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Ich heile sie, sodass sie keine Brille mehr brauchen…

1. August 2010

Diese Geschichte ereignete sich in meinem praktischen Jahr zum Rettungsassistenten. Mancher wird sich jetzt fragen, was zur Hölle hat sich da zugetragen!? War Paul mit seinem Kollegen bei einem Wunderheiler, oder in einer Augenarztpraxis!?

Beides trifft nicht so wirklich zu, denn unser Einsatz führte uns in eine Psychiatrische Praxis. Auf unserer Depesche stand sonst nichts, also eilten wir mit Blaulicht zur angegebenen Adresse. Als wir ausstiegen, kamen uns schon zwei Polizisten entgegen, die ihre schwarzen Handschuhe übergestreift hatten und Kabelbinder in den Händen hielten. Unsere etwas verdutzen Gesichter verleitete die beiden zu einem noch etwas breiteren Grinsen. Ein bisschen mulmig wurde mir da schon, weil wir immer noch keine Informationen hatten, was uns hier erwarten würde. Wir stiefelten ihnen einfach mal hinterher in die Praxis. Eine Arzthelferin empfing uns, die sich auffällig ihr Kinn rieb. Auf unsere Frage, was denn hier passiert sei, lächelte sie ein bisschen und umschrieb das bisher Vorgefallene mit den Worten: „Unsere Patientin hat gemeint, sie wolle das Wartezimmer etwas umgestalten“, was nicht auf unbedingte Liebe der Praxisbesatzung stieß. Danach gab es noch einen Kinnhacken für die Arzthelferin.

„Unschön“ dachte ich mir, und mein ungutes Gefühl wuchs noch ein bisschen mehr. Als wir in den Behandlungsraum kamen, herrschte unglaubliches Chaos. Unsere Patientin lag bäuchlings auf einer Trage und schrie wie eine Furie. Der Arzt kniete auf dem Rücken, einen andere Arzthelferin kniete auf den Beinen der Frau. „Na Prost Mahlzeit“, dachte ich mir, das kann ja wirklich heiter werden. Jetzt machten auch die durch die Polizei mitgenommenen Kabelbinder einen Sinn. So wie sie lag, wurde sie auch an Händen und den Beinen verschnürt, sodass sie niemanden mehr treten oder schlagen konnte. Der Arzt wischte sich erst mal den Schweiß von der Stirn und erzählte uns, wieso diese Dame gerade so am Ausflippen war. Die Situation beruhigte sich ein bisschen, denn unsere Patientin hatte sich wohl heißer geschrien. Unser Problem bestand jetzt darin, die Dame zu unserem Auto zu bekommen. Laufen ging durch die Fesselung nicht so gut, deshalb dauerte der Weg zum Rettungswagen ein bisschen länger. Schon auf dem Weg dorthin beschimpfte sie mich. Als wir sie auf die Trage umlagerten, bemerkte sie wohl, dass ich Brillenträger bin. Sie meinte dann: „Wenn du mir die Fesseln abnimmst, kann ich deine Augen heilen, sodass du keine Brille mehr brauchst“ 🙂 Ich musste wirklich schmunzeln. Da die Dame fast wie ein Paket verschnürt war, gedachten die Polizisten nur hinterher zu fahren und nicht zu uns im Fahrzeug zu begleiten. Dass dies ein Fehler war, merkte ich erst später. Die Fahrt begann, unsere Patienten wechselte ihre Stimmung oft, immer wieder beschimpfte sie mich, im anderen Moment fragte sie, ob ich mit ihr einen Kaffee trinken gehen möchte.

