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73…

22. Februar 2011

Vor knapp 14 Jahren starb Prinzessin Diana in einem Autotunnel in Paris. Ihr werdet euch jetzt bestimmt fragen, was hat das mit der Überschrift und überhaupt mit meinem Beruf zu tun!? Es hat wirklich viel mit meinem Beruf zu tun, auch wenn das Ereignis fast 14 Jahre her ist, es ist aktueller denn je.


Prinzess DI starb damals nicht, weil ihre Verletzungen zu schlimm waren oder der Rettungsdienst zu lange zum Unglücksort gebraucht hat, sondern weil die Rettung und besonders die Fahrt ins Krankenhaus zu spät eingeleitet wurden. Es hat genau 35 Minuten gedauert bis die Patientin aus dem Fahrzeug befreit war. Auch für heutige Verhältnisse eine noch halbwegs akzeptable Zeit, aber dazu später noch mehr. Danach dauerte es 40 Minuten, bis die Schwerverletzte soweit „stabil“ war, dass man sich auf den Weg ins Krankenhaus machte. Wer jetzt die Zahlen addiert, wird fast die 73 erreichen, die als Überschrift über diesem Artikel steht. Die Fahrt wurde kurz vor dem Krankenhaus nochmals für 5 Minuten unterbrochen. Wie lange die Fahrt gedauert hat, ist leider nicht überliefert. Rechnen wir noch mal zusammen! Insgesamt kommen wir auf nachgewiesene 80 Minuten, die seit dem Unfall vergangen sind, bis die Patientin im Krankenhaus war.

Hört sich tragisch an, oder!? Vielleicht werden jetzt auch einige Kollegen sagen, ja, das ist fast 14 Jahre her, heute geht alles viel schneller. Wirklich!? Nehmen wir Jochen, Mitte 20, der irgendwo in einer deutschen Großstadt mit seinem Auto gegen einen Baum geprallt ist. Er hat sich durch seinen Unfall seinen rechten Ober.- und Unterschenkel und den linken Arm gebrochen, die Milz ist verletzt und dazu hat er auch noch eine Rippenserienfraktur. Für uns Retter ist dies das Worst-Case-Szenario, denn eine oder die Kombination aus diesen Verletzungen ist lebensbedrohlich. Man spricht dann von einem Polytrauma. Mit dem Ende des Unfalls fängt die Uhr zu ticken und sie wird erst gestoppt, wenn Jochen auf einem OP-Tisch liegt. Denn Jochen muss innerhalb 1 Std. nach dem Unfall im Krankenhaus sein. Passiert dies nicht, sinken seine Überlebenschancen drastisch. Wenn die Milz oder die Leber verletzt ist, dann blutet das meistens ziemlich. In einen normalen Bauch passen so um die 5 Liter Blut und in jeden Oberschenkel ungefähr 1 Liter. Der Mensch hat so 6 bis 7 Liter Blut. Okay, jetzt wirds wirklich langsam kritisch, denn unser Patient blutet nun aus der Milz munter in den Bauchraum und in seinem Oberschenkel passiert genau das gleiche. Außerdem ist Jochen auch noch in seinem Fahrzeug eingeklemmt, ohne Feuerwehr bekommt man ihn dort nicht heraus. Zum Glück hat sofort jemand angehalten und den Notruf gewählt, dies Gespräch dauert ungefähr 1 Minute. Eine weitere Minute verstreicht, bis der RTW ausrückt. Bis der Rettungsdienst die Einsatzstelle erreicht hat, vergehen nochmals 7 Minuten. Die Kollegen brauchen nochmals 1 Minute bis sie alle Materialien aus dem Fahrzeug und Jochen das erste Mal angesprochen haben.

Zehn Minuten sind jetzt vergangen, es bleiben noch 50 Minuten um in der Zeit zu bleiben. Jochen wird jetzt untersucht, er ist noch bei Bewusstsein und klagt über Schmerzen im Brustkorb, im linken Bein und Arm. Die Kollegen fangen an ihren Patienten zu untersuchen, sie messen den Blutdruck, kleben ein EKG und legen eine Halskrause an. In diesem Moment trifft der Notarzt und die Feuerwehr ein. Das Ganze hat nochmals 10 Minuten gedauert. Die Übergabe an den Notarzt verschlingt auch noch mal 2 Minuten. Der Doc klettert ins Auto und untersucht Jochen von Kopf bis Fuß. Als die Feuerwehr die Fahrertür gewaltsam geöffnet hat, läuft gerade die 45 Minute durch. Bis hier hin hat der Kreislauf von unserem jungen Patient sich noch gehalten, aber jetzt bricht er weg. Gute 3 Minuten braucht der Notarzt um 2 venöse Zugänge zu legen, um Jochens Kreislauf einigermaßen zu stabilisieren.

Die Zeit wird knapp, aber noch ist der Patient mit seinen Beinen im Fahrzeug eingeklemmt. Das Problem ist, dass der Patient einen nagelneuen 5er BMW fährt, er schützt seinen Passagier bestens vor Unfällen, und das ist jetzt das Problem der Feuerwehr. Denn die neuen Autos sind an bestimmten Stellen verstärkt. Auch wenn die Feuerwehr neuestes Gerät einsetzt, dauert es länger. Als die Feuerwehr endlich nach 50 Minuten Jochens Beine aus dem Blechknäul befreit hat, verliert er das Bewusstsein. So schnell wie möglich wird er aus dem Auto gerettet und auf die Trage gelagert. Noch auf der Trage wird Jochen intubiert, was mit Vorbereitung 2 Minuten dauert. Dann geht es in den Rettungswagen. Dort wird er entkleidet und der Notarzt untersucht ihn nochmals von Kopf bis Fuß. Außerdem wird ein Ultraschall des Bauches gemacht und das linke Bein geschient. Das dauert weitere 20 Minuten.

Seit dem Unfall sind jetzt 117 Minuten vergangen. Es dauert weitere 10 Minuten bis Jochen in der nächsten Klinik ist, weitere 10 Minuten braucht das Team des Schockraums. Nach 137 Minuten liegt Jochen auf dem OP-Tisch. Der Rettungsdienst brauchte für seine Maßnahmen 37 und die Feuerwehr 50 Minuten. Hab ich mir das jetzt nur ausgedacht!?

Leider nein! Auch im Jahr 2011 hat sich gegenüber 1996 nicht viel verändert. Die durchschnittliche Verweildauer eines Polytraumas an der Einsatzstelle in Deutschland dauert +/- 73 Minuten und das im 21. Jahrhundert in einem Industrieland. Schauen wir kurz nach Afrika, einem 3. Welt-Kontinent. Dort hat ein Polytrauma mehr Überlebenschancen als hier in Deutschland. Glaubt ihr nicht!? Wieso sollte dort denn ein Mensch größere Überlebenschancen haben, als hier!? Ganz einfach, dort hat man teilweise nicht die Ausrüstung, die wir hier haben. Wir und auch teilweise ich sind gewöhnt, alle Geräte zu benutzen, die wir auf dem RTW haben. Muss ich bei einem akut vital bedrohten Patient Blutdruck messen und ein EKG schreiben und dies auswerten? Muss ich bei der ersten Untersuchung die Arme und Unterschenkel untersuchen? Nein, liebe Kollegen das müssen wir nicht, denn das kostet alles verdammt viel Zeit. Und diese Zeit hat unser Patient nicht. Auch brauchen wir keine Ultraschalluntersuchung präklinisch, das ist raus geschmissenes Geld und rettet kein Leben, genauso wie die Schienung und die Untersuchung von Armen und Unterschenkeln. Wir vertrödeln zu viel Zeit.

Wir müssen draußen viel schneller werden, wir brauchen klare Strukturen und wir müssen uns von alten Meinungen verabschieden. Zum Glück ändert sich das seit knapp 4 Jahren. Die Amerikaner machen es uns seit Jahren vor, diese werden in Traumamanagement geschult. 10 Minuten dauert es nach der ersten Kontaktaufnahme zum Patienten bis dieser fertig untersucht und versorgt ist und im RTW liegt, wenn man sich an diese Struktur hält. Haltet ihr für unmöglich!? Ist es nicht, denn der Patient braucht nur ein paar Dinge, und das sind eine gesicherte und ausreichende Atmung, einen Blutdruck zwischen 90 und 120 systolisch und eine perfekte Fixierung des Bewegungsapparates. Alles andere kann und soll während der Fahrt erfolgen.

Packen wir es an!!

http://www.itls-germany.de/

http://www.phtls-online.de/

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36 Kommentare leave one →
  1. 22. Februar 2011 22:42

    Ich denke, auch wir als Feuerwehr müssen überlegen, ob wir nicht manches auch einfach etwas schneller hinkriegen, dafür aber etwas lauter. Muß ich wirklich die Seitenscheibe mit
    Klebeband abkleben, bevor man sie mit dem Federkörner zestört? Reicht da nicht einfach ein Stück Folie, um den Patienten vor Splitter zu schützen? Oder nehmen wir zuerst mal die Scheibe, die am weitesten vom Patienten entfernt ist. Die anderen Scheiben kurbeln wir einfach runter, wenn der Erste imFahrzeug ist. Sicher gibt es noch mehr Beispiele und es geht nicht immer so einfach. Ganz klar. Keine Rettung ist gleich. Aber stets das eigene Handeln zu überprüfen und evtl. zu verbessern ist m.M.n. ganz wichtig.

    • 3. April 2011 00:18

      Kurbeln geht nur, wo Kurbeln sind – mein Auto hat keine. Und nach einem Unfall werden wohl keine EFH mehr funktionieren…
      Aber die Folie, oder auch eine Decke als Schutz, das sollte doch wohl gehen. Meint der Laie…

  2. 22. Februar 2011 22:43

    Volle Zustimmung!
    In der Klinik geht der Blödsinn dann übrigens weiter, da streiten sich dann drei Disziplinen darum wer zuständig ist und jerder will seinen Teil des Körpers „nochmal eben schnell checken“…
    Es gibt sicherlich Kliniken in Deutschland die das besser machen, aber mein letztes Haus war das betreffend die absolute Vollkatastrophe.
    Hier an meiner aktuellen Klinik wird draussen PHTLS gespielt und drinnen ATLS… sicherlich auch nicht perfekt, aber zumindest näher dran.

  3. 22. Februar 2011 22:56

    Sehr guter Artikel. Präklinisches Traumamanagement wird zum Topthema der nächsten Jahre. Da gibt es in der Tat einiges zu verbessern. Die Feuerzeugler müssen da natürlich auch ihren Teil dazu beitragen. Denn oftmals sehen wir tatenlos zu bis das Fahrzeug zerlegt ist und wir an den Patienten herankönnen …

    • 25. Februar 2011 09:36

      Das kann aber meist, sofern die Arbeit untereinander gut ist, durch Kommunikation ausgemerzt werden. Wenn bei uns der RD sagt, es geht ihm zu langsam, dann wird schneller gearbeitet. Unser Vorteil ist, dass viele hauptamtlichen RD’ler im ortsansässigen DRK-Verband sind, mit wir sehr gut zusammen arbeiten.

      Alles eine Frage der Kommunikation 😀

  4. 22. Februar 2011 23:13

    Was die Zeit des Transportes von Lady Di war dauerte es meines Wissens nach 40 Minuten bis der RTW im Krankenhaus ankam.
    Quelle: 3Sat hitec „60 Minuten zwischen Leben und Tod – Die goldene Stunde der Rettungsdienste“
    http://wstreaming.zdf.de/3sat/veryhigh/110131_60min_leben_tod_hitec.asx
    Ab Minute 17:00.
    Hab den Bericht auf empfehlung von RDblog gesehen.
    http://rettungsdienstblog.wordpress.com/2011/01/28/videotipp-3sat-hitec-60-minuten-zwischen-leben-und-tod-die-goldene-stunde-der-rettungsdienste/

    Kleine Frage von mir:
    Kann es ein das man im Rettungsdienst und der Erstversorgung in Deutschland noch zu internistisch fixiert ist?

    • 22. Februar 2011 23:23

      @Sueder

      Das könnte hin kommen mit 40 Minuten. Wir sind glaube ich noch zu sehr auf unsere Geräte fixiert und darauf, so schonend wie möglich, jemand aus dem Auto zu bekommen und alle Maßnahmen sofort durch zu führen, ohne den Verstand mal ein zu schalten.

      @Chefarzt

      Ja leider ist das noch so!!

      @Patrick

      Ja das stimmt leider auch, wobei es ja mittlerweile gute Ansätze gibt, die aber noch nicht in den letzten Winkel der Republik vor gedrungen sind.

      @UW

      Ja sicherlich, weil wir da draußen ein Team sind, denn ohne euch gehts da draußen nicht! Deswegen gibts diese Kurse auch für die Feuerwehrsanitäter etc.

  5. peter permalink
    22. Februar 2011 23:33

    @UW: Ja ich glaube sogar wirklich dass die Feuerwehr mehr raus holen kann.
    Ich glaube dass bei Polytraumatas das Amerikanische: „Alle Mann mit lauten aber effektiven Maschinen rann ans Fahrtzeug“ dann doch besser ist das das Deutsche: „Immer nur einer ans Fahrtzeug und der hat auch nur ein Gerät dabei alle anderen werden ganz sicher mehrere Meter weit weg in einem Bereitstellungsraum geparkt“ System.

  6. Hubi permalink
    23. Februar 2011 12:16

    moin
    Ein super Ansatz der schon länger läuft sind die Rescue challange von http://www.vfdu.de/ hier bei wird auf zeit Autos zerlegt mit entsprechneder lage 10 min oder 20 oder solange wie muss. Ziel der sache ist schnelleres Arbeiten und unütze sachen weg lassen.
    Leider gibt es in Feuerwehr Deutschland immer noch die Meinung das machen wir seit 20 jahren so das wird die nächsten 20 auch noch so gehen. Die Zeiten in denn man einfach so mit der Schere los schneiden konnte sind vorbei das war einmal.

  7. 23. Februar 2011 12:18

    Hallo zusammen,

    mal nen paar Fragen ob ich die Abläufe richtig verstanden hab. Ist hier das erste FW-Fahrzeug erst nach 20 Minuten eingetroffen? Ist schon mal ungewöhnlich lange.
    Dann 25Minuten Fahrentür öffnen, neues Auto hin oder her, definitiv zulange.
    Danach wurde er innerhalb von 5 Minuten im Fußraum befreit? Okay ist realitisch und zügig. Oder hast es weitere 25 Minuten gedauert?
    Wie wurde den der Patient danach gerettet durch die geöffnetete Fahrertür oder wurde noch das Dach abgeklappt?

    Finde die Rettung hier ist sehr lange dargestellt.. Entweder hat die Feuerwehr keine Ahnung gehabt, es gab unglückliche Umstände die hier alles verzögert haben oder der RD hat dem EL nicht kommuniziert, dass hier eine Crash-Rettung induziert ist.

    War das ein Realer Einsatz?

    so long

    • 23. Februar 2011 12:49

      @Lexy

      Der Einsatz ist fiktiv, und keinem realem Einsatz zu zu ordnen. Natürlich sind die Zeiten was das Eintreffen und die erst Öffnung nicht korrekt, wobei das vorbereiten und öffnen einige Zeit doch in Anspruch nimmt. Auch eine Crashrettung dauert seine Zeit, wenn der Pat. schwer eingeklemmt ist. Mir gehts auch nicht hier speziell um die Arbeit der Feuerwehr, dazu habe ich trotz Erfahrung als Mitglied in der Feuerwehr zuwenig Ahnung. Das Ziel dieses Beitrags ist, das wir draußen umdenken müssen, und das betrifft die Feuerwehr und auch den Rettungsdienst.

  8. Julian permalink
    23. Februar 2011 12:57

    Vorsicht mit solchen pauschalen Aussagen wie „Wir müssen draußen viel schneller werden,…“! Es gibt meines Wissens mindestens genauso viele wissenschaftliche Arbeiten, die das Gegenteil aussagen. Natürlich kannst du anhand von solchen Extrembeispielen einen Verbesserungsbedarf aufzeigen, müsstest jedoch auch erwähnen, dass es auch tagtäglich Einsätze gibt, bei denen Patienten von einer schonenden technischen und medizinischen Rettung profitieren.
    In meinen Augen besteht einfach das grundsätzliche Problem: Du kannst einer komplexen Situation (Verkehrsunfall mit technischer Rettung) keine einfache Taktik wie „Load and Go!“ ODER „Stay and play!“ entgegensetzten. Der Begriff der „patientenorientierten technischen Hilfeleistung“ im Feuerwehr-Bereich entspricht vielmehr dem was auch für den Rettungsdienst gelten sollte: Weg von einem Standardverfahren hin zu einer der Situation angepassten Taktik. Natürlich wachsen dadurch die Anforderungen an das Personal, jedoch sollte jeder der egal ob bei Feuerwehr oder Rettungsdienst tätig ist, diesen Anforderungen entsprechen können, andernfalls ist er schlicht und einfach fehl am Platz!

    • 23. Februar 2011 13:28

      @Julian

      Willkommen auf meinem Blog. Leider sind das keine Pauschalisierungen sondern bittere Realität. Auch eine Rettung nach ITLS/PHTLS ist schonend. Denn darauf kommt es an, um den Patient nicht weiter zu schädigen. Auch wird im Traumamangament von Load an go an treat gesprochen. Unser Handeln bestimmt der Patient bzw seine Verletzung. Was hat ein Patient davon, wenn wir bei der Rettung so erschütterungsfrei wie möglich sind, wenn dieser in das Abdomen einblutet? Auch die Feuerwehr ist da genau so gefragt wie der Rettungsdienst, sein Hanhdeln immer zu überdenken.

      • Julian permalink
        23. Februar 2011 13:59

        Ich gehe ja mit dir konform, dass in den von dir genannten Fällen deine Argumentation vollkommen passt. Nur musst du eben damit rechnen, dass wenn du öffentlich solche pauschalen Aussagen machst, jemand auf die Idee kommt zu fragen, auf welche Daten du dich beziehst. Ist das deine persönliche Erfahrung aus dem RD-Alltag? Der Austausch mit Kollegen? Oder beziehst du dich auf eine bestimmte Quelle?
        Ich habe bis jetzt, sowohl bei FW als auch RD durch aus andere Erfahrungen gemacht als du.
        Wenn du hierbei über deine eigenen Erfahrung und deine persönlichen Schlüsse daraus schreibst, ist das eine Sache. Sobald du aber relativ eindeutige und allgemeine Aussagen über Taktik etc. veröffentlichst und dabei erstgenommen werden willst, solltest du das klar abgrenzen und entsprechend belegen.

  9. Julian permalink
    23. Februar 2011 14:31

    Ich nehme mal an, du hast dich an folgendem Text orientiert: http://www.phtls-online.de/webman/picture_files/43_PHTLS_UC.pdf
    Beim Überfliegen ist mir aufgefallen, dass hier auf Formulierungen ala „es muss alles anders gemacht werden“ verzichtet wurde und differenzierter argumentiert wird.

    Zum anderen sollte man sich bewusst sein, dass entsprechende Veröffentlichungen auf Seiten von Kurs-Anbietern nicht dem Querschnitt der veröffentlichten Untersuchungen entsprechen, sondern natürlich eine Legitimation des eigenen Angebots bezwecken sollen.

  10. 23. Februar 2011 15:04

    Das Traumamanagement bzw die „golden hour“ sind dieses Jahr (bzw im Fortbildungsjahr 2010/2011) bei uns Teil der jährlichen Pflichtfortbildung. Und dabei sind auch sehr wohl Taktiken wie „Load and Go“ erwähnt worden. Natürlich muss man das Ganze an die jeweilige Lage anpassen und schafft es nicht immer, aber dass wir schneller werden müssen steht denke ich außer Frage.
    Allein schon die Fahrtzeiten nehmen ja schon einen recht großen Teil der 60 Minuten in Anspruch. Wenn ich hier bei uns ein Polytrauma habe, das ein Haus der Maximalversorgung benötigt, habe ich allein zum KH schon mal ne Fahrtzeit von rund 30 Minuten. Bei gutem Wetter, freier Bahn etc vielleicht auch gute 20. Da kommen dann ja aber noch die Zeit bis zum Notruf, bis zur Alarmierung, bis zum Eintreffen an der E-Stelle und die Versorgung und Befreiung des Patienten dazu. Da bleibt dann teils nicht wirklich viel Luft. Tagsüber kann ein RTH eventuell die Transportzeit verkürzen, sofern er zeitnah alarmiert wird und verfügbar ist. Aber nachts?

    Es liegt also noch viel Arbeit vor uns 😉

  11. Julian permalink
    23. Februar 2011 15:47

    ich verweise an dieser Stelle mal auf einen Artikel aus der Rettungsdienst Dez. 2010 mit dem Titel „The Golden Hour of Trauma: Ist Geschwindigkeit das Qualitätskriterium der Traumaversorgung“. Hauptaussage dieses Artikels ist, dass es für die Golden Hour of Trama keinen Beleg gibt. Es ist nicht nachgewiesen, dass der Verzicht von präklinischen Maßnahmen zu Gunsten einer maximal kurzen Prähospitalzeit in jedem Fall einen Vorteil für den Patienten ergibt.

    • 23. Februar 2011 18:59

      @Julian

      Ich habe die Ausgabe leider nicht zur Hand, aber auf welche Quellen bezieht sich dieser Text? Wenn die „Golden Hour“ nichts bringt, wieso wird dies dann dann gerade im Fall Prinzess DI so angeprangert, dass gerade die Versorgung etc. zuviel Zeit gekostet hat!?

      Quelle meines Artikels sind mein ITLS Kurs und das dazu gehörige Fachbuch. Das du auch andere beispiele kennst, finde ich gut und auch lobenswert! Es bewegt sich auch was hier in Deutschland. Aber das ist trotzdem noch nicht bei vielen angekommen. Stand Heute ist, wir müssen unser Handeln auf den Patient ausrichten, und dieser Algorithmus ist auf jeden chirurgischen Einsatz anwendbar. Eine Milzruptur hat keine Zeit, die muss in den OP, und das nicht erst nach knapp 1 std. die ich draußen stehe.

      Auch die Feuerwehr hat was dies angeht umgedacht. Wie gesagt, die Struktur eines solchen Kurses ist auf jeden chirurgischen Einsatz anwendbar.

      • Julian permalink
        23. Februar 2011 22:34

        Du hast absolut Recht! Aber „am Patienten orientiert“ ist NICHT in JEDEM Fall gleichzusetzten mit „so schnell wie möglich“. Mir geht es nur darum, dass du, vll unbewusst, in deinem Blog-Post pauschal die Aussage machst, dass in JEDEM Fall viel schneller vorgegangen werden soll. Und genau diese Aussage ist in meinen Augen verkehrt! Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, dass bei Szenarien wie von dir geschildert präklinisch nix zu gewinnen ist. Das ist sogar mir klar ;). Aber es gibt genauso Szenarien, wo ein anderes Vorgehen indiziert ist. Und genau diesen Fällen wird deine Aussage aus dem Blog-Post nicht gerecht.

        Ich weiß zwar nicht, ob deine Afrika-Aussage ernst gemeint oder eher als „Entertainment“ für deine Leser gedacht war, die Sache mit Afrika, Polytrauma und Überlebensrate… sei mir nicht böse, aber das kaufe ich dir nicht ab!

      • 23. Februar 2011 22:52

        @Julian

        da sind wir leider anderer Auffassung. Schnell heisst nicht, das es nicht schonend ist. Wenn der Patient stabil ist, kann ich diese Struktur genauso benutzen. Und davon profitiert der Patient immer. Es geht in meinem Artikell um Polytraumen, und die haben einfach nicht die Zeit und da stimmt meine Aussage. Auch meine Aussage zu Afrika ist Ernst gemeint, es gibt dazu Statistiken..und da liegen einige Länder vor uns, was die Verweildauer an der Einsatzstelle angeht, die in Afrika liegen. Wir müssen endlich mal vom dem Ross runter steigen, das wir Deutschen im Rettungsdienst das Non Plus Ultra sind. Wir sind gut, keine Frage, aber es muss sich noch einiges ändern.

  12. 23. Februar 2011 22:01

    Du schreibst mit aus der Seele. Viele zu viele Patienten habe ich gesehen, an denen vor Ort lange, sehr lange herumgeDOKTORt wird, ohne ihm dabei wirklich zu helfen. Er hat nunmal nichts davon, wenn er nen tollen Blutdruck hat, dabei aber nur noch Ringerlösung in den Blutgefäßen. Ohne pauschal ein load-and-go-system zu fordern: ein blutender polytraumatisierter Patient ist aber letztendlich nur im OP wirklich versorgt, denn dort kann man die Ursachen bekämpfen, nicht nur die Symptome.
    Im Bereich der präklinischen Traumaversorgung hinken wir in Deutschland dem Rest der Welt leider mal wieder hinterher.

  13. Christoph permalink
    24. Februar 2011 17:01

    Ich kenne das Beispiel von Lady Di auch nur zu gut, welches als plakatives Beispiel zum Abschluss des ITLS Kurses vorgetragen wurde. Wobei ich hier ergänzen möchte, dass der Transport ins KH eine beachtliche Zeit in Anspruch genommen hat (genau Zeit ist mir entfallen), da es damals üblich war (in Frankreich) mit dem Patienten umso langsamer in die Klinik zu fahren, je schwerer er verletzt ist.

    Ansonsten sind ITLS und PHTLS imho als Werkzeuge anzusehen, welche das eigene Repertoire an möglichen Maßnahmen und Abläufen sinnvoll ergänzt. Ist ein Patient nicht kritisch, so halten auch diese Trauma-Standards einen dazu an, den Patienten vor Ort komplett zu versorgen und auch beispielsweise eine UA-Fraktur zu schienen, nur welchen Sinn macht so etwas bei einem Polytrauma? Das ist eine Maßnahme die mir vor Ort einige Minuten Zeit kostet, aber definitiv nicht das Leben des Patienten retten wird, da gibt es erstmal wichtigere Maßnahmen. Wenn ich die Zeit während des Transportes dann habe, kann ich das noch immer machen.

    @Julian: das ist jetzt nicht nur an Afrika festzumachen, sondern eher am Grad der Ausbildung. Je mehr Maßnahmen prinzipiell ein RD-Mitarbeiter machen kann, desto eher wird er diese (vor Ort) auch anwenden, was man aber imho auch nicht unbedingt dem einzelnen MA vorwerfen kann, sondern eher eine systembedingte Problematik ist. Entsprechende Ergebnisse liegen auch aus Kanada vor (im Vergleich EMTs, Paramedics und Ärzte).

