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Dinge, die einem Halt geben…

4. Juli 2011

Horchen wir doch mal in uns hinein. Was gibt uns Halt in unserem Leben!? Viele werden jetzt sagen, meine Familie, meine Frau, mein Mann, mein Job oder doch etwas ganz anderes. Bricht dieser Halt weg, kann dies das eigene Leben vollkommen auf den Kopf stellen, oder wir zerbrechen sogar daran.

 

Viele dieser Schicksale bleiben uns verborgen in der Gesellschaft. Der eine kriegt die Kurve, der andere bringt sich um und andere flüchten sich in Alkohol oder andere Drogen. Doch dieser Einsatz lässt mich und auch euch in diese Nische des Lebens schauen. Eigentlich ist diese Fahrt eine wie viele tausend andere, die tagtäglich in Deutschland passieren. Wir sitzen auf einer Wache am Stadtrand, unser Frühstück hat uns gemundet und nun stehen die täglichen Arbeiten auf der Wache an. Bevor wir überhaupt damit anfangen können, piepst der Melder.

Herr Z. ist Rentner, hat eine Familie, ein eigenes Haus, einen Hund. Die Ehe ist gut, wie das nun mal so ist, wenn man seit 30 Jahren verheiratet ist. Leider spielt die Gesundheit nicht so mit, aber solange seine Frau und sein Hund an seiner Seite sind, gibt es ihm Halt in seinem Leben. Doch auch das scheint seit einiger Zeit für ihn nicht mehr auszureichen. Gedanken, sich das Leben zu nehmen, scheinen schon seit längerer Zeit in seinem Kopf herumzugeistern.

Mein Kollege nimmt das Fax aus dem Drucker und wir eilen zu unserem Fahrzeug. Reanimation steht darauf, auch dass die Feuerwehr als First Responder vorausfährt und unser Notarzt vom anderen Ende der Stadt kommt. Vielleicht, denke ich, haben wir ja noch eine Chance, wenn die Feuerwehr schnell ist und der Tote noch nicht zu lange unbeobachtet gewesen ist. Wenn man aber morgens zu einer Reanimation gerufen wird, ist der Patient meist schon etwas länger tot. Wir fahren zügig und nach 8 Minuten Fahrt erreichen wir die angegebene Straße und sehen das Feuerwehrfahrzeug schon aus weiter Entfernung. Man sieht die Kollegen vor dem Fahrzeug stehen, das heißt für uns zu 99 %, dass da nichts mehr zu machen ist. Wir steigen aus und der Chef der Truppe winkt schon ab, bevor er nur ein Ton sagt. Anstatt zügig in die Wohnung zu laufen, nehmen wir nur noch das Notwendigste mit, denn helfen werden wir hier keinem mehr. Wir atmen durch, natürlich helfen wir gerne, aber ich muss nicht unbedingt noch auf jemandem herumdrücken, der schon seit Stunden tot ist. Zum Glück liegt derjenige nicht schon seit Tagen hier, denn sonst würde es unbeschreiblich stinken.

Als wir eintreten, fällt mir auf, dass wir nicht irgendwo ins Schlafzimmer gehen, sondern direkt in die Wohnstube. Dort würde ich um diese Uhrzeit einen Toten nicht erwarten. Wir kommen um die nächste Ecke und da liegt Herr Z. auf dem Boden neben seinem Sofa. Friedlich sieht er aus, wie er da liegt, aber wieso liegt er neben der Couch auf einer Decke, wie ich gerade bemerke!? Wir lassen ihn so liegen, denn das wird ein Fall für die Kripo und die werden ziemlich sauer, wenn man ihnen den Leichnam verändert. Deshalb schreiben wir nur ein Nulllinien-EKG, damit wir es auch „schriftlich“ haben, dass Herr Z. tot ist. Bis hierhin ist eigentlich alles so, wie ich es von meinen früheren Todesfeststellungen kenne. Man schreibt sein Protokoll, kümmert sich um die eventuell anwesenden Angehörigen und wartet zusammen mit dem Notarzt auf die Polizei, um sich dann wieder auf den Weg zur Wache zu machen. Eigentlich ein „toller“ Einsatz, denn man verbraucht nichts und man ist meist schnell wieder frei für neue Einsätze.

Doch dieser Einsatz beginnt unter die Haut zu gehen, als wir die notwendigen Daten für unser Protokoll suchen und unser Blick dabei auf den Küchentisch fällt. Auf einem Stapel ganz oben liegt ein Zettel, der handgeschrieben ist. Ich habe noch nie einen Abschiedsbrief gesehen, geschweige denn gelesen. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken. Darf ich denn das lesen, geht es mir durch den Kopf!? Ich beantworte mir das mit einem Ja, denn so kann ich vielleicht besser verstehen, wieso unser Patient sich das Leben genommen hat. Ich lese langsam Zeile für Zeile und meine Augen werden feucht.

Liebste E.

Wenn du wieder kommst, bin ich nicht mehr hier. Ich habe schon oft daran gedacht, mir das Leben zu nehmen. Aber da warst du noch da und Benno unser Hund auch. Ich war gestern mit ihm beim Tierarzt und hab ihn einschläfern lassen. Dir hätte ich noch mehr zeigen müssen, wie sehr ich dich liebe. Ich halte dieses Leben nicht mehr aus… sei mir nicht böse, es ist besser so.

Dein K.

Mir läuft ein weiterer Schauer über den Rücken. Ich schlucke und bin leer für diesen Augenblick. Das Schicksal hat mal wieder einen kurzen Moment die Tür aufgestoßen. Mir fehlen die Worte für das, was da passiert ist! Stumm bleibe ich stehen und halte inne. Wir gehen kurz raus, um mal an die frische Luft zu kommen. Dort warte ich auf den Notarzt, der keine 2 Minuten später eintrifft. Eine kurze Übergabe gibt’s für unseren Doc, ich laufe vor und zeige ihm den Weg. Als auch die Polizei eintrifft, machen wir uns aus dem Staub.

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21 Kommentare leave one →
  1. 4. Juli 2011 14:33

    Manchmal kann man gar nix dazu schreiben, nur einen Moment schweigen….
    Mir fehlen wirklich die Worte.

    Steph

  2. 5. Juli 2011 02:36

    Ich kann mich da Steph nur anschließen!
    Ich frage mich des öfteren, was solche Menschen zu solch einem Entschluss bewegt… nur sehr selten findet man darauf wirklich eine Antwort, die man für sich akzeptieren kann.

    Ich vertrete deine Meinung, dass man ja recht schnell wieder einsatzbereit ist und solche Einsätze meist nicht lange „aufhalten“ aber so etwas am Morgen, kann einen durchaus den Tag lang beschäftigen… Trotz allem sehr guter Post =)

    LG
    Necopa

    • 5. Juli 2011 06:27

      @Necopa

      Willkommen auf meinem Blog! Man sieht wirklich nicht so soft hinter die Kulissen eines anderen Leben, aber wie hier stösst sie doch die Tür manchmal ein bisschen auf. Danke für das Lob.

      @Steph

      Auch dir ein herzliches Willkommen auf meinem Blog. Ja manchmal ist man wirklich sprachlos!

    • @Bab permalink
      18. Dezember 2012 10:50

      Gründe für solch einen Entschluss: Ich schließe meine Augen und es ist ganz still. Ich möchte wieder 10j sein und mit meiner Schwester spielen. Bilder gehen mir durch den Kopf und ich sehe einen Schicksalsschlag nach dem anderen, was ich über mich ergehen lassen musste, sehe wut, trauer, leid, enttäuschung, viele Tränen und einsamkeit. Ich möchte weinen, aber ich kann nicht mehr. Ich habe alle Personen die mir nahe standen verloren. Ich habe einen Partner, den ich zwar liebe, seit langer zeit jedoch nicht mehr fühlen kann, er ist zwar da ich höre ihn jedoch nicht mehr. Ich habe keine lust mehr auf dieses leben und keine kraft mehr zu kämpfen, ich möchte zu dir Gott.
      Jemand, der nichts mehr zu verlieren hat ist zu allem fähig und das ist die gefährlichste Waffe der Welt. ( kann nicht jeder nachvollziehen)
      Schade das die meisten Menschen manchmal nicht zu schätzen wissen was/wen sie haben

      • 18. Dezember 2012 13:10

        Hallo Bab,

        willkommen auf meinem Blog. Wenn man so fühlt, dann wird/ist es auch für den Partner schwierig. Und man sollte sich helfen lassen.

  3. silberträumerin permalink
    5. Juli 2011 16:18

    sprecht ihr später nochmal über solche fälle? oder ist das in dem moment, in dem ihr zurück zur wache fahrt, für euch abgehakt? ich glaube, ich könnte es bestenfalls eine weile beiseite schieben, aber früher oder später würden meine gedanken doch zu dem toten zurückkehren und ich würde mir wünschen, darüber sprechen zu können.

    warum er es getan hat, erklärt sein abschiedsbrief leider nicht. vielleicht eine depression? eigentlich ist alles okay, eigentlich könnte man glücklich und zufrieden sein – aber irgendwie ist trotzdem alles grau und die lust am leben fehlt, ohne dass man so recht sagen kann, was einem zum glücklich sein fehlt…

    hoffentlich hat seine frau jetzt menschen an ihrer seite, die ihr beistehen.

    • 5. Juli 2011 18:55

      @Silberträumerin

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Das kommt immer ein bisschen auf das Team drauf an, manchmal redet man schon während des Einsatzes drüber, oder später mit anderen Kollegen, Freunden oder der Familie. Meist ist aber auch ein solcher Einsatz auch ziemlich schnell abgehackt, obwohl er ziemlich traurig ist. Man muss in diesem Beruf ziemlich schnell zur Tagesordnung übergehen, sonst macht man diesen Beruf nicht lange.

      @Anna

      ja..so gings mir da….

  4. 5. Juli 2011 17:05

    *kalterschauerüberdenrückenlauf*

  5. 28. Juli 2011 16:43

    manchmal verstehe ich suizid nicht…… *tränchen wegwisch*

    • 28. Juli 2011 16:54

      @Netzgeflüster

      Ich verstehe ihn zu 98 % auch nicht. Eigentlich gibt es keinen Grund, sich das Leben zu nehmen.

      • silberträumerin permalink
        28. Juli 2011 21:00

        ich verstehe es, wenn sich jemand das leben nimmt…
        vielleicht muss man selbst schon kurz davor gewesen sein und dieses gefühl erlebt haben, wenn es keinen anderen weg mehr gibt als suizid um es verstehen zu können. die besten theorien und erklärungsversuche scheitern doch letztlich immer daran, dass sie dieses gefühl nicht vermitteln können…

      • 28. Juli 2011 21:22

        @silberträumerin

        Es gibt manche Menschen,deren Geschichte ich kenne, die konnte ich verstehen. Aber viele Gründe kann ich als RD´ler wirklich nicht verstehen, wenn z.B. jemand verlassen worden ist, und man sich dann umbringen möchte. Da habe ich kein Verständnis für.

      • silberträumerin permalink
        28. Juli 2011 21:34

        doch, auch das kann ich verstehen… vielleicht nicht in jedem fall (wenn eine 13 jährige sich umbringen will, weil die erste und einzige!!! liebe ihres lebens sie verlassen hat – da fehlt mir das verständnis auch). aber je nach lebensgeschichte kann ich schon nachvollziehen, wenn eine trennung grund für einen suizid(versuch) ist. sowas mag auf den ersten blick völlig übertrieben erscheinen, aber wenn man sich mit der lebensgeschichte solcher menschen auseinandersetzt, kann man schon ein gefühl dafür bekommen, warum verlassen-werden zu abgrundtiefer verzweiflung führt.

      • 28. Juli 2011 21:37

        @silberträumerin

        Natürlich ist das verlassen werden etc. wirklich schlimm, jeder Mensch musste das schon durch machen, aber ich finde das Leben ist zu kostbar und der dies ausgelöst hat, der ist es nicht wert sich das Leben zu nehmen.

      • silberträumerin permalink
        28. Juli 2011 21:44

        für manche menschen ist verlassen-werden eben noch ein bisschen schlimmer als für andere. kindheitserfahrungen, traumata etc. …

        logisch denken ala „der idiot ist es nicht wert“ kann man dann nicht mehr…

        sei froh, dass du so stabil im leben stehst und verluste verkraften kannst. aber hab auch verständnis für die menschen, die stetig auf dünnem eis laufen und bei verlust-erlebnissen ganz schnell mal einbrechen.

        liebe grüße und eine gute nacht 🙂

  6. 4. August 2011 10:08

    Habe auch einige Jahre im RD als RettAss „auf dem Buckel“.
    Neben dem „normalen Tagesgeschäft“ (auswelchem Blickwinkel bitteschön ist denn der Rettungsdienst normal?) gibt es etliche Einsätze und Erfahrungen die man nie wieder los wird.

    Man lernt viel über Menschen und den Unterschied zwischen „leben“ und „existieren“.

    Obwohl ich schon über zehn Jahre keine Einsätze mehr fahre, habe ich hin und wieder Erinnerungen an Einsätze ähnlich wie der von Dir beschriebene.

    Weiterhin viel Spaß beim bloggen!

    • 4. August 2011 10:19

      @dahlschlag

      Auch dir ein herzliches Willkommen auf meinem Blog. Ja manches lässt einen nie los, wichtig ist, dass man Nachts nicht schweissgebadet aufwacht.

      • 5. August 2011 18:48

        Nein, aufwachen tue ich nicht deswegen. Sind eher sentimale Erinnerungen an die beste Zeit meines Lebens …

        Bist Du einverstanden, wenn ich Dich in mein Blogroll aufnehme?

        Wenngleich „dahlschlag“ noch ganz am Anfang steht …

      • 5. August 2011 21:44

        @dahlschlag

        Ja es ist wirklich ein sehr sehr schöner Beruf. Natürlich darfst du mich verlinken, es ist ja dein Blog.

        VG Paul

  7. 21. August 2011 17:11

    …der arme Mann… Ist nicht schön, alles zu verlieren, was man liebt… 😦

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