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Erste Hilfe Geschichten Teil 8…

11. Mai 2013

Von Hesting stammt diese Geschichte.

Keine Heldin

Wenn man selbst im Autoverkehr mehrere Jahrzehnte lang unfallfrei gefahren ist, wird man nachlässig – zwangsläufig nachlässig, denke ich. Das Notfalltäschchen im Kofferraum ist abgelaufen und Signalwesten hat man auch keine, von halbwegs aktuellem Wissen über das Verhalten bei Verletzungen und Unfällen ganz zu schweigen, weil ja sowieso nie was passiert? So sieht mein familiärer Hintergrund aus. Ich selbst fahre nicht Auto bzw. nur als Beifahrerin. Und bin darum auch nicht besser ausgestattet.

Etwa zweimal im Monat fahre ich vom südhessischen Darmstadt mit dem Regionalzug in die Wetterau und wieder zurück. Diese Verbindung schließt einen Umstieg in Frankfurt am Main ein, der meist mit einer Wartezeit verbunden ist.

Ich war gerade also in Frankfurt und wartete auf meinen Zug. Meistens vertreibe ich mir die Wartezeit im Zeitschriftenladen oder sonstwo und steige erst kurz vor der Abfahrt zu. Diesmal war ich aber bei der Einfahrt des Zuges schon am Gleis und wartete ab, bis alle Ankommenden ausgestiegen waren. Der Gewohnheit halber stieg ich dann selbst in einen der mittleren Wagen ein, der mir leer zu sein schien.

Der Wagen war aber noch gar nicht leer, sondern es stand noch ein Mann (etwa in den Fünfzigern) im Einstiegsbereich, etwas unsicher wirkend, abwartend … „Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ich und wurde in das durch eine Wand abgetrennte Viererabteil geführt, an das sich der Durchgang zum nächsten Wagen anschließt. Auf einem der Sitze lag seine Frau, auf den ersten Blick bewußtlos, außerdem hatten die beiden einiges an Gepäck dabei, das er niemals allein mit einem Mal hätte hinausbringen können, dazu waren es zuviele einzelne Taschen.

Nun war ich ja leider quasi genauso hilflos wie der Mann und kam trotz oder wegen des Adrenalins auf nichts anderes als darauf, einen Zugbegleiter zu suchen. Zum Glück lief mehr oder weniger kurz darauf auch einer am Wagen vorbei und ich konnte ihn über die bewußtlose Frau informieren.
Danach mußte ich mich dann auch erstmal setzen …

Jener Zugbegleiter alarmierte einen Kollegen, der sich die Sache anschaute und dann erst den Rettungsdienst rief. In der Zwischenzeit waren ca. 10 Minuten vergangen. Der Zug hätte zu dem Zeitpunkt schon längst wieder auf der Strecke sein sollen. Es vergingen aber noch mal zehn Minuten, bis tatsächlich Rettungskräfte da waren. Dann ging aber alles relativ schnell, innerhalb von etwa drei Minuten war die immer noch bewußtlose Frau auf der Trage verpackt und kurz darauf fuhr der Zug auch los. Während die Sanitäter ihre Arbeit machten, schaute ich von der Zugtür aus zu und fing mir böse Blicke ein – natürlich war das Gafferei, aber ich wollte ja die Sache auch sinnvoll abgeschlossen wissen.

Noch jetzt, zwei Jahre später, schießt mir beim Gedanken an dieses Ereignis das Adrenalin wieder in den Kopf. Soviele Fragen, die mir dazu immer noch im Kopf herumschwirren. Diese 23 Minuten erschienen mir viel zu lang, andererseits wäre ich auch jetzt immer noch unsicher, ob ich, sollte sowas an einem hochfrequentierten Bahnhof noch mal passieren, erst Zugpersonal informieren oder erst den Rettungsdienst rufen müßte. Wenn’s ums Pulsmessen bei anderen Leuten geht, habe ich mich noch nie mit Ruhm bekleckert – sprich: ich spüre da am Handgelenk nix. Und für Unsicherheit bin ich ja sowieso immer zu haben …

Bedingt durch diese Wissenslücken habe ich mich dann für den nächsten Zweitageskurs beim DRK angemeldet, ihn absolviert, so gut ich konnte (bei der Reanimationsübung hieß es mehrfach, ich solle tiefer drücken; richtig hinbekommen hab ich das nicht), den Schein entgegengenommen – und war doch nicht wirklich klüger als vorher. Zeitweise bin ich mir angesichts der starken Orientierung auf das Verhalten im Autoverkehr wirklich blöd vorgekommen. Am zweiten Tag schickte uns die Referentin zwei Stunden vor dem eigentlichen Kursende nach Hause, sie hatte keine Themen mehr offen und außerdem nahm sie an, daß nicht nur sie heimwollte (es war warm und strahlender Sonnenschein).

Einige Wochen später gab’s dann doch noch ein „Erfolgserlebnis“: auf einer Kirmes saß ein Junge mit blutiger großflächiger Schramme am Unterschenkel auf den Stufen am Autoscooter. Meine Frage, ob er Hilfe bräuchte, wiegelte er ab (es sei nicht so schlimm), vielleicht auch wegen der anwesenden Freunde; also hab ich dann die Sanitätsdienstler zu ihm geschickt und aus etwas Entfernung mit Genugtuung beobachtet, wie ihm das Bein verbunden wurde. 😉

 

Ich habe schon viele solche Geschichten gelesen und auch gehört. Viele schreiben oder sagen, ich habe doch gar nichts großartiges gemacht. Doch Ihr habt reagiert, auf euch aufmerksam gemacht und euch Hilfe organisiert. Als Laie ist man schnell überfordert, aber Ihr habt es gemerkt und euch Hilfe geholt. Das ist der große Unterschied zwischen Euch und allen Anderen die dann einfach nur glotzen oder weiter laufen.

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5 Kommentare leave one →
  1. Gray permalink
    11. Mai 2013 12:54

    Mmh, vielleicht weiß das ja jemand – würde in so einem Fall (ich meine den Zug) auch helfen, die nächste Notbremse zu ziehen, auch wenn der Zug steht?

    Zumindest weg kann er dann vermutlich nicht mehr *g*, und ich könnte mir vorstellen, dass auch irgendwo angezeigt wird, welche Bremse da gezogen wurde. Aber ich habe leider keine Ahnung, ob dem so ist.

  2. BRC_MEDIC permalink
    11. Mai 2013 14:26

    Kann mich dem direkten Kommentar nur anschliessen. Notrfallnummer waehlen und Hilfe anfordern ist der erste Schritt in der Kette. Wenn man mehr kann ist das nur ein Bonus. Und, beim 112/999 waehlen kann man nichts falsch machen (ich behaupte mal die Angst ums „falsch machen“ ist der groesste Hemmschuh). Lieber einmal den RD fuer nichts gerufen als einmal zu wenig bei $TRAUMA.

  3. 12. Mai 2013 23:17

    Naja, inzwischen bin ich auch schlauer. 😉

  4. Jim permalink
    13. Mai 2013 12:10

    In einem Zug der im Bahnhof steht hätte ich auch erst eine Notbremse/Notsprechverbindung gesucht oder direkt das Bahnpersonal verständigt. Erstens müssen die wissen, dass der Zug nicht wegfahren darf und zweitens können sie dem Rettungspersonal sicher eher den genauen Ort und den besten Zufahrtsweg nennen als ich.

  5. Marrce permalink
    14. Mai 2013 13:15

    @Gary:
    Die Wirkung der Notbremse hängt vom Zug- und Bremsentyp ab. Es gibt da wohl so ziemlich alles von „Bremsen um jeden Preis“ bis „führt im Bahnhofsbereich zum Halt“ (meist S- und U-Bahnen). Auf jeden Fall wird angezeigt, dass die Notbremse betätigt wurde, bei den neuen Zügen vermutlich auch wo genau (bei elektronischer Übertragung möglich); sonst leuchten in dem entsprechenden Wagen in den Schaltschränken Lämpchen. Allerdings stand ich schonmal im ICE 20 min auf freier Strecke, weil jemand die Notbremse gezogen hatte und daraufhin jede einzelne Notbremse im gesamten Zug überprüft werden musste.
    Züge die durch Tunnel und lange Brücken fahren sind außerdem mit einer Notbremsüberbrückung ausgestattet, damit der Zug nicht im Tunnel oder auf unzugänglichen Brücken hält (funktioniert nicht im Stand und an Bahnhöfen)

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