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Isch machen hier Deutschkurs…

26. November 2011

Die kleine Privatklinik am Rande der Stadt ist uns Rettungsdienstlern bestens bekannt. Wäre diese Klinik nicht, ich glaube, wir würden nur die Hälfte der Einsätze fahren auf unserer Wache. Eigentlich ist eine Fahrt dorthin immer ein bisschen wie ein Ü-Ei. Die Verpackung macht schon viel her, ein kleiner Park mit Gartenteich hat doch schon etwas. Ist man dann in das Innere vorgedrungen, erlebt man doch des Öfteren eine Überraschung. Denn manchmal, wenn man einen Patienten abholt, wähnt man sich eher in Kiew, Sofia oder an der Rütli-Schule in Berlin, da 95 % der Ärzte der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Meistens hilft es dann, das überwiegend deutsche Pflegepersonal zu fragen, was Herr oder Frau Doktor eben erzählen wollte. Oder man fragt den Patienten selbst, was ihm fehlt.

An diesem Tag bin ich mal wieder mit meiner Lieblingskollegin unterwegs. Nach 3 Fahrten hintereinander wollen wir uns eine kleine Pause auf der Couch gönnen. Der dampfende Kaffee steht vor uns, als der Melder zum 4. Mal bimmelt. Ich stiefele zum Fax, während Kollegin schon den RTW aus der Halle fährt. Als ich einsteige, spricht uns unsere Leitstelle an. „06/ 83/ 01 es geht zur Klinik Hasenthal, was da genau vorliegt kann ich euch leider nicht sagen, denn so ganz habe ich die Ärztin am Telefon nicht verstanden. Es hörte sich nach einem Bluthochdruck an, der Notarzt ist auch zu euch unterwegs.“ Wir beide verdrehen die Augen. „Das kann ja heiter werden“, meint meine Teampartnerin und ich nicke nur stumm.

Da es ans Ende der Stadt geht, haben wir ein bisschen Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, was dort wohl passiert ist. Je länger man auf dem Bock sitzt, desto entspannter sieht man das, glaube ich. Früher hat man sich eher darüber Gedanken gemacht, welches Horrorszenario nun auf einen zukommt. Heute ist das meistens nur ein kurzes was-nehmen-wir-alles-mit und so weiter. Ich nehme mir meine Handschuhe aus dem Halter und stopfe sie erst einmal in die Hosentasche.

Als wir dort eintreffen, ist alles wie immer. Die nette Dame an der Information weist uns den Weg und wir besteigen den Fahrstuhl mit Trage und dem darauf liegenden Material. Denn keiner von uns beiden möchte 3 Stockwerke runter laufen, nur um die Trage noch zu holen. Wir laufen also den Gang entlang und ich sehe im Augenwinkel wie in eine Schwester neben einem älterem Herren kniet und auf ihn beruhigend einredet. Ich schaue zu meiner Kollegin und sie runzelt wie ich die Stirn. Was passiert hier denn gerade, geht es mir durch den Kopf, als ein Arzt mit einer mobilen Absaugeinheit an uns vorbei rennt. „Das ist ne Reanimation Paul“, spricht sie das aus, was bei mir auch gerade im Kopf abläuft. Als wir die Zimmertür zu unserem Patienten öffnen, so glauben wir, dass irgendwo in diesem Zimmer eine versteckte Kamera installiert wurde, Kurt Felix gleich kommen würde und diesem Treiben ein Ende setzen würde.

Da wuselten mindestens 3 Schwestern, eine Dame in Zivil mit Stethoskop um den Hals und ein Arzt herum. Am Boden sah man einen Mann liegen. Wer schon mal einen Toten gesehen hat, der weiß, wie jemand aussieht, wenn er nicht mehr lebt. Und genau so sah auch der Herr aus, um den all diese Personen mehr oder weniger herumsprangen. Nun erwartet man von medizinischen Personal wenigstens eine Basisreanimation. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Da liegt ein Patient tot auf dem Boden und niemand macht etwas. Klar haben wir schon oft erlebt, wenn wir irgendwo in ein Wohnhaus kamen, dass dort keine Maßnahmen ergriffen wurden, aber in einem Krankenhaus mit entsprechendem Personal und Material – das war mehr als schockierend. Dazu war ein Geräuschpegel in diesem Zimmer, als wären wir auf einem türkischem Basar. Besonders die Dame in Zivil war diejenige, die am meisten aus dieser Masse herauszuhören war.

Ich stand noch perplex da – ich konnte wirklich nicht fassen, was meine Augen hier sahen – als meine Lieblingskollegin unser Material ergriff und sich bemerkbar machte. Es hat, glaube ich, 60 Sekunden gedauert, bis wir uns zu unserem Patienten durchgekämpft hatten. In dieser Zeit versuchte man uns 3 Mal zu sagen, dass wir den Patienten absaugen müssten. Dass der arme Mann aber vom Absaugen nicht wieder lebt, sondern nur, wenn das Herz zusammengedrückt wird und Luft in seine Lungen kommt, das war diesen Herrschaften wohl nicht klar. Zum Glück brauchten wir nicht lange, um unseren Rhythmus zu finden und meine Kollegin drückte, während ich den Patienten intubierte. Während ich nun Luft in diesen Bürger pumpte, erschallte wieder die Stimme dieser Frau. „Patient atmet!“, rief sie aufgeregt und hüpfte fast durch das ganze Zimmer. „Ist ja auch kein Wunder“, meinte meine Kollegin zu ihr und deutete auf den Beatmungsbeutel, den ich alle 8 Sekunden zusammendrückte. „Schaun Sie, wenn der Kollege da drauf drückt, hebt sich auch der Brustkorb.“

Keiner dieser Herren und Damen half uns bei der Reanimation, sie standen nur herum. Zum Glück kam in diesem Moment unsere NEF-Besatzung zur Tür herein. Da schon, bis auf die Medikamente, alles von uns gemacht worden war, versuchte unser Notarzt, aus den 2 Kollegen herauszubekommen, was hier überhaupt passiert war. Unsere Hupfdohle meinte nur: „Isch machen hier nur Deutschkurs“ und Lieblingskollegin und ich dachten ungefähr das Gleiche und schüttelten den Kopf. Damit sie nicht noch Unfug anstellte, ließen wir sie die Infusion halten. Eigentlich sah es für unseren Patienten nicht wirklich gut aus, denn die 8 Minuten bis zu unserem Eintreffen war nichts passiert.

Doch manchmal kommt es anders als man denkt, denn unser Patient bekam wieder Kreislauf. Was jetzt kam, setzte dem ganzen Zirkus die Krone auf. Während wir alle wichtigen Körperfunktionen überprüften, sprang Frau Doktor, die immer noch die Infusion in der Hand hielt, in die Luft und brüllte: „Der Mann lebt!!!“ Lieblingskollegin drehte sich zu ihr um und sagte ganz trocken: „Kann irgendjemand dieser Frau die Infusion abnehmen, sonst reißt sie uns den einzigen Zugang heraus.“ Und so plötzlich wie sie hoch gesprungen war, verstummte sie auch wieder und eine Schwester übernahm die wichtige Maßnahme des Infusionshaltens.

Wir wollten aus diesem Chaos einfach nur heraus, luden so schnell wie möglich unseren Patienten auf die Trage und verließen schnellen Schrittes das Haus. 20 Minuten später erreichten wir das Krankenhaus und übergaben den alten Mann an die Intensivstation, wo er am nächsten Tag starb.

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35 Kommentare leave one →
  1. 26. November 2011 21:06

    Scheinen ja richtige Profis zu sein da! Wie alt war denn der arme Mann??
    So etwas – also der „Klinik“ – sollte man ein Ende setzen..!

  2. 26. November 2011 21:08

    Ich weis nicht genau was ich dazu schreiben soll. Kenne solche Situationen auch. Bei uns werden die Rhetoriker mit wenig Fachwissen nach draußen verwiesen, wenn sie nicht helfen können. Finde die Reaktionen deiner Lieblingskollegin toll. 🙂

    Liebe Grüße

    • 26. November 2011 21:18

      @Bloggaspritze

      Es war auch leider bitter nötig!!

      @Rettunsgdienst- Blog

      Der war schon älter, aber der hätte noch nicht sterben müssen.

  3. Katha permalink
    26. November 2011 21:18

    Mal von den ganzen anderen Problemen abgesehen – als Arzt in einer Klinik ganze ACHT Minuten einfach gar nix zu machen, ist doch aber schon ein klitzekleines bisschen was für den Staatsanwalt, oder nicht?

    • 26. November 2011 21:20

      @Katha

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Tja..was soll ich sagen..unrecht hast du natürlich nicht, aber wie willste das wirklich beweisen?

  4. 26. November 2011 21:24

    Leider sieht man dieses Bild viel zu oft bzw erschreckenderweise immer öfter.
    Da wird die 62er Sättigung vom Doc für die Frequenz gehalten, bei Reas sind unzählige Personen im Raum und keiner macht es richtig,…
    Und eben zusätzlich die Sprache. Bestes Beispiel: Eine Nachtschwester vor einigen Monaten auf meine Frage, wer von den Ärzten
    Ich bin sicherlich nicht rassistischen,en denn Dienst hat: „Einer von den Schwarzen. Den Namen kann ich nicht aussprechen.“

    • 26. November 2011 21:32

      Äh, ich weiß nicht wirklich, was mein Handy da gerade gemacht hat, aber richtig sollte der letzte Absatz so aussehen:
      Bestes Beispiel: Eine Nachtschwester vor einigen Monaten auf meine Frage, wer von den Ärzten denn Dienst hat: „Einer von den Schwarzen. Den Namen kann ich nicht aussprechen.“
      Ich bin sicherlich nicht rassistisch, aber es gibt Momente, da geht sowas gar nicht! Da geht es im schlimmsten Fall um Menschenleben, Kinners, und da würde ich mich gerne mit einem Arzt halbwegs verständigen können! Wir sind hier schließlich nicht im Kongo, Sibirien oder sonstwo.

      • LutzM permalink
        28. November 2011 01:04

        Hallo Lutz…

        Ich zensiere nur sehr ungerne Kommentare meiner Besucher. Aber ich toleriere es nicht, dass hier andere Kommentatoren beleidigt oder in eine Ecke gedrängt werden, in die sie nicht gehören. Wenn du hier gerne kommentieren möchtest, dann aber auch mit richtiger Mail Adresse und ohne solche kruden Kommentare.

      • LutzM permalink
        28. November 2011 16:04

        Aber den genauso kruden Kommentar auf den ich geantwortet habe, läßt du natürlich stehen. Obwohl der sowas was rassistisch ist. Sagt leider ebensoviel über dich aus.

      • 28. November 2011 17:02

        @LutzM

        Ich lese sehr sorgfältig die Kommentare meiner Besucher. Und weder ich noch Krangewagenfahrer sind rassistisch. Ich verbitte mir solche Aussagen. Wir machen lediglich darauf aufmerksam, dass es uns sehr wichtig ist, dass eine uneingeschränkte Kommunikation in der Landessprache möglich ist.

      • 28. November 2011 16:40

        Lieber Lutz,
        ich weiß jetzt wirklich nicht, was an meinem Kommentar so übelst rassistisch sein soll. Die mehr als grenzwertige Äusserung der Nachtschwester ist nicht von mir und da es bei uns im schlimmsten Fall um Menschenleben geht würde ich mich gerne mit den am Einsatz beteiligten Personen verständigen können, gerade wenn es sich um Mediziner handelt, die mir eine möglichst akzeptable Übergabe machen sollen.

    • 26. November 2011 22:43

      A propos Sättigung: Beim Rettungsdienstsymposium wurde gestern ein erschreckender Fall vorgestellt, bei der eine RTW-Besatzung der BF Berlin eine zunächst durch sie gestartete Rea wieder abgebrochen hat. Grund: Das Pulsoxy zeigte im Verlauf eine Sättigung von 35%. Folgerung der RTW-Besatzung nach einiger interner Diskussion: Wer eine (wenn auch schlechte) Sättigung hat, der muss auch einen (wenn auch schlechten) Kreislauf haben, selbst wenn der Puls nicht fühlbar ist… Der später eintreffende NA hat die Reanimation dann umgehend wieder aufgenommen, das EKG war wohl inital eine PEA. Für die sehr wenig überraschende Erkenntnis, dass das Pulsoxy in solchen Fällen kein zuverlässiges Monitoring ist, gab es sogar die 3. Platzierung für den Rettungspreis :-O

  5. 26. November 2011 23:24

    Was machen die denn in dieser Klinik den Rest des Tages?? Pflaster kleben? Doktorspiele?? Ich bin echt entsetzt.
    Im Ernst: Was ist das für eine Klinik?

  6. Thore permalink
    27. November 2011 12:00

    Sind die meisten Patienten da deutschsprachig, oder sind das reiche Ausländer?
    Wenn das Deutsche sind, die dann entsprechend wohlhabend (Privatklinik!) sind, warum lassen die sich dann freiwillig von solchen „Ärzten“ behandeln?!

  7. MartinWie permalink
    27. November 2011 12:42

    Da fehlen einem doch echt die Worte! Leider kein Einzelfall, wie man immer wieder hört …

    • 27. November 2011 19:15

      @MartinWie

      Willkommen auf meinem Blog. Ja..und der Einsatz ist leider kein Einzellfall.

      @Thore

      Dir auch ein Willkommen auf meinem Blog. Da ich hier ja anonym blogge darf und werde ich hier keine weiteren Einzelheiten über diese Klinik heraus geben.

  8. karin permalink
    27. November 2011 13:07

    wenn es nicht um einen ernsten fall gehen würde…..dannn würde ich mich kringeln. es klingt wie eine erfundene geschichte und doch ist es wahr. unglaublich!

  9. rettungsphysio permalink
    27. November 2011 16:38

    Hey Paul,
    deine Sorry klingt erschreckend. Da kann man nur hoffen, dass die eigenen Angehörigen oder Freunde nicht in so einer Klinik landen.
    Das ändert aber alles nichts daran, dass mir dein Schreibstil sehr gefällt. Ich bin gespannt auf mehr Geschichten.
    Lg

    • 27. November 2011 19:17

      @rettungsphysio

      Dir auch ein Willkommen auf meinem Blog. Ich hoffe doch auch immer, das ich niemals in einer solchen Klinik landen werde. Danke für das Kompliment, sowas freut mich immer wieder 🙂

      @Karin

      Ja es ist wirklich unglaublich!!

  10. 27. November 2011 17:54

    Auch von mir die Frage: Ist es womöglich eine Rea- Klinik, in der es vermutlich kaum eine „Krankenhaus- typische“ Behandlung gibt? Oder eine, in der man sich ein anderes Gesicht machen lässt?

  11. BRC_MEDIC permalink
    27. November 2011 17:57

    Das ganze hat man auch hier – ok, mit der Sprache (fachlich sind die Doc’s – soweit ich das gesehen habe – schon recht fit drauf; manchmal auch nach gutem Zureden 😉 ).
    Es gab die Tage ein Riesenbohei, wonach es Pflicht werden soll, das Doc’s und Pfleger[innen] doch der Landessprache maechtig sein sollten um hier zu arbeiten. Hintergrund war wohl ein deutscher [sic!] Doc der den Patienten ncht verstanden hat, falsche Meds gegeben hat und damit einen Ex verusachte.
    Hab ich nur gedacht „Das gibbet in D aber nicht“ …… Typischer Fall von denkste!

    • 27. November 2011 19:20

      @BRC Medic

      Sowas gibts leider überall. Und deswegen ist es wichtig, wenn man in ein fremdes Land geht, die Sprache zu können und sie auch zu verstehen.

      @firefox5c

      Darüber kann ich leider nichts sagen, du weißt ja wie das mit dem bloggen so ist. 🙂

  12. 27. November 2011 23:16

    Hört sich nach Fachklinik mit Fachpersonal an …

  13. 28. November 2011 10:52

    Hmm, ich muss leider gestehen, dass mich das nicht überrascht. Und das ist wirklich dramatisch. Solche traurigen Szenen gehören leider schon zum normalen Bild im deutschen Gesundheitswesen.

  14. 29. November 2011 05:42

    Ist das hier alles echt oder handelt es sich um einen Satireblog?

    • 29. November 2011 08:23

      @Hessenhenker

      Willkommen auf meinem Blog. Die Geschichten sind alle so, oder so ähnlich passiert. Natürlich stimmen Orte, Personen etc. nicht, damit die Anonymität der Patienten und mir gewahrt bleibt. Aber wie gesagt diese Einsätze habe ich so erlebt.

      • 29. November 2011 19:47

        Ich hab’s befürchtet.
        Da nimmt man sich ja besser den Strick bevor man Patient wird . . .

      • 1. Dezember 2011 07:39

        @Hessenhenker

        Die meisten wissen gar nicht, in wessen Hände sie sich da begeben…

  15. haubu permalink
    4. Dezember 2011 18:32

    In letzten Jahren wandern immer mehr Medizinstudenten nach dem Abschluss aus, da im Ausland man of viel bessere Arbeitsbedienungen hat. Und man wundert sich immer noch wieso der Arzt kein deutsch spricht… 😉

  16. Björn permalink
    21. Dezember 2011 16:42

    Also dieser Klinik mit ausgebildetem Personal und proffesionellem Material würde ich nicht mein Vertrauen schenken.
    Anhand des Textes glaube ich, dass ich mit meinem Führerschein Erste-Hilfe-Kurswissen die 8 Minuten, für den Patienten, besser überbrücken hätte können.

    • 21. Dezember 2011 17:08

      @Björn

      Willkommen auf meinem Blog. Das Problem ist, egal ob ich wirklich Top Material habe oder nicht, ich muss es bedienen bez. beherrschen können. Und ja, manche mit Erste Hilfe Kurs hätte hier bessere Arbeit abgeliefert.

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