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Hinter Gittern…

12. September 2010

Vielleicht vermutet ja nach der Reportage und der Überschrift hier, dass Paul von RTL gekauft worden ist, aber ich kann euch beruhigen 🙂 Die letzte Woche meiner Reha wurden wir nämlich wie Schwerverbrecher eingezäunt. Wieso und weshalb, später mehr dazu 🙂

Vor ein paar Tagen hatte ich nach 4 Wochen Reha meinen ersten Arbeitstag, und ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich nach meiner Arbeit und meinem Umfeld gesehnt habe. Aber nun zurück in das beschauliche Kurstädtchen, in welches es mich vor 28 Tagen verschlagen hatte. In meinem Zwischenbericht hatte ich ja schon so einiges anklingen lassen. Wirklich besser wurde es in den restlichen 2 Wochen auch nicht mehr. In den ersten Tagen wurde ich ein bisschen auf den Kopf gestellt, um mich in geeignete Therapiegruppen unterzubringen. In den nächsten Wochen besuchte ich mehr oder weniger eine Psychosomatikgruppe, eine Essstörungsgruppe für Adipöse, Sport für Adipöse und Vorträge über Depressionen und Persönlichkeitsstile. Ergänzt wurde das Ganze durch Gespräche mit meiner Therapeutin und Co Therapeuten. Leider fanden diese Sitzungen nur ein Mal die Woche statt, denn mir brachten diese Gespräche im Ansatz noch am meisten. Nachdem ich ja die ersten 3 Tage um Geld und Klamotten erleichtert wurde und keine Menschenseele kannte, wollte ich alles schon hin schmeißen. Zum Glück lernte ich dann über die 4 Wochen hinweg einige nette und liebe Menschen kennen, die einem das Leben dort sehr erleichterten.

In den ersten Wochen saß ich also in den verschiedenen Gruppen und merkte mit jedem Mal mehr, dass ich die meiste Zeit gelangweilt in der Runde saß und mich fragte, was machst du hier eigentlich!? Zum Glück hatte meine Therapeutin dafür Verständnis, dass mir die meisten Gruppengespräche nichts gebracht haben und so konnte ich meine Zeit anders nutzen. Meistens saß ich dann mit meinen Leuten auf unserem Raucherhügel oder las auf meinem Zimmer Bücher. Was ich sehr schnell gemerkt habe, ist, dass viele meiner Mitpatienten viel größere Probleme mit sich herum tragen, als das ihnen diese Reha wirklich etwas bringt. Bei vielen hatte ich auch das Gefühl, dass sie nur dorthin geschickt wurden, damit sie danach wieder als Arbeitskraft zur Verfügung stehen. Viele haben, bevor sie in die Reha kamen, so viel Schlimmes durchgemacht, was man sonst nur aus den Medien kennt.

Trotz dieser Schicksale, die man im Laufe der Zeit erzählt bekommen hat, konnte man mit vielen auch lachen und seine Späßchen treiben. Wir haben in der letzten Woche sogar unsere eigene Therapiegruppe gegründet, welche sich in lockeren Runden abends im Park traf. Gelernt habe ich aber auch, nicht zu großen Anteil daran zu nehmen, was diesen Menschen so passiert ist. Jeder dieser Menschen, so auch ich, hat ein mehr oder weniger großes Helfersyndrom. Sie sind eher für andere da, als für sich selbst. Man muss dort lernen, erst einmal für sich zu sorgen und nicht jedem die Hand zu reichen.

Ich hatte ja in den ersten 2 Wochen ein bisschen was abgenommen. Leider wog ich nach 4 Wochen genauso viel wie bei meiner Anreise. Jede Woche hatte ich 2 Mal Sport, doch den Fraas aus der Kantine konnte ich Ende der dritten Woche nicht mehr sehen und aß öfters außerhalb der Klinik. Selber schuld, werden jetzt viele sagen, aber wer jeden Tag mit Maggi, Salz und Pfeffer dem Essen wenigstens ein bisschen Geschmack entlockte, kann mich verstehen. Ein Unding finde ich, gerade weil in diesem Haus auch Adipöse und Magersüchtige behandelt wurden. Wie soll denn jemand abnehmen, oder bei Magersüchtigen 100 Gramm pro Tag zu nehmen, wenn das Essen ungenießbar ist!?

Für manche meiner Mitpatienten hatte die letzte Woche dann noch eine Überraschung. Wir wurden mit 2 Meter hohen Bauzäunen komplett eingezäunt. Was uns dazu verleitet hat, anzunehmen, dass wir keine Reha-Klinik mehr sind, sondern in der Forensik gelandet sind 🙂 Hintergrund des Ganzen war jedoch, dass in diesem Städtchen in der Woche ein großes Volksfest stattfand, und manche dieser Besucher meinten, unsere Grünanlagen als Urinal oder dergleichen missbrauchen zu müssen. Zudem sollte es an den Festtagen sogar Einlasskontrollen geben, um nur die Menschen rein zu lassen, die dort auch wirklich hin gehören. Ein Grund mehr, froh zu sein, wieder daheim schlafen zu können!

Nun bin ich wie gesagt zu Hause und es wird so manches auf mich zukommen, das ich verändern muss. Meine depressive Episode Anfang des Jahres war, wie ich finde, ein Schuss vor den Bug für mich. So kann und will ich nicht weiter machen. Leider hat mir die Kur im Hinblick auf meine Probleme wenig bis nichts gebracht. Das, was ich verändern muss, wusste ich auch schon vorher. Nur hapert es halt an der Umsetzung des Ganzen und es liegt an mir, die Ärmel hochzukrempeln und mir selbst in den Hintern zu treten. Um nicht wieder in den alten Trott zu verfallen, werde ich mir einen ambulanten Therapeuten suchen. Das wird dauern, aber ich bin trotzdem guten Mutes, aus dieser Sache gestärkt herauszugehen.

In diesem Sinne… ich bin wieder da 🙂

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21 Kommentare leave one →
  1. DelfinStern permalink
    12. September 2010 10:48

    viel Erfolg. schön dass du wieder da bist 🙂

  2. 12. September 2010 11:12

    Hehe, welcome back und viel Erfolg 🙂

  3. 12. September 2010 13:23

    Ich hatte mich schon vor Jahren gegen eine „Kur“ ausgesprochen und bin, nun da ich deinen Bericht lese, auch recht froh. Ich habe versucht alles mit mir selbst auszumachen und das klappt ganz gut, ist aber sicher nicht das Nonplusultra. Die ambulante Geschichte ist ein guter Weg, ich kenne viele die dadurch einiges an Veränderung herbei geführt haben.

    In diesem Sinne alles Gute und viel Erfolg von meiner Seite.

  4. 12. September 2010 16:27

    Herzlichst willkommen zurück zu Hause, Paulchen…
    Vielleicht darf man damit rechnen jetzt wieder regelmäßiger was von dir hier zu lesen? 🙂
    Liebe Grüße,
    das Schneckenhäuschen

  5. Begleitung permalink
    12. September 2010 17:18

    Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich in deinen Artikeln noch Neues erfahre, obwohl wir jeden Tag mindestens ein Mal miteinander telefonieren! Warum hast du mir zum Teufel nicht erzählt, dass ihr eine eigene Terapiegruppe gegründet habt!!!??? *dramatisch tut* 🙂 Nein quatsch, macht immer wieder Spaß, deine Beiträge zu lesen! 🙂 Bis später! *umarmt*

    • 13. September 2010 08:57

      Ich bin ein bisschen erschlagen über eure Kommentare 🙂 Vielen lieben Dank 🙂 Und ja ich werde wiieder regelmäßig euch mit Lesestoff versorgen 🙂

      @Begleitung

      Ich kauf Ihnen mal einen Duden..denn terapiegruppe wird so geschrieben :“ Therapiegruppe“ 🙂 🙂

      Ja sicher ist das für mich positiv, aber dafür in 4 Wochen Reha zu gehen, finde ich persöhnlich ein zu großes „Opfer“.

      @Ozyan

      Ja auch Einsätze im Knast sind möglich, ich durfte da auch schon mal hin. Ich meine, dass jedes Gefängniss zumindest eine Krankenstation hat, aber einen eigenen Rettungsdienst nicht. Nö seltsam finde ich das auch, das man nur 1 Mal die Woche ein Einzelgespräch hatte, aber bei mehr als 30 Patienten pro Team wohl nicht leistbar.

      @Schneckenhäuschen

      na aber hallo 🙂

      @Marcus

      Eine Kur ist ja auch noch mal was anderes, als eine Rehamaßnahme. Aber wie gesagt, es gibt auch einige, denen das was gebracht hat.

  6. 12. September 2010 18:15

    schön das du zurück bist. und eigentlich kannst du doch ganz froh sein, selbst gemerkt zu haben das es dir kaum etwas gebracht hast und weißt wie du es anders machen kannst 🙂 du hast erfahrungen gesammelt – das hat nicht jeder 😉

    liebe grüße, ines

  7. 12. September 2010 22:56

    Schön, dass du wieder da bist, Paul 🙂

    Hinter dem Titel hatte ich als erstes einen Einsatz im Knast vermutet… 😉 Btw, ist sowas überhaupt möglich, oder haben die ihren „eigenen“ Rettungsdienst? Man merkt, ich bin völlig ahnungslos, was das Thema angeht.

    Ich hatte zwar vor einigen Jahren keine Kur gemacht, aber die ambulante Gesprächstherapie hat mir extrem gut geholfen, um einige Sachen aufzuarbeiten und wieder auf die Füße zu kommen… Ich drück dir die Daumen, dass du möglichst schnell einen Therapeuten findest, mit du auch gut klar kommst!

    Bin ich übrigens die einzige, die das ziemlich seltsam findet, wenn bei einem stationären Aufenthalt mit psychischem Hintergrund Einzelgespräche nur einmal die Woche stattfinden? 😕 Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich hätte das… häufiger erwartet.

  8. 13. September 2010 05:37

    Willkommen zurück – freu mich schon, wieder mehr lesen zu können! =)

  9. schrecklichschoenesleben permalink
    13. September 2010 10:38

    Hallo und willkommen zurück.

    Schade, dass die Kur nicht sonderlich gewinnbringend war.
    Zum Thema Gesprächstherapie ein Tipp: Ruf mal bei der Ärztekammer an und frage nach neu zugelassenen Therapeuten. Die haben meistens noch freie Kapazitäten, weil sie noch nicht jeder kennt und einen unverstellten Blick…

  10. 13. September 2010 11:32

    Meine Ärztin ist vom alten Schlag, bei der gibt es nur Kuren. Schicken wollte sich mich in Reha.

  11. nadi permalink
    13. September 2010 16:53

    kur… großes volksfest… sag, gab es in dem kleinen städtchen nicht zufällig auch einen gradierbau neben der kurklinik? 😉

    • 13. September 2010 17:10

      *lach* naja es war/ist noch nicht wirklich fertig 🙂

      • nadi permalink
        14. September 2010 11:32

        hihi dann weiss ich wo du warst … hätt ich das früher gewusst, hätte ich dir die schönen seiten unseres dörfchens und umgebung gezeigt 😉

      • 14. September 2010 18:14

        Meine Mami hat aber gesagt, ich darf nicht mit fremden Menschen mitgehen 😉

      • nadi permalink
        15. September 2010 00:24

        ach ich bin voll klein und unscheinbar, eher hätte meine mami angst um mich gehabt 😉 ich hoffe mal, es hat dir trotz be…scheidener kur in unserem städtchen gefallen – für mich gäb es keinen schöneren ort auf der welt 😉

  12. Begleitung permalink
    13. September 2010 20:34

    Sehr geehrter Herr Paul 🙂

    Anlässlich Ihres netten Kommentars möchte ich Sie höflich darauf hinweisen, dass nicht nur ich mir ein „h“ kaufen muss, sondern Sie sich auch bald nach einer neuen Rechtschreibkorrekturhilfe Ihrer Texte umsehen müssen, wenn Sie mich weiterhin auf so übelste Art und Weise beleidigen 😀

    Hochachtungsvoll, Ihre Büroschlampe 😉

    • 13. September 2010 20:59

      @Begleitung

      Sehr geehrte Begleitung 🙂

      Ich würde mich nie erdreisten, sie zu beleidigen, das war Paul*weglach* und Sie wissen ja, ich revanchiere mich regelmäßig für ihre Arbeit 🙂

  13. 13. September 2010 23:08

    Vielleicht merkst Du erst in ein paar Wochen, was Dir die Reha gebracht hat?

  14. 14. September 2010 00:13

    Schön, dass Du wieder da bist! 🙂
    Willkommen zurück! 😀

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