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Nur ein kleiner Umweg…

4. Oktober 2012

Umwege mag niemand in seinem Leben, sie führen dazu, dass wir viel länger brauchen, als wir eigentlich dafür vorgesehen haben. Manchmal sind es nur ein paar Meter, mal auch mehrere hunderte Kilometer.

Meine ersten Tage auf der neuen Wache. Nach 9 Jahren Rettungsdienst sitze ich mal wieder als Praktikant auf einem Rettungswagen. Das ist wirklich ungewohnt, denn alles was ich sehe, wenn wir ausrücken, ist ein kleiner Blick aus einem Schiebefenster. Nicht wirklich berauschend für einen, der es gewöhnt ist, seinen Einsatzort entgegenkommen zu sehen und sich so ein Stück weit auf das einstellen zu können, was kommt. Ich habe diesem Punkt nie wirklich viel beigemessen, bis zu diesem Einsatz.

Frau A. ist schon alt, aber noch relativ gut zu Fuß für ihr Alter. Es hat viel geschneit die Tage und eigentlich möchte sie nur noch schnell nach Hause und in ihre warme Wohnung.

Noch 40 Minuten und wir haben Feierabend. Es ist schon seit 2 Stunden dunkel und keiner von uns möchte bei Minus 5 Grad und leichtem Schneefall noch unbedingt raus. Wir waren den ganzen Tag unterwegs und haben verunglückte Skifahrer und Snowboarder ins Spital gefahren. Wir fallen müde auf unsere Stühle, der Tag war schon anstrengend, und für mich als Neuen kamen noch viele neue Eindrücke hinzu.

Keinen Kilometer von uns entfernt möchte nun Frau A. die große Hauptverkehrsstraße überqueren. Dafür gibt es an dieser Stelle eigentlich eine Unterführung. Da es aber schon seit Tagen viel schneit, ist diese Unterführung gesperrt worden. Etwa 50 Meter die Straße hinunter gibt es noch einen Zebrastreifen. Ob sie daran denkt, die 50 Meter noch zu laufen, um über diese große Straße zu kommen?

Sie ist noch nicht einmal über die erste Fahrbahn gekommen, als eine junge Frau sie mit ihrem PKW erfasst. Bremsen quietschen, Glas splittert, sie schlägt mit dem Kopf gegen die Scheibe und landet dort, wo sie los gelaufen ist. Das alles dauert nur wenige Sekunden. Dann herrscht für kurze Zeit totale Stille. Jemand wählt den Notruf und bei uns gehen keine 2 Minuten die Pager auf. Wir laufen zum Fahrzeug, ich steig hinten ein und schon geht die Fahrt los. Ich weiß nur, dass es zu einem Unfall geht, mehr Informationen gibt es nicht. Als wir am Einsatzort ankommen, sehe ich ein Auto mit Warnblinker mitten auf der Fahrbahn und etwas liegt daneben. Und schon stehen wir und ich steige aus und sehe eine große Blutlache und höre hysterisches Schreien. Das Blut ist von Frau A., die Schreie von der Autofahrerin. Ich erstarre für kurze Zeit, mein Hirn braucht diese Zeit, um das alles zu ordnen. Dann geht doch alles wieder seinen gewohnten Gang, ich fühle den Puls von diesem Menschen, der da auf der Straße liegt, doch da ist kein Leben mehr drin. Meine Kollegen kümmern sich derweil um die junge Frau, die immer noch schreit und weint und um uns herum schneit es leicht. Die Lache neben unserer Patientin wird immer größer und größer und auch die Gaffer werden immer mehr. Zum Glück vertreibt die Polizei die Menschen schnell und wir decken Frau A. mit einem Lacken zu.

Irgendwie stehe ich, nachdem von uns alles getan ist, immer noch ein bisschen neben mir. Dieses „Reinkommen“ in einen Einsatz, etwas zu sehen oder sich gedanklich ein wenig darauf einzustellen, das brauche ich, das habe ich gemerkt.

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6 Kommentare leave one →
  1. 4. Oktober 2012 14:46

    Ist es komisch, auf „Gefällt mir“ zu gehen, bei diesem Inhalt?
    Ich mag Deine sehr berührende und unter die Haut gehende Art, zu erzählen.

    Wie lange bist Du Praktikant? Und nur, wegen dem D-CH Wechsel?
    Wahrscheinlich ist es „okay“, dass Du länger brauchst. Gerade, wenn Du offiziel noch als Praktikant läufst.
    Später wird das dann sicher anders, wenn Du wieder vorne sitzt, oder?

    Alles Liebe,
    stellinchen

    • 4. Oktober 2012 15:31

      Hallo Stellinchen 🙂

      doch man darf auf „gefällt mir“ klicken, du „benotest damit ja den Text und nicht, dass diese Frau gestorben ist. Zum Rest deiner Fragen schicke ich dir eine Mail 🙂

      LG

      Paul

  2. 9. Oktober 2012 22:06

    Wieder so schön bildhaft geschrieben. Ich habe bei deinen Texten immer das Gefühl, als Schatten dabei zu sein, von oben auf das Geschehene zu blicken. Das ist manchmal beklemmend, manchmal schön und manchmal macht es mich sprachlos. Aber immer ruft es Emotionen in mir hervor. Ich mag das!

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