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Auf den Gleisen…

7. Oktober 2013

Meiner Notärztin, die gerade in das Auto steigt, sieht man die Nervosität deutlich an. „Was machen wir denn jetzt!?,“ fragt sie in meine Richtung, während ich unser NEF drehe und das Horn wieder einschalte.

Keine 30 Minuten vorher sitze ich noch auf der Wache. Die Nacht war ruhig, kein einziger Einsatz bisher, und nur noch wenige Minuten bis die Kollegen der Tagschicht kommen und uns ablösen. Da klingelt der Melder und man sieht uns allen an, dass wir „wieso gerade jetzt, wieso kurz vor Feierabend!?“ denken.

Als ich auf den Melder schaue, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Warum muss sich dieses Spiel denn aufs Neue wiederholen!? Reicht nicht das, was ich vor 3 Wochen erst erlebt habe? Ich schlucke kurz und schalte einfach meinen Kopf aus. Meine Kollegin Nadine schaut mich an: „Alles klar bei dir, Paul?“. „Ja“, antworte ich knapp und beeile mich, zu meinem Notarztfahrzeug zu kommen. Zum Glück werden wir nicht als Erste dort eintreffen, denke ich noch.

Während ich auf dem Weg unseren Doc abhole, frage ich mich, wen wir denn heute dabei haben werden. Und da steht sie schon an der Straße, Christin, etwas jünger als ich und angehende Gynäkologin. Das kann ja heiter werden, denke ich, als sie die Tür aufmacht.

„Weißt du denn mehr, Paul?“, will Christin, meine Notärztin, wissen und zieht nervös das zweite Paar Einmalhandschuhe über ihre Hände. „Christin“, sage ich, „atme 2 Mal tief durch, ich bin bei dir, und nein, ich weiß nicht mehr als das, was auf unserem Ipad steht.“

Christin zieht immer noch nervös an ihren Handschuhen. Eine super nervöse Notärztin und ich, der am liebsten sofort wieder umdrehen würde, wenn er denn könnte. Aber, so denke ich, während ich durch den frühmorgendlichen Verkehr fahre, ich muss mich einfach locker machen, hilft ja alles nichts.

Sie schaut mich immer noch fragend an und so übernehme ich in den 15 Minuten Anfahrt zu unserer Einsatzstelle den Part, ihr noch mal in aller Kürze das Vorgehen eines solchen Einsatzes zu erklären. Langsam wird sie ruhiger und ich versichere ihr, dass sie uns jederzeit fragen kann, wenn ihr etwas unklar ist oder sie unsere Hilfe braucht.

Von weitem sehe ich schon die Blaulichter und bremse langsam runter. Da steht ein Zug auf freier Strecke, die aufgehende Sonne taucht die Einsatzstelle in ein tiefes Orange. Auch die Polizei und die Feuerwehr sind schon vor Ort. Ich stelle unser Auto ab, reiche Christin ihren Helm und schultere unser Material. Meine Kollegen liegen neben dem Zug und schauen unter die Lok. Ein zweites Mal läuft mir eine Gänsehaut den Rücken herunter, aber ich blende wieder alles aus und konzentriere mich auf meine Arbeit.

Wir nähern uns weiter und sehen eine Hand unter der Lok hervorschaun. Kein schöner Anblick am frühen Morgen. Als uns Nadine sieht, schüttelt sie mit dem Kopf und ich atme ein bisschen durch, denn hier wird unsere Hilfe nicht mehr gebraucht. Auch Christin fällt ein Stein vom Herzen, das sieht man ihr an. Sie geht weiter zu unserem Team und ich halte Ausschau nach dem Lokführer, denn um den müssen wir uns auch kümmern. Ihn finde ich im letzten Wagon und setze mich zu ihm.

Er wirkt gefasst und erzählt kurz, dass er aus einem Tunnel kam, genau in diesen Sonnenaufgang fuhr und keine Chance hatte, diesen Unfall zu vermeiden. Ich frage ihn, ob er irgendwelche Hilfe benötige, aber er möchte einfach nur seine Ruhe und keine 2 Minuten später ist auch schon ein spezielles Team der schweizer Bahn vor Ort, die sich um ihn kümmern.

Ich laufe wieder zur Lok und frage unser Team von der Ambulanz, ob alles okay ist. Beide nicken und ich schaue nur kurz unter die Lok, aber man sieht nur eine dunkle, verdrehte Gestalt und die Hand, die immer noch darunter hervorschaut. Mehr muss ich nicht sehen, nehme unser Material und bringe es zurück zu unserem Fahrzeug.

Nun müssen wir noch auf die Kriminalpolizei und den Bestatter warten. Auch sollen wir noch vor Ort bleiben, bis die Leiche geborgen ist. Eigentlich denkt man, die Lok würde irgendwie angehoben werden, um den Toten zu bergen, aber hier hat man für solchen Schnickschnack keine Lust oder Zeit. Als wir hören, dass man einfach mit dem Zug ein bisschen zurück fahren möchte, drehen wir uns alle auf dem Absatz herum und verschwinden.

Jan war gerade einmal 16 Jahre alt und kam von einer Feier. Warum er auf den Gleisen lief, wissen wir bis heute nicht.

 

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14 Kommentare leave one →
  1. Christina permalink
    7. Oktober 2013 20:09

    harter Tobak… und leider die Schattenseite des tollen Berufes

  2. 7. Oktober 2013 20:50

    Danke auch für diese Sicht.

  3. 7. Oktober 2013 21:26

    es ist echt gruselig . doch leider lernen viele Jugendliche nicht daraus.Ob die Familie sich von diesem Verlust je erholen wird? Aber das Leben geht weiter und weiter ….

  4. 7. Oktober 2013 21:52

    Danke für diesen Beitrag.
    Sowas erinnert mich immer daran, warum ich niemals vor einen Zug springen will. Vielleicht sollte ich mir das ausdrucken und durchlesen, wenn ich mal wieder kurz davor bin…
    Ihr tut mir echt leid, wenn ihr sowas sehen müsst.

  5. 8. Oktober 2013 09:13

    Scheiße!

  6. 8. Oktober 2013 11:05

    In unserem Einsatzgebiet fahren die Züge bei der Kollision meist immer noch sowas um die 200km/h (Hochgeschwindigkeitstrasse). Was folgt ist ein ziemliches Gemetzel, wo meist nichts oder nicht viel Erkennbares übrig bleibt. Klingt furchtbar, macht es uns aber wesentlich leichter, die nötige emotionale Distanz zu waren.

  7. Jemand permalink
    9. Oktober 2013 10:31

    Mein Vater stellte sich freiwillig auf die Gleise. Eine meiner ersten Reaktionen war Wut darüber, was er den Menschen wie Euch und dem Lokführer damit angetan hat. Vorstellen konnte ich mir deren Seite nie so richtig. Ich habe mich aber auch nicht getraut zu versuchen, diese Menschen zu kontaktieren. Daher vielen Dank für diesen Einblickl

  8. 11. Oktober 2013 22:51

    Das ist schwer zu verdauen, könnte ich mir vorstellen.
    Danke für diese Sicht auf die Dinge; meist erfährt man ja nur von der anderen Seite in der Berichterstattung.

  9. hajo permalink
    21. Oktober 2013 19:43

    puh, Paul, jetzt versteh ich Deine Gefühle bei der Anfahrt.
    Es gibt dabei m.E. im Wesentlichen zwei Personengruppen, die solche Unfälle verursachen:
    Selbstmörder aus freien Stücken
    Selbstmörder aus Dummheit
    aber in jedem Fall Selbstmörder
    … und gleichzeitig Verbrecher dahingehend, dass diese Personen keine Gedanken darauf verschwenden, dass sie (Berufs-)Leben zerstören.
    Ich habe ehemalige Zugführer kennengelernt, die danach umschulen mussten und die noch Jahre „danach“ von diesem Vorfall alb-träumen.
    Verflucht, wenn ich das hier lese und wenn ich z.B. Berichte von Bestatter-Tom gelesen habe, bin ich froh, dass ich mich nur mit so profanem wie Technik beschäftige.

    • Der eine permalink
      3. April 2017 07:01

      “ und gleichzeitig Verbrecher dahingehend, dass diese Personen keine Gedanken darauf verschwenden, dass sie (Berufs-)Leben zerstören.“

      Wenn man erstmal so weit ist denkt man auch nicht mehr an andere.

      Wie sieht es aber mit Mobbern aus? Mit Menschen die sowieso schon labilen Leuten Hoffnungen machen, was vorspielen, um sie richtig verletzen zu können?
      Sind doch genauso Verbrecher weil sie auch Leben zerstören und das noch mit Absicht.

      Meistens sogar doppelt, weil die deren Leben zerstört wurde dann auf den Gleisen stehen…. Verantwortlich sind aber nicht die die keinen anderen Ausweg mehr sehen, sondern die die sie soweit gebracht haben.

      Nur davon liest man nie etwas weil Mobbing, Psychisches und Physisches fertigmachen ja offensichtlich völlig OK ist und die Opfer selbst Schuld sind.

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