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Ich fahr gleich mit der Bahn heim…

6. März 2011

Wir stehen in einer etwas heruntergekommenen Wohnung am Stadtrand. Die Mieterin der Wohnung hat uns gerufen, weil es ihrem Besucher angeblich schlecht geht. Dieser steht uns nun gegenüber und dreht sich eine Zigarette. Ich bin hier mit meinem Lehrrettungsassistent und der versucht gerade herauszufinden, wieso wir überhaupt hier sind.

Eine halbe Stunde zuvor sitzen wir noch auf der Wache, ich bin in meinem praktischem Jahr zum Rettungsassistent und fahre mit meinem Ausbilder. Wir haben schon 16 Stunden Dienst hinter uns, aber es war doch ausgesprochen ruhig bis jetzt. Nun wäre die perfekte Zeit, um ins Bett zu gehen und zu hoffen, dass es bis zum Feierabend ruhig bleibt. Natürlich ist es nur ein Wunsch. Mein Melder liegt auf dem Wohnzimmertisch und plötzlich leuchtet er auf und verkündet Arbeit für uns. Dieser neumodische Melder sagt uns sogleich, wie unser Patient heißt, was er eventuell hat und wo wir ihn finden werden. Mein Kollege schaut genervt, denn es wird eine hilflose Person gemeldet. Begeistert bin ich auch nicht wirklich, aber was will man machen!? Wir machen uns auf den Weg zu besagter Adresse und sind keine 5 Minuten später dort. Mein Kollege kennt diese Wohngegend und als ich mich gerade mit unserem Material beladen möchte, schüttelt er den Kopf. „Nimm nur den Koffer mit hoch, das ist wahrscheinlich eh nichts für uns“. Ich tue, wie mir befohlen wird und trotte ihm hinterher.

Wir werden an der Haustür des Mehrfamilienhauses von der Mieterin empfangen. Man riecht schon aus ein paar Metern Entfernung, dass hier nicht oft geputzt wird. Die Anruferin plappert wie ein Wasserfall, dass es ihrem Besucher sehr schlecht gehen würde. Sie läuft vor uns her und eine Minute später stehen wir in der besagt etwas schmuddeligen Wohnung. Unser Patient steht mitten im Wohnzimmer. Mein Kollege und ich schauen uns etwas irritiert an. So wirklich hilflos sieht der Mann nicht aus, aber warten wir mal ab. Ihm scheint das alles sowieso zu viel Aufhebens um seine Person zu sein. Er hatte wohl einen kleinen Kreislaufkollaps und sieht alles nicht so dramatisch wie die Dame des Hauses. Die redet auf meinen Kollegen ein, ihr Besucher hätte auf der Couch gesessen und auf einmal so ein bisschen gezuckt. Und dann hätte er zwei Minuten lang nichts gesagt. In meinem Hirn blitzt ein „Das kennen wir doch“ – Schild auf. Krampfanfall steht auf diesem Schild. Da ich aber nur der Praktikant bin, habe ich nicht wirklich etwas zu sagen.

Mein Kollege fragt den Mann, wie es ihm gerade gehen würde, dieser antwortet, dass es ihm gut geht und er sowieso gleich mit der Straßenbahn nach Hause fahren wollte. Das reicht meinem Kollegen wohl und er teilt der Dame mit, dass, wenn der Herr nicht ins Krankenhaus möchte, er keine Veranlassung sieht, diesen auch mitzunehmen. Man sieht der Frau an, dass sie etwas anderes erwartet hatte. Sie versucht nochmals meinen Kollegen umzustimmen, was aber nicht von Erfolg gekrönt ist, denn ich werde beauftragt, den Koffer wieder in den RTW und unsere Klatte auf dem Rückweg mitzubringen. Als ich wieder in der Wohnung bin, sitzt unser Patient auf der Couch und sucht seine Sachen zusammen. Mein Kollege nimmt die Personalien auf und schreibt einen kurzen Bericht. Diesen händigt er dem Mann aus und als wir schon gehen wollen, versucht die Anruferin nochmals uns umzustimmen. Mein Kollege erklärt ihr ein zweites Mal, dass wenn der Patient nicht mit ins Krankenhaus möchte, er ihn dazu nicht zwingen kann.

Als wir wieder auf der Wache eintreffen, ist der Einsatz für uns abgehakt. Die Nacht bleibt danach ruhig. Wir übergeben unseren RTW an unsere nächste Schicht und ich fahre nach Hause. Da ich noch müde bin, lege ich mich noch ein bisschen ins Bett. Es ist kurz nach 12, als mein Handy klingelt. Mein Wachenleiter ist am Telefon. Ob wir gestern Nacht bei dem und dem Patient gewesen wäre. „Ja, waren wir“, gebe ich zur Antwort. „Dann setz dich mal“, gab er zurück. Mir schwante Böses, und ich sollte Recht behalten. Unsere Ablösung wurde heute Morgen zu gleicher Adresse alarmiert. Dort fand sie unseren Patienten tot auf der Couch sitzend vor. Ich schluckte mehrmals. In meinem Kopf spulte der Einsatz nochmals ab. Der Patient war orientiert, konnte sich klar ausdrücken und wollte einfach nicht mit ins Krankenhaus. So gesehen hätten wir nichts anderes machen können, oder etwa doch!?

Mein Kollege musste danach eine Stellungnahme schreiben. Nach ein paar Tagen hatten wir Gewissheit. Wir hatten nichts falsch gemacht. Ein komisches Gefühl in der Magengegend blieb einige Tage trotzdem.

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14 Kommentare leave one →
  1. 6. März 2011 12:46

    Hm, sowas ähnliches hatte ich auch letztens. Abends einen KTW-Transport. Gut ging es dem Patienten jetzt nicht unbedingt, aber es gab unserer Meinung nach keinen Anlass, uns Sorgen zu machen oder gar einen Notarzt nachzufordern. Am nächsten Tag hörten wir dann, dass er noch in der Nacht verstorben ist. Da macht man sich dann schon Gedanken. Aber letztlich haben wir denke ich nichts falsch gemacht.
    Und bei Euch sehe ich das ähnlich. Wenn er nicht mit will und auch akut keinerlei Probleme hat, kann man eben nicht viel machen.

  2. gr3if permalink
    6. März 2011 12:52

    Urgs…..

    Ich hatte leider mal einen ganz ähnlichen Fall…. Patient war auch orientiert usw, sehr ähnlich von der Lokation. Wir haben ihn auch dagelassen, 2 Stunden später haben wir reanimiert und hinterher als Diagnose zum Tod gedecktes Aortenaneurisma bekommen….

    Fertig ist man dann auch!

    Insofern mein Beileid und ich hoffe du läßt dich nicht ins Bockshorn jagen.

  3. opatios permalink
    6. März 2011 17:26

    Wenn der Patient dem Rettungsassistenten sagt, er möchte nicht ins Krankenhaus, sondern heimfahren, warum versucht die Frau dann nicht, ihren Besucher umzustimmen, und redet statt dessen ständig auf den (hier machtlosen) Rettungsassistenten ein?
    Manchmal versteh ich die Menschen nicht…

  4. 6. März 2011 23:42

    Ich hoffe, dass es bei „Wir hatten nichts falsch gemacht“ auch bleibt. Leider habe ich schon solche Fälle erlebt, wo mehrere Wochen später eine Vorladung zur Beschuldigtenvernehmung in der Post lag. Ich hab bei fast jedem Patienten den ich unter solchen Umständen zuhause lasse ein schlechtes Gefühl.

    • 7. März 2011 09:53

      @KollegeS.

      Willkommen auf meinem Blog. Ja so ist das leider in unserem Job. Zum Glück kommt es selten zu solchen Situationen, deswegen ist eine konsequente Dokumentation unerlässlich.

      @opatios

      Dir auch ein willkommen auf meinem Blog. Ich habe seit längerem die Einstellung, ich biete meine Hilfe an..und wer nicht will, hat halt Pech gehabt.

      @Hesting

      Man sieht leider daran, dass viele lieber Verantwortung abgeben, als selbst aktiv zu werden.

  5. 7. März 2011 08:54

    Meiner Meinung hat die Bekannte des Patienten da aber ein wenig „geschlafen“, zumindest liest es sich so.
    Zwischen „ich fahr gleich heim“ und dem Tod müssen doch noch ein paar Stunden vergangen sein (und falls nicht, hätte sie ja eher wieder Alarm schlagen müssen oder können.)

    Just my 2 cents.

  6. HiFly86 permalink
    7. März 2011 10:07

    Ist oftmals ne heikle Angelegenheit jemanden daheim verbleiben zu lassen. Bei deiner Schilderung des Patienten hätte ich mir allerdings vermutlich auch keine Sorgen gemacht ihn auf eigene Verantwortung in der Wohnung seiner Bekannten zu belassen.
    So etwas hinterlässt natürlich trotzdem ein mulmiges Gefühl, das kann man auch nicht abstellen. Weiss man denn woran er verstorben ist?

  7. jay_vee permalink
    8. März 2011 02:32

    Woraus man Euch (naja, deinem Ausbilder, der trägt die Verantwortung) möglicherweise einen Strick hätte drehen können, ist die Tatsache, dass relativ bald nach einem (mutmaßlichem) Krampfanfall möglicherweise doch der Patient nicht so ganz orientiert ist, und ggf. nicht rechtswirksam über die potentiell tödlichen Konsequenzen einer Mitfahrverweigerung aufgeklärt werden kann. Da kommt doch schließlich einiges an Hirnchemie durcheinander. Bloß, weil der Patient wieder rumläuft und spricht, heißt leider nicht, dass er auch wieder alles kapiert. Nicht, dass es unbedingt so war, aber manchmal reicht es schon, wenn ein Richter das für möglich hält, und so gaaanz unmöglich ist das nun nicht.

    • 8. März 2011 07:39

      @jay_vee

      Willkommen auf meinem Bog. Sicherlich ist dieser Einsatz auch kritisch zu betrachten. Für meinen Kollegen und mich war der Patient orientiert. Das wurde auch so vermerkt. Sicherlich kann ein Richter uns evtl. daraus einen Strick drehen, wenn er was anderes an nimmt.

  8. 10. März 2011 11:34

    Interessante Geschichte. Ich weiss nicht was ich in diesem fall gemacht hätte… Nach Hause fahren? Ins Krankenhaus? Im nachhinein ist es immer leichter zu urteilen, wenn man jedoch mitten im Geschehen ist umso schwieriger.

  9. 10. März 2011 12:23

    Ich hab mal für eine Patientin (Hauskrankenpflege) den Rettungsdienst gerufen, sie war mir auf der Toilette kollabiert und dann etwas desorientiert- jedenfalls nicht so wie vorher… Die Männer kamen und wollten sie mitnehmen, sie wollte aber nicht (Leider machte sie da einen orientierten Eindruck). Nun mussten sie sie mir da lassen. Kurz danach wurde es wieder schlechter (wieder abgeklappt) also hab ich wieder den Notruf gewählt. Da wollten die nicht wieder kommen!! So geht das doch auch nicht. Letztlich sind sie wieder gekommen, haben MICH angemeckert und haben sie dann mitgenommen. Es war dann ein Apoplex. Aber irgendwie geht das so doch auch nicht….

    • 23. September 2011 16:44

      Beschwere dich doch einfach! Ich kenne das auch, dass man manchmal einfach keine Lust hat, fünf Mal wegen dem gleichen Sch***dreck zur gleichen Adresse zu fahren, aber es ist und bleibt nunmal unser Job! Wer hier anderer Meinung ist, sollte sich fragen, warum er im Rettungsdienst arbeitet und ob er nicht woanders besser aufgehoben wäre! Es ist ja wohl mehr als nur verständlich, dass ältere Leute einfach nicht in’s Krankenhaus wollen, wenn es ihnen gut geht…! Weder dem Patienten noch dir ist in dem Fall ein Vorwurf zu machen, ich schätze du hast einfach zwei Backpfeifen erwischt! Und die Ausrede „Wir haben wichtigere Dinge zu tun… Verkehrsunfälle, Herzinfarkte, …“ lass ich gleich mal gar nicht gelten, ausnahmslos JEDER der ein Problem hat, hat gleiches Anrecht auf kompetente medizinische Hilfe!

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