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Flüchtlinge…

23. November 2015

Heute ein Gastartikel von Anne http://bachnotizen.blogspot.de

Montagmorgen in der bayrischen Landeshauptstadt. Der Taxi- und Bushalteplatz am Nordausgsng des Münchner Hauptbahnhofes ist nicht wiederzuerkennen. Ein Zaun mit einer Plane trennt das Areal ab und schützt es vor den Blicken der Passanten. Schaut man von oben über die Absperrung drüber, sieht man einen großen LKW, vier große Zelte, verschiedene Rettungsdienst- und Polizeifahrzeuge. Läuft man an der Absperrung entlang weiter um den abgetrennten Platz herum, kommen ein Bus älteren Baujahrs, ein Aggregat des Technischen Hilfswerks, ein weiterer RTW und noch mehr Absperrungen in Sicht. Absperrungen der Art, wie man sie von Demos kennt.

Ich habe mich bereiterklärt, beim medizinischen Screening der ankommenden Flüchtlinge zu helfen. Der sehr zaghafte Versuch, sich irgendwie sinnvoll zu beteiligen. Für spontane Hilfe, wie sie von den nichtmedizinischen Helfern damals oft benötigt wird, wohne ich zu weit außerhalb Münchens, bin ich mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht schnell genug da.

De Ansturm ist nicht so groß, daß keine Zeit zum Erklären bliebe. Aber die Flüchtlinge kommen, und das doch irgendwie in Scharen. 200-300 pro Tag waren es damals in der dritten Septemberwoche. Syrer, Eritreer, Albaner, Iraner, … Viele junge Männer. Gelegentlich Familien. Manchmal auch nur Frauen mit Kindern, in kleinen Gruppen. Nach der medizinischen Schnelluntersuchung werden sie, sofern nicht ernsthaft krank, zum Warteraum geführt, wo die registriert werden und dann Essen bekommen und sich ausruhen können, bevor es mit dem Bus zu einer Unterkunft geht.

Im Gedächtnis bleiben mir zwei junge Männer mit Bauchschmerzen. Wir sind auch der medizinische Ansprechpartner für die auf die Busse wartenden Flüchtlinge und diese zwei suchen uns mehrfach auf. Der eine gibt als Alter 25 an, wirkt auf mich aber älter. Beim zweiten Besuch erbricht er sich bereits, obwohl er nur wenig oder gar nichts gegessen hatte und langsam wird klar: das ist nichts organisches. Wir kommen nicht drumherum, den Krankenwagen zu rufen. Die Kollegen sind auch bald da. Es läßt sich nicht vermeiden, daß nun sechs Leute um die Trage, auf die er sich gerade noch legen konnte, herumstehen und verschiedene Handgriffe vollziehen oder Infos weitergeben. Innerhalb von erschreckend kurzen 2 Minuten wird aus dem bislang doch noch recht fitten Mann ein nicht ansprechbares schlaffes Etwas, das nicht wieder wach zu bekommen ist. Die Kollegen fahren weg, zurück bleiben wir mit dem Gefühl „haben wir etwas falsch gemacht?“

Bauchschmerzpatient Nummer 2 ist jünger, schlaksiger, bereits mit Tabletten versorgt, als er ein weiteres Mal aufkreuzt: die Schmerzen seien so schlimm und überhaupt … Es ist nicht besonders warm an diesen Herbsttagen, aber wir können ihn nicht überreden, statt der Badeschlappen die im Rucksack verstauten Turnschuhe anzuziehen. Letztlich geht er zum Bus zurück, taucht aber mit einem Dolmetscher noch ein drittes Mal auf, bevor sein Bus endlich abfährt.

Später am Abend kommen eine ganze Weile keine Züge mit Flüchtlingen, dafür ist derjenige THWler da, der das Stromaggregat versorgt, und nicht nur die Arbeit an der Anlage, sondern auch die Tatsache, daß er noch etwas bei uns bleibt, bietet uns (in dieser Schicht vornehmlich jüngeren Leuten) etwas Abwechslung.

Man muß sich diese Schichten teilweise vorstellen wie jeden anderen Sanitätsdienst auf Veranstaltungen auch. Man wartet zunächst auf die Arbeit. Ist die Arbeit dann aber da, präsentiert sie sich gern in ungeahnter Komplexität. Eine Familie mit fünf Kindern, die allesamt schwer erkältet sind (und alle jünger als zehn Jahre). Ein Junge, der seit zwei oder drei Tagen dieselbe Kleidung trägt und innerhalb von einer Stunde einen schwer einzuordnenden Hautausschlag entwickelt. Väter mittleren Alters mit Schmerzen, die sie seit Wochen begleiten.

Es ist inzwischen Ende Oktober. Die Flüchtlinge kommen jetzt nicht mehr in kleinen Gruppen mit dem Zug, sondern werden per Bus gleich zur Notunterkunft gebracht. Ein Bus, das sind zwischen 45 und 50 Flüchtlinge. Manchmal kommen drei bis vier Busse gleichzeitig und die Fahrer sind, wenn sie endlich „ausladen“ dürfen, bereits ungeduldig. Je mehr Leute warten, umso hektischer und ggf. unvollständig ist das Screening. Es gibt keinen Extrabereich, in dem die Frauen unter Anwesenheit einer Sanitäterin das Kopftuch kurz abnehmen könnten, also wird darauf verzichtet, bei den Frauen nach Läusen zu suchen.

Überhaupt Frauen. Ihr Anteil ist jetzt größer und wird nur in den Schatten gestellt von der noch mehr gestiegenen Anzahl Kinder. Es sind jetzt praktisch immer Kinder da, die zwischen den Erwachsenen spielen, herumrennen, nach Essen und Aufmerksamkeit verlangen. Es gibt scheinbar keine Altersgrenze nach unten.

Am frühen Abend kommt die Gesellschaft in Bewegung. Diejenigen, die den Bussen für den Transport in die nächste Einrichtung zugeteilt sind, müssen sich im Wartebereich sammeln. Die anderen nehmen jetzt, ab 17/18 Uhr, wenn der richtige Arzt schon weg ist, die Gelegenheit wahr, das Sanitäterteam aufzusuchen. Mit den eher ernsthaften oder zumindest chronischen Sachen, natürlich, und jeder hat es eilig, dranzukommen. Erkältung hier, Muskelschmerzen da, Erbrechen und Bauchweh bei Kindern. Hin und wieder geben wir auch Erkältungsmittel an die Sicherheitsleute ab. An manchem Abend muß ein- bis zweimal der Krankenwagen kommen. Wir schicken einen Angehörigen mit in der Hoffnung, das Krankenhaus verfüge schon über Dolmetscher. Und dann steht im Entlaßbrief „keine Anamnese möglich“. Zum Glück haben die jeweiligen Ärzte gründlich untersucht und die Patienten dann doch mit Besserung und sinnvoll erscheinenden Therapieempfehlungen zurückgeschickt.

Vor wirklich ernsthaften Fällen wie einem einjährigen Jungen mit Klumpfüßen müssen wir kapitulieren.

Und dann ist wieder einmal für mehrere Tage Ruhe und man beginnt, sich Sorge um die „ausbleibenden“ Flüchtlinge zu machen.

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6 Kommentare leave one →
  1. 23. November 2015 23:42

    Wahnsinnig interessant. Die zentrale Frage, die sich mir stellt: Sind das Flüchtlinge die in München bleiben sollen oder gehen die in Unterkünfte in ganz Deutschland?

    • Roxa permalink
      26. November 2015 00:34

      Ein Großteil ist nur auf der Durchreise – sie bleiben nur bis maximal ca 48 Stunden in Unterkünften in und um München. Dort können sie sich mal vernünftig aufwärmen, trocknen, ausschlafen und in Ruhe essen. Dann werden sie nach ganz Deutschland weiterverteilt. Wobei diese Zahl inzwischen im Vergleich zu dem Massenansturm im September schon deutlich zurück gegangen ist, weil viele inzwischen direkt von der Grenze verteilt werden und gar nicht mehr nach München kommen.

  2. 27. November 2015 13:15

    Nein, die waren jeweils auf der Durchreise, nur ein bis zwei Nächte in der Unterkunft.

  3. 10. Dezember 2015 19:59

    ja, und dann kommen sie zu uns. Ich arbeite in einer Erstunterkunft, bei uns werden sie intern registriert, nochmal medizinisch untersucht, medikamentiert, wenn nötig. teilweise auch stationär aufgenommen, und dann sind die nächsten Tage nach der ganzen Hektik mit Warten auf die polizeiliche Registrierung ausgefüllt. Wenn sie ihre büma haben, geht es weiter in Regelunterkünfte. Aber jetzt, kurz vor Weihnachten, ist es sehr ruhig. wo auch immer die ganzen Flüchtlinge sind, zu uns kommt gerade niemand neues, obwohl nur 20 gerade bei uns sind.

  4. 6. Dezember 2016 23:43

    Ich habe bei einer ähnlichen Versorgungsstelle in NRW gearbeitet und habe ähnliches erlebt. Bei uns kamen allerdings eine Zeit lang alle 2 Tage 500-700 Flüchtlinge an. Anfangs hatten wir eine UHS mit 2 Behandlungsplätzen in einem Holzbauwagen. Später eine voll ausgerüstete „Ambulanz“ mit 5 Behandlungsplätzen. Von einer Noro-Epidemie über einen TBC-Verdacht bis hin zu Scabies und Appendizitis war alles dabei.
    Anfangs waren es viele Männer, zum Schluss hin fast nur noch Familien bzw. Frauen und Alte mit Kindern. Letztere waren dann auch die Hauptpatientengruppe. Fast jedes zweite hatte Atemwegserkrankungen.
    Es war eine sehr interessante Tätigkeit und ich habe einiges gelernt.

Trackbacks

  1. Flüchtlinge… | 9erblog

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