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Der sieht doch nichts…

20. September 2010

Dass eine „hilflose“ Person das Rettungsdienstpersonal zur Flucht aus dem RTW veranlasst, ist nicht alltäglich, aber nun der Reihe nach:

Fritz ist ein Stammkunde unseres Rettungsdienstes. Jeder Kollege kann von ihm Geschichten erzählen. Meist sitzt oder liegt er irgendwo im Stadtgebiet und hat dem Alkohol in größerer Menge zugesprochen. Durch billigen Fussel ist er irgendwann halbwegs erblindet, eine große Anzahl an Jahren hat er wegen verschiedener Kapitalverbrechen hinter Gittern gesessen. Eigentlich ist er sehr umgänglich, außer man stört ihn beim Rausch-Ausschlafen. Meine Praktikantin und ich haben bis zu diesem Einsatz t eine ruhige Schicht verlebt. Der Melder reißt uns aus unserem gerade angefangenen Gespräch über das bald stattfindende Abschlussgespräch der Kollegin. Auf der Depesche ist zu lesen, dass es zu einer Bäckerei geht und uns dort eine „hilflose Person“ erwartet. Mit Blaulicht und Martinshorn bahnen wir uns den Weg zu unserer Einsatzstelle.

Vor dem Bäcker sitzt Fritz gestützt von 2 Passanten auf dem Gehsteig. Er sieht ziemlich mitgenommen aus, außerdem schwitzt er aus allen Poren, weil er alle möglichen Kleidungsstücke angezogen hat. Ich begrüße ihn mit seinem Vornamen, die beiden Passanten schauten deswegen etwas irritiert und fragten : „Kennen Sie den“!? Ich nickte und kniete mich vor Fritz hin und fragte was denn passiert sei. Seine ziemlich launige Antwort darauf: „Ich bin müde und wollte schlafen“. „Das ist aber nicht gerade der ideale Ort um zu schlafen“, lautet meine Antwort. Fritz nuschelte daraufhin etwas Unverständliches. Ich bedankte mich bei den Passanten für ihre Hilfe. Jetzt ging es darum, was wir mit Fritz machen sollten. Meistens luden wir ihn ein und fuhren in die Psychiatrie oder wenn es nicht weit entfernt war, nach Hause. Da er ziemlich fertig aussah, boten wir ihm an, in die Klinik zu fahren. Er willigte auch ein und wir brachten ihn ins Auto. Dort legte er sich auf Trage. Da ich ihn gerne kurz untersuchen wollte, fragte ich ihn, ob er mal aus seiner Winterjacke schlüpfen könnte. Fritz meinte, dass ich ihm mal gestohlen bleiben könnte. Nun gut, dachten wir uns, wer nicht will, der hat halt schon. Die Kollegin telefonierte währenddessen mit der zuständigen Psychiatrie, ob die Platz für Fritz hätten. Der zuständige Doc wirkte nicht gerade erfreut, sicherte uns aber einen Platz zu.

Die Kollegin hatte gerade aufgelegt, als unser Fahrgast meinte: „Ich habe ne Knarre dabei.“ Ich bekam große Augen und fragte Fritz, was er da gerade gesagt hätte. Fritz wiederholte ungerührt, dass er eine Knarre dabei habe. Mir wurde heiß und kalt zugleich und ich formte für meine Kollegin die Worte „Status 0“. Sie schaltete auch gleich und drückte am Funkgerät die Taste 0. Diese Taste schaltet eine direkte Funkverbindung zu unserer Leitstelle und man kann sofort sprechen, ohne die Sprechtaste zu drücken. Kurz und knapp kam meine Ansage: „Pat. hat Schusswaffe bei sich, wir verlassen das Fahrzeug.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließen wir schleunigst das Auto.

Hinter der nächsten Kreuzung hielten wir an und warteten dort auf die Polizei. Die kam auch recht zügig angeflogen und wir machten uns bemerkbar. Die zwei Kollegen kamen auf uns zu und ich berichtete kurz was vorgefallen war. Da Fritz auch kein Unbekannter für sie war, entspannten sich die beiden ziemlich schnell. „Ach, der Fritz ist doch fast blind, und ne Knarre hat der bestimmt nicht dabei.“ Ja ne is klar..ich mach hier einfach mal aus Spaß so eine Welle *Kopf Tischkante* Gemütlich gingen die beiden zu unserem RTW und öffneten die Tür. Nach einer gefühlten Ewigkeit streckte der eine seinen Kopf heraus und rief uns zu sich. Als ich in den Wagen schaute, stockte uns ziemlich der Atem. Fritz lag bäuchlings gefesselt auf der Trage und der eine Polizist hielt eine mächtige Pistole in der Hand. Der Beamte schaute uns etwas geknickt an und entschuldigte sich. Ich war doch sehr erleichtert, dass die Gefahr gebannt war und wir richtig reagiert hatten.

Für Fritz war die Fahrt in die Psychiatrie gestrichen, denn es ging ohne Umwege auf die nächste Polizeistation. Noch etwas erleichterter waren wir, als die Beamten dann feststellten, dass es sich bei der Pistole „nur“ um eine Schreckschusswaffe gehandelt hatte.

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11 Kommentare leave one →
  1. 20. September 2010 21:56

    Hm… nach Lörrach liest man wohl überall jetzt ähnliche Geschichten… komisch, wie schnell einem sowas scheinbar passieren kann, – bzw. wie viele dazu ‚auch‘ eine Geschichte haben…
    Merksatz bzw. Resultat daraus ist wohl leider: Man lebt nicht ganz in der friede-freude Eierkuchen Welt, wie man denkt… leider.
    Trotzdem, – nett geschrieben 🙂

  2. 20. September 2010 22:16

    Oh Mann… Ein Glück, dass euch nichts passiert ist!

  3. 21. September 2010 07:17

    und irgendwann wird auch hier in Deutschland der Tag kommen wo Rettungsdienstmitarbeiter schusssichere Westen mitführen müssen….

    eigentliche infach nur traurig…

  4. 21. September 2010 12:24

    Jetzt kriege ich im Nachhinein noch Schiss… Zum Glück ist alles gut gegangen!

  5. nadi permalink
    21. September 2010 19:07

    Die hatte er wohl sicherlich nicht eigens für euch dabei, aber allein die Tatsache, dass er sowas sagt, würde mir reichen, schleunigst die Flucht zu ergreifen. Alter „Bekannter“ hin oder her, aber lieber würd ich 3 Mal abhauen und die Polizei rufen als ein Mal lächelnd und abwinknd sitzen zu bleiben und die Lage zu unterschätzen. Eigentlich hat auch schon der Beitrag über den gezielten Überfall auf den RTW vom MHD, den die Rettungsschnepfe auf ihrem Blog veröffentlich hatte, allein gereicht, dass mir wahnsinnig schnell der Stift gehen würde, bei weitaus weniger „direkten“ und „brenzligeren“ Situationen…

  6. Jens permalink
    21. September 2010 21:54

    Und den Polizisten wird der Gesichtszug wohl nur teilweise entgleist sein weil sie euch gesagt haben dass der bestimmt keine Waffe hat, sondern wenn sie mit dieser Überzeugung an die Person herantreten sind, waren sie nicht aufmerksam genug und alles hätte passieren können. Und dass ist denen klar geworden – und der Adrenalinspiegel sicherlich in eine ungesunde Höhe geschnellt.

    1. Polizistengrundsatz – Nie, niemals never davon ausgehen dass eine Person ungefährlich ist.

    • 21. September 2010 22:19

      @Jens

      Willkommen auf meinem Blog. Sicherlich hast du mit deiner Aussage recht. Aber wie überall schleicht sich auch hier die Routine ein, die bei solchen und anderen Einsätzen mächtigst in die Hose gehen können.

      @Nadi

      Der Fall aus Ludwigshafen ist für mich leider das, was sich seit Jahren immer mehr und mehr anbahnt. Schaut man mal nach Berlin/Hamburg gab es solche Übergriffe schon häufiger.

      @derretter

      Es gibt schon Rettungsdienste, wie die BF Münster, die solche Westen schon besitzen. In der benachbarten Schweiz, hat Schutz und Rettung Zürich jedne Mitarbeiter mit Pfefferspray ausgerüstet und man überlegt auch, sich Schutzwesten zu beschaffen.

      @schneckenhäuschen

      Nein diese „Welt“ existiert schon lange nicht mehr. Beschimpfungen und Schubserein sind schon fast alltäglich.

      • 21. September 2010 23:56

        …aber man denkt immer noch, man würde in dieser Welt leben, seien wir doch mal ehrlich.
        Wenn man dem nicht jeden Tag bewusst ausgesetzt ist, vergisst mans recht schnell, dann flackert sowas durch die Medien und plötzlich gehen einem die Augen wieder auf, nur, um dann langsam wieder zuzufallen.
        Und da ist es wohl recht wurscht, was man den lieben langen Tag macht, – sicher ist man nirgendwo, erst recht nicht vor anderen Menschen, – das will und kann ja auch niemand 😉
        Es bleibt einem also nur zu hoffen, dass sich sowas nicht oft wiederholt und das man selber nach Möglichkeit verschont bleibt, – auch, wenn egoismus sonst nicht so meins ist.
        (Genug Zeugs erzählt.^^ Pardonnez-moi, das wollte gesagt werden.)

  7. Shlomo permalink
    23. September 2010 21:59

    Oha… Glück gehabt, dass es keine echte Waffe war (wobei eine Schreckschusswaffe schon genug anrichten kann) und euch nichts passiert ist!
    Zu deinem Vorgehen bei der Sache… ich hätte wahrscheinlich etwas anders gehandelt.
    Sofern der Patient nicht übermäßig stark ist (bzw. eben schwächer als ich ist 😉 ) hätte ich ihn festgehalten, zur Not auch KO geschlagen. Mir wäre das Risiko zu groß gewesen, dass der Kerl dann angepisst davon ist, dass sich das Personal entfernt und vielleicht auf die Idee kommt, mit seiner Knarre auf Wanderschaft zu gehen und im dümmsten Fall noch seinem Ärger damit Luft macht…
    Wohlgemerkt, das schreibe ich am heimischen PC ohne die genaue Situation wirklich zu kennen und ohne selbst dabei gewesen zu sein- vielleicht hätte ich auch ganz anders gehandelt.
    Hauptsache, ihr seid gesund dort raus gekommen!

  8. 29. September 2010 18:32

    puh, gottseidank hatte ich den fall „patient mit schußwaffe“ noch nie. „patient mit messer“ hat mir auch schon gereicht….

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