  14. 24. Februar 2011 23:22

    Habe gerade in einer Fortbildung gehört, dass man das mit dem load and go sehr differenziert betrachten sollte. Das gilt v.a. für BLUTENDE Patienten, oder die, die vermutlich bluten. Den anderen ist u.U. mit einer vernünftigen präklinischen Versorgung besser geholfen. Ich habe einmal einen Patienten gesehen, der bei uns im Schockraum landete. Polytrauma, grottenschlecht. Man hatte vor Ort keinen Zugang etablieren können, eine Intubation ist entsprechend auch nicht geglückt. Ich hatte hinterher aber allen Respekt für den Notarzt, der gesagt hat, ich krieg es nicht hin, und ich werde jetzt einfach mal in die Klinik fahren. Im ersten Moment guckt man blöd, aber es war die einzig richtige Entscheidung.

    • 25. Februar 2011 07:48

      @Anna

      Natürlich muss man vieles differenziert betrachten. Wie gesagt, die Kurse sind Handwerkszeug und geben uns einen Rahmen vor. Ist der Patient nicht kritisch, kann ich auch alle Maßnahmen präklinisch durch führen. Das Notärzte sagen, ich habs draußen einfach nicht hin bekommen und fahre in die Klinik, dieser Mensch hat auch meinen Respekt.

  15. 25. Februar 2011 16:21

    Ich habe den Artikel in der Rettungsdienst gelesen und er hat mir zu denken gegeben. Unter anderem wird auf eine aktuelle Studie bei der 3500 Patienten aus USA/Kanada teil waren hingewiesen. Bei dieser Studie wurde nicht nur das Gesamtintervall sondern auch die Teilintervalle untersucht. Bei beiden Intervallen lies sich wohl kein Einfluss auf das Überleben Polytraumatisierter feststellen. Der Artikel kommt dann auch zum dem Schluß das es für die „Golden Hour“ keinen wissenschaftlichen Beleg gibt. Ich gebe für mich ganz ehrlich zu das ich seit ich diesen Artikel gelesen habe nicht mehr so richtig weiß was nun richtig ist und was nicht. Auch die Diskussion im Kollegenkreis oder mit NAs hat mich noch nicht weiter gebracht. Das ist nun eben auch die Krux in unserem Bereich, es ändert sich laufend, Althergebrachtes wird über den Haufen geworfen…..oder auch wieder ausgegraben.

  16. 25. Februar 2011 21:41

    „Ist es nicht, denn der Patient braucht nur ein paar Dinge, und das sind eine gesicherte und ausreichende Atmung, einen Blutdruck zwischen 90 und 120 systolisch und eine perfekte Fixierung des Bewegungsapparates. Alles andere kann und soll während der Fahrt erfolgen.

    “ – gute Idee. Wenn doch alles so einfach wäre.

  17. 27. Februar 2011 12:43

    – Nachtrag zu vorgestern: Habe doch glatt vergessen, meine Signatur hier zu posten.

    Also:

    Viele liebe Grüße

    Andrea

    • 27. Februar 2011 12:47

      @Andrea

      Willkommen auf meinem Blog! Es wäre einfach, wenn nicht viele an ihren eingefahreren Struckturen fest halten würden.

  18. flobach permalink
    1. März 2011 05:48

    Hi Paul,
    Werde naechste Woche meinen PHTLS Kurs machen, bin schon mal gespannt.
    Hast du Literaturquellen fuer den Beitrag? Mittlerweile ist ja zumindest die „Golden Hour“ als Mythos entlarvt worden.
    Gut geschrieben uebrigens!

    • 2. März 2011 23:38

      @flobach

      Willkommen auf meinem Blog. Quellen ist mein ITLS Kurs, sowie das Fachbuch dazu sowie meine und anderer Kollegen gemachten Erfahrungen. Die Zeiten zum Unglück mit Lady Di sind aus Wikipedia. Danke für das Lob.

  19. 1. März 2011 22:04

    @alltagimrettungsdienst

    Nicht nur bei der Rettung – auch anderswo ist es oft so, dass Menschen sich an festgefertigte Strukturen klammern, weil sie Angst (oder etwas in der Richtung) haben Neues auszuprobieren.

    Vermutlich aus einem ähnlichen Grund klammere ich mich so lange an das Studium (was, wo, wann – siehe meinen Blog), weil ich Angst vorm Arbeitsleben habe.

    Viele liebe Grüße

    Andrea

  20. 18. März 2011 13:59

    hej paul,

    dein beitrag hat mir sehr gut gefallen!
    es ist erschreckend wieviel zeit „vertrödelt“ wird!

    ich habe ja auch schon den „luxus“ genossen im traumamanagment geschult zu werden und muss sagen, dass mir seitdem immer wieder auffällt wieviel zeit wir vorher verloren haben.
    zwar sitze ich nicht mit einer stoppuhr neben dem patienten (schließlich würde die bedienung auch wieder zeit kosten), aber allein anhand des status kann man ja später nachvollziehen wie lange man an der einsatzstelle verbracht hat.

    ich hoffe, dass sich das system (egal welches von den verschiedenen) durchsetzt und damit den patienten schneller und effektiver geholfen werden kann.

  21. 2. April 2011 17:16

    Weniger ist meist mehr. Die Entwicklung der verschiedenen Leitlinien in den letzten Jahren zeigt das recht gut. Die empfohlenen Algorithmen werden ja auch deshalb immer schlichter, weil deutlich wird, dass nicht alles, was logisch ist, dem Patienten auch nützt. Dass aber weniges, wenn es an der richtigen Stelle zuverlässig umgesetzt wird, einen enormen Effekt auf die Überlebenswahrscheinlichkeit haben kann.

    Das Beispiel Lady Di passt da recht gut: Soweit ich mich an die veröffentlichten Fakten erinnere, war die Wucht des Aufpralls so hoch, dass die grössten Verletzungen durch die relativen Beschleunigungen der Thorax- und Bauchorgane zueinander entstanden. Wenn da überhaupt noch etwas hilft, ist es höchstens ein gut geölter OP, der schnell erreicht wird – und nicht ein elaboriertes, jede Eventualität berücksichtigendes Management an der Unfallstelle.

    Ich teile auch die Überlegungen zur Überlebenschance, wenn nur elementare Ausrüstung zur Verfügung steht („Afrika“). Die Versuchung, sich im Dschungel der Anwendung komplizierten Geräts zu verfangen ist einfach kleiner – was immens Zeit spart.

    Unser Hirn spielt uns bei solchen Dingen gern einen Streich. Die abgehobenen Diskussionen zur Triage (und die anschliessenden Simulationen) in jedem Notarztkurs illustrieren das Problem auf einer anderen Ebene recht eindrücklich. Vor lauter hochintellektuellen Eventualitäten ist die Mehrzahl der Opfer nach Ablauf der vorgegebenen Zeit meist unversorgt, weil sich die meisten Teilnehmer schon bei den ersten drei verzetteln.

  22. Peter permalink
    11. Juli 2011 18:27

    Mir als Feuerwehrler drängt sich im Beispiel klar eine Kommunikationslücke auf. Bei uns wir klar ausgebildet, dass der erste eintreffende Gruppenführer dn zu diesem Zeitpunkt leitenden RDler, also NA oder RA fragt, ob es ein zeitkritischer Patient ist. Wenn ja – wie im Beispiel – wird eine Crashrettung eingeleitet. Diese ist möglichst schnell, nimmt aber auf Schonung keine sonderliche Rücksicht. Dach wegklappen und vorsichtig mit dem KED und Drehleiter aus dem Auto heben fällt weg. Öffnung wie auch immer schaffen und Pat befreien.
    Leider gibt es Umstände, da geht es nicht schnell – wir hatten da einen Pat eingeklemmt in Kleintransporter, der nicht viel hatte – abgesehen davon das sich Motorgestänge und Pedalteile duch seine Beine gebohrt hatten. Bedingt durch verletzte große Aterien war er ziemlich zeitkritisch. Es hat leider trotzdem knapp 40min gedauert, ihn zu befreien. In dieser Zeit wurden mehrfach Blutkonserven aus den Kliniken zur Einsatzstelle gebracht. Zum Glück sind wir in einer Großstadt mit der Option gesegnet.

    • 11. Juli 2011 21:37

      @Peter

      Willkommen auf meinem Blog! Natürlich gibt es Kommunikationsdefizite, aber die gibts leider überall. Um mal gerade bei der Crashrettung zu bleiben.. für euch heisst das vielleicht 10 Min bis zum befreien..für uns heisst Crashrettung vielleicht 5 Minuten. Und da müssen alle an einem Strang ziehen..wir müssen eine Sprache sprechen..und deshalb sollten auch Feuerwehrler diese Kurse machen, denn die gibts nämlich auch.

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