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Geduldsspiel…

4. Juni 2011

Im Rettungsdienst geht es ja um Minuten, manchmal sogar um Sekunden, die zwischen Leben und Tod entscheiden können. Zumindest wenn man den üblichen Klischees des Boulevard glauben mag. Dass aber Rettungsdienst nicht nur aus Leben-retten besteht, sondern man auch mal eine ¾ Stunde diskutiert, bis der Patient mitkommt, davon möchte ich euch heute berichten.

Menschen haben manchmal komische Ansichten, wenn sie den Rettungsdienst rufen. Das reicht von: „Geben Sie mir eine Spritze, dann geht’s wieder“, „Wie Sie sind keine Ärzte!?“, bis zu “Eigentlich möchte ich nicht ins Krankenhaus“. Welcher RD Kollege kennt da nicht irgendwo eine Story!? Unser Patient gehörte diese Nacht zur letzten Kategorie, und die trifft man doch schon häufig an. Eigentlich ist das ja für uns eine tolle Sache. Wir fahren mit Blaulicht vor, gucken kurz, messen vielleicht den Blutdruck und wenn der Patient die magischen Worte spricht: „Ich mag ja eigentlich nicht mit ins Krankenhaus“ sind wir relativ schnell wieder aus der Tür. Dann kommen wir entweder wieder auf die Couch oder nachts besonders schnell wieder ins Bett. Kompliziert wird es aber dann, wenn der Patient nicht mit möchte, wir aber der Meinung sind, er müsste doch mal mit.

Es gibt für diesen Fall mehrere Möglichkeiten, die Situation in verschiedene Richtungen zu lenken. Natürlich spielt auch die soziale Kompetenz der Kollegen eine wichtige Rolle, denn wenn dieser keinen Bock oder Geduld hat, reduzieren sich die Möglichkeiten drastisch.

Frau Eich war unsere Kandidatin in dieser Nacht. Die Adresse war meiner Lieblingskollegin und mir durch verschiedene Einsätze bestens vertraut. Eigentlich wohnen hier sehr nette Menschen, die selten Probleme machen. Wir machen uns wegen eines gedrückten Hausnotrufs auf den Weg zu Frau Eich. Was uns genau erwartet, wissen wir gar nicht. So schleppen wir alles Zeug mal mit und zu unserem Glück gibt’s nen großen Aufzug, in den auch unsere Trage passt. Im 2. Stock empfängt uns Frau Schwarz, sie ist die Nachbarin von Frau Eich, und redet auf uns ein, seit wir den Fahrstuhl verlassen haben. Lieblingskollegin verdreht schon die Augen, ich lächele in mich hinein und schon betreten wir die Wohnung. Dort sitzt die ältere Dame auf ihrem Sofa und so wirklich glücklich sieht sie nicht aus. Das linke Bein schaut ein bisschen komisch aus, und wir sind uns schon vom Hinsehen sicher, dass der Oberschenkelhalsknochen hinüber ist. Normalerweise heißt es jetzt, schonend ins Auto zu kommen und ins nächste Krankenhaus zu fahren. Aber Frau Eich ist nicht danach. „Muss ich denn wirklich mit ins Krankenhaus?“, so fängt es an. „Ja“, ist meine Antwort, „es sei denn, sie wollen nicht wieder laufen oder vielleicht sogar daran sterben.“ Ihre Augen weiten sich und ihr entfährt ein kleiner Seufzer. „Sie junger Mann, mit dem Tod macht man keine Scherze“, sagt sie dann. Meine Kollegin lächelt in sich hinein. „Natürlich macht man damit keine Scherze“, sage ich und füge hinzu: „Aber das kann passieren, wenn wir Sie nicht ins Krankenhaus fahren.“ „ Aber ich muss erst mal meinen Sohn anrufen, der ist Arzt.“ WTF?? „Was versprechen Sie sich davon!?“ „Ja der kann mir sagen, ob ich wirklich mit Ihnen mit muss.“ Lieblingskollegin sehe ich schon an, dass ihr bald der Kragen platzen wird.

Zum Glück haben wir Frau Schwarz schon auf unserer Seite, denn sie spricht auf ihre Nachbarin ein, dass sie doch mit ins Krankenhaus gehen soll. „Frau Eich“, sage ich, „Ich bin schon ein paar Jahre in diesem Beruf, meine Kollegin auch, und sie können uns vertrauen, wenn wir Ihnen sagen, dass wir es für medizinisch sinnvoll erachten, Sie mitzunehmen.“ „Nein, ich muss erst meinen Sohn anrufen.“ Dieser ist auch hocherfreut, als er von seiner Mutter um halb 12 nachts aus dem Bett geschmissen wird. Das Gespräch dauert keine 2 Minuten, als unsere Patientin mir den Hörer hinhält. „Was hat sie?“, schallt es aus dem Hörer! „Also das Bein ist verkürzt und ein bisschen nach außen rotiert“, erkläre ich dem Sohn. „Und wieso ruft mich meine Mutter dann an!?“ Tja, denke ich mir so, du müsstest deine Mutter wohl besser kennen als ich 🙂 Wer jetzt denkt, Frau Eich lässt sich nun von uns ins Krankenhaus fahren, irrt gewaltig. „Wissen Sie, ich habe ja noch nichts gepackt, so kann ich gar nicht los.“ Wir stehen hier schon 20 Minuten rum. Ich bin noch die Ruhe selbst, bei Lieblingskollegin scheint sie langsam aufgebraucht zu sein. Manchmal ist es auch genau anders herum, dann übernimmt sie und ich kann mich kurz zurückziehen. So läuft sie kurz zum RTW, um unseren Tragestuhl zu holen und mal eine zu rauchen. Währenddessen dirigiert die Dame ihre Nachbarin durch die Wohnung, um ihr eine kleine Tasche zu packen. Eigentlich wollte sie sich ja auch noch umziehen, hat aber schnell gemerkt, mit Fraktur im „Bein“ ist das etwas schmerzhaft. „Können Sie mir nicht helfen, junger Mann!?“ „Frau Eich“, sage ich, „Könnte ich, werde ich aber nicht machen, denn wir fahren nur ins Krankenhaus, nicht auf ne Modenschau.“ Wieder seufzt sie. Ja, mit dem Paul hat man es wirklich nicht leicht.

Frau Schwarz packt gerade die weißen Spitzenhandtücher in die Tasche, als unsere Patientin sie fast anbrüllt, dass sie doch nicht die kostbaren Handtücher einpacken soll. Die Dame nickt und sucht im Schneckentempo andere heraus. Ich sitze in aller Ruhe am Wohnzimmertisch und rufe im nächsten Krankenhaus an, um unser Kommen anzukündigen, als meine Kollegin wieder erscheint. Ihr Blick spricht Bände, denn wirklich weitergekommen sind wir noch nicht. Dafür soll ich noch ihren anderen Sohn anrufen, damit dieser weiß, dass sie jetzt ins Krankenhaus kommt. „Frau Eich, Ihr anderer Sohn weiß doch schon Bescheid, der wird das seinem Bruder bestimmt mitteilen.“ So ganz sicher scheint sie nicht zu sein, ob sie sich auf mich verlassen kann. Doch bevor sie ihren Mund öffnen kann, schaut Lieblingskollegin sie etwas böse an und deutet auf unseren Tragestuhl. Fast sieht es so aus, als ob wir Erfolg haben, aber auch nur fast! Ihr fällt nun nämlich auch noch ein, dass sie doch mal zur Toilette müsste. „Wie dringend ist es denn?“, erkundige ich mich. „Naja, es geht noch“, meint sie. „Gut, dann heben wir Sie jetzt auf unseren Stuhl und im Krankenhaus gibt’s dann die Bettpfanne.“ Wieder seufzt sie, aber sie lässt sich nun zum Glück von uns helfen. Frau Schwarz hat sogar auch noch rechtzeitig die Tasche fertig gepackt, sodass wir uns auf den Weg zu unserem RTW machen können. Als ich auf die Uhr im Auto schaue, verschlägt es mir doch ein bisschen die Sprache. Haben wir doch 45 Minuten dort oben in ihrer Wohnung zugebracht.

Der Transport in die chirurgische Notaufnahme geht ohne Probleme vonstatten. Als wir Frau Eich übergeben haben, stehen wir noch einen Moment in der Entladehalle. Lieblingskollegin raucht eine und ich trinke etwas. Während sie da so raucht, meint sie: „Hattest du heute eine Mordsgeduld.“
Joa, hatte ich… gehört für mich irgendwie dazu.

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9 Kommentare leave one →
  1. 5. Juni 2011 15:14

    *hihi* Das kann ich mir so richtig vorstellen…

    (Wobei ich auch diskutiert hatte. Allerdings wollte ich ja nur schnell wenigstens Zahnbürste und Kontaktlinsenzeugs einpacken – und Medis. ^^)

  2. rettungsdienstblog permalink
    5. Juni 2011 22:42

    Wobei die von dir angesprochene Geduld leider nicht immer bei jedem vorhanden ist, ich schreibe da auch sogar von mir selbst. Klar, die Geduld gehört in bestimmten Fällen dazu, in anderen Fällen brauche ich sie nicht, habe ich sie auch nicht. Tagsüber kann Frau Eich meinetwegen gerne ihre Tasche packen und sich Zeit lassen, wenn ich aber nachts aus dem Bett geklingelt werde und dann Frau Eich, oder wer auch immer, sich tausend Stunden Zeit lässt, ist meine Geduld ziemlich kurz.

    BTW: Hehe, ich habe auch eine Lieblingskollegin..finde im Team Mann-Frau lässt es isch oftmals besser retten als in einem gleichgeschlechtlichem Team. 🙂

    Gruss

  3. 5. Juni 2011 22:48

    Oh ja, solche Diskussionen kenn ich nur allzu gut. :-/

  4. 6. Juni 2011 10:35

    spätestens bei der Sache mit den Handtüchern wäre es bei mir mit der Geduld vorbei gewesen 😀

  5. 6. Juni 2011 16:40

    Frau Eich hat echt Nerven – deine Kollegin und dich mitten in der Nacht so zu strapazieren.

    Hoffentlich geht es ihr inzwischen besser.

    • 6. Juni 2011 19:07

      @Rosenyland1984

      Es ist halt auch mein Job, muss man dazu sagen.

      @Anna

      *gg* bei mir eigentlich auch, aber an dem Abend hatte ich wohl wie Obelix aus dem großen „Geduldsfass“ getrunken 🙂

      @rettungsdienstblog

      Die Sache ist die, wir sind Dienstleister auch bei einem Notfall. Klar versuch ich auch, das ich nicht stundenlang dort rumstehe, aber es gehört halt auch dazu.

      @Chaoskatze

      *hehe* ich glaube dein Einsatz war auch nen bissel was anderes, als nen kaputer Schenkelhals..obwohl du das ja eh alles sehr locker genommen hast 🙂

  6. 20. Juni 2011 04:14

    Hm,
    wer will schon gerne ins Krankenhaus? Und dann noch ohne die Lieblingshandtücher? 😉

    Ich glaub, ich würd da auch diskutieren – man weiß ja nie, was einen dann dort erwartet. Und wie vernünftig man dann in so einem Alter ist, das weiß ich heute noch nicht.

  7. 28. Juli 2011 16:48

    oha. da ist es wieder das wort mit G..

    …. nein, nicht das, was sie auf „Lied“ reimt….. :mrgreen:

    GEDULD… 😀

    ich kenne das (leider) nicht…. :O

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