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Blitzendes Metall…

13. November 2011

Es ist ein schöner Frühlingsabend, der meinem Kollegen und mir noch ein bisschen länger im Gedächtnis geblieben ist. Unser NEF-Team ist ebenfalls auf der Wache und wir sitzen draußen und quatschen ein bisschen und genießen die letzten Sonnenstrahlen.

 

Die Ruhe wird nur durch die nun bimmelnden Melder gestört. Für uns und das NEF geht es gemeinsam in den Ring. Der Kollege verzieht beim Anblick der Alarmdepesche das Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, reicht er mir das Blatt und ich verziehe genauso das Gesicht. Es geht für uns zu einem Bereitstellungseinsatz für die Polizei. Was uns genau dort erwartet, das steht natürlich nicht auf dem Zettel. Wir sollen aber, soweit wie möglich, schon am Ortseingang das Blaulicht und das Horn ausmachen. Okay, denken wir uns, treffen wir heute auf die meistens vermummten Kollegen des SEK oder was wird hier gespielt? Wir fahren zügig, aber ohne viel Lärm zu machen in die nächste Stadt. Als wir in die uns gemeldete Straße einbiegen, sehen wir schon die vielen Fahrzeuge der Polizei. Unser Notarzt sucht den ranghöchsten Beamten und wir warten erst mal an den Autos. Nach endlosen Minuten kommt unser Notarzt wieder. Wir stehen hier, weil ein bekannter Waffennarr Streit mit seiner Ehefrau hatte und sich nun im Haus verschanzt haben soll. Na danke, denke ich mir nur so. Nun stehen wir hier und warten und warten. So Einsätze können sich locker über 1 oder 2 Stunden hinziehen und eigentlich haben wir keine Lust hier rumzustehen. Nach 20 Minuten kommt ein Polizist auf uns zu und erklärt uns kurz, dass die Lage bereinigt sei und man uns für unseren Einsatz danke. Okay… nichts passiert – wir können wieder fahren.

Kaum sind wir zurück auf der Wache, bimmelt unser Melder wieder. Scheint wohl heute eine unruhige Nacht zu werden. Dieses Mal geht’s auf die andere Seite der Stadt, die bekannt für ihre schönen Villen am Wasser ist. Eine hilflose Person soll dort auf uns warten. Eigentlich ein Routine-Einsatz. Meistens sind unsere Patienten alkoholisiert und wollen eigentlich nur ihre Ruhe. Wenn sie zu betrunken sind, fahren sie mit uns, wenn sie noch stehen können, nimmt sie die Polizei mit. Wir kommen an einer schönen Villa direkt am Fluss zum Stehen. Die Lichtverhältnisse sind ziemlich mies, dunkel ist es auch schon. Ein Fenster des Hauses öffnet sich und eine Frau erscheint. Wir stellen uns höflich vor und die Dame zeigt vor ihren Eingang, wo man schemenhaft einen Menschen sitzen sieht. Der Herr würde schon eine ganze Weile dort sitzen und wäre nicht zum Weggehen zu bewegen. Mein Kollege nimmt den Koffer und wir gehen gemeinsam in Richtung unseres Patienten. Wir bleiben beide so ca. einen halben Meter vor ihm stehen und sprechen ihn an. Man riecht den Alkohol schon auf diese Entfernung. Außerdem mischen sich noch andere undefinierbare Gerüche dazu. Der ältere Mann teilt uns mit, er wolle nur hier in Ruhe sitzen, er würde niemanden etwas tun. Unser Plan scheint damit erst mal durchkreuzt, den Mann schnell in den Rettungswagen zu bekommen. Nun stehen wir da, unser Patient sitzt und wir stehen vor ihm. Der Kollege geht noch ein bisschen näher heran, um sich besser mit dem Mann zu unterhalten. In diesem Moment sehe ich etwas Helles Metallisches in der Hand von unserem Patient blitzen.

Sekundenbruchteile später weiß ich auch, was da so blitzt. Das kann nur ein Messer sein und mein Kollege steht keine 30 cm von ihm weg. Er hat das Messer noch gar nicht gesehen und ich muss mir schnell überlegen, was ich jetzt mache. Schreie ich jetzt, verwirrt das den Patienten vielleicht und er benutzt es. Oder ich versuche den Kollegen möglichst leise anzusprechen, ohne dass der Mann etwas mitbekommt. Ich entscheide mich für die zweite Variante und rufe ganz leise nach meinem Kollegen. Beim ersten Versuch hört er mich gar nicht. Doch beim zweiten Mal schaut er mich an und ich sage so leise wie möglich, das er mal 3 Schritte zurück gehen soll. So ganz versteht er mich nicht, so muss ich ein bisschen lauter und eindringlicher klar machen, dass er zurück gehen soll. Zum Glück merkt unser Patient nichts davon. Endlich geht mein Kollege zurück, und ich kann ihn weiter mit nach hinten nehmen. In kurzen Worten erkläre ich ihm, dass der Mann ein Messer in der Hand hält. Wir gehen weiter zurück, schauen dabei aber immer, was der Patient macht. Mein Teampartner holt schnell sein Handy heraus und wählt den Notruf. Er fordert zügig die Polizei an, da wir uns durch das Messer bedroht fühlen. Keine 3 Minuten später rasen 2 Polizeistreifen heran. Wir atmen auf, als die Herren in Dunkelblau aussteigen und mit Hand an der Waffe zügig in unsere Richtung kommen. Wir erzählen kurz, was vorgefallen ist und nun wird die Stille durch die Polizisten mit lauten Ansagen an unseren Patienten unterbrochen. Zum Glück legt der Mann das Messer aus der Hand und wird sogleich mit Handschellen gefesselt.

Wir atmen ein zweites Mal durch, zum Glück ist uns beiden nichts passiert. Die restliche Schicht bleibt nach diesen 2 Einsätzen ruhig… was für eine Nacht.

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11 Kommentare leave one →
  1. 13. November 2011 12:39

    Weia, nach so einem Einsatz hängt einem das Herz doch eine Etage tiefer, oder?

    • erolfr permalink
      13. November 2011 14:06

      Für solche ähnliche Fälle gab es bei uns an Bord, den Code „10“ vorsichtig zurück oder den „11“ sofort zurück.

      • 13. November 2011 17:21

        @erolfr

        Willkommen auf meinem Blog. Das mit dem Code ist ne gute Sache, ist aber leider bei uns nicht verbreitet.

        @Der Maskierte

        Ja damals, als das passiert ist schon. Hätte auch alles anders ausgehen können.

  2. 13. November 2011 21:26

    „Alltag im Rettungsdienst“ ist das aber doch wohl hoffentlich nicht? (Auch, wenn die Gewaltbereitschaft euch gegenüber zunimmt…)

    • 14. November 2011 02:08

      @Nessa

      Willkommen auf meinem Blog!! Es ist Alltag, das jeden Tag ein Kollege beleidigt oder bedroht wird. Solche Situationen sind zum Glück noch nicht Alltag.

  3. 14. November 2011 00:20

    Ich schicke voraus:
    dieser Kommentar stammt von einer Person, die fachlich gesehen so überhaupt keine Ahnung hat.

    Es mag ja naiv klingen, aber ich frage mich, ob es nicht so etwas wie anerkannte Codes gibt (oder geben könnte oder sollte), mit denen sich Rettungskräfte unter einander verständigen.

    Ein frei erfundenes Beispiel:
    „413“ und „466“ könnten für Schnittverletzungen stehen.

    Die erste Zahl bezeichnet einen Patienten, der sich beim Brotschneiden in den Finger gesäbelt hat,
    die zweite jemanden, dem mutmaßlich im Rahmen eines Bandenkriegs der Bauch aufgeschlitzt wurde.

    Natürlich muss beiden Personen schnell geholfen werden – das steht vollkommen außer Frage.
    Aber seien wir realistisch und ehrlich: die Situation für die Rettungskräfte ist in beiden Fällen eine andere.

    Im ersten Fall dürfte niemand etwas dagegen haben, dass dem Patienten geholfen wird – die Helfer müssen sich also keine Gedanken um ihren Selbstschutz machen, was Angriffe von außen oder sogar seitens des Patienten angeht.
    Im zweite Fall könnte das jedoch völlig anders aussehen.

    • 14. November 2011 02:13

      @Eigenhirn

      Auch dir ein Willkommen auf meinem Blog. Es gibt in vielen Rettungsdiensten schon Codes. Die reichen von 5 Codes bis über 100 Codes für Verletzungen/Erkrankungen etc. Diese sind auch wichtig meiner Meinung, aber noch viel wichtiger ist die Kommunikation zwischen den Leitstellen der Polizei und des Rettungsdienstes und den Fahrzeugbesatzungen. Es nützt mir nichts, wenn ich keine ausreichende Informationen zum Einsatz bekomme. Das fängt damit an, ob die Polizei mit auf Anfahrt ist, oder nicht.

  4. 14. November 2011 08:06

    Ich hab‘ schon aus mehreren RD-Bereichen gehört, dass es solche „Codes“ für brenzlige Situationen gibt. Sicherlich ist sowas für die Zukunft keine schlechte Idee…
    Das fängt damit an, wie ich meinem Kollegen meine Beobachtung klar mache, ohne dass der Patient es mitbekommt. Des Weiteren ist ja auch interessant, wie dieser der Leitstelle am Telefon klar macht, was hier los ist. Wenn’s da kein Stichwort gibt, bei dem jeder sofort weiß, was los ist, kommt man doch recht schnell in ne dumme Situation: Entweder der Kollege muss relativ deutlich am Telefon sagen was los ist und der – unter Umständen doch etwas aufmerksamere – Patient bekommt es mit, oder der Kollege muss zum telefonieren weiter weg gehen und ich steh allein beim bewaffneten Patient…

    Ich könnte mir vorstellen, dass der Begriff „Status Null“ relativ aussagekräftig für alle Beteiligten, abgesehen vom Patient, ist… Diesen Status gibt bzw. gab es ja schließlich vielerorts an Funkgeräten um den Kanal für einen „Eigennotruf“ aufzuschalten!

    Bleibt zu hoffen, dass solche Situationen die Ausnahme bleiben und nichts schlimmes passiert!

  5. Begleitung permalink
    14. November 2011 17:11

    Kannten wir uns damals schon? Eigentlich erstaunlich, dass ich nicht jedes Mal Angst um dich habe, wenn du zur Arbeit fährst. Aber irgendwie kenne ich es ja gar nicht anders und man blendet das Risiko aus… Vielleicht auch, weil ich weiß, wie verantwortungsbewusst du bist und dass du ein gutes Gespür für brenzlige Situationen hast. Trotzdem: Ich hoffe sehr, dass dir nie etwas passiert!!

    • 14. November 2011 18:14

      @Begleitung

      Nein da kannten wir uns glaube ich noch nicht, oder erst ganz kurz. Ich versuch mich oft genug seelisch immer mal auf solche extrem Situationen einzustellen, aber ob das wirklich schützt, ich weiß es nicht. Aber ich versuch das Risiko möglichst klein zu halten.

      @Rettungsdienst Blog

      Das mit dem Status 0 sollte jeder LST Mitarbeiter oder Kollege schecken und ist wohl am besten zu gebrauchen. Ich denke, dass es leider nicht besser, sondern eher schlechter wird.

  6. 17. November 2011 19:35

    Aus diesen und ähnlichen Gründen bleibe ich immer eine Armlänge entfernt, da schon mehrfach angetrunkene oder agitierte Menschen versucht haben, nach mir zu spucken, zu schlagen oder zu treten.
    Andersherum: Womöglich hätte ich das Messer gar nicht erst gesehen, da (wenn ich das richtig verstanden habe) nach der ersten Ansprache des Mannes klar war, dass wohl kein medizinischer Notfall vorliegt. Und da es auch (trotz dem Unverständnis von Passanten) in Deutschland immernoch erlaubt ist, irgendwo einfach mal rumzusitzen, hätte ich den Einsatz sehr schnell abgebrochen. Andere warten schließlich auch auf Hilfe.

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