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Warum…

27. November 2010

Heute möchte ich euch von einem Einsatz berichten, der mich und auch die bei dem Einsatz dabei gewesenen Kollegen sehr erschüttert hat. Auch wenn ich heute daran denke, laufen mir immer noch kalte Schauer über den Rücken. Nach diesem Einsatz ging es mir einige Tage hundeelend, ich konnte schlecht schlafen und mir war öfters zum Heulen zumute.

Es war eine laue Sommernacht und mein Kollege und ich fuhren den RTW der Stadt. Da Wochenende war, warteten wir gespannt auf die erste Discofahrt und den ersten Betrunkenen. Doch bis 12 Uhr fuhren wir nur wirklich kranke Menschen in die Kliniken der Stadt. Schon komisch dachten wir beide, aber wir hatten ja noch ein paar Stunden vor uns. Gegen 1 Uhr legten wir uns hin, denn warten wollten wir nicht mehr. Die Stunden verstrichen, und wir schliefen bis es langsam hell wurde.

 

Zu dieser Zeit machten sich einige Freunde auf dem Heimweg aus einer Kneipe. Sie hatten gefeiert, wie man das halt macht, wenn man jung ist. Auch floss reichlich Alkohol diese Nacht. Zum Glück waren alle aber so vernünftig, ihr Auto stehen zu lassen, als sie sich auf den Weg nach Hause machten. Julia und ein Freund hatten fast den gleichen Weg. Als sie an einer großen Kreuzung ankamen, lief ihr Freund einfach über die Straße, während Julia die Unterführung nutzte. Sie hatte zwar getrunken, aber sie lief nicht kopflos durch die Gegend. Zu diesem Zeitpunkt machten sich zwei Kumpel betrunken mit dem Auto auf den Heimweg. An der übernächsten Straße trennen sich Julia und ihr Begleiter, sie hatte nur noch 800 Meter bis nach Hause.

 

Es ist kurz vor 6 Uhr, noch ca. 1 Stunde Dienst und wir liegen noch immer im Bett. Der Melder neben meinem Bett steht friedlich in der Ladestation. Plötzlich piept und vibriert mein Melder, als es im Melder rauscht, bin ich schon mit den Füßen aus dem Bett und bei der Durchsage bin ich schon fast angezogen. Es geht mit Blaulicht zu einem Internistischen Notfall in die Innenstadt. Auf der Alarmdepesche, die mein Kollege mir reicht, steht nicht viel. Eine hilflose Person auf der Straße, mehr Informationen gibt es nicht. Als ich den RTW einsteige, meint mein Kollege noch, vielleicht ist das unser erster Besoffener. Die Stadt ist menschenleer, wir haben ca. 7 Minuten Anfahrt. Als wir knapp auf der Hälfte des Weges sind, alarmiert die Leitstelle das NEF zu einem chirurgischen Einsatz auch in die Innenstadt. Mein Kollege und ich schauen uns verwirrt an, außer uns ist doch niemand unterwegs!? Da gibt uns die Leitstelle schon durch, das wohl ein großer Blutfleck neben dem Patienten ist und sie vorsichtshalber das NEF mitschicken.

 

Sie sprechen noch kurz darüber, wie schön die Party gewesen sei. Dann dreht sich der Freund um und schwankt die letzten Meter zu seiner Wohnung. Julia muss noch die Straße überqueren, dann in die nächste Straße einbiegen und schon ist sie zu Hause. Als sie den Fuß auf die Fahrbahn setzt, rast das Auto mit den zwei Kumpels mit über 70 km/h heran. Julia ist auf der Straße, als sie vom PKW erfasst wird. Sie verliert beim Aufprall ihre Schuhe, mit dem Kopf knallt sie mit voller Wucht gegen die Frontscheibe und ihre Unterschenkel verdrehen sich beim Kontakt mit der Stoßstange. Ihr Körper fliegt über das Auto und landet im Rinnstein.

 

Als wir in die Straße einbiegen, sehen wir 3 Menschen auf dem Bürgersteig stehen und eine Person, die im Rinnstein liegt. Da sonst noch niemand vor Ort ist, stellen wir das Auto so hin, dass niemand mehr durch kommt. Als ich aussteige, ist es seltsam ruhig, kein Vogelgezwitscher, kein Geschrei, einfach nichts. Wir holen unser Material und schon im Hingehen wird mir flau im Magen. Neben der jungen Frau ist ein ca. 2 qm großer Blutfleck zu sehen. Den Kopf sieht man nicht, weil das Oberteil über den Kopf gerutscht ist. Ich knie mich neben Julia, mein Herz rast, denn ich muss mir den Kopf ansehen, doch wenn ich den riesigen Blutfleck sehe, dann möchte ich nicht wissen, wie der Kopf aussieht! Mein Hände zittern, als ich den Kopf abtaste, zum Glück ist der Schädel stabil. Jetzt greift auch wieder meine Routine. Ich schneide das Oberteil auf und eigentlich ist mir schon jetzt klar, dass wir den Kampf bereits verloren haben. Wir kleben trotzdem unsere Defipads. Als ich ihr in die Augen leuchte, sind sie schon entrundet. Da kommt auch schon das NEF, wir übergeben das Vorgefundene und unser NA schüttelt den Kopf. Wir holen schnell ein Laken aus dem Auto und decken Julia damit zu. Jetzt erst sehe ich die Fahrzeugteile, die um uns herum liegen. Wir lassen alles so liegen, damit wir keine Spuren verwischen.

 

Die beiden Kumpel haben nicht wirklich angehalten. Sie flüchten aus der Stadt und verstecken das Auto in einem kleinen Wäldchen. Danach manipulieren sie es so, als ob es angeblich geklaut worden ist.

 

Unsere Arbeit war getan. Schnell legte sich über uns eine bleierne Schwere, jeder wusste so langsam was passiert war. Junge Frau wurde von PKW überfahren und dieser war flüchtig. Mein Kollege war kalkweiss, er kannte Julia vom Sehen. Fast jeder kannte sie, denn sie hatte einen sehr großen Freundeskreis, war im Karnevals- und in einem Musikverein. Da die Straße nicht komplett gesperrt war, liefen immer wieder einige Passanten vorbei, die beim Anblick des zugedeckten Leichnams schlagartig ihre Gesichtsfarbe wechselten.

 

Wir standen herum, jeder hing sein Gedanken nach. Irgendwann habe ich mich an meinen RTW gesetzt und eine nach der anderen geraucht. Da lag eine junge Frau, das Leben noch vor sich, und nun lag sie tot im Rinnstein.

 

Noch am gleichen Tag wurde das Auto der beiden Unfallfahrer durch einen Hubschrauber der Polizei gefunden.

 

Langsam packten wir unser Material zusammen und fuhren still auf die Wache. Zu viert setzten wir uns noch mal zusammen, um über den Einsatz zu sprechen. Eigentlich wollte ich nur noch nach Hause, denn ich war total niedergeschlagen. Die nächsten Tage verbrachte ich wie in Watte…

 

Nach rund 2 Monaten wurden wir zu einer Zeugenaussage zur Kripo bestellt. Wir machten unsere Aussagen und warteten auf den Gerichtstermin. Rund 1 Jahr später bekam ich meine Vorladung. Es war für uns alle sehr beklemmend. Eine ältere Frau berichtete vor dem Saal, dass sie seit diesem Tag unter Albträumen leidet, auch den anderen Zeugen erging es ähnlich.

 

Julia wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Der Täter bekam 3 ½ Jahre Haft, der Beifahrer etwas über 1 Jahr. Beide legten Revision ein, weshalb wir nochmals vor Gericht erscheinen mussten. Da das Gericht jedoch sogar darüber nachdachte, Mordmerkmale in Betracht zu ziehen, zogen die Verurteilten ihre Revision zurück.



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21 Kommentare leave one →
  1. 27. November 2010 19:18

    Schrecklich. Eine traurige Geschichte, aber sehr schön geschrieben…

  2. 27. November 2010 20:02

    Sch***!!!

    Sowas ist echt ätzend!!

    Dein Einsatz erinnert mich ein wenig an einen meiner Einsätze…

    Aber sehr schön geschrieben!
    Mir ist ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen!!!

  3. 27. November 2010 20:03

    Ich bewundere euch Retter dafür, dass ihr trotz solcher Tragödien weitermacht, um Menschen zu helfen.

    Wirklich berührend geschrieben. Ich hab immer noch eine Gänsehaut und einen Kloß im Hals.

    Danke.

  4. 27. November 2010 21:05

    Hey ,

    wow.. das ist einer der Einsaetze, die ich keinem Kollegen wuensche.

    Tut mir Leid fuer dich.. ich hoffe, du kannst differenzieren.. :/

  5. 27. November 2010 22:21

    *schluck* schlimm diese Geschichte! Aber ganz ganz gut geschrieben! Danke dafür!

    Fühl dich geknuddelt *knuddel*

  6. rettungsdienstblog permalink
    27. November 2010 23:25

    Echt heftig, solche Einsätze.

    Die berühren einen zwangsläufig immer sehr, weil man entweder selber noch jung ist oder das evtl auch sein eigenes Kind gewesen sein könnte.

    Finde das Verhalten der beiden im Auto abartig! Sowas von verantwortungslos und niederträchtig, da wünscht man sich schon fast härtere Strafen,..ach was, die bringen leider auch nichts.

    Echt heftige Geschichte.

  7. dadreloaded permalink
    28. November 2010 00:21

    Sowas ist schrecklich. Uns ist mal ein Kind im Alter meines großen Sohnes nach einem VU unter den Händen weggestorben. Wir hatten alles da. 2 Satz schweres TH-Werkzeug, 2 RTW, 2 NEF, 2 RTH und Manpower ohne Ende. Aber wir konnten nichts mehr für ihn tun.

  8. 28. November 2010 00:27

    Oh Gott Paul :O
    Ich komme grad von einem Geburtstag und weiß, dass einige heute Nacht gut angetrunken noch nach Hause fahren werden. Und ich fands so schon komisch, die letzten paar hundert meter allein gegangen zu sein. Und dann les ich den Text. Mir wird ganz anders.
    Schlimme Geschichte, keine Frage, aber du hast sie auch gut ‚erzählt’…
    Gute Nacht und liebe Grüße vom Schneckenhäuschen… fühl dich gedrückt…

  9. 28. November 2010 00:38

    Schön erzählt, die Geschichte.

    Nur 3,5 Jahre und 1 Jahr – und dann legen die auch noch Revision ein. Wie bekloppt muß man eigentlich sein, um das nicht zu peilen? Man man, manche möchte man am liebsten …

    • Mr. Gaunt permalink
      28. November 2010 13:49

      Ich denke, die haben sich nicht wirklich selbst entschieden, sondern sind von einem „kompetenten“ Anwalt dazu überredet worden, der sich jetzt über zusätzliche Kohle freut. Macht das aber auch nicht besser.

  10. 28. November 2010 09:56

    Ja, Gänsehaut, sehr schön geschrieben. Ich bewundere Euch, daß Ihr Tag ein Tag aus diesen Job macht. Toll! Und vielen Dank!

    • 28. November 2010 10:06

      @all

      Vielen lieben Dank für die Kommentare.

      @Federkiel

      Glückwunsch, du hast den 1000 Kommentar auf meinem Blog geschrieben 🙂

  11. 28. November 2010 11:35

    31/2 jahre für ein Menschenleben ist viel zu wenig…
    Während ich Deinen Artikel gelesen habe ist es mir eiskalt den Rücken runtergelaufen…
    manchmal geht das Leben seltsame Wege…
    R.I.P Julia…

  12. Squirrel permalink
    28. November 2010 11:36

    F***…so einen Einsatz wünscht man echt niemand 😦

    Aber danke, dass du ihn hier aufgeschrieben hast!

  13. 28. November 2010 13:36

    Und wieder ist ein unschuldiger und viel zu junger Mensch unfreiwillig aus dem Leben gerissen worden. Sowas ist einfach sch….
    Wenn man dann noch nicht mal den Mut hat, zu seiner dummen und verantwortungslosen Tat zu stehen hätte der Richter mal besser direkt bei Einlegen der Revision das Strafmaß verdoppeln sollen. Und selbst das wäre noch zu wenig.

    Danke für diesen Beitrag, der einem wirklich Gänsehaut macht!

  14. Mr. Gaunt permalink
    28. November 2010 13:51

    Traurig, aber gut geschrieben.
    Bei solchen Geschichten bin ich immer noch froh, nicht in die Medizin, sondern in die Pharmazie gegangen zu sein.

  15. 28. November 2010 18:04

    Ach Du Schreck!
    Ich finde das Strafmaß auch äußerst milde … und die Idee, überhaupt in Revision zu gehen, echt frech.

  16. 1. März 2012 17:51

    Kennst du eigentlich „Crash Kurs NRW“?
    Dort berichten Leute von FW, RD, POL, Seelsorge u. w. aber auch Angehörige der Unfallopfer und erzählen von einem typischen Diskounfall.

    • 1. März 2012 18:24

      @AusNRW

      Willkommen auf meinem Blog. Nein das kannte ich noch nicht und ich werde das Video evtl. für einen meiner nächsten Artikel verwenden.

Trackbacks

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