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Erste Hilfe Geschichten Teil 14…

25. Juni 2013

Pantöffelchen kam mit ihrem Fahrlehrer zu einem Verkehrsunfall dazu.

Vor einigen Jahren machte ich, wie wohl die meisten, mit 18 meinen Führerschein. Die Fahrstunden waren wenig aufregend, da ich seit ich 16 bin einen Motorradführerschein (A1) besitze, und dementsprechend bereits Erfahrung im Straßenverkehr und auch schon den obligatorischen Erste Hilfe Kurs absolviert hatte. Wenigstens der Fahrlehrer war nett und locker, und so freute ich mich auf die Überlandfahrstunden bei schönem Wetter im Frühjahr. Nach einer netten Fahrt mit lockeren Plaudereien übers Zweiradfahren befanden wir uns irgendwo im Nirgendwo auf einer größeren Landstraße, abseits gelegen, allerdings recht gut befahren.
Die Fahrt bei schönen 80 Stundenkilometern wurde allerdings jäh unterbrochen. Auf einmal wurden die Autos vor uns langsamer, dank einem Sprinter vor mir, konnte ich allerdings nicht sehen warum. Wir waren kaum zum stehen gekommen, als die ersten Autos wendeten und uns mit Lichtzeichen zu verstehen gaben selber wenden zu sollen. Reichlich irritiert warteten wir also, bis der Sprinter vor uns wegfuhr. Das Bild was sich dort bot werde ich niemals vergessen. Ein schwarzes Auto, nur noch schwer als solches zu erkennen stand quer auf der Straße. Ein weiteres, helles Auto war auf der Gegenfahrbahn seitlich in den Graben gerutscht und rauchte. Der Unfall war erst wenige Sekunden vorher passiert.
Was dann passierte weiß ich ebenfalls noch als wäre es gestern. Ich stoppte den Wagen und schaltete das Warnblinklicht ein. Mein Fahrlehrer frage mich, ob ich im Wagen warten wollte, aber ich verneinte. So stiegen wir also beide aus und liefen auf die Unfallstelle zu, noch war niemand bei den Autos. War waren die ersten, die gehalten hatten. In diesem Moment war ich so klar und fokussiert wie selten zuvor. Obwohl mein Erste Hilfe Kurs schon eine Weile her war und ich mich auch so wenig damit beschäftigt hatte, wusste ich sofort was zu tun war, Notruf absetzen, Unfallstelle sichern und so weiter. Handgriffe und Techniken hatte ich sofort wieder im Kopf.
Das schwarze Auto war so zerquetscht, schon aus weiter Entfernung war für mich klar, dass es dort drin niemand überlebt haben konnte. Ich habe dieses Auto nur einmal angesehen, nach dem Fahrer hat niemand geschaut.
Wir liefen also sofort zum hellen Auto, von der anderen Seite kam ein weiterer Mann, der schon mit dem Handy den Notarzt rief. Noch im Lauf verständigten wir uns, wer was machen würde. Am Auto angekommen stellten wir fest, dass die Fahrerin, eine jüngere Frau, die alleine im Auto saß, noch lebte und ansprechbar war. Sie hatte keine sichtbaren Verletzungen, allerdings verdeckte der Airbag den Großteil ihres Körpers. Sie war ansprechbar, jedoch ziemlich durcheinander. Sie fragte die ganze Zeit „Mein Auto? Was ist mit meinem Auto?“ Währenddessen stieg der Rauch vom Motorraum immer dichter auf.
Da das Auto mit der Fahrerseite im Graben lag, konnten wir natürlich die Tür nicht öffnen, um die Fahrerin aus dem brennenden Auto zu befreien. Auch die Tür an der Beifahrerseite lies sich nicht mehr öffnen, da durch den Aufprall alles verzogen war. Ich kann mich noch an den Widerstand des Fensters auf der Beifahrerseite erinnern, als ich es heraus brach. Die Frau fragte die ganze Zeit nach ihrem Auto, und ich versuchte ihr beruhigend zuzureden.
Inzwischen waren noch mehrere Männer hinzu gekommen, die gemeinsam versuchten, das Auto zu öffnen. Es wurde inzwischen merklich heißer, der Qualm wurde dichter und dichter. Irgendwie musste die Frau aus dem Auto, und zwar so schnell wie möglich. Da die Männer wohl eher die Tür aufbekommen hätten als ich, versuchte ich also einen Feuerlöscher zu finden.
Auf einer Landstaße ohne Häuser gar nicht so einfach, allerdings hatte sich eine beträchtliche Autoschlange gebildet. Ich lief also so schnell ich konnte die Schlange entlang und fragte nach einem Feuerlöscher. Wenn jemand einen hatte, schickte ich ihn damit zum Auto, an dem die Männer versuchten mit Trinkwasserflaschen die bereits lodernden Flammen in der Motorhaube zu löschen. Natürlich völlig erfolglos, es zischte nur laut und verpuffte einfach zu Nebel.
Endlich waren die rettenden Sirenen zu hören, Feuerwehr und Notarzt trafen ein. Ich lief langsam zurück zum Wagen und wartete auf meinen Fahrlehrer, der kurz darauf auch kam. Es trafen nun auch Hubschrauber ein, an ein Wenden und wegfahren war nicht mehr zu denken, also saßen wir da und beobachteten schweigend. Später kam noch ein Mann von der Feuerwehr. Der junge Mann im schwarzen Auto war tatsächlich sofort tot gewesen, niemand hätte ihm helfen können. Die junge Frau wurde aus dem Auto geschnitten und per Hubschrauber weggebracht, allerdings meinte der Feuerwehrmann, dass sie wohl schwere innere Verletzungen hat und es vermutlich nicht schaffen wird. Was aus ihr geworden ist, habe ich nie erfahren.
Stunden später fuhren wir schweigend heim.
Noch heute, fast 10 Jahre später, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf wenn ich an einem Unfall vorbei fahre.

Was ich aus diesem Erlebnis mitnehme:
Ich habe praktisch nichts getan. Grade im bezug auf die bisher erschienenen Geschichten anderer Ersthelfer. Ich bin nur aus dem Auto ausgestiegen. Aber dennoch habe ich seither das Gefühl, in einem Notfall würde ich 100% handeln. Sofort, ohne zu zögern. Ich denke, ich würde mich auch wieder so klar erinnern, was zu tun ist, aber selbst wenn ich nicht mehr wüsste wie oft man nun drückt oder wie beatmet, ich würde es tun.
Bis heute bin ich froh, nicht ins dunkle Auto gesehen zu haben. Ich weiß nicht wie ich den Anblick einer zerquetschen Leiche verkraftet hätte. Auch wenn ich oft darüber nachgedacht habe, ob es nicht doch besser gewesen wäre, noch einmal nach dem Fahrer zu sehen. Die Aussage des Feuerwehrmannes, dass es da wirklich keine Rettung mehr gegeben hätte hilft zwar, aber ein kleiner Zweifel bleibt.
Was ich bis heute nicht begreifen kann: Was ging in den etlichen (!) Fahrern der Wagen vor uns vor, als sie den Unfall sahen, und einfach davon fuhren? Warum war ich die erste, die angehalten hat? Ich möchte nicht wissen, wie es bei einem Unfall nachts auf einer weniger befahrenen Straße gewesen wäre.
Noch schlimmer: Die Menschen, die mir entgegen kamen, als ich den Feuerlöscher suchte, grinsend, Handy in der Hand.
In den ganzen Autos befanden sich lediglich in zweien winzige Handfeuerlöscher. Die haben geholfen. Auch wenn Autos nicht explodieren, brennen können sie. Schafft euch einen Feuerlöscher an!

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16 Kommentare leave one →
  1. 25. Juni 2013 09:46

    Wow, das ist starker Tobak. Wie jemand angesichts eines frischen Unfalls einfach umdrehen und wegfahren kann, verstehe ich auch nicht.

    Die Zweifel bezüglich des schwarzen Autos kann ich gut nachvollziehen, das wäre mir wohl genauso gegangen, und wahrscheinlich hätte ich hinterher auch das Gefühl gehabt, nichts oder nicht genug getan zu haben.

    Aber „nichts getan“? Du hast getan, was ging! Allein das Beschaffen der Feuerlöscher dürfte die Chancen der Fahrerin von Null in den überhaupt messbaren Bereich hochgedrückt haben. Du konntest sie aus dem verzogenen Auto nicht befreien, ihre Verletzungen konntest Du deshalb auch nicht erkennen und schon gar nicht behandeln. Aber dazu beitragen, dass sie in dem Haufen Schrott nicht einfach verbrannte, ist doch schon viel! So gehört das!

    • 25. Juni 2013 10:25

      Finde ich auch. Hab schon mehrfach, allerdings nicht so heftige Unfälle gesehen, und war nahezu immer als Einzige aktive Helferin, alle anderen standen nur rum oder liefen weg. Hoffe, sie können gut schlafen… Einmal nur anders erlebt: Lebensrettung, direkt auf dem Fahrradweg, und alle, wirklich ALLE vorbei kommenden Radler warfen sofort ihr Rad ins Eck und fragten, was sie tun könnten, das war richtig tröstlich: So was gibt es auch, und das lässt hoffen.

      • 25. Juni 2013 10:28

        Nachtrag – die beschriebene Situation auf dem Radweg fand auf einem Radweg statt, wo beidseitig jede Menge Platz zum Vorbeifahren war, rechts sogar fünf Meter Freifläche, also nicht dass einer denkt, wir hätten den Weg blockiert…

      • 25. Juni 2013 10:41

        Hi snoopy,

        Willkommen auf meinem Blog!

      • 25. Juni 2013 12:12

        Also, wenn es um Lebensrettung geht, meinetwegen auch „nur“ um Erste Hilfe bei schweren Verletzungen, müssen die Leute u.U. einfach mal damit leben, dass der Radweg ein Weilchen blockiert ist. Klar versucht man, Wege freizuhalten, aber das hat in solchen Fällen wirklich nicht die höchste Priorität! Sogar Autofahrer darf man bei sowas ungerührt warten lassen 😉

  2. peter4810 permalink
    25. Juni 2013 13:51

    Toller Beitrag! Was man noch im Hinterkopf behalten kann: LKW haben in einigen EU-Ländern eine Pflicht Feuerlöscher mitzuführen, so dass quasi jeder Brummi einen größeren an Bord hat. In Deutschland ist er Pflicht bei Omnibussen und Gefahrguttransportern.

  3. 25. Juni 2013 17:22

    Hallo Paul, Hallo Peter,

    laut einer Mitarbeiterin des ADAC sind alle Fahrzeuge die gewerblich genutzt werden (also auch PKW) dazu verpflichtet einen (kleinen) Feuerlöscher mitzuführen. So gebe ich das nun auch in meinen Erste Hilfe-Kursen weiter 😉

    an Pantöffelchen:

    „Ich habe praktisch nichts getan. Grade im bezug auf die bisher erschienenen Geschichten anderer Ersthelfer. Ich bin nur aus dem Auto ausgestiegen“, du hast verdammt viel getan, im Rahmen deiner Möglichkeiten! Für viele ist es ja schon schwer (wie du ja miterlebt hast) überhaupt aus dem Auto zu steigen oder auch einfach nur den Notruf abzusetzen anstatt Fotos vom Unfall zu machen.
    Meiner Meinung nach hast du also durchaus auch hier einen Grund stolz auf dich zu sein!

    • 25. Juni 2013 23:51

      Interessante Info. Wir hatten am Wochenende einen Transporter gemietet, umzugsbedingt. An einen Feuerlöscher an Bord kann ich mich nicht erinnern.

    • 26. Juni 2013 11:26

      Laut Wikipedia müssen in Deutschland nur Gefahrguttransporter und Busse Feuerlöscher dabei haben, für Lkw wird das nur empfohlen. Von „gewerblich genutzten Kraftfahrzeugen“ ist da nicht gesondert die Rede.

      Umso mehr Grund für Fahrzeughalter, sich einen Feuerlöscher ins Auto zu legen und das am besten auch durch einen Aufkleber in einem Fenster kenntlich zu machen.

      • topas permalink
        2. Juli 2013 21:09

        Ist bei meinem Privat-PKW mit dabei(genauso wie eine vom Fahrersitz aus griffbereite Warnweste). Nach Ablaufdatum des Feuerlöschers steht der alte in der Garage/Werkstatt (halt lieber nen abgelaufenen Löscher statt gar nichts) – und im Auto ist ein neuer drin. Bei über 50.000km/Jahr sehe ich es einfach als sinnvoll an, ausgerüstet zu sein.
        Leider war bei der einzigen Chance, den einsetzen zu können (Kabelbrand im Motorraum, das betroffene Auto stand schon ein paar Minuten auf dem Standstreifen) der Besitzer gegen Löschen gewesen, als zwei Leute mit Feuerlöschern dastanden. Wollte wohl sein Auto lieber abfackeln lassen …

  4. 25. Juni 2013 19:46

    “ Wir waren kaum zum stehen gekommen, als die ersten Autos wendeten und uns mit Lichtzeichen zu verstehen gaben selber wenden zu sollen.“

    Diese Leute haben also nicht nur selbst nicht geholfen, sondern Euch quasi dazu aufgefordert, dasselbe zu tun?? Unglaublich 😦
    Ob sich solche Menschen bewusst sind, dass sie selbst auch schneller als ihnen lieb ist in eine solche Lage kommen können? Und ob sie sich dann von Vorbeikommendem das gleiche Verhalten wünschen, was sie an den Tag legen?

    • 25. Juni 2013 23:51

      Den meisten gibt l

      • 25. Juni 2013 23:53

        … leider ihre eigene Unfall- bzw. Unfallbeobachtungsstatistik recht, an derlei nicht zu denken.

  5. 25. Juni 2013 23:58

    Hallo Pantöffelchen,

    nun, Ihr seid nicht umgedreht, was ganz sicher nicht nur des Fahrlehrers Verdienst ist. Und mit Verletzten reden ist doch auch wichtig.

    Ohne die abdrehenden Fahrer in Schutz nehmen zu wollen: für die war das wohl einfach wie jeder andere Stau auch.

  6. Heiko permalink
    7. März 2014 23:11

    Auch wenn hier schon lange nichts mehr geschrieben wurde: Einfach wenden und wegfahren ist unterlassene Hilfeleistung und somit strafbar (§ 323c StGB).

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