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Heidi, Sybille, Marion…

29. Juni 2016

Schockraum eines mittleren Krankenhauses. Heidi liegt halb nackt im gleißenden Licht der OP-Leuchte. Viele Kabel hängen an ihr, und über Mund und Nase hat ihr der Anästhesist schon die Beatmungsmaske gesetzt.

Gleich kommt der schönste Moment für Heidi, denn ihr wird gleich ein Schlauch in die Luftröhre eingeführt. Dann brauch ich nicht mehr selbst atmen und ich bin frei!!

Ihre Geschichte beginnt für meine Kollegen als eigentlich normaler Notfall, so wie er tausende Male täglich passiert. Asthma steht als Einsatzgrund auf dem Melder. Nichts, worüber man sich den Kopf zerbrechen sollte. In der Regel bekommt der Patient ein Medikament vernebelt, dann noch eins in die Vene und dann ist meistens der Drops gelutscht und man kann relativ gemütlich ins Krankenhaus fahren.

Das heute wird aber eine ganz andere Nummer werden. Die Kollegen kommen am Bahnhof an und erst mal ist alles wie immer. Eine Frau Mitte 30 hat einen Asthmaanfall. Da man keine Zuschauer möchte, wird Heidi gleich in die Ambulanz eingeladen. Sie wird verkabelt, bekommt Sauerstoff und Jörg, ein erfahrener Kollege, hört noch kurz auf ihre Lunge. Viel reden kann sie nicht, denn ihr Atem fordert ihre letzte Kraft. Alles spricht für einen fulminanten Asthmaanfall. Auch der Wert für den Sauerstoffgehalt im Blut sieht nicht so rosig aus.

Hier kennt mich noch keiner, die fallen wirklich darauf rein!

Meine Kollegen fahren jetzt das volle Programm, es gibt das Medikament zum Vernebeln und das andere wird in die Vene gespritzt. Jetzt sollte es ja gleich besser werden. Wird es aber nicht, denn Heidi atmet immer schwerer und verliert kurz darauf das Bewusstsein. Zum Glück ist das Krankenhaus nicht weit entfernt und Jörg macht das einzig Richtige, er meldet Heidi als Schockraumpatient an und ist 5 Minuten später dort.

Gleich habe ich es geschafft, noch ein bisschen warten.

 

Es steht alles parat, sogar der Chefarzt der Intensivstation ist mit am Tisch, als die Kollegen in den Schockraum rollen. Heidi wird umgelagert und niemand hat an diesem Tisch Zweifel, dass hier vor ihnen ein schwer kranker Mensch liegt. Sie wird intubiert, bekommt viele weitere Medikamente, und unzählige Kabel werden angeschlossen. Danach geht es auf die Intensivstation.

Am nächsten Morgen versucht man sie aus der Narkose zu holen. Der Schlauch wird entfernt und das geht auch 15 Minuten gut, danach fängt das gleiche Spiel wieder von vorne an.

Ihr Amateure, zum Glück habt ihr noch nicht herausgefunden, wer ich bin!

So geht das bis in den Abend, als man endlich in ihren Sachen ihren Pass findet. Sybille heißt sie eigentlich, aber den Rettern hatte sie doch gesagt, dass sie Heidi heißt!? Ungläubige Gesichter bei allen. Wieso hat die denn einen anderen Namen angegeben!? Als man ihr „Heimatkrankenhaus“ kontaktiert, beginnen langsam alle Puzzlestückchen zusammen zu passen. Ihre Krankengeschichte passt nicht in einen Leitzordner. Sybille war schon in bestimmt 15 Krankenhäusern in Deutschland und in der Schweiz und hat immer einen anderen Namen benutzt. Ihre Listen an Erkrankungen ist immens und passen gerade so auf eine DIN A4 Seite.

Wir haben an diesem Abend die traurige Aufgabe, sie in eine geschlossene Psychiatrie zu bringen.

Als ich ihren Bericht gelesen habe, kann ich sie sehr gut verstehen, wieso sie aus diesem Leben flüchten möchte…

 

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18 Kommentare leave one →
  1. 29. Juni 2016 10:59

    Die Hintergründe würden mich jetzt schon interessieren

  2. 29. Juni 2016 11:03

    Toller Beitrag!

  3. 29. Juni 2016 17:33

    Oh man, das will echt was heißen… Hoffe sie bekommt irgendwann noch die Kurve 😕

  4. kleiner_Geist permalink
    29. Juni 2016 20:09

    Hat Sie echt die Luft angehalten, bis sie das Bewusstsein verloren hat? Geht das?

  5. Jane Blond permalink
    29. Juni 2016 22:10

    Kann man so was simulieren? Oder verstehe ich gerade alles falsch?

    • 29. Juni 2016 22:11

      Ja man kann eine Bewusstlosigkeit und einen Asthmaanfall simulieren.

      • Jane Blond permalink
        29. Juni 2016 22:15

        Echt? Boah. Wenn ich nur an Asthmaanfälle denke, krieg ich Panik. Das imitiere erst mal so, dass du dabei sogar in den Vitalwerten absackst. Richtig krass.

      • 29. Juni 2016 22:16

        Ja Menschen sind zu vielem fähig.

      • Jane Blond permalink
        29. Juni 2016 22:18

        Damit aber bestätigt sich der im Eintrag stehende Verdacht: alle sind sich sicher, einen sehr kranken Menschen vor sich zu haben. Anders gelagert, aber nicht minder schwer 😦 sehr traurig.

      • 29. Juni 2016 22:20

        Dieser Mensch ist auch wirklich krank,nur ist es nicht das Asthma.

  6. 1. Juli 2016 08:04

    Na hoffentlich ist es eine gescheite Psychiatrie .

  7. Spielkind permalink
    7. Juli 2016 00:48

    AU Mann, das ist echt hart. Aber schön, dass du auch de Psyche als schwere Krankheit siehst, dass ist leider nicht immer so. So oder so, alles Gute für deine Patientin, ich hoffe, die Psychiatrie kann ihr Hefen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

  8. 13. Juli 2016 18:43

    In unserem Krankenhaus (Schweizer Regionalspital) hing anfang des Jahres ein Schreiben eines Psychiaters und seiner Patientin. Sie beschrieben genau dieses Krankheitsbild. Wenn ebendiese Patientin eingeliefert werde, solle man anstatt zu intubieren den Psychiater benachrichtigen. Fand ich interessant, da ich es mir nicht vorstellen konnte. Umso interessanter nun, deinen Fallbericht (über bestimmt dieselbe Person) zu lesen!

  9. 14. November 2016 22:42

    Hallo, danke für diese interessante und auch wichtige Geschichte… und danke, dass du die Psyche nicht einfach wegwinkst… das habe ich in meiner klinischen Ausbildung im Studium jetzt leider oft hören müssen und finde es sehr sehr schade… nochmals DANKE! Werde mal fleißig weiterlesen 🙂

  10. Sabine permalink
    21. Mai 2017 20:43

    Liebe Änschie,
    wenn es um Psyche geht, sind folgende Titel sehr hilfreich fürs Symptom- etc.-Verständnis: Joan Frances Casey und Lynn Wilson, Ich bin viele / Bass + Davis, Trotz allem / Alice Miller, Du sollst nicht merken / Lambrou, Helfen oder Aufgeben / Anke Huber, Multiple Persönlichkeiten.
    Im Grunde beste Fachliteratur, wenn auch nicht im Lehrkanon.
    Und bitte auf eigene Trigger aufpassen.

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