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Die Nacht…

30. Januar 2011

Meine Nächte in den letzten Wochen waren doch fast entspannt. Wenn ich mit meiner besten Teampartnerin der Welt fahre, dann arbeiten wir schon mal was, aber wir überarbeiten uns meistens nicht. Auch sind die Patienten oftmals unkompliziert, und wenn nicht, ist es nur einer von vielen, der aus der Reihe tanzt.

Ein ganz normales Wochenende steht vor der Tür und ich sitze mit den anderen am Esstisch und höre mir die Übergabe der Tagschicht an. Es ist nichts wirklich Dramatisches passiert, die Kollegen hatten eine ziemlich ruhige Schicht. Lieblingskollegin und ich hoffen auf das Gleiche, man wünscht ja seinen Mitmenschen nichts Schlechtes 🙂 Es ist kurz nach 20 Uhr, als unser Melder zu einem Notfall bimmelt. Wir sollen uns aber, bevor wir losfahren, telefonisch melden. Das heißt meistens nichts Gutes. So auch dieses Mal: Unser Patient liegt in einer uns gut bekannten Rehaklinik und soll so ungefähr 200 kg plus wiegen. Na toll, denken wir uns, denn unsere Tragen sind nur bis 180 kg zugelassen. Wir sollen mal schaun und uns evtl. noch mal melden, falls wir Hilfe brauchen.

 

Als wir dort eintreffen, schaut uns die Schwester etwas mitleidig an und übergibt uns das, was wir so wissen müssen. Dann treten wir ins Patientenzimmer und ich sehe schon, dass diese Dame nicht auf meine Trage passen wird. Sie hat Probleme mit dem Blutdruck, was nicht wirklich verwunderlich ist. Momentan ist der Blutdruck aber okay, es gibt 2 Hübe Nitrospray. Jetzt brauchen wir eine Lösung, wie wir die Frau ins Krankenhaus bekommen. In meinem Bundesland gibt es einige RTW´s, die solche Massen bewegen können. Es sind Spezialfahrzeuge, die Patienten bis zu einem Gewicht von 700 kg transportieren können. Leider stehen diese Fahrzeuge nicht um die Ecke, auch die Kostenübernahme ist manchmal nicht einfach. Trotzdem sind wir guten Mutes, dass wir bald so ein Fahrzeug vor der Tür stehen haben werden. Ein Anruf bei der Leitstelle und die Bestellung ist draußen. Nach 30 Minuten steigt der Blutdruck unserer Patientin wieder, es gibt wieder einen Hub Nitro. Da wir noch keine Rückmeldung haben, rufen wir noch mal die LST an. Leider gibt es noch keine Zusage für ein Fahrzeug. Stattdessen bekommen wir vorgeschlagen, wir sollten mal schaun, ob wir die Dame nicht doch mit Zusatzgurten auf die Trage bekommen. Klar könnten wir, aber die Gurte sind für sowas nicht zugelassen. Und der Teufel ist ein Eichhörnchen, und es passiert etwas, dann ist das mein Arsch, der gegrillt wird.

 

Während wir nun warten und warten, schwirrt die Schwester wie eine gute Fee um uns herum, wir bekommen leckeren Latte Macchiato gebracht und dürfen uns auch an Plätzchen bedienen. Nach einer Stunde meldet sich die Leitstelle wieder. Im ganzen Bundesland ist momentan kein solches Fahrzeug frei. Wir sollten uns doch vielleicht eine andere Möglichkeit überlegen. Lieblingskollegin und ich beschließen die örtliche Feuerwehr hinzuzuziehen, die haben eine Schleifkorbtrage. Die könnte man als letzte Möglichkeit auf den Boden des RTW stellen… und dann ins Krankenhaus fahren. Mir gefällt diese Möglichkeit nicht wirklich, aber ich kann ja schlecht hier bis zum nächsten Tag stehen. Nachdem die Feuerwehr alarmiert ist und relativ zügig vor Ort ist, klingelt mein Handy. Die Leitstelle ist wieder dran, man hat ein Fahrzeug aus dem Nachbarbundesland. Die Anfahrt dauert aber ca. 1 1/2 Stunden. Schön denke ich mir, aber was will ich machen!? Wir machen es uns gemütlich, die Feuerwehr zieht wieder von dannen.

 

Nachdem wir schon 3 Stunden am Einsatzort stehen, erscheint auch das Team mit dem Schwerlast-RTW. Die Kollegen sind echt super freundlich, ich hätte wohl einen dicken Hals, um diese Uhrzeit ehrenamtlich durch die Weltgeschichte zu kurven. Mit vereinten Kräften hieven wir die Frau gemeinsam auf die Schwerlasttrage. Von uns gibt’s noch eine Übergabe und schon liegt die Patientin im Fahrzeug. Wir bedanken uns und melden uns nach gut 3 1/2 Stunden wieder Einsatzbereit. Eigentlich möchten wir jetzt ins Bett, aber die Nacht ist noch nicht vorüber…


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18 Kommentare leave one →
  1. chefarbeiter permalink
    30. Januar 2011 19:24

    Jaja, der Spaß mit den Schwerlast-RTWs. Bei uns steht zum Glück mittlerweile einer exakt in unserer Fahrzeughalle 😀

  2. 30. Januar 2011 19:25

    Ich beherrsche mich und versuche jetzt nicht weiter, mir Menschen mit 700kg Lebendgewicht vorzustellen … O_O

    • 30. Januar 2011 19:49

      @Hesting

      Pat mit einem Gewicht zwischen 180 und 300 kg sind nicht so selten wie man meint. Das Problem ist nicht mal das Gewicht für unsere Tragen, sondern die Masse des Patienten an sich.

