Skip to content

You good people…

16. März 2015

Hallo ihr Lieben. Wie schon viele gemerkt haben, ist es hier wirklich ruhig geworden. Gründe sind privater und beruflicher Natur. Ich möchte diesen Blog aber nicht aufgeben und deswegen gibt es heute wieder einen Gastbeitrag von „Placebo“.

Während ich morgens noch den Chef erzürne, weil meine Kopfbedeckung nicht Dienstkleidung ist, und das dem internen Audit sofort auffällt, erzürnt mich nachher gleich noch der Kollege. Vorher aber enttäusche ich die Pressesprecherin, die gerne Fotos machen möchte, im Rahmen des Audits. Kann se, aber ohne Personal. Das möchte keine Fotos. Die Praktikanten wird abgelichtet. Die sieht eh am Besten aus von uns. Und motiviert ist sie. Das ist ganz gut, weil motivierte Schüler auch mich immer motivieren. Das Gefühl, dass alle keine Lust haben, vergeht dann kurz.

Nach einigen mehr, und vor allem deutlich weniger sinnvollen Einsätzen, geht es in ein Asylantenheim. Zur Suizidandrohung. Eine kleine Frage seitens des Kollegen erzürnt mich: „Warum fährt da nicht einfach die Polizei hin, Knüppel drauf, einladen, losfahren? Was sollen wir da?“
Meine Rhetorik versagt vollkommen, ich stelle ihn, ohne jemals gedient zu haben, ins Achtung, und verzögere unsere Ausrückezeit um 40 Sekunden. Das es grade in Deutschland eine schlechte Idee sei, psychisch Kranke mit der Polizei abzuführen, hat er aus seinem Unterricht nicht extrapolieren können. Aber ich bin ja da. Er versteht. Zumindest, dass seine Sprüche in diesem Dienst keine Lacher finden werden.

Nun verärgere ich die Leitstelle mit einer Frage. Ob nämlich die Polizei mit käme. Ein Telefonat entsteht, und ich versuche dem Disponenten zu erklären, dass ICH einen psychisch Erkrankten mit Messer sehr bedrohlich finde, und gerne den Schutz der inner-staatlichen Gewaltmonopolisten hätte. Während er mir die Polizei verweigert, fordert das NEF die Jungs nach. Anderer Disponent, andere Reaktion. Polizei kommt. Ich lege auf.

Der Patient. Hört Stimmen, hat panische Angst, nicht aggressiv, kommt mit der Situation nicht zurecht. Ein kleiner Mann, etwa 30, aus Pakistan. Da hat er wohl Dinge erlebt, die man nicht erleben will. „Pakistan“ löst in dem Mann was aus, was ich nicht möchte. Ich verbiete den Anwesenden das Wort. Also nur dieses jene eine. Er zittert, guckt ängstlich umher, hat Angst. Es ist eindeutig, dass er sehr leidet, und von Hilfe profitiert. Sieht auch der Notarzt so. Das Messer wurde ihm schon entnommen. Er tappst durch das Zimmer, hält sich manchmal die Ohren zu, manchmal macht er Gesten, als wolle er imaginäre Fliegen verscheuchen, er kaut auf seiner Hand. Er schreckt bei Geräuschen auf, weicht von einem weg. Die Polizei trifft ein, hält sich im Hintergrund. Leider sagt schon wieder jemand „Pakistan“. Der Mann läuft zum Fenster, und öffnet es. Das merke irgendwie nur ich. Mit Kraft drücke ich das Fenster zu, er zieht am Griff, und versucht gleichzeitig, von mir Abstand zu bekommen. Er hat eindeutig Angst. Die Polizei schreitet ein, der Mann lässt sich widerstandslos im Stehen fesseln. Dabei weint er.
Mein Kollege hat erfahren, der Mann soll abgeschoben werden. Er unterstellt nun eine Show. Ich unterstelle ihm, bei uns falsch zu sein.

Der Patient wird im RTW ent-handschellt und bekommt einen Zugang. 1mg Lorazepam IV helfen nur bedingt. Er hat immer noch panisch Angst. Aber solange es ins „Hospital“ geht, und „not that black place again please, no, no, please no“, ist er zeitweise beruhigt.
Die Fahrt ist komplikationslos, mein Kollege darf unten warten, wir gehen mit Patient in die Geschlossene.
Während Der Patient wartet vor dem Aufnahmezimmer, sagt er zwei Sachen.
„Ich bitte möchte Toilette. Richtig? Ich lernen, warum ich gehen?“

Und
„You good people. You no pain. Happy heads. you nice. you no pain in head. you know a good world“

Dann gehen wir.

Unten muss ich mir anhören, das irgendwie unser mangelndes Gehalt im RD mit den Schmarotzern im Heim zu tun hat.
Manchmal ist es gut, dass das Gewaltmonopol nicht bei mir liegt.

Advertisements
5 Kommentare leave one →
  1. Chris permalink
    17. März 2015 11:04

    Da kann man doch eigentlich nichts anderes tun als weinen.

  2. 20. März 2015 21:30

    Danke, schön zu sehen, dass man nicht allein auf weiter Flur ist…

  3. Steffi permalink
    22. März 2015 18:51

    Danke für den Beitrag!

    Ich hatte das Glück für eine Weile eine Gruppe eine Gruppe Schüler, ebenfalls Flüchlinge, begleiten zu dürfen.
    Was diese Kinder durchgemacht haben und durchmachen müssen, dafür finde ich keine Worte. Und anstatt Mitleid, Respekt und Hilfe bekommen sie hier Hass zu spüren, von Leuten denen es (im Vergleich) viel zu gut geht und die ernsthaft meinen, die Flüchtlinge nehmen ihnen was weg… Ich will lieber gar nicht weiter schreiben, sonst rege ich mich viel zu sehr auf.

    Vielleicht noch eine Geschichte: In einer Nachbarschule sollte ein junges Mädchen wieder abgeschoben werden. Sie hat sich nach dieser Nachricht noch im Büro des Betreuers mit kochendem Wasser übergossen, nur um nicht gehen zu müssen.

    Ich hab dafür keine Worte mehr.

  4. Tobi permalink
    28. März 2015 20:39

    Danke für den Beitrag!

  5. Amina permalink
    4. Oktober 2015 13:34

    Danke für dein Statement. Ich habe hier bei der Feuerwehr langsam das Gefühl, ich bin die Einzige, die noch den Menschen und nicht den Schmarotzer sieht…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: