Skip to content

Hannes…

15. Juni 2016

Hannes und ich kennen uns noch nicht wirklich lange, aber er hat schon einen bleibenden Eindruck bei mir und meinen Kollegen hinterlassen.

Dort wo ich rette hat ein ziemlicher großer Teil der erwachsenen Bevölkerung ein Problem mit Alkohol. Entweder bin ich in Deutschland mit Scheuklappen durch die Welt gewandert, aber was ich hier ab 8 Uhr morgens  durch das Dorf laufen sehe, der Nachschub an Patienten wird uns hier echt nicht ausgehen.

Eines Abends rappelt mein Melder, und als ich drauf schaue, möchte ich ihn am liebsten im Klo versenken. Denn die Meldung lautet: „nicht ansprechbarer Alkoholintox vor einer Beiz“. Beat, mein Kollege für diese Nacht, verdreht auch schon die Augen. Nach kurzer Fahrt wurden wir freudig vor der Gaststätte erwartet:

„Der hat mir vor die Tür geschissen, die Sau“, war das Erste was uns der Wirt erzählte. Der hat bitte was gemacht?? „Schauts euch selbst an und nehmt den bitte gleich auch mit“. „Du Paul“, kam es von Beat, „ich mach ja echt fast alles mit, aber bei Stuhlgang garantiere ich dir, ich werde mich meines Abendessen entledigen müssen“. Super dachte ich mir, dann darf ich da jetzt alleine hin.

Ich streifte mir zur Sicherheit ein 2. Paar Einmalhandschuh über und setzte mich in Bewegung zu Hannes. Der saß in einer Ecke und hatte sich seiner Hose entledigt. Eigentlich war sie blau, aber im Moment tendierte das eher zu hellbraun, auch Hände, der Pulli und das Gesicht hatten davon etwas abbekommen. Ein leichter Würgereiz durchfuhr mich.

Ich sprach ihn an, ob es ihm gut geht!? „Verpiss dich, ich will mein bezahltes Bier haben“, zischte mir er mir zu. Da ich wenig Lust hatte, diesen Dialog weiter zu führen, bestellte ich die Jungs der Polizei, denn wer mich noch beleidigen kann, der muss nicht mit ins Spital. Beat schaute kurz um die Ecke, weil er Hannes auch aus 20 Meter Entfernung hören konnte. Ich signalisierte kurz, dass soweit noch alles in Ordnung ist.

20 Min später trafen auch die Jungs der Polizei ein und die zogen auch ein Gesicht, als ich ihnen kurz von Hannes Geschenk an den Gastwirt erzählte. Ich verteilte an beide großzügig Einmalhandschuhe und spendierte noch eine Decke, damit die Kollegen nicht ihren Bulli vollsauen mussten. So endete das erste Treffen von Hannes und mir.

Ein paar Monate später, ich saß gerade gemütlich bei einem Kaffee im Dorf, da sah ich ihn wieder, wie er die ganze Dorfstraße als Bürgersteig benutzte. Mir schwante da schon, dass wir uns bald wieder sehen würden. Keine 3 Tage später klingelte uns der Melder kurz vor 12 Uhr nachts aus dem Bett. Wie beim letzten Mal ging es zur gleichen Wirtschaft.

Auch erwartete man uns wieder freudestrahlend, doch diesmal hielt er unseren Patient schon im Arm und es war natürlich Hannes, wie hätte es anders sein sollen. Diesmal hatte er auch seine Hose an und es war, soweit zu sehen, nichts ausgelaufen. Da er heute gut aufgelegt war, also nicht mit wüsten Beschimpfungen um sich schmiss und er wirklich Schlagseite hatte, luden wir ihn in unseren RTW. Ich setzte ihn auf unseren Notsitz, schnallte ihn an und wir fuhren los.

 

Wir waren keinen Kilometer gekommen, da wollte er unbedingt aufs Klo. Halt mal an, ich muss jetzt brunsen. Ich war nicht mal dazu gekommen, meinen Kollegen zu bitten, kurz anzuhalten, da sah ich den immer schneller werdenden Fleck auf seiner Jeans. Du pisst mir jetzt nicht in meine Ambulanz, oder? Er grinste nur und die Pfütze auf dem Boden wurde immer größer.

Ich bin echt nicht leicht aus der Ruhe zu bekommen, aber ich war 2 Millisekunden lang bereit, ihm die Fresse zu polieren. Aber dann dachte ich mir, ach Hannes, du wirst das Ganze eh selbst bezahlen müssen und die Reinigung packt dir mein Chef als Bonbon noch obendrauf.

Advertisements
14 Kommentare leave one →
  1. 15. Juni 2016 18:58

    Das muss er selbst bezahlen?
    Aber, hat er das Geld? Ob ihn das in Zukunft vom Trinken abbringt?
    Komplizierte Sache. Hier in De zahlt ja glaube ich noch immer Kasse den Transport

    • 15. Juni 2016 19:02

      Hi.

      Ja, da die KK nicht alles bezahlt und er die Ambulanz dieses Jahr schon mal in Anspruch genommen hat, muss er das schön selbst bezahlen.

