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Den Wald vor lauter Bäumen…

9. Januar 2011

Was wollen Sie denn hier?“, ist die erste Frage, die mir Herr Pommel stellt, als ich nach knapp 35 Minuten Anfahrt endlich bei unserem Patient eintreffe. Er sitzt auf einem Baumstamm am Wegesrand, sein Fahrrad liegt verbogen neben ihm. „Mein Name ist Müller vom Rettungsdienst und ich bin gerufen worden, weil Sie gestürzt sind“, stelle ich mich vor. „Können Sie mir sagen, wo es Ihnen weh tut und was passiert ist?“ „Ich brauch keine Hilfe, Sie können wieder fahren“, gibt er launisch zurück. „Erhard, sag doch dem jungen Herr, wo es dir weh tut“, versucht seine Ehefrau zu vermitteln. „Ich will heim fahren“, blafft er, „helfen Sie mir auf und dann können se wieder fahren“. „Herr Pommel, ich muss Sie aber erst mal untersuchen, Sie haben eine Platzwunde auf der Stirn und so kann ich Sie hier nicht einfach wegfahren lassen. Außerdem ist Ihr Fahrrad gar nicht mehr fahrtüchtig, wie sie sehen. Was für einen Tag haben wir denn?“ „Heute ist Mittwoch und hören Sie endlich auf, mir so bescheuerte Fragen zu stellen“, entfährt es ihm. Knapp daneben ist auch vorbei, denke ich mir, denn heute ist Samstag.

Ich stehe hier mitten im Wald und habe schon eine kleine Weltreise hinter mir. Auf Anfahrt sind noch die Feuerwehr und die Bergwacht. Denn ich habe mich schon im Morast fest gefahren und ich habe keine Ahnung, wie ich hier wieder raus kommen soll. Und jetzt ist mein Patient auch noch nicht voll orientiert und unkooperativ. Herr Pommel versucht aufzustehen und holt mich aus meinen Gedanken. Weit kommt er nicht, denn seine Hüfte schmerzt, wie ich jetzt sehe, denn er sinkt gleich wieder auf den Baumstamm. So gehts hier nicht weiter. Wenigstens lässt er sich von uns nach ein paar Minuten dazu überreden, dass wir ihn ins Auto bringen. Seine Ehefrau erzählt mir dabei, dass er plötzlich beim Radeln über dem Lenker abgestiegen ist, das ist jetzt ca 1 ½ Std. her. „Ist ihr Mann denn immer so frage ich? Nein, nein, mein Mann ist zwar manchmal etwas stur, aber so habe ich ihn noch nie erlebt!“ Klasse, denke ich mir, jetzt ist guter Rat teuer. Mein Kollege versucht Herr Pommel eine Cervical Stütze anzulegen, was unseren Patienten dazu verleitet, das Gerät einmal quer durch den RTW zu pfeffern. Mir reicht es langsam und ich versuche ihm seine Situation klar zu machen. „Herr Pommel, ich vermute, Sie haben ein Schädel- Hirn-Trauma und ich möchte, dass Sie sich von uns versorgen lassen.“ „ Sie machen gar nichts“, raunzt er mir zu. „Komm Hildegard, wir fahren jetzt nach Hause.“ Seiner Frau steht der Mund halb offen, so hat sie ihren Mann wirklich noch nicht erlebt. „Erhard, lass dir doch helfen, die Herren meinen es doch nur gut mit dir!“ „Mir gehts gut und ich möchte jetzt hier raus.“

Er steht auf und eigentlich müsste ich ihn einfach laufen lassen, denn festhalten darf ich ihn nicht. Aber auch auf die Gefahr hin, eine Anzeige zu kassieren, drücke ich ihn sanft wieder auf die Trage. „Sie gehen nirgendwohin Herr Pommel. Entweder Sie hören jetzt auf mich und lassen sich weiter untersuchen und behandeln oder ich bin gezwungen, die Polizei zu holen und das wird dann ungemütlich für Sie.“ „Mir egal, was Sie machen, ich möchte jetzt hier raus.“ Ich forme das Wort POL zu meinem Kollegen und er verschwindet kurz, um diese anzufordern. Bis die hier im tiefsten Wald eintreffen, muss ich mir so behelfen. Da unser Patient nun etwas bewegungsunfähig auf der Trage liegt, kann ich ihm mal kurz in die Pupillen schauen. Zum Glück sieht man keinen Unterschied. Die Feuerwehr und die Bergwacht treffen ein und ich kann das, wie komme hier am besten aus dem Wald raus, erst mal an die Kollegen abgeben. Ich möchte Herrn Pommel das mit der Polizei zu ersparen und versuche noch mal, ihm seine Situation klar zu machen. Und ich erwische mit viel Glück genau den Moment, in dem er einsichtig ist. Jetzt hoffe ich noch, dass es einen möglichst guten Weg aus diesem Wald gibt. Und nochmals haben wir Glück… wir müssen praktisch nur geradeaus fahren.

Da unser Patient stabil und auch einsichtig ist, können wir die Polizei abbestellen und auf einen Notarzt verzichten. So gehts auch in die Klinik. Dort angekommen werden wir erst einmal ein wenig kritisch beäugt. Ein Schädel-Hirn-Trauma ohne Notarzt zu bringen, ist eigentlich absolutes No -Go. Aber nach Übergabe an den Chirurgen entspannt sich alles, doch alles richtig gemacht. Doch fängt jetzt das Drama von Neuem an, denn die Pupillen sind doch in ihrer Größe unterschiedlich, was evtl. auf eine Hirnblutung hindeuten kann. Deshalb soll Herr Pommel so schnell wie möglich ins CT. Doch unser Patient ist wieder uneinsichtig , er möchte keine Untersuchungen und will nach Hause. Gutes Zureden hilft nichts. Deswegen fordert der Chirurg die Polizei an. Die trifft auch keine 5 Minuten später ein und fackelt nicht lange. Aus diesem Grund ist unser Patient der erste in meiner RD Laufbahn, der mit Handschellen ins CT geht.

Einen Tag später treffe ich die Ehefrau zufällig im Krankenhaus. Ihr ist das alles noch peinlich. Ihr Mann hat keine Hirnblutung, erfahre ich, und erinnern kann er sich auch nicht mehr daran, was passiert ist.

 

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16 Kommentare leave one →
  1. 9. Januar 2011 15:20

    Gut gemacht und nett geschrieben, Paul… 😉
    Aber Handschellen im CT? Ich dachte, Metall macht das Bild kaputt? Zumindest musste ich damals nochmal neu rein, weil die EKG-Klebchen mit den Metalldingsern dran noch klebten und sowas wohl angeblich das Bild verfälscht… Aber vielleicht hab ich das da auch missverstanden 😉
    Liebe Grüße vom Schneckenhäuschen

    • 9. Januar 2011 15:23

      Danke 🙂 Klar verfälscht es wohl, es ging nicht anders. Und die Bilder sind wohl gut geworden.

    • Squirrel permalink
      9. Januar 2011 16:55

      Ich glaub, größere Probleme mit Handschellen kriegste im MRT/Kernspin 😉

  2. Squirrel permalink
    9. Januar 2011 16:56

    Mit welcher Begründung darf jemand in einer solchen Situation eigentlich festgehalten werden? Akute Selbstgefährdung oder so?

    • 9. Januar 2011 17:09

      @Squirell

      Ja genau, wenn er sich selbst.- oder fremd gefährdet, dann darf er fest gehalten werden. Oder es gibt den gerechtfertigten Notstand, da darf jeder Normalbürger jemanden fest nehmen.

      Ja im MRT darf man ja garkein Metal an sich haben..:)

  3. 10. Januar 2011 12:38

    Festhalten darf man solche Patienten(nach Prüfung der Verhältnismäßigkeit) schon alleine deshalb, weil er nach einem Schlag an die Murmel eventuell gar nicht mehr klar bei Verstand ist, und daher womöglich nicht selbst objektiv entscheiden kann (hierfür spricht im Nachhinein ja auch, dass der Pat. sich an nichts mehr erinnern konnte!). In diesen Fällen muss man den Patienten vor sich selbst schützen. Weitere Situationen sind z.B. stark alkoholisierte oder unter Drogen stehende Patienten.
    Lässt man so einen Patienten ziehen und er stirbt später an Hirnbluten oder läuft vor einen Bus, ist der RettAss u. U. wegen „unterlassener Hilfeleistung“ nach 323c oder sogar „Fahrlässige Tötung“, §222,( iVm. §13, „Begehen durch Unterlassen“) dran. Natürlich sollte man sich bemühen, nach Möglichkeit ein ärztliches Gutachten schreiben zu lassen und eine OV anzustoßen. Aber wenn man „weit vom Schuss“ ist, muss man erstmal eigenverantwortlich handeln. Als Rechtfertigung kann man immernoch angeben, dass für das höherwertige Gut (Gefahr für Leib und Leben, die Unversehrtheit ist eines der höchsten Rechtsgüter) das niedrigere (Freiheit) zumindest zeitweilig verletzt werden musste (StGB 34, Rechtfertigender Notstand).
    Anders ist es bei trotz klarem Verstand uneinsichtigen Patienten: So sollte hier der RD nach einer Messerstecherei mal einen Patienten mit einer stark blutenden Oberschenkelwunde versorgen. Da dieser aber niemanden an sich ranließ und mit Gewalt drohte, für andere (wenn man ihn in Ruhe ließ) aber keine Gefahr darstellte, haben die Kollegen noch ein paar Minuten warten müssen- bis der Blutverlust den Patienten benommen und „wehrlos“ machte. Dann griff wieder das Lied von der „mutmaßlichen Einwilligung“ (vielleicht hat er es sich ja anders überlegt?), und der Mann konnte versorgt werden. Der StGB 34 „rechtfertigender Notstand“ greift hier nur, wenn der Patient nicht entscheidungsfähig ist. Da er nur sich selbst schädigt, bin ich mir bei der Anwendbarkeit selbst dann aber nicht ganz sicher. Die ganze Rechtsverdreherei ist aber immer ein Eiertanz, wenn der Einsatz später mal auseinandergepflückt wird, da die Situationen fast NIE eindeutig sind! Mit dem „Bauchgefühl“ liegt man aber meißtens richtig.
    Für mich habe ich jedenfalls entschieden, dass sich u. U. ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung (StGB 239) in meiner Personalakte weniger schlecht macht als eines wegen fahrlässiger Tötung (StGB 222). Denn letzteres kann mich ehr den Job kosten.
    (Dieser Kommentar ist keine Rechtsberatung, sondern nur meine Auslegung der genannten Gesetze!)

  4. 10. Januar 2011 19:09

    Ich finde das echt interessant. Man macht sich als nicht RD-Mensch so überhaupt keine Gedanken über so was. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich nie einen RD brauchte und noch nie einen holen musste. Ich bin da ganz unbedarft und immer wieder erstaunt, was da alles so vorfällt.
    Dass der Frau das Verhalten ihres Mannes peinlich war, kann ich echt nachvollziehen. 🙂

  5. 10. Januar 2011 20:46

    Hmmm. Was wars denn letztendlich gewesen?
    Klingt ja strange…
    Was die Situation angeht: Ich würde mich da auch nicht groß um Paragrafen kümmern, mein Problem wäre eher, den Patienten mit der anwesenden Mannschaft auch physisch zu bändigen… an erster Stelle Selbstschutz, dann die Ehefrau ausführlich aufklären und dann einfach das tun, was richtig ist…

    • 11. Januar 2011 08:01

      @Medizynicus

      Es muss wohl eine Contusio gewesen sein, das hat die Ehefrau erzählt. Zu Zweit wäre das sicher ein Problem gewesen, diesen Patient zu bändigen, da wir aber noch 2 Feuerwehrleute als Einweiser dabei hatten, war das Kräfteverhältnis zu unseren Gunsten

      @Federkiel

      Ist ja auch völligst ok, wenn sich ein Laie keine Gedanken drum macht! Würde ich als Laie sicherlich auch nicht 🙂

      • 11. Januar 2011 18:44

        Ist aber eigentlich schade. Wenn sich mehr Leute die Mühe machen würden, mal nachzudenken, hättet Ihr vielleicht auch weniger sinnlose Einsätze. Damit meine ich jetzt aber nicht den oben beschriebenen Herrn, der war ja offenbar aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr ganz klar im Kopf. Aber ich habe auch schon viele Posts gelesen, wo Ihr einfach als Taxi missbraucht werdet. Und das ist nicht richtig.

      • 12. Januar 2011 08:20

        @Federkiel

        Klar ist das nicht richtig, aber schaut man sich mal die letzten 8 bis 10 Jahre an, dann merkt man einfach, die Menschen werden immer unselbstständiger. Früher hat man seinen besoffenen Kumpel nach Hause gebracht und ihm einen Eimer ans Bett gestellt. Heute wird einfach der Rettungsdienst geholt, obwohl dies bei vielen Fällen einfach nicht notwendig ist.

  6. 12. Januar 2011 19:15

    Was ist eine Contusio?!

  7. konniebritz permalink
    6. Februar 2011 11:36

    Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute immer unselbständiger werden oder ob sie mehr Angst als früher haben (müssen), rechtlich belangt zu werden. Wenn der Kumpel mit dem Eimer am Bett die Nacht nicht überlebt, heißt es doch gleich, „Du bist schuld. Hättest Du mal den RD geholt, würde er jetzt noch leben.“
    Nur Spekulation: hängt das damit zusammen, dass es immer mehr Rechtsanwälte gibt, die beschäftigt werden wollen?

    • 6. Februar 2011 13:45

      @konniebritz

      Willkommen auf meinem Blog. Ich glaube, dass die Menschen immer unselbständiger werden, und die Verantwortung für sich oder andere gerne abgeben.

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