  3. 30. Januar 2011 20:40

    In eurem Fall war es noch machbar mit dem warten, aber was hätte man wohl gemacht hätte die Patientin etwas gehabt, so das sie schnell ins KH müsste. Ansich müsste es mehr so Schwerlast RTWs geben.

    • 30. Januar 2011 21:19

      @Duergy

      Willkommen auf meinem Blog. Das Problem ist, diese Fahrzeuge müssen bezahlt werden, so ein Fahrzeug kostet mal locker 200000 Euro. Und die Einsatzzahlen mit Adipösen liegen bei uns bei 3 % der Fahrten.

  4. 30. Januar 2011 20:58

    oh je. Da kommt Freude auf… wenigstens haste nen Kaffee bekommen.

  5. BRC_Medic permalink
    30. Januar 2011 21:48

    Wir hatten auch so einen Fall. Leitstelle sagte nur, dass $Patient ein wenig „groesser“ waere. $Patient hatte nach eigener Aussage ca 32Stones auf die Waage gebracht (um die 220Kg). Natuerlich war es der erste Stock. Mir wurde schon ganz schlecht beim Gedanken $Patient die Treppe runterzuwuchten. Brauchten wir aber nicht weil $Patient selber auf dem Hinterteil runterrutschen konnte.

    Fuer den den Transport wurde dann der normale Stuhl genommen, ohne Sicherheitsgurt (weil er nicht rumging). Ich habe mich dann auf die Trage gesetzt.

    Auf Vitalwerte habe ich mangels geeignetem Werkzeug verzichtet. Im KH wurde dann die Manschette (Extra-Large) um den Unteram gelegt.

    In einem anderen Fall mussten wir einen $Patient (Paralysiert von der Huefte an) wieder ins Bett wuchten. Bei 30Stone (190KG nur „Wabbel“) nicht so einfach. Zu dritt und zwei Trageschlaufen ging es dann. Auch gebucht unter „LS schuldet uns einen“.

  6. 30. Januar 2011 22:55

    Mich würde mal interssieren, ob die Patientin sich irgendwie geäußert hat? Also mir wäre das äußerst peinlich gewesen.

  7. rettungsdienstblog permalink
    31. Januar 2011 14:20

    Das ist das schöne hier im Ruhrpott. Quasi egal was du spezielles brauchst, es steht zu 90% innnerhalb des Ruhrgebietes mehrmals zur Verfügung. Da hat man keine Interimslösungen oder spezielle gebilde, wie z.B. bei BR_medic…

  8. Carolin permalink
    31. Januar 2011 17:42

    ohje, da bin ich echt froh, dass es bei uns einen Schwerlast-RTW gibt. Dieser fährt in der Regelrettung und verdient dadurch halt auch sein Geld. Man gewöhnt sich auch sehr schnell an die Hubbühne und will gar keine anderen Tragen mehr haben. Wenn er benötigt wird, dann ist er eben meistens auch schnell verfügbar, außer es läuft eben gerade ein Einsatz, aber immer noch viel schneller, als ein paar Stunden warten zu müssen.

    • 31. Januar 2011 19:26

      @Carolin

      Das ist eine Lösung, die ich auch gerne hätte. Bei uns hat man das Problem jetzt anders gelöst. Willkommen auf meinem Blog

      @Federkiel

      Den meisten ist das nicht peinlich. Die meisten wollen nicht glauben, dass sie nicht auf unsere Trage passen.

  9. 2. Februar 2011 10:03

    Man stelle sich zu diesen fetten Menschen noch den Geruch vor…weil baden, duschen..und so… is nich oder sehr selten… Klar…sind krank, der böse Stoffwechsel! Also ich muss mich immer sehr zusammenreißen…schließlich wird man nicht über Nacht so fett… Das ist asozial, denn diese Menschen wuchten UNS ihr Gewicht drauf, wenn wir sie pflegen (und wie hier) transportieren müssen. Wer gibt denen das Futter?? Irgendwann können sie es sich ja nicht mehr selbst beschaffen, spätestens dann kann man sie doch auf Diät setzen! Aber nein, die Industrie fertigt lieber Spezialfahrzeuge, -Betten, -Kräne… und peinlich?? Hab ich auch noch nicht erlebt. Da kommt wieder die Story mit dem Stoffwechsel… dem bösen…

    • Kadarka permalink
      7. Februar 2011 12:49

      Das ist meist nicht der Stoffwechsel. Das ist bei dem Klientel eher selten, also im Wortsinne;-)

      Das liegt meist an den Drüsen!!!
      Cooles Statement eines Kollegen auf diese Ausrede:
      Einfach nicht mitessen!

      Ich muss heute noch jedesmal grinsen.

      LG Kad

  10. 5. Februar 2011 16:14

    Manche Leute haben aber auch einfach „schwere Knochen“….Die können dann halt schon mal soviel wiegen!

    • 6. Februar 2011 13:41

      @Vollspasti

      Ein bisschen wundere ich mich über deinen Nik 🙂 Willkommen auf meinem Blog 🙂 Ja Knochen sind wirklich schwer 😉

  11. Jonas permalink
    22. Februar 2011 18:12

    Hmm, da hatte ich ja bisher Glück, bin zwar eher ehrenamtlich dabei aber kann ja trotzdem passieren 😀 Einmal hatte ich schon „Juhuu“ gedacht als es so nebenbei von der Leitstelle hieß: Achja, der Patient wiegt 190kg!

    Naja, als wir dann da waren dachte ich erstmal: Hmm, wo ist denn der Patient? Stellte sich dann heraus das die eher Untergewichtig als Übergewichtig war…Keine Ahnung was die Leitstelle da verstanden hat…

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