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Erste Hilfe Geschichten Teil 13…

16. Juni 2013

Dass man schon im Alter von 5 Jahren Erste Hilfe leisten kann, erzählt @nebenbeistudent .

Die Erinnerungen an meinen ersten Notruf sind schwammig, große Teile weiß ich nur durch Erzählungen anderer. Meine Mutter und meine Großmutter waren zusammen einkaufen gegangen, ich war zusammen mit meinem Großvater zuhause geblieben. Wir schauten fern. Auf einmal wird mein Großvater sehr blass, kalter Schweiß steht auf seiner Stirn, das Gesicht ist schmerzverzerrt. „Das rote Fläschchen“, sagt er. Ich weiß, welches er meint. Jeder in der Familie weiß das. Schnell stehe ich auf und hole es ihm. Er sprüht es sich und meint „alles in Ordnung“. Ich weiß nicht mehr, wieso. Jedenfalls bin ich mit ihm nicht einer Meinung und gehe zum Telefon. Es ist eines mit Wählscheibe. In der „3“ hängt ein Telefonschloss, um zu verhindern, dass kleine Kinder wild in der Gegend herumtelefonieren. Nur eine Nummer darf ich wählen und die auch nur, wenn es Probleme gibt, so, wie jetzt. Ich wähle die 112, so wie man es mir beigebracht hat. Ich nenne meinen Namen und die Adresse meiner Großeltern, sage, dass mein Opa herzkrank ist, nicht gut aussieht und bereits das rote Fläschen haben wollte. Die Stimme am anderen Ende der Leitung nimmt mich ernst. Sagt, dass ein Krankenwagen unterwegs ist, redet etwas mit mir. So lange, bis es an der Tür klingelt und ich aufmachen soll. Ich öffne die Tür und die Rettung kommt rein. Einer kümmert sich um meinen Opa, der spricht mit der Stimme am Telefon, legt dann auf und kümmert sich um mich „das hast Du ganz toll gemacht“, sagt er. Ein weiterer Mann kommt, kurz danach sind auch meine Mutter und meine Großmutter zurück. Sie wissen nicht, was passiert ist und sind total perplex. Zwar hatten sie mir früh beigebracht, was in einem Notfall zu tun ist und wie man einen Notruf absetzt, dass ich das alles tatsächlich alles so hinbekommen habe, hat sie dennoch erstaunt: ich war gerade erst 5 Jahre alt. Mein Großvater hat diesen Herzinfarkt überstanden, erst Jahre später ist er an seinem dritten Herzinfarkt gestorben.

Erst 15 Jahre später wurde ich das nächste Mal zum ersten Helfer. Ich war mit einem Freund in der Stadt unterwegs, Richtung Einkaufsstraße. Wir standen an der Ampel und sahen von dort aus in der Menschenmenge einen Menschen torkeln. „Ach Du Sch…, dem gehts aber gar nicht gut!“ Mein Kumpel und ich sehen uns an. Er ist derjenige von uns beiden mit Führerschein und einem Kurs in erster Hilfe, aber ich sehe: das packt er nicht. Mein Geist ist jetzt nur noch auf den Torkelnden gerichtet und auf die verdammte Ampel, ich nehme kaum noch anderes wahr, Geräusche und Bilder treten in den Hintergrund, wie ausgeblendet, Sekunden laufen wie Minuten vor mir ab, ich befinde mich in einer Art fokussierter Zeitlupe. Zwischen mir und dem Mann steht nur noch die rote Ampel. Er knallt gegen eine Schaufensterscheibe und fällt – einen Meter von einem Sicherheitsdiensttypen entfernt. Keiner hilft. „Ruf Du einen Rettungswagen, ich kümmere mich um ihn!“, die Ampel schaltet auf Grün und ich laufe los. Fast wie in Film schaffe ich es, den Leuten auszuweichen, erreiche den Mann. Der versucht erfolgslos aufzustehen, ist orientierungslos, wahrscheinlich zugedröhnt mit Drogen, reagiert verzögert auf Ansprache, hat tierisch große Pupillen und kann die Augen nicht auf einen Punkt fixieren. Der Securitymensch bleibt weiterhin unbeeindruckt, sieht weg. Ich setze den Mann auf eine Bank, versuche, ihn irgendwie wach und bei Bewusstsein zu halten. Der Kumpel kommt zurück, er hat einen Rettunswagen rufen lassen. Passanten schauen entweder weg oder starren uns an. Alle gehen vorbei. Der Typ von der Security… kümmert sich um seine Security. Schließlich kommt der Rettungswagen und die Jungs übernehmen nach einer kurzen Übergabe. Wir verlassen den Ort des Geschehens. Zum ersten Mal in meinem Leben könnte ich eine Zigarette vertragen…

Dieses letzte Ereignis hat mich dazu bewogen, meinen Ersthelferschein zu machen. Was ich insbesondere durch diese beiden Erlebnisse gelernt habe: Jeder kann erste Hilfe leisten. In all den nachfolgenden Jahren als Ersthelfer in Unternehmen habe ich gelernt, dass Erste Hilfe meistens bedeutet: Notruf absetzen, Händchen halten, beruhigen, reden, DA sein, Rettungsfahrzeuge einweisen, Wege frei halten, Unfallstellen absichern, Leute beschäftigen, die helfen wollen, aber nicht wissen, wie. Nur selten hat man es mal mit ernsten Verletzungen oder Wiederbelebung zu tun. Mit letzterem habe ich Gott sei Dank bisher keinerlei praktische Erfahrungen machen müssen.

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6 Kommentare leave one →
  1. 16. Juni 2013 09:44

    Genau DAS ist der Grund warum mein 5 Jähriger auch die Notrufnummer kennt und darüber aufgeklärt ist. Viel zu oft werden Kinder unterschätzt und befürchtet das sie aus Spaß anrufen.
    Aber wenn man es ihnen vernünftig erklärt und erzählt das die Rettungsleute nicht zu einem echten Einsatz könnten um zu helfen wenn sie aus „Spaß“ zu einem anderen Ort gerufen werden, dann passoert das auch nicht.

    Hut ab vor dir und einen imaginären Tritt in den Hintern für die Leute die mal wieder dumm rum standen und sich nur um ihren eigenen Kram gekümmert haben!

  2. 16. Juni 2013 19:24

    Auch Kinder können bereits sehr gut Erste Hilfe leisten. Ich finde es echt super, wenn die Eltern ihren Kinder bereits im Kindergartenalter beibringen, was bei einem Notruf zu tun ist. Ich finde es faszinierend, wie toll Kinder reagieren können und manchmal besser helfen als ein Erwachsener, da ihnen einfach die Scheu vor gewissen Dingen fehlt.
    Also nur Mut, liebe Eltern, bringt eueren Kindern doch auch ein bisschen Erste Hilfe und vorallem Notruf bei. Man kann dies ja sehr gut spielerisch vermitteln. Heutzutage wird dies auch im Kindergarten schon geübt.

  3. 18. Juni 2013 07:55

    Ich muss gestehen, dass ich auch oft mit mir ringe, wenn offenbar stark alkoholisierte Menschen vor mir hertorkeln. Letztes Jahr war ich zufällig am letzten Oktoberfestabend in München, da hab ich dann doch mal die Begleiter eines, ähm, sehr auffälligen Exemplars angesprochen. Leider hat mein Mut nicht weiter gereicht, die anderen Jungs meinten ja, der kriege sich schon wieder ein. Später auf der Rolltreppe hätte dann ein anderer, ebenfalls stockbesoffener Herr fast seine ihn festhaltende Frau die mäßig volle Treppe mit hinuntergezogen; wie sie das verhindert haben, weiß ich nicht mehr, es war aber ne gute Portion Glück dabei.

  4. 18. Juni 2013 07:59

    Achso, danke für den Bericht. Großes Lob an Deine Eltern, Dir das zuzutrauen.

  5. Ich permalink
    18. Juni 2013 20:31

    Hallo Paul,

    Ich habe mich die letzten Wochen bei Raucherpausen mit dem iPhone langsam aber sicher durch deinen Gesamten Blog gearbeitet und möchte dir einfach nur sagen: Weiter so!

    LG
    Christoph

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