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Wie die Jungfrau zum Kind…

6. Juni 2015

 

Wenn man den Job schon ein paar Tage macht glaubt man ja wirklich, alles schon mal gesehen zu haben. Aber irgendwo wartet genau dann der Einsatz, den man so noch nie hatte.

 

Geburten sind im Rettungsdienst ja wirklich Mangelware, aber wer das schon mal mit gemacht hat, der fühlt sich irgendwie auch gerade als frisch gebackene Eltern. Und eigentlich ist die Geburt der einzige Notfall, der von vorne bis hinten positiv ist, was man von vielen anderen Einsätzen ja nicht sagen kann.

 

Wir stehen am frühen Morgen vor unserem RTW und hören uns die Storys unserer Kollegen vom Nachtdienst an, die ihr Bett eigentlich überhaupt nicht gesehen haben. Es gibt frischen Kaffee und langsam checken wir in aller Ruhe unser Equipment. Kaum sind wir fertig und der Kaffee leer, bimmeln unsere Meldeempfänger. Josh mein heutiger Teampartner schüttelt nur den Kopf und meint, wenn man einmal mit dir fährt Paul ne, dann muss es gleich die Geburt sein, oder?

Ich zucke nur mit den Schultern, ich bin mir keiner Schuld bewusst 🙂 Als wir unser Auto besetzen krame ich schnell noch mal mein Wissen über Geburten heraus, denn meine letzte ist schon ein paar Tage her.

 

Eigentlich läuft eine Geburt auch ohne uns Rettungsdienstler wunderbar, denn wir unterstützen ja nur. Drehen das Kind ein bisschen, halten das Kind warm und lassen wenn der Papa da ist auch ihn die Nabelschnur durch schneiden. Wie ihr seht, keine Hexerei.

 

 

Die Anfahrt ist ziemlich kurz und schon stehen wir vor einem Hochhaus. Vor der Tür so denke ich, steht der werdender Papa. Also ihn erst mal mit Fragen bombadieren, ich möchte ja schon wissen, auf was ich mich da so einlasse. Also frage ich nach Schwangerschaftswoche, Mutterpass, das wievielte Kind, Wehentätigkeit usw. und ich werde etwas stutzig, weil der Herr mit dem Satz antwortet: „ich weiß auch erst seit 30 Minuten, dass ich Onkel werde“ WTF??

 

 

Bevor ich noch irgendwas sagen kann stehen wir schon in der Wohnung. Die Wohnung ist sauber und ich sehe am anderen Ende der Wohnung eine etwas stämmigere junge Frau auf einer Couch sitzen. Wenn ich es nicht auf meinem Melder stehen hätte, dass wir hier zu einer Geburt gerufen worden sind, es würde nichts darauf hin deuten. Unsere Patientin sitzt angezogen und teilnahmslos auf der Couch und neben ihr liegt ein großes Badehandtuch.

 

 

Wo ist die versteckte Kamera denke ich? „Müller mein Name und das ist der Kollege Blatter“ beginne ich und versuche so heraus zu bekommen was hier passiert ist. Da quäkt es aus dem Badehandtuch und meine Aufmerksamkeit verlagert sich auf das, was da gerade aus dem Tuch kam. Puh okay das Kind sieht gut aus, schnauft und hat ausreichend Puls, das reicht mir fürs Erste. Aber wo ist die Nabelschnur?

 

 

Frau Panzer können sie mir sagen was passiert ist? Ja ich hatte heute Morgen um 5 so Bauchschmerzen und dann habe ich mir gedacht, gehe ich mal Duschen und plötzlich ist das Kind aus mir heraus gefallen lautet ihre knappe Antwort. Und was haben sie mit der Nabelschnur gemacht? Die habe ich mit ner Kleiderschere durch geschnitten.

 

Josh schau doch mal bitte ins Bad und sag mir, was du da so findest, rufe ich ihm zu. Bevor ich weitere Fragen stellen kann, steht unser Notarzt in der Tür und schaut genau so irritiert drein, als ich meine kurze Übergabe beendet habe.

Während unser Doc sich Mama und Kind anschaut nimmt mich der frisch gebackene Onkel zur Seite. Niemand aus der Familie hätte was gewusst und weil auch sie etwas kräftig ist, ist niemand ein Babybauch aufgefallen.

 

 

Wir packen Mama und Kind ein und fahren ins Spital.

 

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9 Kommentare leave one →
  1. Johanna permalink
    6. Juni 2015 16:23

    Schöne Geschichte! Schockierend aber auch… wie wenig manche Frauen über ihren Körper wissen bzw. sich drum kümmern. Falls das wahr ist, dass sie nicht begriffen hat, dass sie schwanger ist. Es müssen ja Kindsbewegungen da gewesen sein…
    Meine jüngste Nichte heißt übrigens mit dem dritten Vornamen Floriane, weil sie beschlossen hatte, in Hamburg als supereilige Geburt am Straßenrand im RTW auf die Welt zu kommen.

    • 6. Juni 2015 17:15

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Ich habe mich das ja auch gefragt, aber es scheint wohl häufiger vorzukommen als man meint. Das ist ja wirklich schön 🙂 Eine Geburt im RTW hatte ich kurz nach diesem Einsatz auch 🙂

      Gruß

      Paul

  2. o2junkie permalink
    8. Juni 2015 20:08

    Gabs bei uns im Bekanntenkreis: Mit Rückenschmerzen zum Hausarzt, mit Schmerzmitteln heim. Zwei Stunden später mit noch mehr Rückenschmerzen wieder zum Arzt, der schickte sie in die Klinik zwecks Abklärung der Rückenschmerzen. Da erklärte man ihr, dass das wohl die Wehen sind. Sie wusste auch von nix.

    Der Kopf ist da mächtig in der Verdrängung. Wäre er bei mir vielleicht auch, wenn der Nachwuchs einem One-Night-Stand mit einem Touristen von einem anderen Kontinent stammt…

  3. 10. Juni 2015 22:54

    Das war eine schwere Geburt – nur im übertragenen Sinn.

    Da bekommt das Wort Überraschungs-Ei gleich eine neue Bedeutung. 😉

    Herzlichst

    Andrea

  4. niemand permalink
    21. Juni 2015 20:11

    Na, da machen wir uns doch schön über dicke Frauen lustig. Toll! (bezogen auf die Kommentare, die allein jetzt schon da stehen)

    • Johanna permalink
      22. Juni 2015 02:09

      Meinst du mich damit, „niemand“?
      Falls ja, dann nimm zur Kenntnis, dass ich selbst übergewichtig bin.
      Ich meinte damit nur, dass diese Frau ihrem Körper offenbar so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, dass sie nichts von den Kindsbewegungen und allen weiteren inneren Veränderungen bemerkt hat.
      Ganz bestimmt hab ich mich nicht über dicke Frauen lustig gemacht. Ich bin selbst eine solche.
      Ich kann das aber auch bei den anderen Kommentaren nicht herauslesen…

  5. 9. Juli 2015 17:57

    Das ist ja der Hammer. Fakt ist nur, ich glaube das passiert einer sehr schlanken Frau nicht so schnell. Aber niemand sagt was gegen dicke. Bin ich dick =)

  6. Amina permalink
    1. Oktober 2015 11:23

    Schön, dass hier alls gut gegangen ist! „DIE ZEIT“ hatte am 18.02.2014 einen interessanten Artikel darüber, wie es zu einer unbemerkten Schwangerschaft kommen kann. Seither verstehe ich dieses Phänomen besser. Und den betroffenen Frauen „Vorwürfe“ zu machen, kann ich schon deshalb nicht verstehen, weil ich zwei Frauen kenne, bei welchen die Schwangerschaft erst kurz in einem weit fortgeschrittenen Stadium erkannt wurde: Eine hatte bis weit in den 5. Monat hinein alle 4 Wochen leichte Blutungen und kam so erst im 7. Monat Die andere hielt die Kindsbewegungen für Blähungen (wer selbst schon mal schwanger war und sonst eine ausgeprägte Darmperistaltik hat, kennt das) die ausbleibende Periode und Gewichtszunahme für Anzeichen der Wechseljahre – sie war da 48 und man hatte ihr immer erzählt, sie könne nicht schwanger werden. So kam die Schwangerschaft erst kurz vor der Geburt beim Routine-Gyn-Check heraus…

  7. Benny permalink
    10. November 2015 21:56

    Hey, meine Mutter meinte das Sie erst merkte das Sie mich „austrägt“ als es 1 Tag vor der Geburt war 😀
    Also wohl ganz normal das einige Frauen das nicht mal merken^^. Aber ich wurde dennoch im Krankenhaus geboren 🙂

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