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Fremde Stadt…

17. Oktober 2010

Heute hatte ich Dienst mit einem Kollegen, den ich sehr mag und fachlich auch schätze. Wir sind uns vom Typ her sehr ähnlich, denn wir bleiben auch in stressigen Situationen ruhig und besonnen. Dass uns das heute auch helfen wird, wissen wir natürlich zum Start des Dienstes noch nicht.
Die erste Fahrt wartet auch nicht lange auf sich, es geht in ein Altenheim der Stadt. Unser Patient hatte seinen 3. Schlaganfall. Wir fragen bei der Leitstelle nach, wohin wir mit unserem Patienten hin können. Da alle Bettenkapazitäten in unserer Stadt voll sind, müssen wir in die nächste Großstadt. Die Fahrt gestaltet sich unproblematisch, wir können nach 30 Minuten Fahrt unseren Patienten übergeben. Da es schon fast Mittagsessenszeit ist, beschließen wir in der hauseigenen Kantine ein preiswertes Mahl zu uns zu nehmen. Danach stehen wir vor unserem RTW und rauchen gemütlich eine, als wir über Funk hören, das ein freier RTW an der Uniklinik gesucht wird. Wir schauen uns kurz an, und in dem Moment greife ich schon zum Funkhörer und melde, dass wir für jede Schandtat bereit sind 🙂
Wer mal in einer fremden Stadt eine Blaulichtfahrt gemacht hat, weiß, wie doof das ist. Zum Glück bekommen wir von der Leitstelle die Route aufs Navi geschickt, aber Navi und Einsatzfahrt sind 2 Dinge, die nicht wirklich miteinander harmonieren, denn mit Schnelligkeit hat es unser Navi nicht und prompt fahren wir an der Kreuzung geradeaus weiter, wo wir hätten rechts abbiegen müssen. 200 Meter später haben wir den Fehler bemerkt und machen eine 360 Grad-Wendung auf der doch recht befahrenen Hauptstraße. Zum Glück haben wir nicht viel Zeit verloren und nähern uns einer eher sozial schwachen Wohngegend dieser Großstadt. Vor einem großen Mietshaus hat sich schon eine Traube Menschen gebildet, die winkend auf sich aufmerksam macht. Als wir aussteigen, schwillt das Konzert von heulenden Familienangehörigen beträchtlich an.

Eigentlich sind wir nur wegen Koliken angefordert worden, aber man könnte glatt meinen, hier ist schon jemand gestorben. Wir werden in eine kleine Wohnung geführt, dort schwillt das Konzert auf geschätzte 130 DB an. Auf dem Boden liegt ein Mann. Er windet sich vor Schmerzen. Man versteht fast kein Ton, denn jeder weint oder schreit durch die Gegend. Jetzt kommt uns doch unsere ruhige Art sehr entgegen, mein Kollege kümmert sich um die Angehörigen und schickt sie entweder in andere Zimmer oder nach draußen. Ich versorge erst mal unseren Patienten, der retrosternale Schmerzen im Brustkorb angibt, die in Rücken und Wirbelsäule ausstrahlen.  Koliken sehen anders aus, aber ich habe keine Zeit darüber nachzudenken. Wir fordern unseren Notarzt nach, zwar sieht man auf dem 12 Kanal EKG nichts, aber man weiß ja nicht!

Unser Notarzt ist schnell da, und nun gibt’s Medikamente im Sekundentakt. Wir werden in der Uniklinik angemeldet und wir tragen mit einem Tragetuch den Patient nach draußen. Draußen ist es wieder unheimlich laut und dadurch megastressig. Natürlich möchte die halbe Verwandtschaft mitfahren, aber unser NEF Fahrer verweist die Menschen aus unserem Auto. Uns klingeln immer noch die Ohren. Endlich ist mal etwas Ruhe und wir können langsam im Schlepptau mit 3 Familienvans die Fahrt Richtung Klinik antreten. Als wir dort ankommen, steht der halbe Clan schon wieder vor der Notaufnahme und es wird wieder laut, zum Glück dürfen sie nicht mit rein. Dafür stehen sie, als wir wieder heraus kommen, lauthals ins Handy sprechend in der Auffahrt.

Nun brauchen wir erst einmal Ruhe und ein Kippchen. Deshalb setzen wir uns auch auf eine Bank im Grünen, weit weit weg von dieser Geräuschkulisse.

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8 Kommentare leave one →
  1. 17. Oktober 2010 18:29

    Diese Ansammlung von Menschen, die zumindest indirekt von so einer Situation betroffen sind, gibt es leider immer wieder.
    Ich kann zwar verstehen, dass die Menschen sich in einer ungewohnten Situation befinden und nicht wissen wie sie damit umgehen sollen, leider behindern sie dennoch häufig die Arbeit der Rettungskräfte. Dies kenn ich auch von unseren Einsätzen nur zu gut.

    Du meintest übrigens eine 180° Drehung, denke ich. 360° Grad wären wohl eher unpraktisch 😉

  2. 17. Oktober 2010 19:21

    @Papawhiskey

    Willkommen auf meinem Blog 🙂 Ja 360 sind ein bisschen zuviel, aber ich bin ja kein Mathematiker..sonder nur Krangewarefahrer 🙂

    • 18. Oktober 2010 13:55

      Ja als Tastaturquäler musste ich hier einfach mal ein bisschen den Klugscheißer raushängen lassen 😉

      Wie sind eigentlich deine Erfahrungen bezüglich Angriffe / Agressionen gegenüber Einsatzkräften? Man hört ja heutzutage vermehrt davon. Würde mich mal interessieren.

      • 18. Oktober 2010 14:14

        @Papawhiskey

        *lach* armer Kerl 🙂 Hier auf meinem Blog gibts zu dem Thema schon ein paar Artikel. Bisher ist fast alles glimpflich abgelaufen. Aber man liest mehr heute darüber, wenn Kollegen angegriffen werden. Und ich habe in den letzten Jahren fest gestellt, das die Hemmschwelle agressiv oder gar gewalttätig zu werden immer mehr und mehr sinkt. Wohin das führen wird, möchte ich eigentlich nicht wissen.

        @Chris

        Mir viel nichts bessers ein 🙂

    • 18. Oktober 2010 14:05

      Wie? Der Krangewarefahrer bin doch ich 😉

      Aber solche Horden von Angehörigen sind wirklich übel. Gerade bei südländischen Landsmännern ist das öfter mal der Fall. Und idealerweise wollen alle dann Tips geben, was man doch am besten zu machen hat, etc etc. Da könnte ich immer aus der Haut fahren. Aber in der Regel sperre ich sie dann auch nur aus 🙂

  3. 18. Oktober 2010 04:52

    hmm… same shit, different day, sag ich da nur.

  4. 23. Oktober 2010 22:46

    Nett geschrieben, mal wieder, Herr Müller 😉
    Dazu fällt mir dann noch ein ‚Andere Länder, – andere Sitten‘ ich kenne auch ausländische Krankenhauszimmerkollegen, – es scheint einfach üblich zu sein, dass die ganze Sippe aufpasst, was da passiert, – wer weiß, was das alles hilft?! 😀
    (Und dann mal wieder… rauchen im Rettungsdienst… *lach* irgendwie scheint das ’ne Grundvoraussetzung zu sein?^^ 😉 )

  5. Peter permalink
    12. Juli 2011 09:30

    So ein Auflauf ist nicht ganz ohne – auch wenn das ganze nicht aggressiv ist, kann das dumm enden. Ich habe sowas mal als Ersthelfer erlebt, da war vor dem Saal eines Henna-Abends die Brautmutter kollabiert. Aufregung, schwülwarmes Wetter und ein dicker Schleier waren nicht die besten Kombinationen. Die Mutter war auch recht schnell wieder da, nachdem eine Tochter den Schleier etwas gelokert hatte und wir die Beine hochgelagert haben. In dieser Zeit kamen aber gut 100 Gäste der Feier auch raus und es schaukelte sich eine Panik hoch. Das ganze war wirklich völlig gewaltfrei! Als der erste RTW da war kippte die zweite Frau um. Mit Eintreffen des NEF noch zwei weitere und aus dem Saal kam jemand und schrie, dort drin wären auch Frauen kollabiert.
    Am Ende hatten wir zwei NEF, fünf RTW und die Einsatzhundertschaft der Polizei nebst ein paar Streifenwagen da.
    Vom RD transportiert wurde definitiv nur die erste Patentin, da sie sich wol auch beim Sturz den Kopf gestossen hatte. Alle anderen konnten vor Ort wieder auf die Füße gebrcht werden.
    Die Gäste waren allesam weiblich und ncht alkoholisiert – trotzdem darf man Gruppendynamik und Fehleinschätzungen durch Unwissenheit ncht unterschätzen. Was ich heute noch vor Augen habe, ist die jüngste Tochter der Brautmutter, ca. 8 oder 9 Jahre alt, die immer wieder laut „Meine Mutter stirbt“ brüllt und so unbewusst die Stimmung anheizt. Wenn das jetzt in einer Fremdsprache gewesen wäre, hätte man die Situation gar nicht kommen gesehen.

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