Skip to content

Ach Herbert…

24. Juli 2014

Wie lange Herbert und seine Frau schon zusammen leben, wir wissen es nicht, aber die Goldene haben die beiden bestimmt schon hinter sich.

 

Es ist nachts gegen 2 Uhr, als seine Blase drückt, er mühsam aufsteht und mit schlurfenden Schritten zum Klo läuft. So gut zu Fuß ist er nicht mehr, denn sein Rücken wurde bei der letzten OP versteift. In letzter Zeit versagen auch mal die Beine ihren Dienst und Herbert fällt dann zu Boden. Bisher lag er dann eine Weile dort und wenn die Kraft wiederkam, konnte er wieder aufstehen und ins Bett zurück schlurfen. Seine Frau Hilde hatte einfach nicht genügend Kraft, um ihrem Herbert beim Aufstehen zu helfen.

 

Wir haben unseren ersten Einsatz des Tages schon hinter uns gebracht und sitzen jetzt beim Frühstück. Es ist kurz nach 9, als unser Melder bimmelt. Ein Notfall ohne Blaulicht, es geht 3 Dörfer weiter zu einem Einsatz, wie er jeden Tag und überall vorkommt. „Sturz in der Wohnung“ steht auf dem Fax, welches mein Kollege auf dem Weg zum Rettungswagen noch kurz holt.

 

Herbert läuft mit kleinen Schritten Richtung Toilette. Langsam setzt er sich und verrichtet sein Geschäft. Nachdem er fertig ist, zieht er sich wieder an und trippelt langsam zum Schlafzimmer. An der Tür dorthin versagen ihm jedoch mal wieder seine Beine und er fällt der Länge nach hin. Hilde wird natürlich auch davon wach. Helfen kann sie ihm nicht wirklich. Sie wartet und hofft wohl, dass ihr Herbert bald wieder zu Kräften kommt, aufstehen kann und sich neben sie legt.

 

Nur kehrt seine Kraft nicht in seine Beine zurück und er liegt nun seit Stunden auf dem Boden. Hilde legt ihm wenigstens ein Kissen unter seinen Kopf. Seine Blase drückt irgendwann auch wieder. Das Parkett soll ja nicht dreckig werden und deswegen bastelt sie einen Gefrierbeutel darüber. Natürlich klappt das nicht und ihr Ehemann liegt irgendwann in seinem eigenen Urin und Kot, der nun auch noch abgegangen ist.

 

Auf die Idee, sich Hilfe zu holen, kommt seine Frau nicht, obwohl er da so liegt und ihr auch nicht wirklich mehr antwortet. Was in den nächsten Stunden passiert, ich weiß es nicht, aber als wir gegen 09.30 Uhr bei den Eheleuten eintreffen, sieht es fast so aus, als hätte Hilde erst noch die Betten gemacht, den Boden gewischt, sich angezogen und die Haare gemacht.

 

Dass es ihrem Herbert nicht gut geht, merkt sie nicht. Wir starten das volle Programm: Sauerstoff, EKG, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Sein linkes Auge ist zugeschwollen und am Oberkörper hat er schon offene Wunden, weil er solange im eigenen Urin gelegen hat. Außerdem ist er bewusstlos. Auch seine Atmung ist beeinträchtigt. Wir fordern einen Notarzt nach.

 

Als wir ihn auf unsere Trage umgelagert haben, wird Hilde sehr böse, denn nun sieht sie, dass ihr Herbert auch noch das Parkett mit seinem Stuhlgang verdreckt hat. Mein Kollege und ich schauen uns kopfschüttelnd an.

 

Auch als der Notarzt eintrifft, scheint Hilde das nicht zu beunruhigen, und ich sage ihr deutlich, dass es ihrem Herbert nicht gut geht und wir dringend ins große Krankenhaus müssen. Aber vordringen tue ich damit nicht zu ihr, sie packt seelenruhig die Tasche.

