Skip to content

Messer, Gabel, Schere, Licht…

12. Juni 2014

Es ist ein wunderschöner Sommertag, ich sitze mit meinem Kollegen vor der Wache und wir genießen das Wetter. Ringsherum sind an diesem Abend einige Feste und wir witzeln, auf welches wir heute Nacht als erstes fahren werden, um einen Betrunkenen einzusammeln.

Die Zeit vergeht und die Polizei fährt mehrfach mit Signal an unserer Wache vorbei, doch unser Melder bleibt stumm. So verlaufen die nächsten Stunden. Nur ein Notfall hat den Abend bisher unterbrochen. Kurz vor 12 verziehen wir uns ins Bett. Diese trügerische Ruhe, da sind wir uns sicher, wird uns noch zum Verhängnis werden.

Wir sind gerade weggedämmert, als uns unsere Melder aus dem Bett schmeißen. Stromunfall in Baumbach steht auf dem Melder, mein Kollege schaut irritiert, denn der Ort gehört schon gar nicht mehr zu unserem Einsatzgebiet. Ein Stromunfall um diese Uhrzeit, ich mag mir in diesem Moment nicht wirklich vorstellen, wie es dazu gekommen ist. Keine 20 Sekunden später haben wir die Meldung, dass wir als zweites Rettungsmittel zum Bahnhof in Baumbach unterwegs sind und sich dort 2 Verletzte befinden, die wohl gegen die Oberleitung der Bundesbahn gekommen sind. Plötzlich steigt mir unwillkürlich der Gestank vom verbrannten Fleisch in die Nase.

Es ist ziemlich still auf der Anfahrt, jeder von uns geht im Kopf noch mal alle Algorithmen durch, die wir wahrscheinlich brauchen werden. Die Straßen sind menschenleer, trotzdem brauchen wir fast 30 Minuten, bis wir den Bahnhof erreichen. Wir folgen den Gleisen und sehen von weitem viel Blaulicht. Meine Hände schwitzen leicht, ich ziehe lieber gleich 2 Paar Handschuhe an, man weiß ja nie, wie unschön das gleich wird.

Nur noch die Polizei ist da, unser Patient liegt am Boden, sonst ist niemand zu sehen. Es riecht nach verbrannten Fleisch. Schnell frage ich, als ich auf unseren Patient zulaufe, wo denn das andere Rettungsmittel ist. Von der Polizei kommt die Info, dass diese schon mit ihrem Patient ins nächste Krankenhaus unterwegs sind. Um mich aufzuregen, bleibt mir keine Zeit, denn Tom braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Sein rechter Arm ist komplett verbrannt und der linke auch, aber nicht so stark. Er hat starke Schmerzen. Mein Kollege stabilisiert seinen Kopf und ich untersuche schnell seinen Körper auf weitere Verletzungen. Am rechten Fuß sieht man, dass der Strom wieder seinen Körper verlassen hat.

Tom erzählt, dass er an dem Kesselwagen hochgeklettert ist und dann nichts mehr weiß. Der Kesselwagen ist gut und gerne 4 – 5 Meter hoch.

kesselwagen_big Es muss jetzt wirklich schnell gehen, denn auch wenn unser Patient mit mir redet, ist alleine der Sturz lebensgefährlich. Er bekommt einen Halskragen an, ich lege einen Zugang und spritze ihm etwas gegen die Schmerzen. Mein Kollege bereitet unsere Trage vor und wir lagern ihn mit einem speziellem Brett darauf um. Die Verbrennungen versorge ich im Rettungswagen und schalte die Heizung auf 30 Grad, denn Menschen mit Verbrennungen kühlen sehr schnell aus.

Durch meinen Kollegen lasse ich mir im nächsten Krankenhaus einen Schockraum anmelden. Wir geben alle Daten durch und starten danach. Keine 15 Minuten später biegen wir in die Notaufnahme ein, das Team des Schockraums steht auch schon bereit. Tom bedankt sich noch bei uns und schon sind wir wieder an unserem Fahrzeug. Später erfahren wir, dass er in den Nacht noch mit dem Hubschrauber in die große Uniklinik verlegt worden ist.

