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Improvisation ist alles…

2. Januar 2011

Im Moment brummt es irgendwie auf der Arbeit. Man könnte meinen, es liegt am winterlichen Wetter, aber da liegt ihr daneben. Meine Lieblingskollege hat ja schon mal anklingen lassen, dass ich ein Händchen für psychiatrische Notfälle habe. So falsch liegt er damit im Moment nicht. Wieder habe ich Kai mit auf dem Auto, und denke mir, vielleicht ist er ja an allem Schuld!? 🙂

 

Jedenfalls haben wir Nachtdienst, es schneit mal wieder ziemlich heftig. Da Kai kein wirklich geübter Fahrer war, klemme ich mich diese Nacht hinter das Steuer. Wir hatten schon eine Tour hinter uns und füllen am Standort gerade unser Fahrzeug wieder auf, als unsere Melder bimmeln. Nicht schon wieder wir, denke ich, und füllte schnell noch unser Material auf. Auf der Einsatzdepesche steht das, worauf ich seit meinem Erlebnis mit unserem Waffenmann absolut keine Lust mehr habe: eine psychiatrische Einweisung. Aber wat mut, dat mut!! So fahren wir aus der Wache und schon spricht uns die Leitstelle an, wir sollen doch mal dringend anfahren, die Polizei wäre vor Ort und unsere Patientin würde wohl ziemlich bluten. Na toll… das wird bestimmt wieder lustig, grummele ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Weil es so schneit, brauchen wir etwas länger als sonst, aber vor dem Haus steht der Streifenwagen, sodass wir es nicht suchen müssen. Wir nehmen unser Material und laufen zum Haus. Dort werden wir von einem Angehörigen empfangen und gleich darauf hingewiesen, dass das Treppenhaus voller Glasscheiben sei. Von oben hört man wildes Geschrei. Das kann ja heiter werden, denke ich mir.

 

 

Als wir in der Wohnung ankommen, stockt uns erst einmal der Atem. Hier sieht es aus, als hätte man 5 Jahre nicht aufgeräumt. Alles voller Müll, die Küche kann man unter Abfällen noch leidlich erahnen. Der Boden war wohl mal braun… es stinkt hier zum Himmel. Als wir um die nächste Ecke biegen, liegt dort eine Frau mittleren Alters auf der Couch und man sieht zwei blutende Verletzungen am Arm. Die Frau ist völlig durch den Wind, brabbelt irgendwelches Zeug und schreit ab und zu mal. Der Kollege der Polizei steht daneben und ich kann ihn vollkommen verstehen, dass er sich ihr noch nicht wirklich genähert hat. Wir besprechen kurz, was vorgefallen ist und dass wir versuchen müssen, die Wunden irgendwie zu verbinden. Der erste Anbahnungsversuch schlägt fehl, denn unsere Patientin tritt und schlägt um sich und trifft dabei den Beamten im Gesicht. Der ist nun wirklich sauer und beim zweiten Mal gelingt es uns, sie zu fixieren und die Verbände anzulegen. Leider haben die Kollegen nur Handschellen dabei, so können wir nur die Arme fixieren. Da wir aber auch die Füße irgendwie fesseln müssen, bedienen wir uns einem Abschleppseil. Das ist zwar am Rande der Legalität, aber wir sind uns alle einig, dass unsere Gesundheit vorgeht. Während unserer Maßnahme werden wir mit dem übelsten Vokabular überschüttet, was man so kennt. Nachdem wir die Frau auf unser Tragetuch umgelagert haben, bringen wir sie zum RTW. Doch bevor wir auf die Psychiatrie fahren, müssen wir in die chirurgische Notaufnahme. Auch während der Fahrt gibt die Frau keine Ruhe.

 

 

Als wir dort ankommen, schauen die anderen Patienten sehr verwirrt auf dieses festgezurrte, schreiende Bündel, was auf unserer Trage liegt. Schön ist das wirklich nicht, aber unsere Sicherheit geht vor. Zum Glück dauert das Nähen nicht lange und so können wir uns nun auf die Fahrt in die Psychiatrie machen. Dort erwarten uns bestimmt 8 Pflegekräfte und die sind auch wirklich nötig, um die Frau von unserer Trage auf ihr Bett zu bekommen. Uns klingeln die Ohren, denn aufgehört zu schreien hat sie immer noch nicht.

 

 

Ich bin nach dieser Fahrt wirklich bedient.

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7 Kommentare leave one →
  1. 2. Januar 2011 22:06

    Ich darf behaupten, so eine Fahrt in ähnlicher Form auch schon erlebt zu haben… manchmal muss man die Menschen eben zu ihrem Glück zwingen.

  2. 3. Januar 2011 00:03

    Weihnachten steht vor der Tür? Äh…. trotzdem, solche Stories kenne ich auch, aus Notaufnahme-Perspektive!

  3. 3. Januar 2011 12:06

    Keinen Doc dabei gehabt? Dann hätte er ihr vielleicht ein wenig Midazolam zum Lutschen geben können… 😉

    • 3. Januar 2011 15:00

      @Firefox

      Das Problem wäre dann vermutlich gewesen, dass die Dame exorbitante Mengen vernascht hätte, ohne das es eine Wirkung zeigt 🙂 Und für sowas ruf ich mir keinen Doc 🙂

  4. 5. Januar 2011 14:10

    Nachts holen wir immer mal gern einen Druiden vom Hausärtzlichen Notdienst, das bindet dann kein NEF. Allerdings hilft das auch nicht immer weil, wie Du schon schreibst, viele Patienten aus dieser Kategorie ganz viel vom Gutiguti verdrücken bis sie dann ruhig werden. Und wenn es dich beruhigt, ich ziehe diesen Mist auch immer an wie verrückt.

  5. 7. Januar 2011 22:52

    Mir fällt da die Geschichte aus meiner Zivi-zeit auf der Geriatrie/Neurologie Station ein. Leider war ich zu dem Zeitpunkt nicht anwesend und habe es erst am nächsten Tag morgens bei der Übergabe gehört.
    Patient der noch nicht zum Geriatrischen Bereich gehörte kriegt auch auf einmal den Rappel und droht verschiedenen Leuten Schläge an. Der Oberarzt fackelt nicht lange und der Patient gewinnt eine Reise in die Psychiatrie.
    Allerdings ist er ab diesem Zeitpunkt dann Lammfromm, packt seine Tasche und freut sich schon auf die Fahrt in die Psychiatrie . Manchmal kann es halt auch glatt gehen.

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