Skip to content

Erste Hilfe Geschichten Teil 19…

8. September 2013

Eine weitere Geschichte von Mamamachmal

Schon längere Zeit machte ich mir Sorgen um einen sehr guten Freund.
Nachdem das Leben einige Tritte in den Hintern für ihn bereit gehalten hatte, verkroch er sich immer mehr in seinen Sorgen und der digitalen Welt.
Er lebte fast nur noch zwischen Job , Onlinegames und den sogenannten sozialen Netzwerken.

Am frühen Nachmittag, loggte ich mich bei Facebook ein.
Bei den neuen Benachrichtigungen fand ich:
Chris hat einen neuen Pinnwandeintrag geschrieben:
„Da ich in meinem jetzigen Leben so keinen Sinn mehr sehe, werde ich dieses nun beenden….. „

Sofort klickte ich natürlich auf sein Profil um den kompletten Eintrag zu lesen. Dort bekam ich aber nur die Systemmeldung, das dieser Eintrag nicht mehr verfügbar wäre.Und einen weiteren, vor wenigen Minuten erstellen Pinnwandeintrag mit nur zwei Worten:
FILE CLOSED

Unverzüglich griff ich zum Telefon und wählte seine Nummer. …. tuuut…. tuuut …. keiner ging ran.Also die Handynummer, mit gleichem Ergebnis.
So langsam begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Schnappte mir mein Handy und die Autoschlüssel und fuhr so schnell es ging zu seiner ca. 15 Km entfernten Wohnung in einem Mehrfamilienhaus.
Auch auf die Türklingel kam keine Reaktion.
Ich klingelte bei der Nachbarin.
So stand ich im Hausflur vor seiner Tür und hörte von innen den Fernseher laufen.
Er war also definitiv zuhause! Er verlässt niemals die Wohnung ohne alles auszuschalten! Das ist eine bekannte Marotte von ihm.

Nochmal klingel ich an der Tür und höre die Klingel laut und deutlich durch die dünne Haustür.Ich lasse das Handy und das Festnetztelefon klingeln. Er lässt sein Handy niemals zu Haus wenn er raus geht! Auch die Telefone höre ich deutlich durch die Tür! Verdammt warum reagiert er nicht?
Ich klopfe lautstark an die Tür und brülle: „Chris verdammt mach die Tür auf oder ich trete sie ein!“Natürlich würde ich die Tür nicht eintreten, hoffe aber doch auf eine Reaktion.

Es machte sich echte Panik in mir breit. Was ist wenn er sich wirklich was angetan hat? Was wenn er da drin in seinem Blut liegt? Was wenn er eine Überdosis Medikamente genommen hat? Was wenn er sich erhängt hat? Die schlimmsten Horrorvorstellungen spielen sich in meinem Kopf ab, während ich immer wieder gegen die Tür schlage.

Nun kommt auch die ältere Nachbarin die mich eingelassen hat vor die Tür und fragt verwirrt was denn los ist. Zeitgleich öffnet sich auch die andere Tür der Etage und ein weiteres paar Augen (Das einer Frau Mitte 30) schaut mich verwirrt an.
Kurz umreiße ich die Situation. „Rufen sie die Polizei!“ rät mir die Frau.
„Aber, was ist wenn er gar nicht da ist? Oder wenn er wirklich einfach nicht aufmachen will?“ Frage ich. „Ich kann doch nicht einfach die Polizei rufen und die Tür aufbrechen lassen?“
„Oh doch, genau das können, dürfen und müssen sie, wenn sie wirklich Bedenken haben das er sich was angetan haben könnte“ wird mir erwidert. „Ich bin zufällig Polizistin!“
Ich hämmere nochmal gegen die Tür und rufe das ich nun die Polizei rufe um die Tür aufbrechen zu lassen und wähle dann den Notruf.

Es dauerte kaum mehr als 5 Minuten als mehrere Fahrzeuge mit Blaulicht um die Ecke biegen. Ein Großaufgebot! Zwei Mann von der Feuerwehr zum Tür öffnen, ein Notarzt mit Begleitung, zwei Mann Rettungswagenbesatzung, sowie zwei Beamte der Polizei.
Im Laufschritt geht’s die Treppen hinauf bis zur Wohnungstür. Dort lassen sich die Polizisten nochmal alles genau erklären während die Männer von der Feuerwehr sich an der Tür zu schaffen machen.
KNACK.. das Schloss ist auf und die Rettungskräfte eilen in die kleine Wohnung. Der Polizist will mich zurückhalten doch ich reiße mich los und stürze mit in die Wohnung.

Ich sehe Chris auf seinem Sofa liegen. Einer vom Rettungsdienst klappt auf dem Wohnzimmertisch schon den Defibrillator auf, während der Andere Chris an den Schultern fasst und ihn anspricht.
Chris schreckt hoch, reißt sich die Ohrstöpsel raus und schaut sich kurz verwirrt um, starrt die Meute von Leuten an die in seinem vielleicht 12qm kleinen Wohnzimmer stehen, bevor er anfängt los zu brüllen:
„Was wollt ihr in meiner Wohnung? Raus hier? Was soll das?“
„Bleiben sie ganz ruhig wir wollen ihnen nur helfen“ Sagt der Polizist beschwichtigend, Doch Chris brüllt weiter: „Wie kommt ihr hier rein? Was soll das alles?…“

Ich drängle mich von hinten durch und lasse all meinen Frust und meine Sorgen in einem riesigen Wutanfall raus. Ich beschimpfe ihn mit Worten die ich hier nicht wiederholen möchte und schreie ihm entgegen das ich dachte ich würde ihn nur noch Tot wiedersehen!Dann breche ich schluchzend und weinend zusammen. Die Angst um ihn war einfach zu viel die ich ertragen musste.
Chris ist nun völlig verwirrt und der Polizist erklärt ihm die Situation.
Dann nimmt mich Chris in den Arm und tröstet mich.
„Ich wollte mich doch nicht umbringen! Ich wollte mich nicht mehr so sehr in die digitale Welt flüchten! Meinen Facebook Account löschen und wieder mehr am Leben teilhaben!
Ich hatte einen sehr langen Arbeitstag heute, hab schon letzte Nacht kaum geschlafen und habe mir extra meinen Arbeits-Gehörschutz genommen damit ich wirklich meine Ruhe habe zum Schlafen“

Die Rettungswagenbesatzung sowie der Notarzt packen schon mal ihre Sachen und ziehen ab.Der Polizist blieb noch ein paar Minuten um mit uns zu sprechen. Er bestätigte die Aussage seiner Kollegin das es richtig war den Notruf abzusetzen und meinte Chris kann froh sein das er solche Freunde hat. Viel zu oft würden sie Wohnungen öffnen von Menschen die nicht vermisst wurden und man nur die Polizei benachrichtigt hat, weil die Nachbarn eine starke Geruchsbelästigung gemeldet haben.
Chris bekam direkt noch ein neues Türschloss eingebaut und den Einsatz mussten weder er noch ich bezahlen. Und Chris war mir sogar dankbar das ich mir solche Sorgen um ihn mache und alles versuchen würde um ihm zu helfen.
Hier musste zwar keine erste Hilfe geleistet werden. Und doch hat es mir klar gemacht das nur nichts tun falsch ist! Besser einmal zu viel den Notruf absetzen, als einmal zu wenig.

Und was den nicht mehr anzeigbaren Pinnwandeintrag betraf, er war noch da. Facebook hatte mal wieder einen Bug, weshalb es mir nicht angezeigt wurde.
Dort stand auch klar und deutlich nach dem schockierenden ersten Satz:
„Ich werde mein Facebook-Profil löschen und auch meine Onlinegames drastisch reduzieren. Ich darf mich nicht im WWW verstecken und muss mehr in die reale Welt.“

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. 8. September 2013 19:24

    Ich bin vollkommen einer Meinung mit dem erwähnten Polizisten: Chris kann froh sein, solche Freunde zu haben!

  2. zauberlehrling3 permalink
    8. September 2013 20:43

    Oh man!! Ich möchte nicht in deiner Haut stecken und sowas jemals erleben müssen!! Krass! Einfach nur krass! Ein anderes Wort fällt mir da nicht ein. Aber gut zu wissen, dass die Polizei nicht böse, genervt o.ä., sondern sogar fast dankbar reagiert hat. Toll! Und beruhigend!
    Aber echt. Ich glaub, ich wäre auch zusammen geklappt! Mensch, was man alles mitmachen muss!! Na Hauptsache es geht allen gut! Und schön, dass dein Kumpel jetzt wieder mehr am wirklichen / realen Leben teilnehmen will! Schön! 😃 Ein Glück gab’s ein happy End – was anderes hätte ich heute Abend nicht verkraftet… 😞

  3. 8. Oktober 2013 13:53

    Ich habe den Artikel schon vor drei Wochen gelesen, aber er lässt mich nicht mehr los. Ich war in der Oberstufe sehr lange sehr gut mit einem jungen Mann befreundet, der regelmässig gekifft hat, seinen besten Freund durch eine Überdosis verloren hat und auch sonst nicht der stabilste war. Er hat immer mal wieder gesagt, dass er sein Leben beenden will und ich habe mir viele Nächte mit ihm um die Ohren geschlagen, um genau das zu verhindern. Meistens hat er sich irgendwann beruhigt, aber einmal hat er uns in der Disko eröffnet, dass dies seine letzte Nacht sein wird, hat sich bei mir für alles bedankt, dass ich immer für ihn da war und wollte gehen. Ich bin im hinterher und dann standen wir zu sechst auf dem Parkplatz der Disko und haben auf ihn eingeredet. Einer von uns hat die Polizei gerufen, weil wir RICHTIG Angst hatten, aber die hat damals nur gesagt, dass wir ihn in die Klinik bringen müssen und dass er sich da freiwillig einweisen muss. Gekommen ist keiner… Einer meiner Freunde, der die Eltern sehr gut kannte, hat ihn dann heimgefahren und die Eltern geweckt und auch heute, immerhin 15 Jahre später, kommen die Emotionen dieser Nacht wieder hoch und ich heule. Es ist alles gut gegangen, aber so leer wie am nächsten Tag habe ich mich noch nie gefühlt und eigentlich kann ich bis heute nicht verstehen, dass die Polizei nicht kam bzw. keinen Krankenwagen geschickt hat, aber vielleicht stelle ich mir das auch zu einfach vor… .

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: