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Durchs Raster fallen…

18. April 2018

Was bleibt denn, wenn man alt ist?

Liebe zum Partner, die Kinder und Enkel wohnen in der Nähe und jeden Sonntag trifft man sich zum Kaffee. Die Nachbarn kommen vorbei auf ein kurzes Schwätzchen und wenn der Rollladen nicht um 9 Uhr oben ist, wird auch mal kurz angerufen, ob alles okay ist.

Ein frommer Wunsch, oder?

Wir vom Rettungsdienst sehen hinter so viele Türen, und was man da zu sehen bekommt, ist nicht immer die heile Welt, die man vielleicht den anderen vorspielt!

Über 50 Jahre sind Herr und Frau Müller verheiratet. Man hat sich damals geschworen, dass man in guten und in schlechten Tagen zusammenhält. Viel haben sie erlebt, es war ein einfaches Leben hier auf dem Dorf, ein kleines Haus mit etwas Garten und früher gab es sogar noch ein paar Tiere. Das Haus ist von außen gepflegt, niemand hat bisher wohl mitbekommen, wie es dahinter wohl aussehen mag.

Unsere Melder bimmeln eines Nachmittags, ein Notfall ohne Blaulicht ein paar Dörfer weiter. Ein Patient mit Schwindel wartet dort auf uns, der Hausarzt ist noch vor Ort, verrät unser Fax, das Marc, mein Kollege, noch aus dem Drucker fischt. Wir machen uns auf den Weg und treffen nach 15 Minuten dort ein.

Dr. Braun empfängt uns ein paar Meter vor dem Haus, wir kennen uns von vielen Einsätzen schon. „Hallo, ihr beiden“, begrüßt er uns. Dass er uns vor dem Haus empfängt, ist ungewöhnlich, sonst sitzt er meistens beim Patienten oder hat uns einen Zettel dagelassen, wenn er schon wieder weiter musste.

„Das wird gleich nicht so einfach, Jungs“, sagt Herr Braun, „deswegen habe ich euch auch hier abgeholt, weil ich euch vorher noch ein bisschen was erzählen muss.“

Aus einem Auto, das vor dem Haus parkt, steigen eine Frau und ein Mann aus. Beide stoßen zu uns und stellen sich als Mitarbeiter vom Sozialdienst vor.

Da drinnen sitze das Ehepaar Müller, fängt unser Doc an zu erzählen. Leider kenne er die beiden nicht wirklich, weil sie eigentlich Patienten von Frau Dr. Wald seien, aber die sei gerade in den Ferien. Ich seufze ein bisschen, denn sowas ist leider fast schon normal. Herr Müller hat seit mehreren Tagen Schwindel und muss einfach mal zum Check in die Klinik. Das Problem ist aber, er kann seine Frau nicht hier alleine lassen, weil sie schon sehr dement ist.

Angehörige gibt es wohl, die sind aber nicht greifbar. Die Dame vom Sozialamt ergänzt, dass dem Ehepaar wohl vor sechs Monaten das Wasser abgestellt worden ist, weil es seine Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte.

Ich habe eine leise Ahnung, was mich jetzt gleich erwarten wird. Als wir eintreten, läuft Frau Müller unruhig durch Haus, ihre Kleidung und auch die ihres Mannes starren vor Dreck und sind an vielen Stellen kaputt. Es riecht nach Kot, verschimmeltem Essen und altem Schweiß. Marc und ich sind wirklich vieles gewöhnt, aber hier müssen wir beide schwer schlucken.

Wir öffnen erst mal zwei Fenster im Wohnzimmer, damit es ein bisschen erträglicher wird. Danach stellen wir uns vor und untersuchen unseren Patienten. Wenn man den Rest ausblenden würde, geht es ihm außer dem Schwindel eigentlich gut. Der Blutdruck ist okay, das Herz schlägt im richtigen Takt und alle anderen Werte sind für seine 86 Jahre im Normbereich.

„Herr Müller, wie Dr. Braun Ihnen schon gesagt hat, müssen wir Sie mal mit ins Krankenhaus mitnehmen.“

„Ich kann nicht“, sagt er, „ich muss mich doch um meine Frau kümmern, die kann ich auf keinen Fall hier lassen.“

„Wir können Ihre Frau mitnehmen“, schlage ich vor, „dann können Sie sich im Krankenhaus untersuchen lassen und um Ihre Frau kann sich auch gekümmert werden.“

Er seufzt; ich glaube, er weiß, dass er das letzte Mal hier in seinem Haus sein wird. Langsam lässt er sich von uns auf unseren Tragestuhl setzten, Frau Müller beobachtet uns dabei. Marc redet beruhigend auf sie ein und er schafft es, dass sie uns zum RTW begleitet.

Während der Fahrt fragt sie oft, wann sie wieder nach Hause können. Ihr Mann drückt ihre Hand und ich habe einen Kloß im Hals.

 

 

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7 Kommentare leave one →
  1. flachkappe permalink
    18. April 2018 17:05

    *Schluck*

    heftig, sich sowas nur vorzustellen – zum Glück gibt es kein Geruchs-Internet.

    Neben dem hygienischen Aspekt kommt ja noch ein Rausreißen aus der gewohnten Umgebung dazu und wahrscheinlich eine gehörige Portion Scham vor euch, gepaart mit Angst und Unsicherheit.

    Ich gehe mal davon aus, dass der Fall schon länger zurückliegt – hast du etwas über die weitere Geschichte erfahren können?

  2. alte Schwester permalink
    19. April 2018 14:49

    Abgesehen vom Alter…sehe in der amb. Pflege oft,das die zu knapp bemessene Grundsicherung besonders bei sehr alten Menschen zu grosser Not führt.Mal wird der Strom abgestellt,mal das Wasser.Oder ab dem 20 im Monat ein gähnend leerer Kühlschrank.
    Die Leute schaffen es eben nicht mehr zur Tafel u. dann ist das Geld oft viel zu knapp. Spahns Aussage,es gäbe keine Armut lässt einen peinlich berührt zurück.Fakt ist,in der BRD wird sich nicht angemessen um das Klientel gekümmert.Ob soz. Betreuung,oder Geld.Erst wenn sie im Heim landen,dann darf es kosten,was es will.

  3. 20. April 2018 16:13

    Vielen Dank für diesen anschaulichen Beitrag. Was hier erzählt wird, ist der Albtraum von pflegenden Angehörigen.

  4. Carmen permalink
    5. Juni 2018 12:51

    …ohne Worte… Riesengrosser Kloss im Hals…

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