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Erste Hilfe Geschichten Teil 17…

16. Juli 2013

Ohne viele Worte möchte ich euch die Geschichte von Jana hier vorstellen.

 

Eigentlich hatte ich dies hier als Kommentar gepostet. Nun bat Paul mich, es als eigenen Eintrag für ihn zu schreiben.
Auch wenn Erlebtes nun sieben Jahre zurückliegt, ist es immer noch so präsent, dass mir das nicht leichtfällt, aber ich mag es versuchen.
Mein Mann hatte seit Tagen Probleme mit seiner Schulter. Starke Schmerzen. Er ging damit zum Arzt und bekam dort zu hören, dass er sich einen Nerv eingeklemmt habe. Nachdem das EKG, das man vorsichtshalber machte, ohne Befund war.
Er war einige Tage zuvor beim Sanieren einer Hausfassade in ein Gerüst gefallen. In einen dieser Leiterschächte und fing sich mit den Ellenbogen ab, was, so meinte der Arzt damals, die Probleme erklären würden.
Ein typischer Fall von überlagerter Diagnostik.

Drei Tage nach dem erwähnten Arzttermin weckte er mich früh. Er wollte kurzfristig nochmal zum Arzt, weil er sich so schlecht fühlte, aber traute sich ob seines Zustandes nicht selbst zu fahren.
Ich machte mich schnell fertig. Was heißt, ich zog mir nur schnell etwas an, denn wenn mein Mann sagte, es ginge ihm so schlecht, musste da etwas hinterstecken.
Ich ging ins Wohnzimmer und zog mir dort sitzend noch eben die Socken an und dann sollte es losgehen. Mein Mann stand da, sah mich an und sagte: „Schön, wenn der Schmerz nachlässt und die dritte Novalgin endlich wirkt.“
Dann kippte er um und lief sofort grau an. Er röchelte – entschuldigt bitte, aber es hörte sich ebenso an, ich kenne das aus dem Betrieb meines Exmannes, der Schlachter ist – wie ein Schwein, dem man in die Kehle gestochen hat. Ein blubberndes Röcheln.
Ich suchte weder nach Puls noch sonst was. Dass es hier zu handeln galt, stand schlichtweg außer Frage.
Ich rief ins Treppenhaus hinaus den Nachbarn, damit er mir hilft.
Eine Hand wählte den Notruf, mit der anderen war ich schon im Nacken meines Mannes.
Ich bat den Nachbarn zu pumpen, Herzdruck und so, während ich meinen Mann beatmete.
Ich sah, dass der Nachbar überfordert war und mehr tätschelte denn pumpte. Es war wie ein Streicheln und man sah nicht, dass sich der Brustkorb meines Mannes bewegte. Ich wusste, dass das anders auszusehen hat. Ich schubste ihn zur Seite und übernahm auch das.
Der Nachbar blieb aber stand nur bewegungsunfähig da.

Beim Beatmen schmeckte ich, wie es meinem Mann sauer hochkam.
Also drehte ich ihn auf die Seite, damit raus kann, was da hochkam. Dann den Mund ausräumen und zurück auf den Rücken drehen. Weitermachen. Den Kopf mit bedacht noch weiter in den Nacken legen. „Das war zu wenig“, dachte ich mir. Die Luft musste im Magen gelandet sein.
Ich mahnte mich dazu, mich zu konzentrieren. Die Luft musste in die Lunge.
Trotzdem ich ihm seinen Kopf, so weit es irgend ging in den Nacken legte, kam es ihm wieder hoch. Wieder drehte ich ihn auf die Seite, räumte seinen Mund aus, drehte ihn wieder zurück und weitermachen. Die Zeit schlicht vor sich hin. Ich schaute jede Minute auf die Uhr. Ich wusste nicht, was mein Mann hatte. Schlaganfall? Herzinfarkt? Sonst was? Ich wusste nur, dass jede Minute zählt und genau das hatte ich in dem Moment im Kopf. Die Zeit, die gegen einen spielt. Gegen meinen Mann.
Der Nachbar war zwischenzeitlich gegangen und hatte seine Frau geschickt. Eine ausgebildete Altenpflegerin, die doch mehr Erfahrung haben müsste als ich. Aber auch sie stand nur wie paralysiert in der Tür. Während ich weiter damit beschäftigt war, meinen Mann zu beatmen, sein Herz zu massieren und ihm sein Erbrochenes aus dem Mund zu räumen.
20 Minuten brauchte es, bis ich das erlösende Horn des Rettungswagens hörte.
Die Jungs übernahmen dann und nach weiteren 20 Minuten hatte man meinen Mann dann wieder.
20 Minuten, die ich ebenso wenig erleben wollte, wie die 20 Minuten zuvor. Das Bild zu vergessen, wie sie meinen Mann, wieder und wieder, defibrillierten, fällt schwer.
Eine Frage hat sich eingebrannt, weil sie mir unsinnig erschien. Einer der Jungs fragte, ob es okay wäre, wenn sie meinem Mann den Pulli vom Leib schneiden.
Was hatte ich die ganze Zeit getan, dass eine solche Frage von Relevanz war?
Das mag sich doof anhören, aber das blieb hängen. Die Frage des Sanis und meine Gedanken dazu.

Später im Klinikum hatte ich den Ärzten genau zu erzählen, wie diese Laienreanimation ablief. Man sagte mir, ich habe alles richtig gemacht. Ich fragte den Arzt in der Klinik, wie es sein kann, dass ich überhaupt in der Art reagieren konnte, denn schließlich war mein Erste-Hilfe-Kurs schon fast zwei Jahrzehnte her. Sprich: Ich war über mich und meine Reaktion selbst erschrocken. Erschrocken. Überrascht trifft es nicht.
Es lief alles ab, wie einprogrammiert und ich kam mir währenddessen vor, wie eine Maschine. Auch auf emotionaler Ebene. Klar hatte ich Schiss ohne Ende. Aber ansonsten war irgendwie alles ausgeschaltet. Nur Beatmen, Herzdruckmassage, das Mundausräumen und der Blick zur Uhr. Dazu diese Angst, die wohl in solchen Moment einfach da sein muss, weil nur durch sie das zum Reagieren nötige Adrenalin freigesetzt wird.
Mehr war da nicht. Ich fühlte mich wirklich nur wie eine Maschine, die einem vorgegebenen Arbeitsablauf folgt.
Es war wie im Fernsehen. Nur ist man selbst der Schauspieler. Man überlegt nicht. Man macht einfach, weil man machen muss. Weil irgendwer mal dieses mistige Drehbuch, in dem man – ich – dann steckte, eben so schrieb.
Das, so sagte der Arzt, sei ein Automatismus. Man lernt es irgendwann mal, und auch, wenn man das Erlernte nie anwenden musste, so sieht man es doch immer wieder im TV. Das setzt sich irgendwo fest, und das, so sagte er weiter, sei ein unbewusster Prozess, und man macht instinktiv lieber irgendwas, das in dem Moment richtig scheint, als gar nichts. Aus der Retrospektive betrachtet denke ich, dass es genau das auch war. Eine andere Erklärung gibt es dafür nicht. Das Wissen, wie es gehen muss, ist da und der Rest passiert vom Unterbewusstsein gesteuert. Merkwürdigerweise.

Ich habe mir anfänglich – ob des schlechten Zustands meines Mannes ( künstliches Koma, aus dem er nicht erwachte, ergo Koma, dann Wachkoma, dann kam er nach langer Zeit langsam wieder ) – viele, viele Vorwürfe gemacht, nie einen Auffrischungskurs gemacht zu haben, denn mit einem hätte ich sicher besser helfen können. Heute denke ich, ich habe es trotzdem richtig gemacht. Wie der Doc damals sagte, lieber irgendwas machen, als gar nichts. Mit „Glück“ macht man das Richtige.
Mein Mann überlebte, wenn auch eher so lala. Er erlitt damals einen schweren Vorderwandinfarkt. Danach war er fünf Jahre lang schwerst pflegebedürftig ( multiple mikroskopische Hirnschädigungen ) und bekam die Pflegestufe III plus Härtefallregelung zugesprochen.
Er verstarb vor zwei Jahren an einem zweiten Infarkt während eines sogenannten Liegendtransportes in einem KTW. Also hab ich kein wirkliches Happy-End parat

Ich weiß, dass gerade ich – oder generell Menschen, die Ähnliches erlebt haben – sich für eine Auffrischung anmelden sollten. Denn Restzweifel bleiben darüber, ob man es nicht hätte besser machen können.
Das habe ich bisher nicht getan, weil die 20 Minuten, die ich meinen Mann reanimierte, so ziemlich die Schlimmsten in meinem Leben waren und mich allein der Gedanke an einen Kurs unschön triggert.
Meine Bewunderung aber gehört den Menschen, die dies beruflich machen müssen. Immer wieder. Mich hat dieses eine Mal schon arg gebeutelt und was bleib ist das Herzrasen bei jeder Sirene.
Nichtsdestotrotz würde ich immer wieder lieber „irgendwie“ reagieren, als gar nicht. Denn in solchen Momenten geht es nicht um „uns“ … um mich … sondern um jemanden, der ohne Hilfe vielleicht stirbt. Etwas, an dem mein Gewissen sicher noch weit schwerer zu tragen hätte …

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7 Kommentare leave one →
  1. 16. Juli 2013 10:41

    Horror … das wünscht man wirklich niemandem. Aber absoluten Respekt vor deiner Leistung! Fühl dich mal digital gedrückt.
    Aber was ich mich frage, warum hat es ganze 20 Minuten gedauert bis die Rettungskräfte vor Ort waren?
    Ist ja verdammt lange!
    Liebe Grüße

    • Elli permalink
      16. Juli 2013 11:07

      Ich kenne die Zeiten nicht, wann ein Rettungswagen theoretisch da sein sollte, aber wenn ich überlege, wie viele Krankenhäuser auf dem Lande geschlossen werden, erscheinen mir 20 Minuten schon fast schnell… Ohne Blaulicht braucht man von uns aus deutlich deutlich länger, bis man ein Krankenhaus erreicht hat…

  2. 16. Juli 2013 22:29

    Als mein Mann mal den Notarzt rufen musste für mich, dauerte es knappe 8 Minuten bis die Sanitäter da waren und noch mal 7 Minuten, bis die Notärztin kam. Mit Blaulicht.

  3. 17. Juli 2013 13:36

    Mann! Ich hab Gänsehaut und bin sprachlos – was bei mir echt selten der Fall ist! Du musst Dir keine Vorwürfe machen – Du hast super reagiert. Ich wüsste nicht, ob ich das so könnte wie Du… Liebe Grüße, H.

  4. 17. Juli 2013 16:39

    Auch bei mir als professionelle Helferin kam Gänsehaut auf. Ich finde es macht einen großen Unterschied, ob man der Person nahesteht, die man gerade reanimiert. Beruflich kann ich solche Situationen gut verarbeiten, privat wäre dies vielleicht wesentlich schwerer.
    Du hast als Ehefreu echt super reagiert. Auch wenn dein Erste-Hilfe-Kurs lange her ist, so hast du doch alles richtig gemacht.
    Übrings kann es schon einmal 20 Minuten dauern bis ein Rettungswagen kommt. Es ist eben nicht immer der nächstgelegene RTW frei.

  5. 18. Juli 2013 11:29

    Ich habe auch Gänsehaut und möchte Dir mal eine virtuelle Umarmung senden – ich kann mir gut vorstellen, dass man sich hinterher überlegt, was man hätte besser/anders machen können, auch wenn man weiss, dass man alles getan hat, was man konnte.

    Und ich habe in Grünwald bei München auch schon mal 20 Minuten auf den RTW warten müssen, als eine Frau in einem VHS Kurs kollabiert ist…

  6. 22. Juli 2013 13:53

    Ein verspätetes Danke aus dem Urlaub für die lieben Kommentare und virtuellen Umarmungen 😉
    Zwanzig Minuten scheinen nicht selten zu sein und wir damals keine Ausnahme. Ob es einen Unterschied macht, ob man einen Fremden oder einen Angehörigen reanimiert, mag ich nicht beurteilen. Vielleicht schreit man einen Fremden während des Pumpens nicht unbedingt an, in der Art von: „Trau dich nicht abzuhauen.“ oder Ähnlichem. Aber generell weiß ich das nicht. Bei dem, was einem da an Adrenalin durch den Körper rauscht … Man macht einfach. Das böse Gefühl kommt immer erst hinterher und hier ist es wohl so, dass es bei einem Angehörigen eine Ecke anders ist 😦 Da fällt man sicher tiefer.
    Und nun verschwinde ich wieder im Urlaub … Danke und bye.

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