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Erste Hilfe Geschichten Teil 18…

21. Juli 2013

Wie man auch ohne einen Verbandkasten Erste Hilfe leisten kann, das hat Karina erlebt.

 

Es war im September letzten Jahres. Es war Donnerstag Nachmittag und ich saß auf der Arbeit. Mir gegenüber saß unsere Azubine. Da kam dieser nette Opi (80+) rein und brachte mir Unterlagen, die ich benötigte. Ich nahm sie entgegen, redete kurz mit ihm und wünschte ihm noch einen schönen Tag, da schon der nächste Kunde in der Tür stand.
Mit demjenigen musste ich dann ins Büro nebenan (Kollege war nicht da) und zeigte ihm die Unterlagen, die er sehen wollte. Von dem Schreibtisch aus hatte ich dann auch Blick auf meine Azubine, welche urplötzlich total erschrocken aussah und kreidebleich war. Sie sah mich nur an und sagte hilflos “Karina?!”
Ich ließ den Kunden alleine bei den Unterlagen und fragte sie, was denn los sei. “Der nette Herr, der gerade da war, stand eben wieder in der Tür, sein Gesicht blutüberströmt. Er ist eben wieder weggelaufen.”
Ein Blick Richtung offen stehender Tür bestätigte es; blutverschmierter Türgriff, Unmengen Blut auf dem Fußboden … Ohne groß zu überlegen, bin ich ihm hinterher gelaufen und sah das Übel – eine riesige Platzwunde an der Stirn.
Den armen Mann hat es die 2 Stufen zwischen unserem Bereich und dem allgemeinen Treppenhaus hingelegt und er war dann ziemlich orientierungslos, zumal er aufgrund des vielen Blutes selber nicht viel sah.
Ich sprach ihn an “Herr E., bleiben Sie mal bitte stehen. Ich hole Ihnen einen Stuhl, da setzen Sie sich hin und dann komme ich gleich wieder zurück, ja?” Gesagt, getan.
Die Azubine wies ich an, den noch im Büro stehenden Kunden in den Aufzug zu verfrachten, statt die Treppen zu nutzen. Außerdem sollte sie bitte das Blut vom Boden wegwischen. Ich schnappte mir Unmengen Zewa und bin wieder zu Herrn E. gelaufen, der zwischenzeitlich schimpfte wie ein Rohrspatz (“Sowas Blödes, jetzt mache ich Ihnen auch noch Umstände, das wollte ich nicht. Wie blöd man sich im hohen Alter doch anstellt” usw usw.). Dann habe ich ihn erst einmal grob versorgt, indem ich viel Zewa nahm, es übereinanderfaltete und ihm auf die Platzwunde drückte. Nebenbei unterhielt ich mich mit ihm, damit er nicht bewusstlos wird.
Zwischenzeitlich tauchte die Azubine auf sowie ein weiterer Kollege. Diese suchten dann verzweifelt im ganzen Haus nach einem Verbandskasten (der nicht auffindbar war). Sie kamen wieder zurück und redeten mit Herrn E. und blieben bei ihm, während ich den Notarzt rief und auch seine Schwägerin informierte, dass sie doch bitte vorbeikommen soll.
Bis der Rettungswagen kam (Notarzt war nicht nötig), blieben wir weiterhin bei Herrn E., wechselten regelmäßig das Zewa aus, unterhielten uns mit ihm, machten Späße und wiegelten den Kundenverkehr ab, da wir dafür wirklich keine Zeit hatten.
Die Rettungssanitäter kamen ca. 10 Minuten später an (die Azubine musste sich an die Straße stellen und Ausschau halten) und versorgten Herrn E.. Sie lobten uns, dass wir (grundsätzlich) alles richtig gemacht haben und nahmen ihn im Krankenwagen mit zum Nähen.
Und wir kümmerten uns noch um die Türklinken, Blutspritzer, den Fußboden sowie unsere Hände, die wir nachträglich desinfizierten. Abends durfte dann die Reinigungsdame nochmal mit schärferen Mitteln über die Stellen gehen, die mit Blut in Berührung gekommen waren.

Ein paar Wochen später kam Herr E. wieder zu mir, weil er eine Frage hatte. Die Fäden waren schon gezogen worden und die Narbe gut verheilt. Ihm ging es auch gut und wir machten unsere Späße über das vor einigen Wochen passierte. Gut, wenn man danach drüber lachen kann :o)

***

Das war nun meine Geschichte. Klar, wir hätten Handschuhe anziehen sollen, als wir Herrn E. “verarztet” haben (hatten aber keine da). Eine Mullbinde oder ähnliches wäre sicherlich auch besser gewesen als Zewa, aber woher nehmen und nicht stehlen (mittlerweile hängt ein Erste-Hilfe-Koffer gut zugängling im Kopierzimmer)?
Im Nachhinein erscheint mir das Passierte so unwirklich, aber dennoch kann ich wohl eines sein: stolz auf mich. Ohne es wirklich zu wissen, habe ich intuitiv das Richtige getan.

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5 Kommentare leave one →
  1. 21. Juli 2013 09:31

    Guter Beitrag!
    Ich ärgere mich gelegentlich, wenn auf Bürotoiletten nur dieses graue oder grüne sehr feste Papier zu finden ist, da ich Teetrinkerin bin, aber auch gern verschnupft. Eigentlich kann man nicht zuviele Papiertaschentücher und/oder Küchenrollen im Haus haben.

  2. 21. Juli 2013 13:04

    Ist doch gur gelaufen: Klaren Kopf behalten und mit den vorhandenen Mitteln gemacht, was ging. Dass die Kollegen auch so gut mitgemacht haben, finde ich auch klasse.

  3. Patricia permalink
    21. Juli 2013 23:01

    Erinnert mich an den einen Erste-Hilfe-Ausbilder den ich hatte. Der meinte „Sie können mit allem arbeiten was Sie haben. Im Idealfall ist es natürlich alles aus dem Verbandskasten und keimfrei. Aber selbst wenn nicht ist es besser als nichts. Und selbst wenn Sie jemanden mit Ihrem verschwitzten Jogging-Tshirt vorm Verbluten retten, so ist das für die Person weniger gefährlich als zu verbluten.“
    Von daher gut gehandelt, schnell improvisiert und das „Problem“ gelöst. Und gleich für die Zukunft gelernt, ist doch gut wenn jetzt ein Verbandskasten vorhanden ist.
    Wobei ich mich auch immer frage, warum viele Betriebe / Gebäude nur die „Schränke“ haben, aber keine Kästen die man abnehmen kann. Da hätte man alles dabei, während man aus den Schränken nur gezielt rausnehmen kann.

  4. 22. Juli 2013 14:49

    Die Geschichten-Serie zeigt mir, jeder kann immer in so eine Situation kommen. Da sind so einfache Basismaßnahmen wichtig. Meinen Freunden, die nun nicht viel mit Medizin zu tun haben, empfehle ich deswegen auch, alle paar Jahre einen 16h Kurs zu machen. Bei einem guten Dozenten macht das auch viel Spass. Ihr habt gut reagiert, und als Team im laufenden Geschäftsbetrieb richtig gehandelt. Das finde ich klasse.

  5. 26. Dezember 2014 21:55

    Und was ich schon hin und wieder erlebt habe: Selbst wenn es Verbandskästen gibt, werden sie nicht verwendet. „Die darf man ja nur im absoluten Notfall verwenden.“ Stattdessen werden dann andere Leute gefragt ob sie Verbandsmaterial haben… Was soll denn dann ein legitimer Grund sein, wenn nicht eine Kopfplatzwunde? Und selbst wenn es nur ein Pflaster ist, was benötigt wird: Die Kästen verrotten und nach 10 Jahren fällt irgendwem auf, dass sie seit 5 Jahren abgelaufen sind.

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