 

Im Krankenhaus verbessert sich Herberts Zustand zum Glück. Er hat durch das lange Liegen ein Liegetrauma erlitten und erholt sich nun davon. Ich hoffe, dass den beiden geholfen wird, denn beim nächsten Sturz kann es für Herbert schon zu spät sein.

Advertisements
17 Kommentare leave one →
  1. 24. Juli 2014 13:03

    Leider ist dies mittlerweile so oder ähnlich in vielen Haushalten so, dass immer mehr ältere Menschen alleine nicht zurecht kommen und dies meist in einer „Katastrophe“ endet.
    Der Rettungsdienst wird gerufen, wenn es gar nicht mehr geht. Doch oftmals sind wir eigentlich nicht die richtigen Helfer (zu mindestens nur sehr kurzfristig), vielmehr scheitert es an einer geregelten Pflegesitutation.

    • 24. Juli 2014 16:32

      Ich glaube auch, dass diese Fälle immer mehr werden und wie du schon sagst, wir sind eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner. Ich sehe auch ein Problem der Schweigepflicht gegenüber andere Stellen.

  2. 24. Juli 2014 19:07

    Leider auch schon zu oft erlebt… oft liegen sie viel zu lange, da niemandem sofort auffällt, dass sonst keine Bewegungen mehr aus der Wohnung kommen. Bis dahin hat sich das Liegetrauma zu einem ausgewachsenen Dekubitus entwickelt und die ganzen „netten“ weiteren Problemchen sind kaum zu händeln.
    Dann kommen sie in ein Alterswohnheim und werden dort wieder aufgepäppelt…
    Aber eben erst dann… vorher wird zu lange versucht alleine zu leben und selbstständig zu bleiben… Oft muss erst etwas passieren bevor reagiert wird 😦

  3. 25. Juli 2014 00:32

    Meine Oma hatte so einen Hausnotruf, den man immer am Mann (bzw. der Frau) trägt. Sie ist auch öfter mal in der Wohnung gestürzt, ganz ähnlich wie Herbert. Sie hat ihn aber nie betätigt, sondern immer gewartet, bis sie früh vom Pflegedienst gefunden wurde. Sie hatte unglaubliche Angst, dass sie dann ins Krankenhaus und von dort direkt ins Pflegeheim kommt. Letztendlich ist sie eines Tages durch das lange Liegen auf den kalten Fliesen im Bad ins Krankenhaus und von dort ins betreute Wohnen gekommen, wo sie eine eigene kleine Wohnung hat und sich richtig wohl fühlt.

    Das irrationale Denken alter Menschen kann man nicht erklären. Hilde ist auch ein bißchen wie meine Oma, die hat meinem Opa, als er schon bettlägerig war, immer wieder die dritten Zähne in den Mund gesteckt, welche er dann regelmäßig fast verschluckt und beinahe dran erstickt ist. Ausreden konnten wir ihr das nicht, er müsse doch hübsch aussehen, sagte sie *seufz*

  4. 26. Juli 2014 14:40

    Was mir auffällt ist, dass es häufig selbsterfüllende Prophezeiungen sind. Die älteren Wohnungen und Häuser sind meistens eng und verwinkelt, dazu kommen noch diverse Stolperfallen in Form von unterschiedlichen Fußbodenhöhen, Teppichen, usw. Gepaart mit der nachlassenden Beweglichkeit ist es meistens nur eine Frage der Zeit bis da etwas passiert.
    Als unsere Nachbarin einen Rollator bekam habe ich Stunden damit verbracht Baukeile so abzusägen und zusammenubasteln (kleine Rampe), dass sie sich nicht bei der Fahrt aus der Küche der Länge nach hinlegt.
    Ausziehen wollen die Wenigsten, ins Altersheim (meistens zurecht) auch nicht. Und selbst wenn sie wollen sind behindertengerechte Wohnungen rar und ich habe bis jetzt mehr falsch gebaute barrierefreie Bäder gesehen als richtige. Ich frage mich da dann häufiger was das kleinere Übel ist: Hinfallen und ein Knochenbruch oder der (bei falscher Bauweise) extreme Gestank und die Sporenbelastung?

  5. 29. Juli 2014 11:33

    Ich frage mich immer, wie es bei uns selber aussehen wird, wenn wir mal alt sind. Derzeit halte ich es für völlig logisch, irgendwann entweder in ein Pflegeheim zu ziehen oder eben ein eine behindertengerechte Wohnung mit regelmäßigem Besuch von Pflegekräften.
    Wenn es irgendwann mal soweit ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den “richtigen” Augenblick zum Wechsel der Wohnungssituation doch irgendwie verpasst oder verstreichen lässt.

    • 8. August 2014 14:19

      Ich glaube, der „richtige“ Moment ist, wenn man eigentlich noch fit genug ist, dass man allein zurechtkommt. Dann hat man nämlich noch die Kraft, sich auf geänderte Umstände einzustellen und sich die neue Umgebung aktiv anzueignen.

      Andernfalls, wenn man eigentlich nicht mehr selbständig leben könnte und das nicht merkt, solange nichts Unvorhergesehenes passiert, wird man sich mit dem Umzug viel schwerer tun, auch weil man dann selbst weniger Gestaltungsspielraum hat. Schlimmstenfalls wird man nach dem Umzug in der ungewohnten Umgebung nur noch dahinzuvegetieren, weil zum echten Eingewöhnen die Kraft und u.U. die geistige Kapazität nicht mehr da ist.

      Das Zeitfenster wird je nach Umständen Monate oder Jahre lang sein und es kann sich sehr plötzlich schließen, und dann hat man den richtigen Moment verpasst. Das sieht man wahrscheinlich meistens erst, wenn es zu spät ist, denke ich mir.

      • 22. Oktober 2014 23:33

        Aber ist nicht gerade das oft das Problem? Dass man, wenn man noch fit ist, eben sagt, es geht ja noch, noch muss ich also nicht auf fremde Hilfe zurückkommen.
        Und dass man sich des Moments, in dem man dann halt nicht mehr fit ist, gar nicht bewusst ist. Und dann ist es, wie du sagst, zu spät.

      • 23. Oktober 2014 10:46

        So sieht das aus. Eine Lösung für das Problem weiß ich leider nicht. Wahrscheinlich gehört eine Menge innerer Unabhängigkeit und Selbstdisziplin und sicher auch Tapferkeit dazu, den eigenen Zustand ausreichend schonungslos zu analysieren und gegebenenfalls in eine wie auch immer betreute Wohnform zu wechseln. Sich von lang eingeschliffenen Gewohnheiten und liebgewordener Umgebung zu trennen, fällt den meisten schwer. Das ist ein blödes Dilemma

  6. Schwesterrabiata permalink
    29. Juli 2014 19:54

    Hier meldet sich mal die Seite, die mit solchen Menschen dann überlegen darf, wie es weiter geht. Kleine Sammlung:
    Hausnotruf ist ja eine prima Idee, (nur die meisten haben ihn nicht am Mann, sondern fernab im Wohn- Schlaf- sonstiges Zimmer. Gleiches gilt für Rollatoren, die stören auch)
    Die Kinder sind berufstätig und man will ihnen ja nicht zur Last fallen, außerdem ist es wichtig, nach außen den Schein zu wahren, ob es sich nun um das Parkett oder die Familienverhältnisse handelt.
    Ob OpaOma leichte Anzeichen von Demenz hat? Nein, sie habe sich sehr ungewöhnlich benommen, weswegen die Enkelgeneration nicht wirklich was mit ihnen anfangen kann und will, außerdem riechen sie so nach Mottenkugeln.
    Zahlen für meine Eltern? Ich hab doch selbst nichts, außerdem muss ich gerade die 3. Eigentumswohnung und den Audi TT abbezahlen.
    OpaOma waren immer selbständig, sie haben immer alles *irgendwie* gewuppt- und das soll auch bei nachlassenden Kräften noch so bleiben, daß man aus einem 80 oder 90 Jahre alten Menschen keinen jungen Hirsch mehr macht, wollen sie nicht einsehen. Sie haben Angst vor dem Verlust der Selbständigkeit und des Angewiesenseins auf andere, die alten Freunde und Bekannten sind häufig auch nicht mehr da, soziale Institutionen, die sich kümmern könnten, haben auch immer weniger finanzielle Möglichkeiten. Einfach mal irgendwo anrufen und sagen, da gibts jemand, das könnte problematisch sein, kann man auch nicht, weil man damit gegen die Schweigepflicht verstösst. Bis man dann in der Zeitung davon liest.
    Manchmal macht mir mein Job wenig bis keinen Spaß.

