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Sie waren erst ein paar Minuten unterwegs…

22. August 2016

Ich war gerade in Mailand, hatte einen kurzen Städtetrip hinter mir um einfach meine Akkus wieder aufzuladen. Es war ein schöner Tag Anfang Mai. Abends kam ich zuhause an und verschwand schon fast im Bett, weil ich die nächsten Tage wieder arbeiten musste.

Er fuhr auf die Autobahn, es war kurz nach 20 Uhr und die Kinder und Betreuer lümmelten sich in ihre Sitze, sie kamen von ihren ersten Skiferien…

Wie jeden Morgen vor der Arbeit fuhr ich meinen Rechner hoch. Ein Brötchen, ein Kaffee und die News lesen, was so in den letzten Tagen passiert ist.

Ob er eine DVD einlegt, mit seinem Busfahrerkollegen spricht oder ob er gewollt gegen die Nothaltebucht fährt, es wird sich nie ermitteln lassen…

Zuerst klicke ich die Seite meines Mailanbieters an. Dort erschienen manche Nachrichten, oder auch Gesundheitstipps. Eigentlich lese ich da nicht, aber ein Bild eines zerstörten Reisebusses und die dazugehörige Bildüberschrift lassen mich kurz inne halten. Dort steht: „Schweres Busunglück in der Schweiz mit vielen Toten“. Mhh mache ich, wird ja wohl nicht bei uns gewesen sein, sonst hätte ich das ja bestimmt mitbekommen.

Das Bild der Überwachungskamera zeigt einen Bus, der aussieht, als würde er mit einer Panne in der Nothaltebucht stehen…

Ich klicke auf den Artikel und ich überfliege die ersten Zeilen und bekomme Gänsehaut. Denn das Unglück hat sich keine 40 km von mir zuhause ereignet und ich schaue schnell auf mein Handy, ob ich nicht irgendwelche Anrufe gestern Abend verpasst habe. Kein Anruf, aber eine Message eines befreundeten Kollegen, ob bei mir alles gut ist. Ich antworte kurz, dass bei mir alles gut und lese den Artikel fertig.

Auf dem Video sieht man nun, wie einzelne Autofahrer anhalten und helfen, die Menschen aus dem hinteren Heckfenster zu retten…

Ich schaue noch kurz in meine Mails, aber im Kopf überlege ich, wer war den gestern im Dienst. Wer war dort und wie geht es ihnen!? Ich lese noch kurz über andere Nachrichtenportale und fahre dann auf die Arbeit.

Die Polizei trifft ein und danach die erste Ambulanz…

 

Auf der Arbeit ist eigentlich alles wie immer, nur ruhiger ist es heute. Ich möchte nicht aufdringlich sein und mache mir erst mal einen Kaffee und checke meinen RTW. Dann kommt Kai auf mich zu: „Wo warst du denn gestern Abend!?“ fragt er mich. Ich war daheim und habe keinen Anruf bekommen, sage ich. Sei froh sagt er, das war wirklich nicht schön, was wir da zu sehen bekommen haben.

Es ist total ruhig, kein Geschrei, nur die Aggregate der Feuerwehr laufen…

Er erzählt einfach und ich höre zu. Sie waren die 2. Ambulanz vor Ort, alles war noch ein bisschen chaotisch, wie das immer so ist, wenn es einen großen Unfall gegeben hat. Die Feuerwehr hat ihnen die Kinder gereicht, danach ging es gleich in die Ambulanz, wo sie versorgt wurden. Wir hatten wirklich Glück, dass wir Flugwetter hatten und viele Rettungshubschrauber sofort verfügbar waren, denn viele der Kinder waren schwer verletzt und mussten schnellstmöglich in ein Krankenhaus. Als Kai geendet hat, blicke ich kurz in den Himmel und bin sehr dankbar, dass ich gestern nicht dabei war.

Schon am Nachmittag ist klar, dass wir in den nächsten Tagen die verletzten Kinder zum Flughafen verlegen werden. Meine Kollegin und ich, die auch bei dem Einsatz nicht dabei war, bieten uns an, dass wir das gerne übernehmen und damit die Kollegen entlasten.

Mit mehreren RTW geht es 2 Tage später in unser Spital, wo wir die ersten Kinder einladen. Vor dem Krankenhaus sehen wir den ersten Journalisten, der wohl auf Bilder von den Kindern wartet.

Am Tag davor versuchte ein als Sicherheitsmitarbeiter getarnter Journalist auf die Kinderstation des Krankenhauses zu kommen…

 

Die Polizei ist auch da und wir verhängen mit Tüchern die Halle der Notaufnahme, damit wir ungestört die Kinder und deren Eltern einladen können. Als wir fertig sind, fährt die Polizei vorneweg. So können wir schneller durch den Verkehr kommen.

Irgendwann bemerke ich ein Auto was hinter uns fährt, weil es uns so dicht auffährt. Zuerst denke ich, na wieder einer der keinen Abstand halten kann. Aber dann schaue ich genauer hin und mich trifft der Schlag. Hinter uns fährt ein Kamerateam und der Beifahrer filmt uns direkt in den RTW.

Schnell greife ich nach einem Tuch und verhänge die Scheiben und gebe meinem Kollegen kurz Bescheid. Der funkt sofort die Polizei an, diese verspricht uns, dass man sich so schnell wie möglich darum kümmern wird. Im nächsten Ort werden wir ein bisschen langsamer, ich sehe wie 2 Streifenwagen die Straße verengen und eine Fahrzeugkontrolle durch führen. Schnell wird der Wagen raus gezogen und einer gründlichen Kontrolle unterzogen, wie man uns danach erzählt.

Bevor wir zum Flughafen fahren, treffen unsere Patienten diejenigen, die noch in einem anderen Krankenhaus untergebracht sind. Dort stehen 30 Kamerateams aus dem In- und Ausland und filmen unsere Ankunft. Uns allen steckt das mit dem Kamerateam von eben noch in den Knochen. Uns wird versprochen, dass so etwas nicht nochmal vorkommen wird, bis wir auf dem Flughafen sind.

Als wir wieder bereit sind, haben sich 6 Streifenwagen vor und hinter uns positioniert und wir können ungestört los fahren.

Auf der Autobahn wird der Verkehr extra für uns angehalten und niemand kommt unseren Konvoi zu nahe. Auf manchen Brücken sehen wir Menschen winken, als wir darunter durch fahren. Am Flughafen werden alle Straßen gesperrt, so dass wir direkt aufs Rollfeld fahren können. Der belgische Botschafter dankt uns und allen Rettungskräften für unseren Einsatz.

Noch heute, wenn ich durch Zufall Bilder davon sehe, bekomme ich Gänsehaut. Einige Kollegen haben sich nach dem Unfall sehr verändert, einer musste sogar den Beruf aufgeben…

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6 Kommentare leave one →
  1. Tabea permalink
    22. August 2016 12:38

    Wirklich gut geschrieben.
    Und Respekt an die Arbeit die ihr dort geleistet habt.
    Ich hoffe das all deine Kollegen damit bald „abschließen “ können und wieder die positiven seiten an dem Beruf finden

  2. Name (benötigt) permalink
    22. August 2016 14:20

    Bezieht sich der neue Gaffer-Paragraph auch auf solch widerliche „Presse“ oder sind die da außen vor?

  3. Jan permalink
    22. August 2016 17:06

    Sehr gut geschrieben, danke, dass du uns da hast Teilhaben lassen. Ich hab über den Unfall in der Tagespresse gelesen & war gottfroh, dass ich da nicht mitretten musste. Es gibt einfach Anblicke, die auch ein Retter nicht sehen sollte… Alles Gute den Kollegen, die beim Einsatz dabei waren!

  4. 23. August 2016 13:44

    Mein Gott, ein MANV mit Kindern wäre meine persönliche Horrorvorstellung. Ich hoffe sehr, dass ich sowas nie erleben muss. Ich kann nachvollziehen, dass es Kollegen gibt die danach den Beruf gewechselt haben. 😦

    Diese „Journalisten“, die der Meinung sind dass es deren gutes Recht und deren Pflicht wär, traumatisierte Menschen zu filmen und fotografieren, damit alle Welt sich am Leid anderer ergötzen kann… Soviel kann ich gar nicht fressen, wie ich kotzen möchte. Das erinnert mich an die „Journalisten“, die nach dem Attentat in München auf Twitter mit der Polizei diskutiert und darauf bestanden haben, dass es deren Recht und Pflicht wäre, live zu berichten (und den Polizeieinsatz zu zeigen, wie dumm kann man sein…).
    Ach, ich schreib mich schon wieder in Rage.

    Gaffer sind das, Gaffer und nicht mehr. Von wegen öffentliches Interesse. Jeder halbwegs normale Mensch kann sich doch vorstellen, wie es Menschen nach so einer Katastrophe geht, da muss man doch kein Videomaterial AUS DEM RETTUNGSWAGEN zeigen. Wie respektlos.

    • 23. August 2016 16:21

      Ich bin auch echt froh, dass ich beim eigentlichen Einsatz nicht vor Ort war. Ich habe das Gefühl, hier in der Schweiz wird das Persönlichkeitsrecht ein bisschen höher angesehen wird, als in Deutschland.

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