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Erste Hilfe Geschichten Teil 4…

21. April 2013

Erst mal einen riesen Dank an alle Blogger und Leser, die diese Idee bisher unterstützt haben und mir ihre Geschichten geschickt haben.

Heute ist @VerMayla dran, ihre Geschichte zu erzählen.

Es war an einem Januar-Abend vor einigen Jahren.

Ich lag auf meiner Couch, trank Tee und sah fern.

 

Plötzlich hörte ich ein komisches Klirren, Krachen und dann einen Schrei. – Ungewöhnliche Geräusche, selbst mitten in der Stadt. Ich stand also auf, schaute aus dem Fenster und sah – nichts. Gemäß der weiblichen Neugier ging ich zu meiner Wohnungstür, lauschte kurz, öffnete sie und sah zur Haustür. Die Glasscheibe derselben war zerbrochen, die Scherben lagen auf dem Boden und ich konnte einen dunklen Fleck an Scheibe und auf dem Boden sehen. Immer noch neugierig tapste ich in Socken zur Haustür, schaute mir die Scherben und Flecken an, öffnete die Tür und… nun, ich sah meinen Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Boden liegen, umgeben von Blut. Schreiend.

 

Ich rannte zurück in meine Wohnung, zog mir Schuhe an und nahm meine San-Tasche – den San A-Kurs hatte ich gerade vor einigen Wochen abgeschlossen.

 

Wieder draußen bei meinem Nachbarn sah ich, dass er eine große, klaffende Wunde an der Innenseite des rechten Handgelenks hatte. Blut quoll aus der Wunde und er war total aufgelöst. Aus seinen wirren, unzusammenhängenden Worten konnte ich schlussfolgern, dass er beim Aufsperren der Haustür auf dem Eis des Bürgersteigs weggerutscht war und beim Abfangen eines Sturzes durch die Glasscheibe der Haustür gebrochen war. Dabei fiel er genau mit dem Handgelenk auf die Glaskante. Resultat war ein etwa 6 cm langer, klaffender Schnitt durch die Pulsadern.

 

Inzwischen waren auch einige andere Nachbarn auf den Unfall aufmerksam geworden. Irgendjemand kam und fragte mich, ob er den Rettungsdienst rufen sollte. Eine andere Dame kam mit einer Wolldecke und eine dritte Person mit einer Wäscheleine „zum Abbinden“ und mehreren Geschirrtüchern zum „auf die Wunde drücken“. Alle standen um uns herum und schauten zu mir und meinem Nachbarn herunter. Nachdenken. Wie war das gleich? Stark blutende Wunde. Druckverband. Also Handschuhe an, Verbandsmaterial in der Tasche gesucht. Arm hochhalten. Verband wickeln. Druckpolster?! Während dessen mit dem Nachbarn geredet. Dessen größte Sorge war, dass er jetzt nicht rechtzeitig zur Band-Probe kommen würde. Von Schmerzen keine Spur. Irgendwann war also der Verband irgendwie drumgewickelt, der Nachbar in die Decke eingewickelt und dem netten Menschen erklärt, dass Abbinden hier nicht das richtige Mittel der Wahl sei. Dann

hieß es Warten.

 

Wo blieb denn nur der RTW? Hallo?! Mitten in der Großstadt?! Es mussten doch schon mindestens 10 Minuten vergangen sein. Der Nachbar wurde inzwischen ruhiger, fast schläfrig. Ich wünschte ihm nichts mehr, als dass er bewusstlos werden würde, um das alles nicht so genau mitzubekommen. Und ich wünschte mir nichts mehr, als dass er nicht bewusstlos werden würde.

 

Wir haben leise weiter geredet. Über die Band. Die Katze. Er gab mir seinen Wohnungsschlüssel. Sein Handy, um bei seinen Freunden anzurufen.

 

Der Verband blutete durch, also noch eine Lage drüber. Blut auf den Handschuhen, der Hose, dem Bürgersteig.

 

Irgendwann habe ich dann auch nochmal bei der Leitstelle angerufen, um nachzufragen, wann denn ein Retter kommen würde. Das Gefühl für Zeit, Raum und Temperatur hatte ich schon völlig verloren. Ah… unklare Ortsangabe durch den Anrufer. Gleich wäre jemand da.

 

Weitergeredet. Die verletzte Hand hochgehalten, die andere festgehalten.

 

Kurz darauf traf der Rettungswagen ein. Sehr nette Leute. Haben zuerst den Nachbarn in das warme Auto gebracht, sich dann bei mir nach Personalien und Unfallhergang erkundigt. Verband blieb dran, Minuten später waren sie weg – mit Hurra und Törrrö.

Und ich? Nun, als die Türen des Rettungswagens zugingen, habe ich mich an der Stelle, an der ich gestanden hatte, in den Schnee gesetzt. Auf einmal waren meine Beine aus Gummi. Und verdammt, war das auf einmal kalt hier draußen!

 

Einige Tage später stand mein Nachbar vor der Tür. Dick eingebundene Hand, ein wenig blass um die Nase.

Ich hätte ihm das Leben gerettet, meinte er und drückte mir verlegen zwei Flaschen Wein in die Hand. Der Schnitt sei durch die Pulsadern bis auf die Knochen runtergegangen, durch Sehnen und Nerven. Er sei mehrere Stunden operiert worden, das endgültige Ergebnis bezüglich Bewegung und Gefühl in den Fingern unklar. Aber ich hätte den anfänglich sehr hohen Blutverlust eingeschränkt und ihm so lieb geholfen. Und dass ich mich um den Schlüssel und die Katze gekümmert hätte… Das wäre so nett.

 

 

Ich habe lange darüber nachgedacht, was an diesem Abend passiert ist. Ob ich wirklich „Leben gerettet“ hatte. Ob es nicht jeder andere, der mit uns auf der Straße war, nicht genauso gut gemacht hätte. Ich denke schon. Für mich das Schönste an dieser blöden Sache war, dass ich helfen konnte. Und dass ich nicht allein auf der Straße war, sondern dass so viele Nachbarn aus den umliegenden Häusern dazu kamen und jeder ein wenig mithalf. Notruf, Decke, Beine hochlagern, verletzten Arm hochhalten. Jeder hat seinen Beitrag zur Ersten Hilfe geleistet, mit seinen Möglichkeiten, und keiner kam nur zum Gaffen. Das war eine gute Erfahrung.

 

 

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14 Kommentare leave one →
  1. 21. April 2013 11:18

    Super reagiert! Ein Hoch auf die Weibliche Neugierde 😉
    Und es freu mich zu lesen das in einer Stadt wo ja alle von Anonymität und Gleichgültigkeit reden doch gleich mehrere Leute zum Helfen kamen!
    Weist du denn im Nachhinein ob es wirklich sehr lange gedauert hat bis der Notdienst da war? Oder war das subjektives Empfinden?
    Ganz liebe Grüße

    • 21. April 2013 17:51

      Danke, Machermama!
      Der Rettungsdienst hat wohl – soweit ich das im Nachhinein rekonstruieren konnte – wirklich gut 15 Minuten gebraucht, da zuerst eine sehr ähnlich klingende Straße in einem anderen Stadtviertel angefahren worden war.
      War schon irgendwie ein echt gutes Gefühl, dass innerhalb kurzer Zeit mehrere Leute da waren und wirklich versucht haben zu helfen. Kann mich nicht erinnern, jemanden registriert zu haben, der nur zum Gaffen kam.

  2. 21. April 2013 13:04

    Du hast echt super reagiert und eine sehr gute Erstversorgung durchgeführt! Ich finde es schön zu lesen, dass sich hier nicht nur du, sondern auch weitere Menschen aktiv an der Ersten Hilfe beteilligt haben. Dies ist leider nicht selbstverständlich und umso höher einzuschätzen, eben gerade in einer (anonymen) Stadt.
    Deine Arbeit war echt super, auch gerade deshalb weil du als höchste qualifizierte Helferin die Führung übernommen hast, denn so konnte die Hilfe gut organisiert werden, ohne dass sich irgendjemand „auf den Schlips“ getreten gefühlt hat.

    • 21. April 2013 17:56

      Vielen Dank, blaulichtengel!
      Das mit „Führung übernehmen“ stand nie so wirklich zur Debatte, da ich die erste vor Ort war und meine tolle quietschorangene San-Tasche wohl jegliches Hinterfragen meiner „Kompetenz“ im Keim erstickte 😉
      Aber wie oben bei machermama geschrieben, war es wirklich eine gute Erfahrung, dass auch in der anonymen Großstadt, in einer leeren Wohnstraße gleich Leute da waren, die helfen wollten.

  3. seelenteil permalink
    21. April 2013 19:57

    ganz ehrlich? ich glaube bei so viel blut wäre ich kollabiert 😦 mich verfolgt dieses bild jetzt schon die ganze zeit und mir wird heiß und kalt und übel, wenn ich zu sehr dran denke. wie gut, dass du da warst und geschaut hast. 15 min klingt echt lange, wenn man warten muss. hoffentlich wird alles wieder gut!

    • 21. April 2013 20:45

      An das Blut habe ich gar nicht so wirklich gedacht zu dem Zeitpunkt… Ich musste doch mit dem Nachbarn reden und ihn beruhigen. Und mit den anderen vor Ort. Und überhaupt…

      Ich habe aber ohnehin kein Problem mit Blut oder Erbrochenem… Inzwischen noch weniger als damals.

      Meinem Nachbarn ging es bereits nach einigen Monaten wieder deutlich besser, auch die Beweglichkeit der Finger hat sich gut entwickelt… Wie es jetzt ist, weiß ich nicht, ich wohne seit gut 5 Jahren nicht mehr dort…

      Liebe Grüße!

  4. seelenteil permalink
    21. April 2013 21:30

    Oh das ist toll zu hören! ich weiß wie es ist, wenn man um die beweglichkeit der finger bangt. mit erbrochenem hab ich noch viel größere probleme als mit blut……*bloss nicht dran denken!* für mich bist du eine heldin!

    • g2-9ee922a315c90a16d67b32c77239fbbd permalink
      21. April 2013 21:43

      *rot werd* Nicht doch, Seelenteil… Es gibt Andere, die diese Bezeichnung viel mehr verdienen!

  5. 23. April 2013 19:13

    Darf ich fragen warum hier ein abbinden nicht das richtige Mittel gewesen wäre?

    • 23. April 2013 19:39

      Früher vor mehr als 10 Jahren war das Abbinden noch IN, dann war es mal OUT und heute wird es im Rettungsdienst wieder gemacht.

      Was man aber beachten muss, man darf nur eine gewisse Zeit abbinden, denn sonst wird der dahinter liegende Teil nicht mehr durchblutet und das Gewebe stirbt ab.

      • 23. April 2013 19:54

        Danke.
        Darauf das ein Körperteil nicht zu lange abgebunden wird hätte ich sicher geachtet, denn mir ist das physiologische Geschehen im Körper schon klar (keine Durchblung – absterben droht).
        Das es eine Zeit „OUT“ war, war mir nicht klar.
        Wobei ich auch nicht sagen kann ob ich selbst im Notfall auf das abbinden gekommen wäre (hier wurde es ja durch andere Helfer angeregt). Erstmal in jedem Fall Druckverband und wenn dieser wirklich so stark durchblutet wäre mir vielleicht ein zusätzliches abbinden eingefallen.

      • Tauchaussie permalink
        23. April 2013 22:42

        Hallöchen, (mein Gott kommentiere ich jetzt erst das erste Mal hier? Lese schon länger mit. Finde deinen Blog wirklich klasse!), @VerMayla super reagiert 🙂 Wüsste gerne, ob ich dazu auf in der Lage gewesen wäre. Theoretisch ja schon, aber ich habe keine Ahnung, wie es in der Praxis aussieht.

        Ich bin mir relativ sicher, dass ich vor einem halben Jahr im LSM Kurs noch gelernt habe, dass man nicht mehr abbindet? Wieder was dazu gelernt.

      • 23. April 2013 23:15

        Hallo Tauchaussie 🙂

        willkommen auf meinem Blog 😉 Danke für das Lob 🙂 Dass man wieder abbindet, ist auch noch nicht lange der Fall, ich weiß aber nicht, wie es für Laien aussieht, deswegen da bitte nicht mich unbedingt festlegen.

        LG

        Paul

      • 25. April 2013 23:26

        In der Breitenausbildung (Erste Hilfe, Laien) wird das Abbinden immer noch als No-Go verbreitet und nur der Druckverband als Mittel der Wahl gelehrt. Es gibt beim richtigen Abbinden so viel zu beachten (Wahl des Materials, Dauer, Festigkeit, Position, Dokumentation), so dass es in die Hände von Profis gehört.

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