Während wir gemütlich dahin fuhren, rutschte die Frau dauernd auf der Trage herum. Was ich nicht wusste, war, dass die Dame sich aus den Handfesseln befreien wollte, die hinter ihrem Rücken gefesselt waren. Damals saß ich auch noch neben der Patientin, was sich auch im Nachhinein als Fehler herausstellen sollte. Da ich noch unseren Schriftkram erledigen musste, merkte ich nicht, wie sie sich aus dem Kabelbinder entwand und diesen in der Hand hielt. Zum Glück schaute ich aus den Augenwinkeln heraus, wie sie mit dem Kabelbinder in meine Richtung ausholte. Leider blieb mir keine Zeit mehr, mich zu schützen, so traf sie mich mitten im Gesicht und meine Brille flog im hohen Bogen durch den Rettungswagen. Mein Kollege hatte zum Glück dieses Szenario im Rückspiegel beobachtet, leitete mitten auf der Landstraße eine Vollbremsung ein und eilte nach hinten. Die Polizei war aufgrund der plötzlichen Bremsung auch in unser Fahrzeug geeilt. Nun saß ich mit einem schönen Striemen im Gesicht auf meinem Sitz, während unsere Patientin wilde Verwünschungen ausstieß. Ich hatte die Schnauze ziemlich voll, zum Glück blieb meine Brille heile. Die Polizei nahm nun ihre Handschellen heraus und diesmal klickten sie auch noch ein bisschen fester zusammen. Die restliche Fahrt begleitete uns ein Polizist und es blieb, bis auf gelegentlich Schimpftriaden der Dame, ruhig.

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13 Kommentare leave one →
  1. 1. August 2010 19:46

    Uii! Mit Kabelbinder durch Gesicht oO
    Das muss mächtig gezierbelt haben!

  2. MaRv permalink
    2. August 2010 00:03

    Hmmm… lernen durch Schmerz?^^
    Hattest du nicht letztens erst sowas ähnliches?
    Wenn die Polizei nur hinterher fährt brauch sie auch garnicht mitkommen.
    Die sollen ja eigentlich dafür sorgen das sowas nicht passiert… das sie das aus dem Auto was dahinter fährt nicht können sollte ja eigentlich klar sein.

    Aber die Geschichte an sich ist schon lustig.^^

  3. MaRv permalink
    2. August 2010 00:04

    Edit:
    War wohl doch ein anderer Blog wenn ich mich nicht irre.^^
    Sorry 🙂

  4. Lebensumbau permalink
    2. August 2010 16:25

    … also das hat sie mit „voller Wiederherstellung der Sehkraft“ gemeint ;-).

  5. 2. August 2010 17:12

    Und? Hast Du davon ne coole Narbe zurückbehalten, über die Du kleinen Kindern schaurige Geschichten erzählen kannst? 😀

    • 2. August 2010 20:34

      @Hermione

      *gg* nein, mein Gesicht ist bis auf Narben aus der Kindheit unversehrt geblieben 😉

      @allesoderalle

      nö, man erlebt viel in diesem Beruf 🙂 Ich war noch jung und unerfahren, das war wohl ein Punkt, und ich habe nicht gedacht, das sie aus den Dingern raus kommt.

      Willkommen auf meinem Blog 🙂

  6. allesoderalle permalink
    2. August 2010 18:04

    oh man oO es scheint wohl doch nict so ruhig zu sein 😉
    schon anstrengend so eine Arbeit.! ich frage mich nur, wie sie es so hinbekommen hat sich los zu machen, ohne das du es direkt gemerkt hast! =O

  7. Marquel permalink
    4. August 2010 08:03

    Hätte eine Bekannte von mir sein können. Da war ich gelegentlich dafür zuständig, den Rettungsdienst zu alarmieren…

  8. 4. August 2010 15:28

    Mittlerweile bin ich soweit das die Kollegen der Exekutiven mitfahren, man weiß selbst bei den augenscheinlich „Harmlosen“ auch nie was noch kommt.

    Das ganze erinnert mich an den Typ der sich für Jesus hielt und über den lokalen See lief 🙂 , war auch eine witzige Angelegenheit.

  9. 6. August 2010 23:44

    Autsch. Naja, wenigstens hast Du was zu berichten 🙂

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