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Kevin, lass de Finger von de Viagra…

10. August 2011

Wenn Kevin könnte, würde er ja gerne die Finger vom Viagra lassen, denn dann würde es ihm auch wieder besser gehen. Ich stehe mit Stefan am Reanimationsbettchen auf der Neonatologischen Intensivstation. Wieso ich hier stehe und warum Kevin Viagra bekommt, lest einfach weiter 🙂

Stefan ist Chef dieser Abteilung und ich kenne ihn schon eine ganze Weile. Er war vorher an einer anderen Klinik und fuhr nur gelegentlich auf unserem NEF als Notarzt mit. Als ich ihn das erste Mal sah, saßen wir mit anderen Kollegen in der Krankenhauskantine und er erzählte uns, dass es ein Model gibt, womit man die Hodengrößen bei Knaben bestimmt. Einige und auch ich verschluckten uns fast an unseren Brötchen 🙂 Wann immer wir aufeinander trafen, es war eine super Zusammenarbeit. Vor ca. 1 Jahr wurde er Chef unserer Neonatologischen Intensivstation, was uns alle sehr gefreut hat. Dann wurde die Idee geboren, dass alle Kollegen das Angebot bekommen, einen Tag auf der Station zu hospitieren.

Ein Jahr später stehe ich morgens um 8 Uhr vor der Schleuse und bin ein bisschen aufgeregt. Stefan begrüßt mich freundlich und hat schon einen Spruch auf den Lippen, sodass ich lachen muss und die kleine Nervosität schnell verfliegt. Zuerst bekomme ich alles gezeigt und ich bin schon echt gespannt, denn 4 Kaiserschnitte stehen heute an und ich werde bei allen 4 dabei sein, wenn es darum geht, das Kind zu untersuchen und notfalls auch zu versorgen. Zuerst ist aber Kevin dran, der heute eine Ultraschalluntersuchung am Herzen bekommt. Stefan erzählt, das irgendwas an seiner Lunge nicht richtig schließt und er deshalb bis vor kurzem das Viagra bekommen hat. Ich denke, der will mich veräppeln, aber als auch die PJ´lerin mir das bestätigt, bin ich schon ein bisschen platt. Stefan erklärt mir und der PJ, was wir da eigentlich alles auf dem Monitor sehen sollen, aber selbst die PJ´lerin sieht nichts, so bin ich beruhigt, nicht ganz alleine blind zu sein 🙂

Und dann kommt schon der erste Anruf aus dem Kreißsaal, das wir uns doch bald einzufinden haben, das erste Kind kommt gleich. Die Ärzte und Schwestern bereiten das Wärmebett vor und ich soll einfach erst mal zuschauen, beim nächsten soll ich die Untersuchung dann selbst machen. Ähhhh ne ist klar. Wie ihr wisst, ist bei meiner ersten und bisher letzten Geburt folgendes passiert: Ich habe der Mutter erst einmal den Blutdruck gemessen. Wahrscheinlich müsste ich jetzt auch mal meinen eigenen Puls messen 🙂 Aber ich darf ja noch mal zuschauen und mir merken, was ich alles machen muss. Ich schwitze jetzt schon, denn hier sind es bestimmt 35 Grad im Raum. Das erste Kind kommt in den Armen der Hebamme herein. Etwas blass und schläfrig sieht das kleine Mädchen aus. Alles läuft routiniert ab und nach nicht einmal 10 Minuten ist alles rum. Stefan schaut mich an, na Paul alles gemerkt, gleich bist du ja dran.

Bis ich aber dran bin, kommt die nächste Untersuchung auf der Station. Da fällt mir der Bericht von Neonatalie ein, die in einem Beitrag geschrieben hatte, dass sie einen Erwachsenen-Notfall auf der Station hatten und kein entsprechendes Material da hatten. Darauf spreche ich Stefan an und er meint, ja das ist eine Sache die man bedenken muss, deswegen bekommt diese Station auch einen Erwachsenen-Notfallrucksack. Mission erfüllt und den Punkt abgehakt. Da klingelt auch schon wieder das Telefon und der Kreißsaal ist dran. Mein Herz pocht ganz schön, denn ich habe keine Erfahrung mit Neugeborenen. Stefan schaut mich an, sieht meine Nervosität und beruhigt mich, schau mal, wenn unsere Stationsärzte plötzlich zu einem Erwachsenen-Notfall müssten, würds denen genauso gehen wie dir gerade. Deshalb seid ihr ja hier, damit ihr wisst, so schwierig ist es gar nicht – recht hat er!

Und nun stehe ich am Tisch und schaue auf das schlaffe und doch etwas sehr blasse Kind. Ähhhhh ja… ich würde mir jetzt, wenn das draußen auf der Straße passiert wäre, in die Hose machen und ganz laut um Hilfe rufen. Doch Stefan steht hinter mir, erklärt mir, dass das ganz normal nach einem Kaiserschnitt sein kann. Erst mal wird versucht, das Kind zu stimulieren, das heißt, es wird bewegt und die Fußsohlen werden gerieben. Das machen wir nun auch und ich schaue weiter, ob auch alles an dem Kind dran ist, wo es hingehört. Das kleine Mädchen reagiert nicht so wirklich auf die Stimulation. Trotzdem bleiben alle ruhig und ich versuch es auch. Mein Doc reicht mir die Beatmungsmaske und zeigt mir, wie man das Kind unterstützend beatmet. Mir rinnt wieder der Schweiß den Rücken herunter. Ich bin ganz vorsichtig und versuch die Maske auf dem Gesicht dicht zu bekommen, was natürlich ohne Druck nicht wirklich funktioniert. Also zeigt mir Stefan das noch mal und beim zweiten Versuch klappt es auch bei mir und ich bin schon ein bisschen stolz. Da auch die Nabelschnur noch etwas kürzer abgeschnitten werden muss, werde ich an der Beatmung abgelöst, damit ich das Durchtrennen machen kann. Da die Sauerstoffsättigung immer noch nicht weiter steigt, kommt das Mädchen erst mal mit auf die Intensivstation zur reinen Überwachung.

Die Eltern bekommen alles erklärt und können, sobald sie fertig sind, ihrem Kind auf die Station folgen. Während wir auf den nächsten Kaiserschnitt warten, darf ich an der Kinderpuppe noch mal das Beatmen und Intubieren üben. Was schon bei Erwachsenen manchmal nicht einfach ist, ist bei Säuglingen/Kindern eine pfriemelige Angelegenheit. Aber dafür bin ich ja da, um es zu lernen. Danach gibt es einen sehr leckeren Kaffee und ich habe ein bisschen Zeit mich mit den Pflegekräften und anderen Ärzten zu unterhalten. Kind Nummer 3 lässt auch nicht solange auf sich warten und diesmal darf die PJ´lerin die Untersuchung leiten und die anderen arbeiten ihr zu. Auch das Kind ist mal wieder blass und schnaufen will es auch nicht so recht. Stefan schaut mich an und meint, dass das wohl nur an mir liegen würde. Alle lachen und ich versuche etwas zu erwidern, was natürlich nichts bringt 🙂

Nach einer kurzen Pause ist schon das vierte Kind dran. Dieses Mal gestaltet sich alles normal und ich kann wenigstens behaupten, dass es doch nicht an mir gelegen hat. Danach gibt es leider nichts mehr für mich zu tun und ich bedanke mich bei allen, dass ich bei ihnen sein durfte. Um einige Erfahrungen reicher, verlasse ich die Station. Ich kann es jedem nur empfehlen, wenn er die Möglichkeit dazu hat. 

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11 Kommentare leave one →
  1. 10. August 2011 22:49

    Erst einmal: supersüß, dass ihr das machen dürft 😉

    (Aber ganz kleiner Fehler: Kind 2: „Das kleine _Mädchen_ reagiert nicht so wirklich auf die Stimulation […] kommt der _Junge_ erst mal mit auf die Intensivstation zur reinen Überwachung. “ (Pscht… just to know ;)))

  2. 11. August 2011 10:21

    Schön, dass manche Häuser solche Gelegenheiten für Rettungsdienstler bieten. War sicherlich sehr interessant. Hatte bei meinem OP/Anästhesie-Praktikum immer nur die Wahl zwischen HNO und Gyn und hab da keine Ahnung wie viele Sectios gesehen, mal mehr mal weniger erfolgreich.

    Aber um mal auf den Beitragstitel zurück zu kommen. Wenn das Sildenafil für die pulmonale Hypertonie bestimmt ist lautet der Handelsname wohl „Revatio“. Aber Viagra klingt natürlich besser 😉

    • 11. August 2011 18:54

      @Krangewarefahrer

      Ja es war sehr Interessant, und wie gesagt, ich kann mich über gute Fortbildung nicht beklagen. Das wird hier schon sehr hoch gehalten. Ich meine, ohne mich jetzt zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, das es wirklich Viagra ist, aber ich kann ja gerne noch mal nach fragen 🙂

    • 12. August 2011 15:52

      *maldenklugscheisserraushängenlassen*

      Nein, es ist wirklich Viagra, was verabreicht wird! Langjährige Erfahrung in der Kardiologie und Kardiochirurgie (ich) bestätigen das 😉

      Aber du hast auch Recht (will ja nicht unfair sein), Revatio gibt es auch, wird aber (zumindest in den Arbeitsstätten, in denen ich bisher tätig war) nicht so häufig verabreicht.

      @Paul

      Wie immer ein schöner Beitrag!
      Aus eigener Erfahrung (Sohnemann war ein Frühchen – auch wenn ich nicht unmittelbar an der Entbindung beteiligt war) weiß ich, daß so ein kleiner Wurm einen ganz schön die Schweißperlen in die Ritze treiben kann. Man will ja auch nichts kaputt machen… 😉

      Schön, daß du die Möglichkeit bekommen hast und noch schöner, daß du darüber bereichtet hast. Danke.

      Cheers

  3. HpYoungster permalink
    11. August 2011 13:40

    Find ich super, dass es für euch so ein Angebot gibt und auch, dass du es mitgemacht hast. Leider werden solche Angebote oft nicht angenommen, mit der Begründung, man würde das sowieso nicht brauchen. Ich bin aber der Meinung, man sollte alles mitnehmen, Wissen und Erfahrung tut nicht weh und kann nur weiter helfen.

    • 11. August 2011 18:52

      @HpYoungster

      Herzlich Willkommen auf meinem Blog! Wir sind was Fortbildung und dergleichen angeht, können wir uns nicht beschweren. Demnächst wird wohl noch die Möglichkeit geben, auf der Anästhesie ein Praktikum zu machen.

  4. 11. August 2011 14:01

    Wie niedlich. Richtig schön geschrieben.

    Eine Frage, weißt du wie es mit dem kleinen Mädchen ausgegangen ist? Würde mich interessieren.

    Supersani…

    • 11. August 2011 18:55

      @supersani

      Danke für das Lob 🙂 Das kleine Mädchen wird wohl nur den Tag auf der Intensiv gewesen sein. Die Kinder erholen sich sehr schnell von sowas.

  5. Fledi permalink
    13. August 2011 11:41

    Psst, Revatio und Viagra ist das Gleiche, beides Sildenafil, nur mit verschiedenen Indikationen zugelassen.
    Deswegen wird ein Krankenhaus auch meist nur eins von beiden auf Lager haben.

  6. Zero the Hero permalink
    19. August 2011 18:50

    Soweit ich weiß, wurde der Wirkstoff in Viagra ursprünglich für bestimmte Lungenleiden entwickelt und getestet. Und bei den Tests wurde eine unvorhergesehene, aber zuverlässig auftretende „Nebenwirkung“ festgestellt.
    Und plötzlich hatte man eine Pille für die Frau (nur schlucken muß sie der Mann) 😉

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