      • marc permalink
        15. Juni 2016 20:08

        Dann müssen eure Trinker in CH ja gut situiert sein – unsere sind es in der Regel eher nicht. Da geht die Rechnung dann quasi an dich selbst 😦

      • 15. Juni 2016 20:20

        Hi 🙂

        Nein nicht wirklich, und zum Glück kommt das hier sehr selten vor 🙂

      • Flo permalink
        19. Juni 2016 10:49

        Wie? In der Schweiz ist nur ein RTW-Einsatz im Jahr frei und danach darf/muss man alles selberzahlen?

      • 19. Juni 2016 13:37

        Du hast eine Franchise und wenn du drüber liegst,zahlst du das auch. Ansonsten schaut sich deine Kasse genau an,weshalb du gefahren wurdest. Und ja es kann passieren,dass du das schön selbst zahlst.

  2. Johanna permalink
    16. Juni 2016 15:14

    Huäch, eklig! Und für Kot und Urin gibt es ja auch nicht so praktische Tricks wie diesen „T-shirt in Hosenbund stopfen und dann ins Halsloch kotzen lassen“-Trick.

    • ruby permalink
      17. Juni 2016 13:23

      Die Kollegen aus der ZNA werden sich bedanken…

    • 5. Dezember 2016 21:56

      Und wir können die Pat. auf Station wieder sauber machen! So macht man sich keine Freunde…

      • Johanna permalink
        5. Dezember 2016 23:24

        Andererseits kann halt ein RTW, der richtig vollgesaut ist, unter Umständen dann einige Zeit ausfallen wegen Reinigung, was bedeutet, dass folgende dringende Fahrten vielleicht mit fatalen Folgen nur verzögert erledigt werden können, weil ein Team fehlt. Zumal bei Patienten, bei denen man vielleicht mit Ansteckungsgefahr auch noch für die Sanis rechnen muss, kann das ja wohl durchaus auch mal einen Tag dauern.

        Auf Station dagegen können Dinge eben eher parallel laufen, bzw. ein Patient auch mal zurückgestellt werden, wenn dringenderes angesagt ist.

      • 5. Dezember 2016 23:35

        Meinst du uns fehlen dann keine Leute, wenn man den sauber kriegen will? Und wenn es für euch ansteckend ist, ist es das auch für uns. Ich übergebe ja auch keinen Pat. mit voller Schutzhose oder eben vollgekotzt an den KTW. Wenn der RTW nicht einsatzbereit ist, ist er eben nicht einsatzbereit.
        Das hat mMn such mit Respekt zu tun. Es gibt ja durchaus „Auffangmöglichkeiten“, wenn man nicht grad ein SHT hat.

  3. desimel permalink
    6. Dezember 2016 01:23

    @schwesterirgendeine… Also du gibst vielleicht keine vollgekotzten oder vollgesch… Patienten an den KTW ab, das will ich dir gar nicht absprechen. Aber die Erfahrung in elf aktiven Jahren im Rettungsdienst haben mir da leider viel zu oft andere Seiten aufgezeigt, ich möchte gar nicht im einzelnen aufzählen was ich alles schon von den Stationen -besonders von den geriatrischen- übernommen habe… Patienten die bis in den Nacken in ihrer eigenen Sch…. lagen, andere die noch das erbrochene im Gesicht kleben hatten und und und… Besonders angenehm fand ich aber, wenn ich nach Wochen einen Patienten mit einem dicken, nur schlecht verbundenen Dekubitus übernommen habe, welche ich zuvor ins Krankenhaus gefahren habe und zwar ohne Dekubitus…. Auch angenehm, den Siff davon dann im Auto zu haben…
    Du siehst also, diese Menschen die nicht auf Freunde stehen, gibt es auf beiden Seiten… Allerdings muss ich mich auch dazu bekennen, den von Johanna erwähnten T-Shirt Trick bereits angewandt zu haben. Und das sicher nicht um die Schwester in der ZNA zu ärgern, sondern weil es in dem Moment einfach nicht ging. Gut, zu meiner Verteidigung muss ich sagen, auf dem größten Volksfest der Welt gelten oftmals ganz andere Regeln…

    • 6. Dezember 2016 09:10

      Klar gibt es überall gute und nicht gute Mitarbeiter. Ich bestreite überhaupt nicht, dass es solche Kollegen gibt, grad in den Altersheimen ist das teilweise echt krass und ich ärgere mich da auch oft drüber. Genauso nervt mich die Überheblichkeit mancher(!) Rettungsdienst’ler und Ärzte. Ich kenne beide Seiten. Aber ich denke, dass wir doch alle im selben kenternden Boot sitzen und zusammenarbeiten sollten.
      Und meistens funktioniert das zumindest in meinem Umfeld auch ganz gut.

      Ich stelle mir das Oktoberfest ein bisschen vor, wie 4 Wochen Weiberfastnacht hier in der Karnevalsmetropole^^ Aber das ist ja wie du selbst sagst, wirklich ein Ausnahmefall.

      lg von Sr. Irgendeine, die jetzt krankenhausextern Menschen retten geht. Also zumindest theoretisch 😉

    • 6. Dezember 2016 14:14

      Was den Dekubitus im Allgemeinen angeht: Da gibt es so viele Faktoren, die mit reinspielen, dass man das nicht unbedingt nur den Pflegekräften anlasten kann. Lagerung ist (leider) nicht alles. Die Variante „mit Deku aus Altenheim ins KH“ ist meiner Erfahrung nach allerdings wesentlich häufiger, als umgekehrt. Und das sage ich, obwohl ich die „Altenheimseite“ kenne.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: