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Und darauf erst einmal ein Feldschlösschen…

19. März 2012

Reanimation“ schallt es aus meinem digitalen Melder. Wir sitzen gerade vor der Wache und genießen bei herrlichem Wetter das Bergpanorama. Ja, gestorben wird, egal wie das Wetter draußen ist und was wir gerade machen. Und unbarmherzig ist er, manche sterben einfach so, andere beschwören es eher herauf. Trotzdem, tot ist tot.

Oder doch nicht!? Viele Tote habe ich in meinen Jahren im Rettungsdienst gesehen, die meisten sahen doch friedlich aus, als sie gestorben waren. Anders war es meist bei den Menschen, die diesen Menschen verloren haben. Manche waren total ruhig und haben nicht verstanden, dass ihr geliebter Ehemann einfach nach 50 Jahren Ehe nicht mehr da ist. Was aber bei diesem Einsatz passiert ist, hat von uns keiner vorher erlebt.

Ursula hat eine beachtliche Karriere hinter sich, wenn man Reinhold, ihrem Lebenspartner, so glauben darf. Seit sie 14 ist, hat sie Drogen genommen. Man sieht es ihr nicht so wirklich an. Aber wenn man sich in der Wohnung umschaut, ein wirklich tolles Leben war es wohl nicht in den letzten Tagen und Jahren. Erst gestern kam sie wohl aus dem Spital und hat sich einfach schlafen gelegt, als sie nach Hause kam.

Reinhold lässt sie schlafen, auch als sie irgendwann am Morgen gar nicht mehr atmet. Denn so ganz bei der Sache ist er irgendwie nicht. Wann er genau den Ernst der Lage erkennt, weiß er auch nicht mehr. Klar ist aber, dass viel mehr Zeit vergangen ist, als er uns das erzählt. Auch hat er seinen Worten nach seine Freundin reanimiert, was aber nicht so ganz stimmen kann, dafür fehlen die typischen Zeichen, wenn jemand einem auf dem Brustkorb rumdrückt.

Als wir von der Wache losfahren, wissen wir eigentlich nur, dass irgendwo gerade jemand nicht mehr lebt. Da niemand an der Straße steht, fahren wir auch erst einmal an dem Haus vorbei. Trotzdem brauchen wir nur 5 Minuten, seitdem der Melder nach uns gerufen hat, bis wir eintreffen. Im Laufschritt geht es die enge Steintreppe hinauf in den obersten Stock. Die Wohnung ist klein und saubergemacht worden ist hier schon länger nicht mehr. Reinhold steht in Unterwäsche vor uns, seine Pupillen sind groß wie der Mond. Ursula liegt auf dem Boden, der Kopf zur Seite gedreht.

Sie ist tot, das sieht man gleich. Auch die Leichenflecke, die sich schon an den Füßen gebildet haben, kann man einfach nicht übersehen. Alle im Team schauen sind an und wir wissen, dass wir zu spät sind, und das nicht nur ein paar Minuten. Wir kleben ein EKG und dieses bestätigt das, dass was wir schon wussten, denn eine fast gerade Linie zeigt sich auf dem Bildschirm. Währenddessen erzählt uns Reinhold ihre Geschichte. Dass sie schon seit Jahren Methadon nimmt, wohl schon einmal reanimiert worden ist, ihr jüngerer Bruder schon an Drogen gestorben ist und sie ein Kind hat, welches aber nicht bei ihr lebt.

Er verlässt das Zimmer und kommt mit einer 0,5 Liter-Dose Bier zurück und trinkt erst einmal einen. Natürlich zündet er sich dazu noch eine Kippe an und erzählt noch mehr aus ihrem Leben. Wir stehen da und schütteln nur noch den Kopf. Auch die Kantonspolizei, die gerade eintrifft, findet das alles etwas seltsam. Für uns gibt es nichts mehr zu tun und wir verlassen die Wohnung. Später treffen wir Reinhold wieder, die Polizei hat ihn mit ins Spital genommen und lässt ihm Blut abnehmen.

Ursula wurde nur 32 Jahre alt. 

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8 Kommentare leave one →
  1. 19. März 2012 15:11

    Unfassbar.

  2. 19. März 2012 21:32

    Uh. Autsch.

  3. Mr. Gaunt permalink
    19. März 2012 23:15

    Mit 32 hatte ich gerade mal ein paar Jahre gearbeitet, war seit 2 Jahren in einer „fremden“ Stadt und fast meinen ganzen Lebensabschnitt „Beruf“ noch vor mir. Ursula hatte in dem Alter schon eine 18-jährige Drogenkarriere und das Leben gleich mit hinter sich gebracht. 😦

  4. 28. März 2012 15:40

    Das ist sehr schrecklich. Einfach nur schrecklich.

  5. Alltagsschreck permalink
    2. Mai 2012 09:57

    Diese Situationen kenne ich leider nur zu gut. Schrecklich was manche Menschen mit Ihrem Leben machen bzw. wie sie es beenden. Und das in so jungen Jahren. Aber jeder hat es selbst in der Hand.

Trackbacks

  1. Rettungsdienst News

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