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Ein ganz normaler Notfall…

17. Dezember 2010

Der Tagdienst beginnt ganz harmlos, heute hab ich Kai als Kollege auf dem Auto. Er ist erst seit kurzem bei uns und man muss immer mal ein Auge mehr auf ihn haben. Nachdem wir unseren RTW gecheckt haben, gönnen wir uns einen Kaffee. Da wir noch Brötchen zum Frühstück brauchen, machen wir uns auf den Weg. Kaum haben wir alles beisammen, bimmelt auch schon der Melder. Wir sollen in ein Neubaugebiet, dort soll ein Patient in die Psychiatrie gebracht werden.

Wir fahren los, und ich lasse mir kurz über Funk von der Leitstelle erklären, was uns dort erwartet. Durch meine bisher gemachten Erfahrungen bin ich bei solchen Einsätzen sehr vorsichtig geworden. Unser Patient hat wohl dem Alkohol zu gesprochen und vielleicht Medikamente zu sich genommen. 10 Minuten später stehen wir vor einem schönen großen Haus. Wir nehmen nichts mit, unser RTW versperrt dabei die Straße. Da uns der Mann selbst die Tür öffnet und ein Nachbar mit seinem Auto gerne weg fahren möchte, schicke ich Kai wieder zum RTW, um diesen umparken zu lassen. Das soll sich später als sehr wertvoll erweisen, denn Kai parkt ihn so, dass wir genau in Fluchtrichtung stehen. Währenddessen spreche ich mit dem Mann, frage warum er uns gerufen hat. Seine Frau hat ihn verlassen, er könnte einfach nicht mehr. Alkohol hat er wohl nicht wirklich viel getrunken und Medikamente hat er auch nicht zu sich genommen. Kai kommt hinzu und ich erkläre ihm kurz, was bisher passiert ist. Dann erkläre ich unserem Patienten, dass ich mit der Psychiatrie sprechen muss, ob wir ihn dorthin fahren können.

 

Dem diensthabenden Psychiater erkläre ich kurz die Lage, der ist eigentlich der gleichen Meinung wie ich. Es gibt momentan keinen Grund den Mann notfallmäßig in die Psychiatrie zu fahren. Der Patient solle sich später noch mal melden, um ein Aufnahmegespräch zu vereinbaren. Dies erkläre ich ihm auch in aller Ruhe. Die Stimmung kippt, der Patient möchte unbedingt in die Psychiatrie. Ich versuche ihm nochmals zu erklären, dass wir ihn nicht fahren können, er aber nachher dort anrufen kann, um eine Aufnahme zu klären. Auch schlage ich ihm vor, zu seinem Hausarzt zu gehen, um sich evtl. mal mit jemandem zu unterhalten. All das lehnt der Mann jedoch ab und wird zunehmend aggressiver im Tonfall. Er fragt mich, ob er erst eine Wodkaflasche leeren muss, damit wir ihn mitnehmen. Als ich das verneine, sagt er, ob er sich dann mit seiner 9 mm – Waffe in den Kopf schießen soll. Nun schrillen bei mir alle Alarmglocken. Ich versuche ruhig auf den Mann einzuwirken, was aber völlig misslingt. Wir bewegen uns langsam Richtung Haustür, damit wir notfalls flüchten können. Als unser Patient ankündigt, uns seine Waffe zu zeigen und in einen anderen Raum geht, ziehe ich Kai Richtung Ausgang. Wir rennen zu unserem RTW, steigen ein und geben Vollgas.

 

Mir schlägt mein Herz bis zum Hals, ich habe das Gefühl, mir in die Hose machen zu müssen. Ich drücke an unserem Funkgerät den Status 0. Dadurch werden alle anderen Funkgespräche für 30 sec. unterbrochen, und nur wir und die Leitstelle können sprechen. Ich gebe kurz durch, dass uns der Mann mit der Schusswaffe gedroht hat und dass wir geflüchtet sind. 2 Ecken weiter halten wir an. Kai und ich müssen erst einmal durchatmen. Ich schaue in die Rückspiegel, denn wenn der Mann auftaucht, will ich das sehen, um notfalls wegfahren zu können. Unsere Leitstelle meldet sich wieder, wir sollen sie sofort über Telefon ansprechen. Ich wähle die 112 und schon hab ich den Kollegen an der Strippe. Er fragt noch kurz wichtige Dinge ab, dann leitet er mich an die Polizei weiter. Der Kollege der Polizei fragt unseren Standort ab, teilt uns mit, dass mehrere Streifenwagen zu uns unterwegs sind. Er möchte kurz wissen, wie der Mann aussieht und ob noch andere Personen im Haus sind. Ich bin noch immer super angespannt und merke erst jetzt, dass wir vor einem Kindergarten stehen. Das gebe ich noch kurz an die Polizei durch. Keine 2 Minuten später meldet eine Streifenwagenbesatzung auf unserem Rettungsdienstkanal, dass sie gleich da sind. Als der Wagen vor uns hält, fällt die ganze Anspannung von mir.

 

Nach und nach treffen noch 3 weitere Streifenwagen ein, ich erzähle den Beamten das, was ich weiß. Das weitere Vorgehen wird abgesprochen. 2 Beamte gehen sofort in den Kindergarten und bringen die Kinder weg von den großen Glasfenstern. Alle ziehen ihre schusssicheren Westen an, 2 Maschinenpistolen werden aus den Autos geholt und ein Hundeführer trifft ein. Währenddessen ruft unser Patient bei unserer Leitstelle an, er wundere sich, wieso der Rettungswagen weg sei. Schnell wird der Plan geschmiedet, dass die Polizei unsere Dienstjacken und unseren RTW nimmt und dann den Mann überwältigt. Wir tauschen nun die Rollen und die Kollegen besteigen den RTW. Ich hoffe, dass alles gut ausgeht. 5 Minuten später kommt die Rückmeldung, der Täter ist festgenommen. Wir bekommen unseren Wagen heile wieder und mir fällt ein Stein vom Herzen.

 

Das Ganze hätte auch anders ausgehen können!! Der Mann war im Besitz einer Waffenkarte, später stellte sich allerdings zum Glück heraus, dass es nur eine Luftpistole war. Ich bin so froh, dass es nicht anders ausgegangen ist. Wir besprechen uns noch kurz, unser Vorgehen wird gelobt und wir bedanken uns für die sehr gute Zusammenarbeit mit der Polizei.

P.S. wer den dazu gehörigen Zeitungsartikel lesen möchte..kann mir gerne eine Mail schreiben.


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31 Kommentare leave one →
  1. 17. Dezember 2010 09:22

    Man man man…da lässt man dich einmal alleine!
    Krasser Einsatz! Sowas wünscht man keinem…

  2. 17. Dezember 2010 10:34

    Gott sei Dank ist niemand zu Schaden gekommen.
    Gut geschrieben (=
    LG Caroline

  3. 17. Dezember 2010 10:50

    Hossa, danach hätte ich vermutlich eine neue Unterhose gebraucht. 😉

    Dürfte ich den Zeitungsartikel lesen?

  4. 17. Dezember 2010 11:51

    Moinsen
    Gott sei Dank ist euch nichts passiert. Ich habe deinen Artikel zweimal gelesen und habe immer noch ne Gänsehaut. Ihr habt echt gut und richtig gehandelt.
    Trotzdem kommt mir wieder ein Negativpunkt in den Kopf, auch wenn ich damit keine Diskussion anfangen möchte.
    Wer hatte die Idee mit dem Klamottentausch?
    Ich finde das nicht gut. Wirft ein schlechtes Bild auf den Rettungsdienst, der ja eigentlich zum Helfen und nicht zum Festnehmen da ist. Ich selbst bin bei uns Vollzugsbeamter nach PsychKG und jedesmal, wenn ich einen Patienten per Vollzugsfahrt befördere, mache ich mir Gedanken, wie ich nach außen wirke. Auch wenn ich alle Patienten fixieren soll, wende ich dieses Mittel nur extrem selten an. Sicherlich hatte ich noch nie so eine Extremsituation, aber vielleicht habt ihr ja auch dadrüber diskutiert und alle Vor- und Nachteile abgewägt.
    Gruß

    • 17. Dezember 2010 17:16

      Das mit dem Kleidungstausch ist wohl ein zweischneidiges Schwert.

      Ich glaube aber, daß es für diesen speziellen Fall effektiv war, denn das Hauptaugenmerk liegt wohl darauf, daß niemand zu Schaden kommt. Und das ist, find ich, wohl eher der Fall, wenn ein potentiell gewaltbereiter und bewaffneter Täter sich dem „Rettungsdienst“ gegenüber zuerst in Sicherheit wiegt und dann mit Überraschungseffekt und ohne, daß irgendeine Seite Verletzungen davonträgt, überwältigt werden kann. Wenn er die Tür aufmacht, und da steht kein Rettungsdienstler, sondern die entspreched gekleidete und bewaffnete Polizei vor ihm, könnte die Situation viel eher eskalieren.

      Natürlich macht es kein wirklich gutes Bild, aber ich persönlich finde, daß der Zweck in diesem Fall eindeutig die Mittel heiligt. Hauptsache, niemand wird verletzt …

      • 17. Dezember 2010 23:35

        @Mia @p_Unfallrettung

        Ich verstehe eure Bedenken. Natürlich ist das Bedenklich, grundsätzlich würde ich das auch nicht machen, aber die Situation bot sich wegen des Anrufs des Patient einfach nur an. Das ganze wurde vom Chef der Polizeistation vor geschlagen. Und es war für uns die beste Methode, um die Situation zu entschärfen. Ansonsten hätte sich der Einsatz über Stunden evtl. hin ziehen können. Natürlich darf dies nur nach genauer Abwägung geschehen.

  5. DelfinStern permalink
    17. Dezember 2010 19:47

    Noch mal Glück gehabt.
    Den Artikel würd ich auch gern lesen, darf aber vermutlich nicht. Der Artikel hier reicht denk ich mal auch. So schön ist zumindest kein Zeitungsartikel geschrieben.

  6. 18. Dezember 2010 08:05

    Ich finde auch, so gut kann der Zeitungsartikel gar nicht geschrieben sein. 😉
    Gut, daß keiner von Euch zu Schaden kam.

  7. souly permalink
    19. Dezember 2010 13:50

    Ich würd ihn gerne lesen… auch wenn ich jetzt so spät ankomme 🙂 Mir ist ja schon beim Lesen fast das Herz in die Hosen gerutscht… Ich glaube, davor hab ich am meißten Angst, dass mir sowas passiert. So schnell die Beine in die Hand nehmen wie es geht….

    • 19. Dezember 2010 15:43

      @Souly

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Da wir uns leider auch noch nicht so gut kennen, muss ich leider Nein sagen. Sorry….

  8. 19. Dezember 2010 16:38

    puhhh… du machst ja sachen … ne ne ne …
    gut, dass neimandem etwas passiert ist!!!!

    als du von dem fahrzeug-/kleiderwechsel gesprochen hast sind bei mir auch erstmal die alarmglocken angegangen. aber manchmal bietet es sich halt einfach an.

  9. pimpernelle permalink
    19. Dezember 2010 17:12

    weia! ich dachte echt für eine sekunde, du bist hier aus meiner gegend. bis auf das ende eures einsatzes passt die ganze sache 1 zu 1 auf meinen nachbarn, inklusive des neubaugebiets, des überstürzten aufbruchs des rtw und des kindergartens gleich um die ecke.
    allerdings scheint das ende hier weniger dramatisch gewesen zu sein, jedenfalls vermute ich, dass ich es sonst sicher gehört hätte, der buschfunk funktioniert hier gut.
    also ist sowas wohl (leider) kein einzelfall, wenn auch nicht immer ganz so dramatisch.

    aber schon irgendwie gruselig, ich dachte wirklich für einen moment, du beschreibst den von mir zufällig beobachteten vorfall.

    ich lese seit einigen monaten in deinem blog und muss dir mal ein großes lob aussprechen, ich schaue fast täglich hier vorbei :o)

    • 19. Dezember 2010 18:19

      @pimpernelle

      Danke für die Blumen und Willkommen auf meinem Blog 🙂 Es könnte wirklich vor deiner Haustür passiert sein, oder in Garmisch oder Flensburg, wer weiss das schon 🙂

  10. Mr. Gaunt permalink
    19. Dezember 2010 20:08

    Das Adrenalin hat dann wohl noch drei Tage wachgehalten, oder? 😉
    Der Kleidertausch sollte nicht zum Standard gehören, war aber in dem Fall IMHO abgebracht.
    Wo ist der Held denn abschließend gelandet? Im Polizeigewahrsam oder in der forensischen Psychatrie?

  11. Squirrel permalink
    19. Dezember 2010 23:28

    Oh! Mein! Gott! *umfall*
    Was für ein Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Ich glaub, so ne Aufregung reicht alle Schaltjahre mal, gelle? 😉

    P.S.: Ich tipp mal drauf, dass ich das PW auch nicht bekomme, oder?

    • 20. Dezember 2010 08:33

      @squirrel

      Leider muss ich auch bei dir sagen..no…:) Ich hoffe du kannst es verstehen!?

      • Squirrel permalink
        20. Dezember 2010 09:09

        Klaro, und da bin ich dir auch sicher nicht böse 🙂

  12. 20. Dezember 2010 16:16

    Was für eine Aufregung! Und gut das es so ausgegangen ist. Trotzdem hab ich noch eine Frage dazu. Hat der Mann dich/euch bedroht? In deinem Beitrag schreibst du er hätte gefragt ob er _sich_ erst in den Kopf schiessen muss/soll. Dann hätte ich ihn nämlich nicht allein zurück gelassen sondern gleich vor Ort Verstärkung gerufen.

    • 20. Dezember 2010 18:49

      @optruma

      Nein direkt hat uns der Pat. mit der Waffe nicht bedroht. Da aber nicht klar war, ob es sich um eine echte Waffe handelt oder nicht, muss ich eigentlich immer an nehmen, dass es sich um eine echte Waffe handelt. Deswegen war unsere Flucht das einzig richtige. Wären wir dort geblieben, hätte der Mann uns evtl. mit seiner Waffe bedrohen können. Ob er sich dann mit der Waffe etwas antut, ist nicht mein Problem, denn die Gesundheit meines Teamkollegen und mir geht vor die des Patienten.

      • 21. Dezember 2010 08:28

        Stimmt. Beim zweiten durchlesen versteh ich das besser. Nachdem er so strange reagiert hat, konntet ihr garnicht wissen was in seinem Kopf vorging und was passieren wird wenn er mit einer geladenen Waffe zurück kommt. Das hätte tatsächlich ganz arg für euch ausgehen können.
        Danke für deine Antwort.

  13. lara permalink
    29. Dezember 2010 06:07

    oh weh, jetzt ist es morgends ganz früh und da les ich immer hier und jetzt hats mich richtig wach gemacht-ich bin selber notärztin und starte gleich in den tag und hoffe inständig dass mir so etwas nicht passiert!
    gut geschrieben…

    • 29. Dezember 2010 08:42

      @Lara

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Danke für das Kompliment. Nein ich habe die nächsten Jahre auch keine Lust mehr auf sowas. Ich glaube aber, das solche und ähnliche Einsätze leider im mehr werden.

      • lara permalink
        29. Dezember 2010 20:25

        hhm. stand jetzt heute irgendwie unter keinem guten stern. hab heute sagen wir mal „olga “ kennengelernt. olga war nur leider tot und auch schon irgendwie länger und eigentlich lag sie neben dem esstisch in einer wohnung. die gehörte aber jemandem ganz anders und daneben wurde gegessen und wodka getrunken und die einzige information war „olga“ und sonst nichts. und als wir beschlossen haben lieber im rtw auf die polizei zu warten wars schon zu spät. scheiben waren kaputt. hatten wohl mit derm polizeigedanken ärger erregt…

  14. Tobi permalink
    4. Januar 2011 10:14

    Ich glaube ich wär noch nen paar Straßen weiter gefahren^^
    Aber wie die Polizei dann eingegriffen hat finde ich sehr lobenswert und gut überlegt und vorellem gut reagiert von euch, weil sowas hat man ja auch nicht alle Tage 😀

  15. Kolibrikind permalink
    24. November 2013 18:16

    Oh man! Da habt ihr ja nochmal Glück gehabt. Und du vor allem Verstand, ich befürchte einige wären nicht so scharfsinnig gewesen und sofort abgehauen. Ich hoffe, sowas passiert mir und meinen Kollegen niemals, allen anderen wünsche ich das natürlich auch nicht, aber ich glaube wie du schon gesagt hast, dass solche Einsätze leider mehr werden.
    LG
    Das Kolibrikind 😉

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