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Sturz…

26. August 2011

Die Nacht ist sternenklar und es ist ziemlich kalt, als Olga in ihrem Zimmer das Fenster öffnet. Für die Sterne und die schöne Aussicht hat sie um kurz vor 6 Uhr keine Augen. Sie lebt schon geraume Zeit hier in Deutschland und sie pflegte Herrn Popp seit sie in diese Stadt gekommen war. Nun war der alte Mann vor kurzem gestorben.

 

Piep… Piep… piep… macht mein Wecker um kurz vor 6. Eigentlich ist jeder Morgen gleich: Ich stehe auf, dusche, packe meine Sachen und fahre durch 2 Stadtteile zu meiner Wache. Das ich fast an einer Einsatzstelle vorbei fahre, ahne ich natürlich nicht.

 

 

Und nun sollte sie wieder zurück nach Russland, denn ihre Arbeit war nach dem Tod von Herrn Popp nicht mehr gefragt. Zurück wollte sie aber auch nicht mehr. Vielleicht gab sie sich auch eine Mitschuld an dem Tod ihres Patienten, obwohl dieser alt und krank war.

 

Auf der Wache passiert das Gleiche wie immer, nur, dass ich heute Andreas dabei habe, einen relativ neuen Zivi. Jeder neue Kollege bekommt seine Einweisung, sofern er auch Interesse daran zeigt, und Andreas ist bemüht, das merkt man sofort. Das Auto ist relativ schnell gecheckt und nun erzähle ich ihm noch, dass nicht alle Einsätze so locker und leicht ablaufen und das auch mal welche unter die Haut gehen können. Gerade wollen wir uns unseren Kaffee holen, als der Melder piepst.

 

Ihr Körper kippt nach vorne und fällt, fällt tief und klatscht auf hartem Beton auf. Niemand scheint etwas gehört zu haben. So liegt sie dort, in der kalten Nacht.

 

Es ist seltsam still, als wir aus unserem RTW aussteigen, denn eigentlich würde ich viel mehr Lärm erwarten, wenn die Einsatzmeldung stimmt, die wir vor 6 Minuten aus dem Fax gerissen haben. Da stand was von einem Sturz aus größerer Höhe. Unser NEF ist schon vor Ort. Wir schultern unser Material und laufen zum Hauseingang, hier stehen einige, wie ich vermute, Angehörige. Als wir quasi schon durch die Haustür gelaufen sind, werden wir angehalten: „Die liegt hinten im Garten.“

 

 

Da hinten im Garten, halt es mir noch durch den Kopf, als wir Richtung Garten laufen. Ich bin wirklich irritiert, aber je näher wir der Hausecke kommen, desto deutlicher höre ich unsere NEF- Besatzung hektisch ihre Gerätschaften ordnen. Das kann nichts Gutes heißen, denn auch von der Patientin ist nichts zu hören.

 

Wie sie daliegt und wie ihr Knie aussieht, das hat sich bis heute in mein Gehirn gebrannt. Mein Zivi, der hinter mir um die Ecke kommt, wird ziemlich blass, als er Olga dort liegen sieht. Ich verstehe zuerst nicht, wie sie denn da hin gekommen ist, schaue den kurzen Moment hoch und sehe das offene Fenster im 2 Stock. F*** geht es mir durch den Kopf. Bevor ich aber zuende denken kann, reist mich Olaf, unser NEF Fahrer, aus der Starre. „Paul, fang mal an zu drücken und du Andreas bereite mal die Intubation vor.“ Ich bin froh, meine Aufgabe zu haben, trotzdem muss ich immer dieses Knie ansehen. Es schimmert hell orange und sowas habe ich zuvor noch nie gesehen. Der Brustkorb fühlt sich butterweich an und das ist nicht wirklich gut.

 

 

 

Unser Notarzt Heiner flucht auch leise vor sich hin, denn er bekommt Olga nicht sofort intubiert, ihr steht der ganze Mund- Rachenraum voller Blut. Nachdem sie abgesaugt worden ist, finden wir auch alle in unseren Rhythmus. Olaf und ich wechseln uns beim Drücken ab, wir lassen Andreas ein bisschen außen vor, er sieht wirklich sehr mitgenommen aus. Unser Doc hat nun auch Zeit, sich unsere Patientin genauer anzuschauen. Thorax und Becken sind weich wie Knetmasse, auf dem EKG sind wilde Ableitungen zu sehen, mit denen nicht mal unser erfahrener Notarzt etwas anfangen kann. Eigentlich müsste man sagen, okay das war‘s, denn ein Sturz aus ca. 6 bis 7 Meter Höhe, eine Nulllinie auf dem EKG und Verletzungen, wovon schon alleine eine tödlich sein kann, das passt mit dem Leben nicht überein.

 

 

Doch eine Chance hat Olga noch, ihr Körper hatnoch eine Temperatur von 32 Grad. Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist.Diesen Spruch habe ich bestimmt 100 Mal in meiner Ausbildung gehört und dieses Mal könnte es noch eine Chance sein. Ein logistisches Problem haben wir noch, wir müssen mindestens 50 Meter zu unserem RTW zurücklegen. Dafür holen wir uns die Feuerwehr, die keine 5 Minuten später eintrifft. Als wir endlich im Auto sind, flimmert Olgas Herz sogar 2 Mal und wir entschließen uns endgültig, sie ins Krankenhaus zu fahren.

 

Der Schockraum erwartet uns sogar, aber die Chancen sind wirklich minimal und so kommt es auch. Keine 5 Minuten nach unserem Eintreffen wird Olga für tot erklärt. 

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18 Kommentare leave one →
  1. Carmen permalink
    26. August 2011 08:02

    Hey Paul

    Mein Beileid. Manche vergisst man nie! :/

  2. 26. August 2011 08:57

    Die Geschichte macht mich sprachlos.

    Aber eine Anmerkung:
    „Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist.“, klingt merkwürdig in meinen Ohren. Sicher, dass es nicht „Niemand ist tot, solange er nicht kalt und tot ist.“ heißen müsste?

    • Missy permalink
      26. August 2011 09:03

      Wenn er kalt ist, dann ist der Mensch bereits länger tod…. und da hat man eigentlich keine Chance mehr…
      Ausser evtl. in Wintermonaten bei Einbrüchen ins Wasser…

      So würde ich das nun interpretieren, kann aber auch völlig falsch liegen….

      • Missy permalink
        26. August 2011 09:03

        Und auch mich macht dies sprachlos… Es gibt Geschichten, die gehen einem nie wieder aus dem Kopf…

    • 26. August 2011 09:44

      @DerMaskierte @Missy

      Nein der Satz ist so wie er steht richtig, denn das Gehirn verbraucht weniger Sauerstoff, dadurch sterben weniger Gehirnzellen ab. Deshalb reaniemiert man diese Patienten solange, bis sie die normale Körpertemperatur erreicht haben.

      • 26. August 2011 18:21

        Danke für die Erklärung! Übrigens, ein (sic!) würde das für die medizinisch Unbedarften wie mich deutlicher machen, so als kleiner Verbesserungsvorschlag vom Laien.

      • 26. August 2011 18:41

        @Der Maskierte

        Ich versuch schon wenig Fachchinesisch in meine Artikel einzubauen, aber manchmal übersehe ich auch was. Werd mir mal in Zukunft überlegen, ob ich in Zukunft nicht sowas verlinke, oder eine eigene Seite dafür aufmache. Danke für den Hinweis 😉

    • 26. August 2011 14:42

      Einige Rettungsdienste und Kliniken kühlen einen reanimationspflichtigen Patienten sogar aktiv runter, damit der Körper (der komplette Stoffwechsel) mit weniger Sauerstoff auskommt und langsamer läuft. Bei Kindern, die ins Eis eingebrochen sind, hat es aufgrund der Unterkühlung schon erfolgreiche (auch schadlose!) Reanimationen gegeben, obwohl sie vor der Rettung 30-40 Minuten unter dem Eis gelegen haben!
      Daher kann man sich nur sicher sein, dass der unterkühlte Tote auch „tot bleibt“, wenn er die normale Körper- Kerntemperatur hat.

  3. Begleitung permalink
    26. August 2011 15:12

    Sehr gut geschrieben Kleiner 🙂

    … ich hatte bis zum Ende gehofft, dass sie überlebt hat…

  4. henning permalink
    26. August 2011 16:26

    Wie immer man macht alles nur die imm krankenhaus sagen nichts aus ende schluß vorbei. Das selbe gilt dem Stifneck wir bauen den unter aller vorsicht dran und es immer das erst was im krankenhaus unter kommt. Bis es mal schief geht aber dafür hat man dann ja mehrer jahre studiert.

    • 26. August 2011 16:39

      @henning

      Das wir mit Patienten unter Rea Bedingungen ins KH fahren, ist wirklich selten. Und man hat in der Klinik manchmal mehr Möglichkeiten wie wir draußen. Das mit dem Stifneck ist immer eine Sache, ich habe mir angewöhnt da mir keine Gedanken mehr drüber zu machen. Wenn der Doc das Ding abreist, soll er das bitte machen, ist nicht mein Problem.

  5. sneaker permalink
    26. August 2011 16:55

    Ein (be)merkenswerter Einsatz. Gerade wenn man die Hintergünde eines Suizids nur erahnen kann immer wieder eine äußerst bedrückende Erfahrung – die einen nicht selten verfolgt. Vielleicht auch deshalb habe ich ebenfalls bis zum Schluss gehofft, dass ihr sie doch noch wieder bekommt.

    Aber wie so oft war die „Realität“ wohl faktenorientierer als unser Wünschen,
    denn leider stimmt das mit dem „niemand ist tot, so lange er nicht warm und tot ist“ nur bei nicht-traumatologischen Reanimationen. Denn der der unstillbar blutet und eine Temparatur von <32°C hat, der ist so gut wie tot, selbst wenn er noch lebt…

    • 26. August 2011 17:37

      @sneaker

      Herzlich Willkommen auf meinem Blog. Ja viele solcher Geschichten enden selten mit einem Happyend. Natürlich hat ein traumatischer Patient keine wirkliche Chancen, wenn er einen Stillstand hat, egal ob mit 32 oder 37 Grad Körperkerntemperatur. Nur war die Patientin noch nicht wirklich alt und wir hatten uns entschlossen, es wenigstens zu probieren.

  6. 26. August 2011 22:15

    Es gab vor ein oder zwei Monaten einen sehr guten Tatort mit Günther Maria Halmer in einer der Hauptrollen, der das Thema Alzhheimer und Pflege durch billige Pflegekräfte aus östlichen Ländern aufgegriffen hat. Der war absolut sehenswert.
    weit weg in Deutschland zu arbeiten, um die Familie zu Hause zu unterstützen, ist schon sehr schwierig. Vielleicht auch noch alleine ohne direkten vertrauten Kontakt, dann kann so eine Situation einen Grenzen übertreten lassen.

  7. 27. August 2011 08:12

    Es bedrückt mich..
    Irgendwie hatte man die Hoffnung sie überlebt….

    Grüße
    Steph

  8. 29. August 2011 10:18

    Und doch war es ihre Entscheidung…

  9. 30. August 2011 11:48

    Ouh Mann….. 😦

  10. haubu permalink
    25. September 2011 19:21

    Ouh… das ist hart.

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