 

Bild http://www.osef.de/waggons/kesselwagen

Advertisements
9 Kommentare leave one →
  1. 13. Juni 2014 16:17

    Eigentlich ist das, was die andere RTW-Besatzung gemacht hat doch ein ganz klarer Fall von unterlassener Hilfeleistung oder? Normalerweise sollte man sich ja nicht auf den erstbesten Verletzten stürzen und den Rest links liegen lassen. Nach der Sichtung wäre ja wohl noch zumindest Zeit gewesen eurem einen Stiffneck, eine Infusion und eine Decke zu verpassen. Bekanntermaßen ist Erste Hilfe ja nicht die große Stärke der Polizei und für sowas fehlt denen ja definitiv die Ausrüstung

  2. Tauchaussie permalink
    13. Juni 2014 22:54

    Ich stelle mir gerade vor, wie es ist da zu liegen, dann kommt endlich Hilfe, aber der Rettungsdienst kümmert sich um jemand anders und fährt wieder weg… Und das Warten fängt von vorne an. Ich glaube, der Begriff vorstellen passt nicht- das kann ich nicht.
    Gut, man weiß natürlich nicht, welche Beweggründe die andere RTW- Besatzung hatte, aber für euren Patienten muss das Warten grausam gewesen sein.

    • 14. Juni 2014 20:47

      Stimmt, wer weiß, wie der andere zugerichtet war. Aber komisch wirkt’s trotzdem. Wenn es bei dem anderen so schlimm war, wäre da doch gleich ein Hubschrauber angesagt gewesen, oder? Jemanden, der ein Fall für den Schockraum ist, sollte man eigentlich nicht so völlig unversorgt liegen lassen. Muss schlimm für Tom gewesen sein.

      • Jan permalink
        15. Juni 2014 13:31

        Sehr komisch. Wenn es tatsächlich so schlimm war, dass man direkt losfahren muss, warum war dann kein NEF da? Wenn es da war, warum wurde dann nicht zumindest das NEF ohne Notarzt dagelassen?
        So war es sicherlich ziemlich schlimm; scheint aber ein tapferer Geselle gewesen zu sein, wenn es sich nachher noch bedankt.

        Hubschrauber mitten in der Nacht ist allerdings auch schwierig. War das nicht so, dass in vielen Regionen Deutschlands die Rettungsflieger nachts nur befestigte Landeplätze anfliegen?

      • 15. Juni 2014 13:50

        Ok, dass es nach Mitternacht war hatte ich übersehen, da geht Hubschrauber wohl in der Regel nicht. Ich glaube, es gibt in Deutschland erst wenige, die nachts überhaupt fliegen dürfen, wie es in der Schweiz aussieht, weiß ich nicht. Aber die Frage nach dem NEF stellt sich schon. Man hätte ja wenigstens der Polizei ein paar Infos zur Weitergabe dalassen können.

      • 15. Juni 2014 13:53

        Ich meine, mehr Info als „Wir sind dann mal weg“…

  3. Rena permalink
    15. Juni 2014 18:49

    Mich schockt es, dass es immer noch Menschen gibt, die das Risiko mit der Hochspannungsleitung eingehen. Sollte m.M.n. inzwischen klar sein, dass das lebensgefährlich ist.

    • bloggergramm permalink
      1. Juli 2014 16:19

      Die meisten Menschen können das ganz und garnicht einschätzen.
      Strom ist eine sehr abstrakte Gefahr.
      Der Strom zu hause ist potentiell auch lebensgefährlich und trotzdem lebst du noch.
      Es ist halt nicht intuitiv erfassbar, das Hochspannung auch größere Distanzen überbrücken kann. Ja, ein Gewitterblitz kann das auch, aber der ist ja _sooooo_ viel gewaltiger. Wird doch jedenfalls immer gesagt.
      Daher, mich wundert das nicht sehr stark…

  4. Der eine permalink
    3. April 2017 06:09

    Auf diese Art ist damals einer meiner Mitschüler mit (ich glaub) 12 ums Leben gekommen. Auf einen Zugwagoon geklettert, das Gleichgewicht verloren und auf der Suche nach Halt die Leitung erwischt. Gab nen lauten Knall und soll auch nach verbranntem Fleisch gerochen haben. Angeblich sah er danach aus wie ne Wurst die zu lang gekocht hat (was ich weniger glaube).

    So wurde es mir damals von demjenigen erzählt der dabei war (manches mag also Übertrieben sein), habs also nicht selbst erlebt. So dumm wär ich selbst als Kind nicht gewesen da hoch zu klettern.

    Aber die Geschichte wurde im Kern von den Lehrkräften bestätigt. Also das mit dem Hochklettern, Hochspannung und das er ums Leben kahm.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: