen und wäre darauf herumgetrampelt, während ich mit hochrotem Kopf Gift und Galle gespukt hätte.

    • 25. Juni 2010 20:59

      @Anna

      Die Lust darauf, ihm das Telefon aus der Hand zu reißen, und darauf herum zu trampeln..war sehr groß..nur hätte ich wahrscheinlich 1 Std. später meine Kündigung abholen können.. 🙂 Da hilft nur am Ohr reiben..und leise „Wuzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzza“ zu murmeln 😉

      @Chris

      Wir waren ein RTW und der einzige im Umkreis von 15 bis 20 km…

  2. 25. Juni 2010 12:34

    Tjaja, immer wieder schön, unser Job 😉
    Wart ihr ein KTW oder RTW? Dass man dann für so nen Pillepalle mal nen RTW flach legt, der dann eventuell nicht für Notfälle zur Verfügung steht, ist den Menschen dann in der Regel auch egal.

  3. 25. Juni 2010 21:41

    Kann man in einem solchen Fall nicht mal ne Autopanne simulieren oder herbeiführen? :-/
    Solche Menschen sind doch einfach zum Kotzen… sorry…

  4. 25. Juni 2010 22:32

    Lieber Paul
    so was finde ich einfach echt zum Mäusemelken…
    wichtig ist doch, dass die Versorgung gewährleistet ist…
    Ich verstehe einfach solche Menschen nicht die in dieser Situation eine unangebrachte Dickköpfigkeit an den Tag legen und Euch behandeln wie wenn ihr irgendwelche mittelbeschichtete diener währt… :s das steigt auch mir der Blutdruck.. und ich fass mir an den Kopf und frage mich: um was ging das diesem Sohn? Seinen Vater gut aufgehoben zu wissen und nur 5 minuten zu fahren oder um Prestige zu machen?! Ich bewundere Dich und Deinen Kollegen, dass ihr ruhig bleiben konntet… ich glaube ich währe an der Decke geklebt ab so einem sorry primitiven Verhalten…

    Lg Deine Zecke…

  5. Mr. Gaunt permalink
    26. Juni 2010 14:32

    Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Grundsätzlich kann ich den Wunsch, in das „Stammkrankenhaus“ zu wollen, absolut nachvollziehen.
    Ein bestehendes Vertrauensverhältnis zum Arzt und Krankenhaus – vielleicht nach längerer Krankenhausodyssey – und die Tatsache, dass Ärzte und Pflegepersonal den Patienten und seine Krankengeschicht gut kennen, sind IMHO menschlich und wahrscheinlich auch medizinisch ein wichtiger Wert. Das hat nichts mit Privatpatiententum zu tun. Ich würde auch zu „meinem“ Arzt wollen, der mich vielleicht als Erster ünerhaupt erfolgreich behandelt hat.

    Lediglich in diesem Fall war die Maßnahme völlig überzogen, da der Patient offensichtlich gar nicht ins Krankenhaus musste.

    • 26. Juni 2010 18:54

      @Mr. Gaunt

      Grundsätzlich hat der Patient das Recht, seine Klinik selbst aussuchen zu können. Natürlich kann ich den Wunsch des Patient oder der Angehörigen verstehen und versuche auch wenn möglich diese umzusetzen, aber die Verhältnissmäßigkeit muss stimmen. Das heisst die akute Erkrankung steht zuerst im Vordergrund und wir sind als Rettungsdienst gehalten in das nächst gelegene Krankenhaus zu fahren. Dinge wie Arztberichte etc. können auch gefaxt werden.

  6. 27. Juni 2010 21:36

    Moah, bei sowas kann ich ja auch in die Luft gehen… Natürlich ist es nachvollziehbar, wenn der Patient (! – hier war es ja offenbar der Sohn) gern zum vertrauten Arzt möchte, aber es kommt auch immer drauf an, wie man diesen Wunsch rüberbringt.

    • 27. Juni 2010 22:37

      @ozyan

      Das Ding war ja nicht nur das rüber bringen der Wünsche, sondern das nicht vorhanden sein eines Grundes, wieso der Patient genau in dieses Krankenhaus muss. Das gewählte Krankenhaus war ein noch kleineres Haus, als das was wir anfahren wollten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: