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Sommertag…

27. Februar 2012

Es ist Sommer. Warm und schwül, gerade eben hat es nach langer Dürre endlich wieder geregnet. Ich sitze mit einigen Kollegen auf der Wache, wir haben die Türen nach außen geöffnet und hoffen auf eine kühle Brise, während der Geruch von Sommerregen durch den Raum schwebt. Wir hören Radio, ein Kollege spielt Solitaire am Computer, zwei andere Backgammon. Ich sitze auf dem Sofa und döse ein wenig.

Wir sitzen auf keiner großen Wache, keine von diesen Großstadtwachen, die sechs, sieben Rettungswagen beheimaten. Und doch ist bei uns einiges los. Unser Einsatzgebiet ist eine Kleinstadt, irgendwo im Westen von Deutschland und auf ein paar hunderttausend Einwohner kommen wir schon. Nur heute scheint nichts zu passieren. Alle sitzen irgendwo am See, im Eiscafé oder im Biergarten und genießen den schönen Augusttag, der nur von einem kurzen Regenschauer getrübt wurde.Mein Nickerchen entwickelt sich grade zu einem tiefen Schlaf, ich träume von einem kühlen Feierabendbier, da piepst der Melder: „Internistischer Notfall mit Notarzt – Phantomstraße vor Hausnummer 18“. Ich schwing mich auf, schlüpf in die Schuhe und eile mit meinem Kollegen Steffen zum Wagen. Mit Blaulicht und Martinshorn machen wir uns auf den Weg. „1/83-1, für euch zur Info: Da ist eine Person auf offener Straße kollabiert, der Notarzt ist auch auf dem Weg zu euch“, kommt es über Funk. Ich kann noch „verstanden“ antworten, bevor Steffen wieder das Presslufthorn anschaltet und Kommunikation fast unmöglich wird.

Keine fünf Minuten später biegen wir in die Phantomstraße ein. Die Hausnummer 18 ist noch knapp hundert Meter entfernt, doch wir können schon die leblose Person mit einem grau-blauen Gesicht auf dem Boden liegen sehen. Einige Passanten stehen herum, alle starren, keiner tut etwas. ‚Das wird ne Rea’ schießt es mit durch den Kopf.

Wir halten an. Ich spring aus dem Wagen und schnappe mir den Rucksack, EKG und Sauerstoff aus dem Seitenfach. Steffen läuft zur Patientin, um sie anzusprechen. Seine ewig lange Atemkontrolle bestätigt mir meinen Verdacht, dass es keine Atemgeräusche zu hören gibt. Ich knie mich neben die Frau, reiße die Bluse auf und beginne zu drücken. Meine Hosenbeine sind auf der klatschnassen Straße sofort durchweicht. „Eins… Zwei… Drei… Vier… Fünf…“ murmle ich leise vor mich hin, während in meinem Hinterkopf ein berühmtes Disco-Lied aus den Achtzigern läuft um mir den richtigen Rhythmus vorzugeben.

Meine Augen sind fest auf den Brustkorb gerichtet, doch aus den Augenwinkeln kann ich erkennen, wie Steffen einen Larynxtubus vorbereitet, den Kopf rekliniert und den Tubus einführt. Nicht geklappt. Er versucht es ein zweites Mal – diesmal sitzt er! Ambubeutel und Sauerstoff dran – die Beatmung steht. Das NEF erreicht uns gerade in dem Moment, als er die Defipaddles aufklebt und die Analysetaste drückt.

Den Patienten nicht berühren“, tönt es blechern aus dem Defi, „Schock empfohlen!“ Ich drücke auf den Knopf, der Körper zuckt kurz, Steffen beginnt sofort wieder mit der Herzdruckmassage. Alle sechs Sekunden drücke ich den Ambubeutel, während der Notarzt nach einer Vene für den Zugang sucht. Der Notarztfahrer zieht Adrenalin eins zu zehn auf, der Notarzt gibt sofort zehn Milliliter. Zwei Minuten später noch mal zehn. Dann noch mal. Und noch mal. Immer wieder wird der Herzrhythmus analysiert, doch aus dem Kammerflimmern hat sich mittlerweile eine Asystolie entwickelt.

Nach vierzig Minuten kontinuierlichem Drücken und Beatmen beendet der Notarzt unsere Versuche. Die Arbeit war vergeblich, zu lange lag die Frau auf dem Boden ohne zu atmen. Ich packe unser Material zusammen und verstaue es im Wagen, während der Notarztfahrer die Kriminalpolizei verständigt. Die muss nun entscheiden, wie weiter zu verfahren ist. Ein Personalausweis verrät uns, dass die Frau heute 62 Jahre alt geworden ist. Ihre gute Kleidung lässt uns vermuten, dass sie auf dem Weg zu ihrer Feier war. Wo? Ich hab es bis heute nicht herausgefunden.

Ich setze mich ins Auto. Erst jetzt bemerke ich, wie durchgeschwitzt ich bin. Meine Hosenbeine sind klatschnass und schwarz von der Straße. Alles was ich jetzt möchte, ist eine kalte Dusche. Ich drück die fünf. „Patientin Exitus. Wir fahren nicht einsatzbereit zur Wache zur Materialauffüllung“, teile ich der Leitstelle mit. „Hier Florian Kleinstadt. Verstanden“, kommt es zurück. Steffen setzt sich neben mich auf den Fahrersitz. Er sieht genauso aus, wie ich mich fühle. Meine Lust auf ein kühles Feierabendbier ist mir vergangen.


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32 Kommentare leave one →
  1. 27. Februar 2012 22:57

    Wenn nur ein einziger der Rumsteher versucht hätte, zu beatmen und zu drücken …

    Wah, sowas macht mich wütend!

  2. NFS permalink
    27. Februar 2012 23:29

    Leider ist man nicht immer rechtzeitig da um zu Helfen und manchmal könnte man es selbst dann vermutlich nicht verhindern.
    Auch wenn solche Momente schwer zu verkraften sind, so sind es die erfolgreichen Reanimationen, die einem im Sinn bleiben sollten, denn diese sind es wofür wir arbeiten (unter anderem ;-))

  3. 28. Februar 2012 08:35

    …dennoch bleiben die Schaulustigen doch ärgerlich, es ist doch eigentlich so einfach 1. Hilfe zu leisten, irgendwas zu tun…besser als nichts. Man man man.

    Steph, ausm Regenloch

  4. red_cap permalink
    28. Februar 2012 17:25

    Möchte nicht der Spielverderber sein, aber es ist nicht von den Passanten zu erwarten, dass diese in solch einer Ausnahmesituation von alleine eine adäquate Reanimation beginnen.
    Es ist die Aufgabe des Disponenten diese sachgemäß anzuleiten (s. ERC Leitlinie 2010).

    • 28. Februar 2012 20:05

      @red_cap

      Willkommen auf meinem Blog. Naja die Frage ist, was darf man von seinen Mitmenschen erwarten. Jemand anderem zu helfen ist jedermans Pflicht. Ob das nun jetzt das Absetzen des Notrufes ist, oder die perfekte HLW, dass ist Ansichtssache. Meines Wissens machen schon viele Leitstellen die Telefonreanimation.

    • 28. Februar 2012 20:48

      Natürlich steht es in den 2010er Richtlinien, aber ob das auch alles umgesetzt wird ist die andere Frage. Bei manchen Leitstellen sind wir leider von irgendwelchen telefonischen Anweisungen noch meilenweit entfernt. Leider! Manche Disponenten sind ja leider noch nicht einmal der englischen Sprache mächtig 😦
      Ansonsten kann ich alltagimrettungsdienst nur beipflichten. Unabhängig von der „Telefon-Rea“ ist man dazu verpflichtet, zu helfen, wie auch immer das aussehen mag. Das einfache „Rumstehen“, weil man sich nicht traut oder überfordert ist hilft leider niemandem.

  5. 28. Februar 2012 18:03

    Hm, das mit den Schaulustigen, die nichts tun, ist leider immer sehr ärgerlich. Das reduziert die Chancen auf Erfolg leider gleich auf ein Minimum.

    Aber mal eine medizinische Frage: Wieso wurde das Adrenalin denn verdünnt aufgezogen und dann doch immer komplett gegeben?

    Und noch ne Frage zur Formatierung: Soll das so sein, dass zwischen den einzelnen Absätzen immer 2-8 Leerzeilen sind? Ist bei mir zumindest unter Chrome und Firefox so.

    • 28. Februar 2012 20:01

      @Krangewarefahrer

      Die Frage werde ich an den Autor weiter geben. Was mit dem Format los war, kann ich dir leider auch nicht sagen, aber jetzt müsste es wieder normal wie immer sein 🙂

    • 28. Februar 2012 22:41

      Das wird bei uns, soweit ich weiß deswegen gemacht, damit man besser dosieren kann. So kann man sich bei Bedarf aus der verdünnten Mischung immer eine 10er-Spritze vollmachen und dem Patienten komplett geben.

  6. 28. Februar 2012 22:30

    Mal eine doofe Frage vom Laien, der hoffentlich nie wieder in die Situation kommt (mir reicht der Schlaganfall im Haus), aber wenn dann doch gerüstet sein will: Was ist der aktuelle Stand der Dinge in Sachen Herzdruckmassage und Beatmen?

    • 29. Februar 2012 07:52

      @Der Maskierte

      Stand der Dinge ist, 2 mal Beatmen und 30 Mal drücken. Sollte man aus verständlichen Gründen keine Beatmung machen wollen, dann „reicht“ auch erst mal das drücken. Druckpunkt ist leicht zu merken, der liegt bei Männern und Frauen mit wenig Oberweite zwischen den Brustwarzen.

      • 29. Februar 2012 08:14

        @alltagimrettungsdienst

        Danke für die flotte Antwort. Etwas verwirrt bin ich nur vom Druckpunkt, weil ich bei meinem EH-Kurs zum Führerschein angewiesen wurde, ungefähr drei Finger breit vom Brustbeinansatz – also ungefähr im unteren Drittel zu drücken. Und das ist doch deutlich entfernt von den Brustwarzen, sofern es nicht natürliche 120 DD sind. 😉

      • 29. Februar 2012 08:18

        @Der Maskierte

        keine Ursache 😉 Ja das wurde noch bis glaube ich 2005 so gelehrt. Das dauert und es ist für viele zu kompliziert, diesen Punkt zu finden. Deswegen zwischen den Brustwarzen. Und ich schrieb ja auch deswegen, mit kleiner Oberweite 😉

  7. Ruby permalink
    28. Februar 2012 23:21

    Am besten einfach alle 2 bis spätestens 5 Jahre auch wenn man es nicht muss sich zumindest mal einen Tag einen „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ Kurs gönnen.

  8. Ruby permalink
    28. Februar 2012 23:22

    Nachtrag: Wenn ihr denn Dozenten sagt das ihr das nur für euch macht und keine Teilnahme Bescheinigung wollt lassen die meisten Hilfsorganisationen einen kostenlos teil nehmen.

  9. tiger permalink
    29. Februar 2012 09:32

    …und welches ist das „berühmte Disco-Lied aus den Achtzigern“,
    das den richtigen Rhythmus vorgibt?

    Wenn ich es so recht überlege,
    sollte ich vielleicht auch mal einen Auffrischungskurs machen….

    • 29. Februar 2012 09:41

      @tiger

      Willkommen auf meinem Blog. Ich glaube es gibt einige Lieder, die den richtigen Beat vorgeben. Es kann einem nie schaden, einen Auffrischungskurs zu machen!

      • ToWi permalink
        9. März 2012 12:36

        Ein mal brauchte mein Wissen aus dem Erste-Hilfe Kurs.
        Eine Kollegin war zusammen geklappt und stark bewußtseinsgetrübt/bewußtlos.
        Da hat aber stabile Seitenlage gereicht, Puls und Atmung waren zwar schlecht aber noch vorhanden. Und ich muß zugeben, das es ein cooles Gefühl war, mit dem eintreffendem Notarzt eine Mini-„Übergabe“ (also Puls, Atemfrequenz, ob sie vorher über Schmerzen geklagt hatte, was sie zu essen hatte, etc) machen zu können (und ich hatte das Gefühl, das er das durchaus zu schätzen wusste).

        Ich mache seit meinem dem Kurs für meinen Führerschein jedes Jahr eine Auffrischung (inzwischen schon weit über ein dutzend Mal, scheiße bin ich alt geworden) und mußte das Wissen, bis auf dieses eine Mal, nie anwenden.

        Aber ich werde damit mit Sicherheit nicht aufhören. Ich habe keine Lust dann doch mal in so eine Situation zu kommen, und dann nicht zu wissen, was getan werden muss.

    • 29. Februar 2012 22:52

      „Staying alive“ von den Bee Gees. Auch den richtigen Beat hat zum Beispiel „Another one bites the dust“ – beide aber etwas pietätlos 😉

      • Thore permalink
        1. März 2012 15:55

        Highway to Hell geht auch 😉

  10. 29. Februar 2012 22:19

    Interessanter Zufall, dass ich gerade heute diesen Artikel lese,
    denn heute Mittag habe ich bei einem Fortbildungs-Angebot meines Arbeitgebers darüber nachgedacht, ob ich mich mal wieder zu einem Ersthelfer-Seminar anmelde…
    Ich werde es jetzt sicher tun.
    Wenn ich an solche Zeichen glauben würde, wäre es wohl eins 😉

    • 1. März 2012 06:40

      @An-Kas

      Herzlich Willkommen auf meinem Blog 🙂 Na dann muss es ja wirklich ein Zeichen gewesen sein 🙂

      • 19. November 2012 20:25

        Mir war doch so, als hätte ich hier schon einmal einen geistreichen Kommentar hinterlassen… 🙂
        (Das Ergebnis kennst du ja…)
        LG

  11. 4. März 2012 00:28

    62. Geburtstag = Todestag. – Ein seltsamer Zufall.

    Trauriger Blogeintrag.

    Mir fehlen die Worte.

    VhG

    Andrea

  12. 29. März 2012 16:59

    Schön geschrieben der Beitrag; Traurig die Sache.

    Wenn ich da an das Gegenbeispiel in meinem Bezirk denke, dass es sogar in die Zeitung geschafft hat (schade, dass es offenbar so selten ist!):
    Patient als Zuschauer im Fussballstadion kollabiert. 2 Laien helfen sofort mit Herzdruckmassage. Der NA kann kurze Zeit später wieder einen Kreislauf herstellen und der Patient kommt ohne bleibende Schäden (nur mit Schrittmacher) wieder aus dem Krankenhaus.

  13. 7. April 2012 19:45

    Von den Liedern im Kopf habe ich auch mal gehört. Eine Freundin erzählte mir mal, es sei „Stayling alive“, aber „Highway to Hell“ ginge auch ;D

  14. malteser girl permalink
    5. Mai 2012 23:07

    hallo alle miteinander
    bei der hlw gibt es eine neue richtlinie 30 mal drücken und dann erst zwei mal beatmen nicht umgekehrt

    • 6. Mai 2012 07:01

      Hallo Malteser Girl

      Willkommen auf meinem Blog. Diese Richtlinie gibt es ja schon seit 2005. Ich glaube, wenn hat man es nur vertauscht geschrieben.

  15. 5. Juli 2012 09:54

    Oh mann, da muß man sich zusammen reißen den Schaulustigen was Passendes zu sagen, sofern man dafür noch irgendwie Luft hat.

    Ich finds so schrecklich, daß man hierzulande auf offener Straße regelrecht krepieren kann weil keiner (naja, irgendwer hat es ja geschafft 112 zu rufen) helfen kann/ will.
    Das man selber in so eine Situation geraten kann vergessen viele….

    • 6. Juli 2012 08:04

      Das passende zu sagen, dazu bleibt meist keine Zeit und ich glaube ich würde auch mal meine gute Kinderstube deswegen vergessen. Zum Glück ist es meist kein Problem, die netten Herren der Polizei auf das hin zu weisen und Abhilfe zu schaffen.

      Das Gaffen liegt uns allen im Blut, so ist es leider.

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