  7. Hajo permalink
    30. Juli 2014 18:40

    xayriel schreibt von einem Hausnotruf (Notfallfinger), eine gute Einrichtung, wenn man ihn auch benutzt.
    Meine Schwiegermutter hatte auch so ein Ding und es hatte keine Probleme gegeben. Glücklicherweise hatte sie den Notruf nicht benötigt, allerdings kam schon mal eine Rückfrage, wenn sie sich nicht regelmässig meldete.
    Gute Sache, auch für die Angehörigen, wenn diese nicht gleich um die Ecke wohnen.
    Was aber Hildes Reaktion betrifft: bedenkt bitte das Alter, da werden andere Präferenzen gesetzt, ist halt so.

  8. 2. August 2014 17:27

    Bei solchen Fällen denke ich oft “hoffentlich werd ich mal nicht so”. Ich kann verstehen wenn die Oldies niemandem zur Last fallen wollen. Aber wenn ich hinfalle und nicht nach 2-3 min. wieder aufstehen kann (und niemand da ist der mir helfen kann) dann drücke ich halt den Notruf ! (Dann hätte es auch das Problem mit dem verdreckten Parkett nicht erst gegeben, und was das betrifft, da schockt mich die Reaktion am meisten – was ist schlimmer, Dreck oder ein kranker Mensch ???)

    • 2. August 2014 17:32

      Hallo Annette,

      willkommen auf meinem Blog. Ja das hat mich auch am meisten geschockt. Ich glaube wir alle denken, hoffentlich werden wir später mal nicht so.

      LG

      Paul

  9. 9. August 2014 19:30

    Meine Eltern hatten Nachbarn bei denen er immer fiel und sie immer versuchte ihn hochzuheben. Das klappte natürlich nicht. Meine Eltern halfen dann mehrmals; meine Mutter (auch Fachkraft) wies aber darauf hin, dass die beiden eigentlich nicht mehr alleine wohnen könnten. Das Ende vom Lied? Eines nachts liegen sie beide am Boden, in einer Engstelle der Wohnung und werden erst am nächsten Morgen gefunden.

  10. 16. August 2014 09:32

    Das ist wirklich schlimm. Die Erlebnisse lassen einen auch den Kopf schütteln. Das Problem ist, dass viele ältere Leute sich auch vom „Kopf“ her nicht mehr helfen kennen, wie man an der Frau sehen kann.

    Es ist nicht leicht, wenn man merkt, dass die Lebensqualität immer schlechter wird.

  11. 3. September 2014 22:40

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Kommentatoren später ähnlich reagieren, wie diese beiden alten Leute hier.
    Ich würde auch gegen alle Vernunft versuchen, solange es geht ein eigenständiges Leben in meiner Wohnung zu leben. Wer würde das nicht wollen?
    Allerdings würde ich einen Pflegedienst beauftragen. Zur Unterstützung. Und den Notfallknopf würde ich auch benutzen…. hoffe ich.
    Eigenständigkeit kann man nur einmal aufgeben, ein zurück gibt es dann nicht.
    Ich hoffe, ich falle tot um, bevor ich in einem Pflegeheim dahinvegetieren muß.
    Grüßli 🙂

  12. 6. September 2014 15:50

    Kommt mir irgendwie bekannt vor… Manchmal kann man sich über die Ignoranz der Leute einfach nur wundern…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: