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Hilfe, hilfe…

8. November 2010

Am Anfang seines jungen Retterdaseins glaubt man ja immer, dass wir, egal weshalb wir gerufen werden, helfen können. Das dies nicht so ist, habt ihr sicher schon aus einigen meiner Artikel herauslesen können. Heute möchte ich euch allerdings abseits von Reanimationen und schweren Verkehrsunfällen von einem Einsatz erzählen, der für mich ein Spiegelbild der Gesellschaft ist.


Angefangen hat dieser Einsatz wie eigentlich jeder. Mein Zivi und ich sitzen gemütlich auf der Wache. Wir haben Nachtdienst und irgendwann piept der Melder. Auf der Alarmdepesche steht nichts Ungewöhnliches. Es geht in den Wachbereich der Kollegen zu einem internistischen Einsatz. Als wir gerade aus der Wache fahren, meldet sich die Leitstelle. Wir bekommen zu hören, dass an der Einsatzstelle 2 Personen am Fenster stehen und um Hilfe rufen. Mhh denke ich mir, was uns da wohl erwarten wird. Wir biegen in die Straße ein und als wir vor besagter Hausnummer anhalten und aussteigen, sieht man schon 2 Personen, die am offenen Fenster stehen und rufen. Schaut alles nicht dramatisch aus. Der ältere Herr, der dort am Fenster steht, ruft, dass sie ihre Haustür nicht aufbekommen würden. Man benötige Hilfe diese zu öffnen. Wir klingeln erst einmal das Haus wach, damit wir wenigstens in den Flur kommen. Dann schauen wir, ob nicht die älteren Herrschaften einfach nur verwirrt sind und der Schlüssel von innen steckt. Die Wohnungstür im Stockwerk drüber geht auf und eine ältere Frau erscheint im Treppenhaus. Sie erzählt uns, dass die beiden Patienten einen Schlüssel hätten, und man endlich mal was unternehmen müsste wegen denen. Aus der Wohnung hören wir nun, das die besagte Frau einen Ersatzschlüssel für die Wohnung besitzt und wir diesen Schlüssel benutzen sollten.Wir sprachen darauf die Dame an, die uns nur mitteilte, dass sie zwar einen Schlüssel besitzt, aber diesen nicht herausgibt. WTF??? Ich erklärte der Frau, dass ich, falls sie nicht den Schlüssel herausgibt, mich genötigt sehe, die Kollegen der Feuerwehr zu holen, damit diese die Tür aufbrechen. Nein, den Schlüssel geb ich nicht raus, die haben  einen, die können auch aufschließen. Mir schwollen leicht die Adern. Also wieder an dir Tür unserer Patienten gelaufen und freundlich noch mal gefragt, ob nicht doch der Schlüssel steckt oder sich irgendwo in der Wohnung befindet. Von innen wir weiter versucht, die Türe zu öffnen, was aber nicht gelingt.

 

 

Mir reicht es langsam, und ich frage die Mitbewohnerin, ob sie uns doch bitte den Schlüssel für die Wohnung zur Verfügung stellt. Nach endlosen Minuten rückt die Frau den Schlüssel raus. Ich stecke den Schüssel und versuche die Tür aufzuschließen. Es passiert aber nichts, der Schlüssel passt nicht. Langsam frage ich mich, in welchen Film ich hier gerade gelandet bin. Vielleicht hat uns die Dame ja den falschen Schlüssel gegeben. Diese beteuert aber, dass dies der Ersatzschlüssel ist. Hinter der Tür rufen abwechseln die älteren Herrschaften, dass man doch jetzt endlich mal die Tür aufmachen soll.

Nun gut, bleibt uns nichts anderes übrig als die Jungs von der Feuerwehr zu holen. Die sind auch schnell vor Ort und nach nur 30 Sekunden ist die Tür auf. Drinnen erwartet uns ein nicht unbekannter Geruch, den man in verwahrlosten Wohnungen immer findet. Die Temperatur beträgt gefühlte 45 Grad plus. Das ältere Paar ist auf den ersten Blick unverletzt, also eigentlich nichts für uns. Doch die beiden sind nicht in der Lage, sich selbst wirklich zu versorgen. Es liegt Butter mitten auf dem Wohnzimmertisch und diese hat schon Füße bekommen, sprich: es laufen Maden darüber. Auch leiden beide an Demenz, was sich darin wiederspiegelt, dass versucht wurde, andere Zimmertüren gewaltsam zu öffnen und der Mann davon berichtet, dass fremde Menschen in seinem Bett übernachten würden. Einfach in die Psychiatrie einweisen geht auch nicht, denn beide sind zwar dement, aber sie stellen keine Gefahr für sich und andere dar.

 


Ginge es nach der Polizei, die zwischendurch eingetroffen ist, sollte die Feuerwehr die Tür wieder notdürftig herrichten und dann sollten wir wieder abhauen. Klar könnten wir, nur, dass wir bestimmt 3 Std. später wieder hier aufschlagen würden. Außerdem kann ich die Leute nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Ich telefoniere mit der Leitstelle, ob wir nicht über die Stadt einen Platz  im Altenheim oder dergleichen kurzfristig bekommen könnten. In der Zwischenzeit erfahren wir, dass die Frau unter richterlicher Betreuung steht. Aber auch das erweist sich als Sackgasse, denn weder Name noch Telefonnummer ist aus dem Ehepaar heraus zu bekommen. Auch finden sich in dem Chaos keine Unterlagen. So ist unsere letzte Hoffnung, dass das Amt diesen Menschen helfen kann. Nach 20 Minuten kommt der Rückruf der Leitstelle, man erreicht niemanden. Na super, denke ich mir. Wir stehen schon fast 1 Std. hier rum, länger dürfen und können wir leider nicht bleiben. Die Feuerwehr baut ein Notschloss ein, und wir müssen uns schweren Herzens verabschieden. Das Ehepaar steht verwirrt an der Tür, als wir zum RTW laufen.

 


2 Tage später bekomme ich einen Anruf vom Ordnungsamt. Man möchte noch mal hören, was wir dort vorgefunden haben. Die Frau versichert mir, dass sich um das Paar gekümmert wird und dass man eine Unterbringung in einem Altenheim anstrebt.


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16 Kommentare leave one →
  1. 8. November 2010 23:44

    Oh Mann. Oh Mann. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Oh Mann.

  2. 9. November 2010 07:20

    Was es nicht alles gibt. O_O

  3. 9. November 2010 07:36

    So läufts…
    Für alles, Kranke, Verrückte, für alles was in unser Schema reinpasst, haben wir die Möglichkeiten.
    Aber kaum ist ein Patient nicht in unserem „Raster“ eingliederbar, weiß man nicht wohin damit…

    Mal schauen ob sich da irgendwann mal was tut, auch wenn mir grade nicht einfallen will was man da tuen könnte
    Grüße

  4. Begleitung permalink
    9. November 2010 07:51

    Ich bin froh, dass sich das Ordnungsamt jetzt darum kümmert. Hätte an deiner Stelle auch kein ruhiges Gewissen gehabt, wenn ich nicht gewusst hätte, ob sich im Anschluss irgendjemand kümmert. Hoffentlich haben sie es auch wirklich getan!!

    Ich wünsche dir einen schönen Morgen 🙂 Muss mich jetzt beeilen… bis heute Nachmittag *umarmt*

  5. 9. November 2010 15:58

    Das ist echt traurig. Schrecklich, wenn man so hilflos daneben steht…

  6. 9. November 2010 17:11

    Ich hatte einen ähnlichen Fall vor vielen Jahren in einer deutschen Großstadt. Eine ältere Dame, ich würde sie „typisches Omachen“ nennen, weiße Haare, nett, lieb…aber eben dement und nicht in der Lage sich selbst zu versorgen.
    Die Diakonie hatte uns gerufen, eigentlich nur als „Hilfeleistung“, erwies sich dann aber auch als knapp 2stündigen Einsatz.
    Die RTW-Schicht vor uns war auch schon dort, aber nicht so mitfühlend wie wir…

    … Irgendwann haben wir dann gemeinsam mit Polizei, Amt und Diakonie einen Kurzzeitpflegeplatz für die Dame in der Stadt gefunden.
    Was aus ihr dort wurde, ist nicht bekannt.

    Ist mir eben eingefallen, als ich Deine Story gelesen habe. Sehr schwierige Angelegenheit, hat mich damals auch mitgenommen (in anderem Sinne als schlimme Vus o.ä.)…

  7. 9. November 2010 19:40

    Echt traurig, ja. Und leider sieht man das immer mal wieder. Zwar nicht immer ganz so krass, aber zumindest ähnlich. Da sieht man dann immer wieder, wie es um die Nachbarschaft bestellt ist.

    Aber die Sache mit der verschlossenen Tür hat mich eben direkt an eine Folge von „Toto & Harry“ (gibts das eigentlich noch?) erinnert. Da wurden sie auch zu einer Frau gerufen, die sich eingeschlossen hatte und den Schlüssel nicht mehr fand. Auf der einen Seite war es zwar schon ziemlich rührend und traurig, die arme Frau so verwirrt da zu sehen, auf der anderen Seite musste man aber auch schmunzeln. Vor allem, als die beiden einen Zettel fanden, der wohl für eventuelle Einbrecher bestimmt war. Darauf stand: „Finger weg vom Klauen in meiner Wohnung!“ Das werde ich glaube ich nie vergessen 🙂

  8. BRC_Medic permalink
    9. November 2010 20:09

    Das ist das „schoene“ am RD/KTP-Dienst. Man bekommt das ganze Spektrum mit. Von gutem Mittelstand bis hinterletzte Butze.
    Tauschen moechte ich trotzdem mit niemanden der in letztere gerufen wird. Danke fuer den Blog-Eintrag, zeigt mir das es noch schlimmer sein kann als was ich biseher gesehen habe ….

  9. Rettungsschnepfe permalink
    9. November 2010 21:30

    Auch schon oft genug erlebt – leider *seufz*

  10. 10. November 2010 10:59

    Bei uns gibt es vom diensthabenden Ärztlichen Notdienst in solchen Fällen recht schnell eine Freifahrt in die diensthabende Psychiatrie. Leider!

  11. 10. November 2010 20:37

    Hm. Vielleicht habe ich als Laie ja einfach eine andere Definition davon, aber stellt jemand, der in so einer Wohnung „wohnt“ (vegetiert wäre vielleicht der bessere Ausdruck) tatsächlich keine Gefahr für sich da? Oder bezieht sich der Ausdruck eher auf „akute Gefahr“ à la „Ich spring jetzt aus dem Fenster“?

    • 10. November 2010 22:58

      @Ozyan

      Natürlich stellt auch dieser mensch irgendwann eine Gefahr für sich und andere dar, aber nicht akut. Und genau darum dreht es sich auch. Das Unterbringen für 24 Std. in einer Psychiatrie ist an Gesetze gebunden, und da fällt niemand drunter, bei dem „nur“ die Maden über die Butter laufen.

      @Marcus

      Wobei das rechtlich nicht einwandfrei ist und ich selbst da auch meine Bedenken hätte.

      • 11. November 2010 21:29

        Okay, verstehe… Ist zwar doof, aber schon irgendwie nachvollziehbar 😐

  12. 11. November 2010 08:32

    Frag mal mich! Leider gewinne ich nur sehr selten die Diskussion gegen die Damen und Herren Einweiser 😦
    Ich finde da wird es sich zu einfach gemacht. Allerdings muss es bei uns im Ort ja auch immer schneller wie schnell gehen.

  13. 12. November 2010 23:12

    😦
    Hoffentlich klappt das mit der Unterbringung.

  14. 15. November 2010 21:30

    Auch ich kann nur sagen, dass sowas sehr traurig, aber leider nicht selten ist.
    Oft genug flehen schon Angehörige, dass wir etwas unternehmen sollen (warum auch immer sie nicht selber etwas unternehmen).

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