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Schweiz…

8. August 2016

Ich hatte ja schon in einem anderen Artikel ein bisschen was über den Schweizer Rettungsdienst erzählt. Eigentlich wollte ich schon lange mal was über meine neue Heimat schreiben, aber immer kam irgendwas dazwischen.

Dann fangen wir mal an. Ich unterteile das einfach mal in verschiedene Punkte. Bevor ich anfange möchte ich noch kurz betonen, dass dies meine Erfahrungen und die meiner engen Freunde hier sind.

Kultur:

Ich dachte immer, wir Deutschen sind nicht so viel anders als die Schweizer, aber das stimmt überhaupt nicht. Der Deutsche ist in den Augen der Schweizer viel zu direkt, überheblich und eingebildet. Denn der Eidgenosse mag es lieber, wenn man ganz ganz diskret seine Meinung äußert, oder man lästert lieber hinter dem Rücken desjenigen. Klare Ansagen gehen für den Schweizer selten und werden oft als Überheblichkeit gewertet. Darin liegt auch die relativ große Abneigung gegenüber den Deutschen begründet.

Ausländer:

Wäre der Schweizer nicht so ein zurück haltendes Wesen, ich denke, wir hätten hier das gleiche Problem mit PEGDIDA und Co wie in Deutschland. Aber hier bekommt man eher unterschwellig gezeigt, dass man den „gemeinen“ Ausländer lieber heute als morgen gerne wieder aus dem Land hätte. Bevor ich hierher kam wusste ich schon, dass man auf uns Deutsche im Speziellen nicht so gut zu sprechen ist. Was ich aber in 4 ½ Jahren erlebt habe, ist schon nicht ohne.

Mal ein paar Beispiele gefällig?

Seit ihr Deutschen hier im Rettungsdienst arbeitet ist die Qualität gesunken.

Ihr seid ja alle in der Nazijugend weil eure Großeltern schon Nazis waren.

Von Ihnen lasse ich mich nicht behandeln, sie sind ein scheiß Deutscher.

Die Wohnung vermiete ich nicht an Ausländer.

Wenn hier jemand entlassen werden muss, dann müssen zuerst die Deutschen gehen.

Das ist nur ein kleiner Auszug, was Freunde von mir und ich selbst erlebt haben.

Leben:

Ich mag dieses winzig kleine Land, es ist mir nach 4 ½ Jahren ans Herz gewachsen. Auch wenn ich mit einigen Dingen nicht einverstanden bin, lebe ich gerne hier. Die Möglichkeiten im Job und meinen Lebensstandard möchte ich gegen mein altes Leben in Deutschland nicht mehr eintauschen.

 

Rettungsdienst:

Hier gibt es große Unterschiede zu Deutschland. In Deutschland ist man das notarztbasierte Arbeiten gewöhnt. Bedeutet einfach, man macht seine Maßnahmen, die doch sehr begrenzt sind, und das Hauptgeschäft mit Medikamenten etc. macht der Doktor. Hier in der Schweiz ist der Rettungssanitäter der eigentliche Chef, er wird entweder durch einen Notarzt oder einen Anästhesiepfleger bei gewissen Einsätzen unterstützt.

 

Schule:

Die Schule dauert 3 Jahre und man sollte entweder Abitur oder eine abgeschlossene Ausbildung haben um dort aufgenommen zu werden. Die meisten Studierenden, so nennt man die Lehrlinge hier, sind meist Mitte 20 wenn sie die Ausbildung anfangen. Das ist sehr angenehm, denn sie sind erwachsener und reifer und sind nicht mehr so „nassgeschwitzt“ wie ich es von meinen deutschen Auszubildenden noch kenne. Außerdem finde ich, sind diese Schüler sehr viel motivierter als ich es bisher kannte. Schon im 2. Lehrjahr möchten sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Einsätze selbst übernehmen. Auch ist hier schon fast selbstverständlich, dass diese unter Aufsicht Medikamente geben. Ein Problem ist aber, dass die Schulen ihre Lehrenden zu kleinen „Ichkannundweißalles“-Rambos erziehen. Und das bekommt Einigen nicht wirklich.

 

Kompetenzen:

Der Schweizer Rettungssanitäter besitzt viel mehr Kompetenzen als man es aus Deutschland kennt. Hier werden Schmerzmittel ohne Notarzt gegeben oder auch schon die Herzinfarkttherapie mit Medikamenten eingeleitet. Auch ist das Niveau der Kollegen ein bisschen besser als der Querschnitt in Deutschland.

Respekt:

Als Rettungsdienstler genießt man ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Hier ist man froh wenn wir da sind, auch wenn es 35 Minuten gedauert hat. Selbstverständlich wird einem das Material zum Fahrzeug getragen, oder man fasst beim Tragen des Patienten mit an, oder organisiert einen Nachbarn. Auch würde uns hier niemand den halben Hausstand, wie ich es öfters in Deutschland erlebt habe, mitgeben. Die Arbeit mit Ärzten und dem Pflegepersonal ist viel mehr auf Augenhöhe, als ich es aus der Heimat kenne.

Gehalt:

Ich werde häufig von Kollegen aus Deutschland gefragt, was man hier verdient. Der Schweizer mag es im Übrigen überhaupt nicht, wenn man über sein Gehalt spricht. Man kann sagen, dass wir ca. zwischen 5000 und 8000 Franken brutto verdienen. Die zweite Frage danach lautet, da bleibt doch nicht viel übrig bei den Preisen in der Schweiz, oder!? Doch es bleibt viel mehr im Geldbeutel als viele denken. Für Urlauber ist hier alles extrem teuer. Wenn man hier lebt und arbeitet, relativiert sich sehr viel. Man ist es einfach gewöhnt, für ein Abendessen zu zweit schon mal 100 Franken zu zahlen, ohne jetzt in einem Sternerestaurant zu sitzen.

Also alles eitel Sonnenschein in einem der reichsten Länder der Welt?

Nein das wäre ja noch schöner 🙂

Nehmen wir mal die Hilfsfrist. Das ist die Zeit zwischen dem Eingehen des Notrufs und dem Eintreffen am Einsatzort. In Deutschland macht das jedes Bundesland für sich. Nordrhein-Westfalen hat eine Hilfsfrist von 8 bzw. 12 Minuten, Hessen von 10 und in Thüringen darf es auf dem Land auch mal 17 Minuten dauern.

Wer jetzt denkt, da sind die Schweizer bestimmt besser, der täuscht sich leider. Es gibt keinen Kanton in der Schweiz, der eine Hilfsfrist vorgibt. Einzig alleine der Verband für das Rettungswesen in der Schweiz (IVR) wünscht sich eine Hilfsfrist von 15 Min. Kontrollieren tut dies aber niemand. Auch die Ausrückzeit, das heißt die Zeit zwischen Auslösen des Melders und Besetzen des RTW, wird hier sehr großzügig durch den IVR definiert. Am Tag darf es 3 Minuten dauern, in der Nacht auch mal 4 Minuten. Und nein, da geht es nicht um den Krankentransport, sondern um den RTW-Einsatz mit Blaulicht und Notarzt. In Deutschland dauert es meistens 1 Minute bis der RTW ausgerückt ist.

 

 

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10 Kommentare leave one →
  1. BRC_MEDIC permalink
    8. August 2016 17:16

    Klingt fast wie hier (GB). Da ich nicht HA beim RD bin, kann ich wenig zum Gehalt sagen – aber der Rest klingt schon aehnlich. Beim Thema „Auslaender“ kann ich nur sagen, in 10 Jahren nichts erlebt was in Deine Richtung geht. Selbst als „First Responder“ ist das „Auslaender sein“ eher hilfreich wenn man auf den RTW wartet – da geht der Gespareachsstoff nicht aus 🙂

    Beim Thema Respekt gibt es die volle Brandbeite: Null bis 100% (da kenne ich allerdings nur von anderen HA, selber noch nicht erlebt).

  2. 9. August 2016 09:34

    In der Schweiz ist meines Wissens die Sache mit der Krankenkasse auch „etwas“ anders geregelt als in Deutschland. Es gibt eine Art Grundversicherung, die aber nicht alles abdeckt. Zumindest nicht im Medikamenten-Bereich.

  3. 9. August 2016 17:48

    Super finde ich, dass „bei euch“ für die Ausbildung ein hoher Schulabschluss verlangt wird. In Deutschland kann ja jeder Rettungsassistent werden, der die Schule nicht abgebrochen hat. Das wird dem Anspruch des Berufs meiner Meinung nach nicht gerecht.
    Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, wie das beim Notfallsanitäter aussieht, da ich diesen Schritt wohl eher nicht gehen werde (und sowieso Abi hab). Erst googlen, dann kommentieren. *notier*

  4. 9. August 2016 17:52

    Das mit der nichtvorhandenen Hilfsfrist finde ich aber krass. Und warum braucht man so lange, auszurücken? 3 Minuten brauch ich nichtmal nachts, wenn ich mich vorher noch anziehen muss…
    Vielleicht liegt es wirklich daran, dass es keine Vorgaben gibt.

    • 9. August 2016 19:14

      Der NFS braucht ja schon den Realschulabschluss, das wird hoffentlich auch ein bisschen das Niveau heben.

      Ja das ist leider wirklich so, aber solange es keine Vorgaben gibt,wird sich daran nichts ändern.

      • 9. August 2016 19:20

        Ah, sehr gut, Realschulabschluss klingt ja vernünftig. 🙂

  5. 2. Dezember 2016 16:16

    Immer wenn ich solche (wirklich interessanten) Berichte lese, deprimiert es mich ein wenig, dass man paramedizinischem Personal so wenig zutraut.
    Wäre es nicht sinnvoller, den Rettungsassistenten bzw. Notfallsanitätern bestimmte Medikamente, nach einer entsprechend qualifizierenden Schulung (Indikation/Kontraindikation, Nebenwirkungen etc.) „freizugeben“? Diese könnten sie dann eigenverantwortlich einsetzen und man würde sich sehr viele NEF Einsätze sparen können.
    Mancherorts wird das wahrscheinlich auch so ablaufen. Und das am besten auf „höherer“ Ebene festgehalten. Was RA X in A darf, darf RA Y in B nicht. Da muss endlich mal eine vernünftige Regelung her.

    • 2. Dezember 2016 16:36

      Hi 🙂

      willkommen auf meinem Blog. Seit 2014 gibt es ja den Notfallsanitäter. Dieser wird ja jetzt bundeseinheitlich ausgebildet und er soll weitreichende Kompetenzen erhalten, als es der Rettungsassistent bisher durfte. Es ist auch, finde ich, der einzige Weg aus dem Schatten, in dem der RA im Moment sitzt. Eine weitreichende Regelkompetenz ist für jeden Patient ein Benefit und stärkt auch auch das Ansehen des Personals. Leider darf aber jeder ärztliche Leiter des Rettungsdienst sein eigenes Süppchen kochen und die Kompetenzen seines Personals bestimmen. Das wird auch wieder dazu führen, dass man in Stadt A alles darf und in Stadt B fast gar nichts.

      • 2. Dezember 2016 16:48

        Und eben weil dann immer noch jeder äLR bestimmen kann, wie etwas läuft, wird sich da wohl nicht so schnell was dran ändern.
        Es ist ja oft auch einfach sinnlos. Betrifft zwar nicht den RD, aber warum muss eine Krankenschwester mitten in der Nacht den Arzt aus dem Bett klingeln, nur weil die Viggo bei einem Pat. ex ist und sie in ein paar Sek./Min. eine neue drin hätte?
        Aber sich dann beschweren, dass dieses marode System immer weider den Bach runtergeht.

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