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Wenn es abwärts geht…

18. April 2016

Im Rettungsdienst gibt es immer mal wieder Einsätze, da steigt man auf den RTW und stöhnt innerlich ein bisschen. AZV ist so ein Einsatzstichwort und ich höre schon wie viele Kollegen nickend zustimmen 🙂 Was ist dieses AZV überhaupt, werden jetzt die Laien fragen!? Tja, ausgeschrieben heißt das Allgemeine ZustandsVerschlechterung. Tolles Wort, oder? Und was bedeutet das jetzt Paul? Etwas böse gesagt beschreibt dieser Zustand, dass der Hausarzt eigentlich keinen blassen Schimmer hat, was dieser Patient gerade hat. Aber so ganz gut geht es ihm halt nicht, deswegen weist man ihn ins Krankenhaus ein.

Diese Einsätze sind aber auch eigentlich für den „bequemen“ Retter super, denn eigentlich mehr als EKG, Sauerstoff und eine Infusion sind selten von Nöten. Sich aber darauf verlassen, dass das immer so läuft, sollte man lieber nicht. Wer nämlich dort nur mit seinem Koffer und eigentlich Null Bock auftaucht, der gerät durchaus auch mal kräftig ins Schwitzen.

Ich hätte es eigentlich an diesem Tag schon wissen müssen, bevor ich überhaupt in meinen RTW eingestiegen bin. Denn ich fuhr an diesem Tag mit Beat. Und wenn Beat, Schüler im 2. Jahr, und ich auf dem gleichen Auto sitzen, so greifen wir immer ins Klo. Da wird aus einem harmlosen Sturz  gleich ein Polytrauma, und ich bin ja der Meinung, es hängt an ihm und nicht an mir 🙂

Es ist morgens gegen 9, als unsere Melder bimmeln und Beat leise aufstöhnt. Es geht ohne Blaulicht zu einem Patienten mit na was wohl!? Ja genau eine AZV 🙂 Ich grinse ein bisschen vor mich hin, denn Beat ist Chef für diese Tour und ich bin nur sein Assistent. Wir fahren gemütlich und kommen einige Minuten später an und stehen vor einem Hochhaus im Süden der Stadt. „Willst du was mitnehmen“ frage ich ihn!? „Ja lass uns mal alles mitnehmen, ich will ja nicht, dass du 5 Mal laufen musst“ antwortet er 🙂 Natürlich wohnt unser Patient nicht im Erdgeschoss, sondern ganz oben. Natürlich ist der Aufzug nur für Zwerge und ich hoffe unser Patient kann sitzen, denn sonst müssten wir 6 Stockwerke laufen.

Oben angekommen begrüßt uns schon die einweisende Ärztin. Die Luft fehlt Herr Schneider, das höre ich bis an die Wohnungstür. Jaja, von wegen nur eine kleine AZV, denke ich mir und laufe dem brodelnden Patient entgegen. Beat und ich gucken uns an und ich übernehme den Chefposten. Denn jetzt muss es schnell gehen, denn unser Patient hat ein massives Lungenödem und bei seinem Alter und den Vorerkrankungen, die uns Frau Doktor herunterrasselt, ist das nicht wirklich gut. Irgendwie hab ich kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Ich schicke Beat runter, damit er unseren Tragestuhl holt. Bis er wieder da ist, hat Herr Schneider Medikamente, Sauerstoff und ein EKG geklebt bekommen. Wir lagern ihn um und quetschen uns zu 4. und unser Material in den kleinen Fahrstuhl. Jetzt geht es abwärts denke ich noch!

Bisher hat unser Patient noch auf Fragen geantwortet, aber als ich ihn frage ob noch alles gut ist, reagiert er nicht mehr. Wir sind gerade mal im 4 Stock. Ich schaue seine Hausärztin an und frage, ob es eine Verfügung für Herr Schneider gibt. Nein es gibt keine, aber unser Patient ist weit über 80 und die Ärztin erklärt uns, dass man keine Reanimation weder vom Patient noch von den Angehörigen wünscht. So fahren wir weiter abwärts und das EKG verstummt als wir unten im Erdgeschoss ankommen. Für uns 3 eine sehr komische Situation.

Wir lagern Herr Schneider auf unsere Trage um und schieben ihn ins Auto. Hier können die Angehörigen in Ruhe Abschied nehmen, bis der Bestatter bei uns eintrifft.

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17 Kommentare leave one →
  1. Dracken permalink
    18. April 2016 15:37

    Ich finde es echt schade, dass du so selten schreibst 😦 Ich finde deinen Blog so interessant.
    Schließlich hört mich nicht viel von Rettungsdiensten und RTL schalte ich gewiss nicht ein für sowas^^. Oder Kabel 1 mit Achtung Kontroller oder „Auf Streife“ oder so.

    Und das war mal ein böser Fahrstuhl… Du hättest den Titel wohl eher nennen sollen „Fahrstuhl des Todes“.

    • 18. April 2016 15:40

      Hallo Dracken 🙂

      Willkommen auf meinem Blog! Ja ich würde auch gerne viel lieber mehr Artikel schreiben, aber ich brauch eine bestimmte Stimmung um Artikel schreiben zu können und die hab ich leider nicht immer.

      Gruss Paul

      • Dracken permalink
        18. April 2016 15:42

        Hey Paul, bin schon länger hier^^, glaube habe sonst als „Benny“ geschrieben, Benny in Rl Dracken im Internet 🙂
        versuch doch wenigstens einmal pro Woche was zu schreiben, gibt sicher was zu erzählen einmal die Woche und in 7Tagen wirst du doch einmal positive Stimmung haben? 🙂

      • 18. April 2016 15:44

        Hi 🙂 Wie gesagt das ist nicht so einfach wie es sich anhört. Das hat mit positiver Stimmung nichts zu tun, ich muss einfach Muse in dem Moment dafür haben 🙂

  2. BRC_MEDIC permalink
    18. April 2016 17:11

    Der Titel „shitmagnet“ sollte Dir sicher sein 😀

    Habt Ihr keine „DNR“ [do not resuscitate] Dokumente? Damit waere die Frage durch ob HLW oder nicht im Zweifelsfall. Bleibt nur die Frage ob HLW im kleinen Aufzug ueberhaupt sinnvoll durchfuehrbar ist – ich denke eher nicht.

    • 18. April 2016 17:16

      Der Kollege wars nicht ich 😉 Es gibt solche Verfügungen,aber hier war der Hausarzt vor Ort,der uns genau ins Bild gesetzt hatte. Nein im Fahrstuhl gab es keine Möglichkeit,man hätte irgendwo aussteigen müssen.

  3. 18. April 2016 18:05

    Solche Einsätze „liebe“ ich ja. Vor allem wenn es dann so rapide abwärts geht.

    Einen ähnlichen Einsatz hatte ich auch vor ein paar Wochen. Einsatzmeldung „AZ-Verschlechterung“ (was auch sonst), der Kollege sagt noch „Die kenne ich, die hat nix“. Mit hoch genommen haben wir zum Glück trotzdem alles. Letztlich kam dann noch der NA, es gab nen IO-Zugang, massiv Luft und Medikamente und es ging auf Intensiv.

    Und ich kann Dracken/Benny nur zustimmen: Gib uns mehr! 😉

    • 18. April 2016 21:48

      Ich habe in 2 Wochen damals 3 mal AZV gefahren, der eine ist gestorben,beide anderen waren Intensivpflichtig. Ich gebe mir Mühe 🙂

  4. stuttgarterapothekerin permalink
    18. April 2016 20:44

    Lieber Paul, ich lese dich auch sehr gerne.

    Schreib wenn DU willst/kannst/Muße hast, ich warte gerne – es lohnt sich ja immer!

  5. Nina permalink
    19. April 2016 07:54

    Zuerst mal: großes Lob für den Blog! Gefällt mir richtig gut!
    Ich habe aber mal ne Frage. Wird sich in solchen Momenten tatsächlich auf die Aussage der HÄ verlassen und nicht reanimiert? Was, wenn sie sich da auch verschätzt, wie beim Einsatzgrund?
    Ich dachte immer, gerade in solchen Situationen wird lieber reanimiert, als sich hinterher rechtfertigen zu müssen. (Mal unabhängig von der Sinnhaftigkeit das in einem kleinen Fahrstuhl zu tun :))

    • 19. April 2016 15:09

      Hi Nina,

      willkommen auf meinem Blog. Danke für das Lob! Ja der Arzt ist uns sogar weisungsbefugt. Mir sagt aber auch der gesunde Menschenverstand,dass wenn jemand so alt ist und schon so viele Vorerkrankungen hat, es einfach keinen Sinn macht,hier noch auf Teufel komm raus zu reanimieren. Was hat der Patient,wenn er im Wachkoma dann noch 2 Jahre an die Decke schauen kann?

      Gruß Paul

  6. 20. April 2016 17:22

    Wow, das klingt in der Tat nach einer seltsamen Situation. Verstorben im Fahrstuhl, so kann’s gehen.

    Danke für den tollen Beitrag 🙂 Liest sich echt super!

  7. Rena permalink
    5. Mai 2016 11:18

    Ich lese auch sehr gerne in Deinem Blog. Gestehe, dass ich nicht täglich rein schaue, da Du ja auch selten schreibst. Daher freue ich mich um so mehr über neue Einträge von Dir.

    Bestimmt nicht angenehm, wenn es einem Patienten so schnell schlechter geht. Egal, ob man den Job erst „seit gestern“ oder seit Jahren macht. Mein einer Bruder ist bei der Berufsfeuerwehr und noch beim DRK (gibt Kurse in erster Hilfe) und mein Ex-„Freund“ war 25 Jahre Rettungsassistent. Ein bisschen hab ich was mitbekommen habe ich im Laufe der Jahre schon.

    LG und schreib weiter so, wie und wann es Dir Spaß macht.

    Rena

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