Skip to content

Vom Retter zum Geretteten Teil 2…

3. Juni 2013

Muss ich sterben?

Am 11.2. verschlechterten sich meine Werte jedoch wieder. Als meine Mutter zu Besuch kam, erzählte ich ihr erneut von meiner Angst und von der Vermutung das meine Lunge möglicherweise versagt. Auch mit der Ärztin unterhielt ich mich hierüber. Es ist schon echt hart, wenn man sich mit 33 Jahren Gedanken über sein mögliches Ableben macht. Gegen Mittag war es soweit, ich konnte nicht mehr. Das letzte woran ich mich erinnere ist, wie ich die Ärztin anflehte mich nicht sterben zu lassen. Sie erwiderte das ich zu jung zum Sterben sei und sie mich notfalls mit dem Hubschrauber in die nächste Uniklinik verlegen würde- und wenn sie den Hubschrauber persönlich auf dem Dach landen müsse. Danach wurde es dunkel um mich herum. Meine Mutter bekam am frühen Nachmittag den schrecklichen Anruf das sich eine Intubation nicht mehr vermeiden lies. Da die Werte noch immer sehr schlecht waren, würde man sich schon mal um einen Platz in einem Uniklinikum bemühen. Nachdem die Werte auch am Morgen des 12.2. nicht besser wurden, verlegte man mich mittels ITW auf die med. Intensivstation des Uniklinikum Essen. Bereits im aufnehmenden Krankenhaus hatte man mir einen ZVK re. Jugulär gelegt, ein weiterer auf der linken Seite kam in der Uni noch hinzu. Außerdem erhielt ich eine Arterie sowie eine Magensonde. Es wurde mir Blut für verschiedene Kulturen abgenommen, hierbei stellte sich heraus, dass es sich um Influenza a sowie H1N1, also Schweinegrippe handelte. Es bestand der Verdacht auf eine beidseitige atypische Pneumonie mit ARDS. Das Röntgen Thorax bestätige das ARDS. Allerdings war ich mit der Beatmung, wenn auch mit sehr hohen Drücken (PEEP >20, pmax weiß ich leider nicht), im Klinikum relativ stabil und musste nicht an die ECMO angeschlossen werden. Die Zeit verging und meine Angehörigen durften mich nur mit Atemschutzmaske (FFP3) besuchen. Vor allem für meine Mutter und Freundin muss dies eine schwere Zeit gewesen sein. Die Ärzte machten meiner Familie mit ehrlichen Worten klar, dass ich mich derzeit in einer absolut lebensbedrohlichen Situation befände. Beide Lungen waren von Infiltraten durchsiebt, das Röntgenbild zeigte die bei ARDS klassische weiße Lunge (zumindest zu 2/3). Vor allem meine Mutter verstand zum Teil nur Bahnhof sodass sie eine Freundin die selbst Ärztin ist, für sie bat mal mit den Ärzten zu reden. Meine Mutter entband hierfür die Ärzte von ihrer Schweigepflicht. Aber auch die Freundin konnte ihr sinngemäß nur klar machen, dass es zu dieser Zeit nicht unbedingt gut um mich stand. Nach 9 Tagen entschloss man sich, wegen der anhaltend schlechten Werte und der verlängerten Beatmungspflicht, mir eine Trachealkanüle zu verpassen. Meine Mutter als nächste Angehörige wurde hierüber aufgeklärt und musste ihre Unterschrift als Einverständniserklärung unter die OP Aufklärung setzen. Nun war ich also tracheotomiert.
Nach 14 Tagen waren 3 Tests auf Influenza negativ sodass ich endisoliert werden konnte. Die Lunge war jedoch unverändert schlecht. Mein Körper war extrem aufgedunsen, die Augenlieder heftigst geschwollen. Vor Allem wegen der Augenlieder wurde ein Augenärztliches Konsil angeordnet. Der Augenarzt diagnostizierte ein Kornealödem wegen der hohen Beatmungsdrücke. Als Therapie wurde eine Salbe sowie das möglichst schnelle Reduzieren der Drücke angeordnet. In der dritten Woche wurden die Werte endlich besser. Die Beatmungsdrücke konnten Stück für Stück wieder reduziert und nach ein paar Tagen auf normale Werte gebracht werden. Das Kornealödem bildete sich ebenfalls wieder zurück. In der vierten Woche waren die Werte nun so gut, dass man mich zum weaning auf die Intensivstation der Ruhrlandklinik (Westdeutsches Lungenzentrum) verlegen konnte. Wieder wurde ich mit einem ITW dorthin verlegt. Erinnern kann ich mich an überhaupt nichts aber dazu später mehr…

Der Weg aus dem künstlichen Koma, der Entzug

Hier holte man mich am 2. Oder 3. Tag langsam aus der Narkose und ließ mich wach werden. Ich öffnete die Augen und kann mich an eine Menge blau und weiß gekleideter Menschen erinnern. Bewegen konnte ich mich, abgesehen von meinen Fingern, nicht. Mich sprachen welche an: „Herr Friedrich, können sie uns verstehen?“ Ja ich konnte sie verstehen und ich hätte wohl auch antworten können, dachte ich zumindest, aber ich hatte Angst. Ich hatte panische Angst vor all den fremden Menschen, scheinbar als Ärzte verkleidet. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste, ich hatte übelste Albträume. Ich wurde in meinen Träumen fast ausschließlich von falschen Ärzten behandelt und fast immer zum Ende hin umgebracht. Auch war ich der festen Überzeugung, dass ich mit dem Hubschrauber von einem falschen Herzzentrum in ein richtiges Herzzentrum nach Bad Oeynhausen verlegt wurde (hier habe ich mal gearbeitet). Dort hatte man mir zwar ein neues Herz eingesetzt aber geholfen hat es mir nicht. Nachdem alles nichts half, ließ man mich auch dort sterben, dachte ich aber ich war ja nun offensichtlich wieder wach. Dennoch hatte ich vor den Menschen Angst und habe niemandem geantwortet. Irgendein Arzt meinte dann, dass er mir das nicht glauben würde. Er sei sich sicher, ich könnte ihn verstehen. Der Chefarzt rief dann einen Neurologen hinzu. Dieser erschlich sich scheinbar mein Vertrauen und ich wollte reden, doch ich konnte nicht reden. Der Neurologe machte mir erstmal klar, dass ich tracheotomniert war und deshalb zwar die Lippen bewegen aber leider nicht reden kann. Außerdem wurde ich ja auch weiterhin beatmet. Irgendwie konnten wir uns durch Lippen lesen und Augenzwinkern dann doch verständigen. Ich konnte ihm klar machen, dass ich Angst hatte. Angst vor falschen Ärzten von denen ich der festen Überzeugung war, dass sie mich alle nur umbringen wollten. 

Erwähnenswert ist auch der Transport zur Ruhrlandklinik. In einem Traum wurde ich auch in diese Klinik gefahren, sogar mit einem ITW der FW Essen. Hier träumte ich allerdings, dass ein Pfleger zum ITW Personal kam und meinte sie seien voll und ob sie Interesse hätten zu üben. Laut seiner Aussage hätten sie im 3.Stock einen ITW Simulator der auf einer Magnetschiene auch von oben bis zur Aufnahme fahren konnte. Nur leider waren die Hecktüren und die Tragenarretierung defekt sodass sich schonmal die Türen öffneten und die Puppe bzw. in dem Fall ich herausfallen könne. Da sie eh voll wären, wäre das eine günstige Gelegenheit. Auffallen würde das nicht, dass hätte man schon öfter gemacht. Das ITW Personal willigte ein, Üben sei ja schließlich niemals verkehrt. Ich bekam das alles mit und wusste nun, daß man mich aus dem 3. OG entsorgen wollte. Dementsprechend hatte ich Panik. Doch alles Geheule nutzte nichts, irgendwann fiel ich dann im Traum inkl. Trage aus dem 3 Stock der Klinik. Da dieser Transport auch tatsächlich mit der FW Essen stattgefunden hatte, vermute ich, dass sich hier Realität mit Albtraum vermischt hat. Denn ich hatte zuvor noch nie was mit der Ruhrlandklinik zu tun. 

Anstatt nun aber auf ein Delir wegen des Medikamentenentzugs zu tippen, bescheinigte mir der Neurologe eine paranoide Schizophrenie und verschrieb mir Risperdal, ein modernes Neuroleptikum. Während des Entzugs war mir fast ausschließlich heiß, ich schwitzte unglaubliche Mengen Wasser aus. Mein Kopfkissen konnte fast stündlich gewechselt werden und die Angst vor dem ungewissen trug ganz sicher nicht zu einer Verbesserung meines Zustandes bei. Immer wenn ich alleine im Zimmer war, hatte ich das Gefühl unter Strom gesetzt zu werden. Es war so, als fasse man an einen Elektrozaun und kann nicht mehr loslassen. Meiner Meinung nach war das wieder ein Versuch mich unbemerkt ruhig zu stellen. Interessanterweise war das Gefühl weg, sobald ein Pfleger oder Angehörige bzw. Freunde in mein Zimmer kamen. Der bzw. die Pfleger waren auch noch dazu alle sehr freundlich wenn sie zu mir kamen. Ich begann zu zweifeln. Als dann noch am 3 oder 4. Tag ein Arzt zu mir ins Zimmer kam, den ich schon sehr lange kenne, wurde mir langsam klar, dass ich all die schlimmen Dinge wohl nur geträumt haben konnte. Nichts entsprach, Gott sei Dank, der Wahrheit. Bei dem Arzt handelte es sich um einen ehem. Notarzt und Oberarzt mit dem ich zu seinen NA Zeiten oft zu tun hatte. Er erkannte mich auch sofort wieder und somit hatte ich nun eine mir vertrauliche Person. Er erzählte mir, dass er jetzt als freier Facharzt sehr viel für die Ruhrlandklinik arbeitet. Ich war so froh ein bekanntes Gesicht unter den anderen gesehen zu haben, das kann man sich gar nicht vorstellen. 

Einfach mal besser zuhören

In den ersten Tagen, ich vermute es war die 2. Oder 3. Nacht wurde mir plötzlich übel. Ich machte den Pfleger darauf aufmerksam doch er meinte nur, dass das auch wieder aufhört. Ich machte ihn noch 2 oder 3 mal auf mein Problem aufmerksam. Beim letzten Mal stand er genau vor mir und ich traf ihn mit meinem Mageninhalt als erstes an der Brust. Er war anschließend von oben bis unten von meinem Mageninhalt getauft. So ist es wenn man Patienten nicht ernst nimmt. Mir war es dennoch unglaublich peinlich. Am Tag danach bekam ich dann die Quittung hierfür: Bronchoskopie und zwar ohne Sedierung bei vollem Bewusstsein – herrlich. Der Arzt meinte man würde über das Tracheostoma reingehen, spülen, lokal betäuben und eine Probe entnehmen. Vor allem müsse man kontrollieren ob nicht doch ein bisschen Mageninhalt in die Lunge gelangt war. Diese Prozedur musste ich noch 3x über mich ergehen lassen, immer ohne Sedierung und jedes mal war es einfach nur ein unglaublich ekelhaftes Gefühl. Außerdem wurde vor allem durch das Spülen ein fieser Hustenreiz ausgelöst.

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. seelenteil permalink
    3. Juni 2013 18:27

    😦 OMG wie schrecklich! ich fühle mich so in meiner absoluten panik vor allem was mit krankenhäusern, rettungsdienst etc zu tun hat bestätigt. es ist schön, dass du wieder fit bist.

  2. 3. Juni 2013 20:14

    Puh…. das wünscht man wirlich niemandem ;(

  3. 3. Juni 2013 21:38

    Wahnsinn, was du alles erlebt/gefühlt hast in dieser Zeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: